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Die Rückkehr aus dem Urlaub ist noch lange kein Grund, die persönliche Lesezeit wieder zu reduzieren. Im Gegenteil: Wie ließe es sich besser nochmals in die Ferne schweifen, wenn die Koffer schon wieder ausgepackt sind und die Strandtücher frisch gewaschen zurück im Schrank liegen? Diogenes Lektüretipps gegen den Alltagskoller.

1. Auf Stimmenfang im Mittleren Westen

»Heartland«, so wird der Mittlere Westen der USA bezeichnet. Das Herz Amerikas besteht aus mehreren Staaten, ihren Bewohnern wird oft eine besondere Bodenständigkeit nachgesagt. Fernab der hauptsächlich industriell geprägten Städte wird intensiv Landwirtschaft betrieben. Die Farmer in dieser Region behaupten, in warmen Sommernächten den Mais wachsen zu hören. Endlose Maisplantagen wechseln sich im Heartland mit weiten Getreidefeldern und riesigen Rinderfarmen ab. In dieser amerikanischen Provinz spielt der gleichnamige Roman des jungen Amerikaners Joey Goebel.

John Mapother, Sohn der mächtigsten Familie im Städtchen Bashford, will in den amerikanischen Kongress, er hat durch seinen teuren Lebensstil nur keine Ahnung von der Welt seiner Wähler. Sein jüngerer Bruder Blue Gene, das schwarze Schaf der Familie und Besitzer eines Flohmarktstandes, soll als Wahlhelfer die Stimmen der einfachen Leute gewinnen.

Mit Heartland hat Joey Goebel einen großen amerikanischen Roman geschrieben, hochintelligent, voller Witz und Melancholie – und laut eigener Aussage politisch motiviert: »Dieser Roman entstand, wie alle meine Romane entstehen, nämlich mit der Frage: ›Was wäre, wenn?‹ Diesmal lautete die Frage: ›Was wäre, wenn ein stereotyper Redneck und Durchschnittsamerikaner merkt, dass die von ihm bedingungslos unterstützten Politiker (und Kriege) seine Interessen in Wirklichkeit überhaupt nicht vertreten?‹ Diese Frage ging mir nach der Wahl im November 2004 nicht mehr aus dem Sinn, als das amerikanische Volk unbegreiflicherweise George W. Bush wiederwählte. Am 1. Januar 2005 begann ich mit der Arbeit an diesem Roman. (…) In Heartland schrieb ich über einen Helden, der die Welt nahm, wie sie war, und in etwas verwandelte, was sie sein sollte.«

2. Ins Périgord zu Martin Walker und Bruno

Mit dem südfranzösischen Périgord hat der schottische Krimiautor Martin Walker seine neue Wahlheimat gleich zum Schauplatz seiner Krimireihe gemacht. In dieser malerischen Gegend ermittelt Bruno Courrèges – Polizeichef, Gourmet, Sporttrainer und begehrtester Junggeselle von Saint-Denis.

<p>Foto: © Bastian Schweitzer</p><br/>

Neben den spektakulären Kriminalfällen finden die reiche Geschichte sowie die kulinarischen Spezialitäten der Region Eingang in Walkers Romane. Hier befinden sich die prähistorischen Höhlenmalereien von Lascaux und Cro-Magnon, thronen mittelalterliche Burgen und bezaubernde Renaissance-Châteaus auf grünen Hügeln, versprechen alte Weinkeller angenehme Kühle und manch guten Tropfen. Während des Zweiten Weltkriegs war die Region eines der Hauptaktionsgebiete der Résistance, ein weiterer Umstand, der reichlich Stoff für eine literarische Verarbeitung bietet.

Wegen der hervorragenden Qualität seiner landwirtschaftlichen Produkte ist das Périgord seit Langem für seine Küche bekannt. Diese zählt zu den schmackhaftesten ganz Frankreichs. Auf den wöchentlich abgehaltenen Märkten in den kleinen Dörfern wird phantastischer Käse angeboten (z.B. der Tomme d’Audrix oder der knoblauchhaltige Frischkäse Aillou, von denen in den Bruno-Romanen oft die Rede ist), ebenso frisches Obst und Gemüse, Nüsse, Pilze, duftendes Brot, süsse Erdbeeren, feine Fois gras sowie die mit Abstand edelste und teuerste Spezialität des Périgord: der schwarze Trüffel.

<p>Foto: © Bastian Schweitzer</p><br/>

Einen Einblick in sein Leben und seine Lieblingsplätze gab der gastfreundliche Bonvivant letztes Jahr in der Sendung Kulturplatz (SRF) und in der 3sat-Dokumentation Martin Walker – Mein Périgord von Günter Schilhan. Wen nun gleich die Reiselust packt, dem sei Martin Walkers kleiner Reiseführer für eine perfekte Woche im Périgord empfohlen. Der nächste Urlaub kommt ja bestimmt!

3. Auf ins geheimnisvolle Florenz

In die Ferien fahren und nie mehr zurückkehren – diesen Traum erfüllte sich Magdalen Nabb, als sie Mitte der siebziger Jahre nach Italien reiste. Die Engländerin blieb in Florenz hängen, wo auch ihre Hauptfigur, der Maresciallo Guarnaccia, ermittelt. Trotz insgesamt vierzehn Fällen ist die fein komponierte Krimireihe eher ein Geheimtipp geblieben.

Wie Donna Leons Commissario Guido Brunetti ist ihr Salvatore Guarnaccia Italiener durch und durch. Und dennoch ein ganz anderer Typ: Der gebürtige Sizilianer ist schrullig, aber liebenswert, von massiger Statur und irgendwie immer müde. Schwerfällig schleppt er sich durch dieses Florenz, eine Stadt mit wechselvoller Geschichte, wie gemacht für den Kriminalroman.

Die malerische, am Arno gelegene Hauptstadt der Toskana gilt als Wiege der Renaissance, was besonders dem Aufstieg der Medici im 15. Jahrhundert geschuldet ist. Die Florentiner Familie begründete ein modernes Bankwesen und dominierte die damalige europäische Finanzwelt. Jahrhundertelang prägten die Medici als Politiker und Mäzene die Stadtentwicklung und stellten sogar den Papst. Verschwörungen und Intrigen waren an der Tagesordnung, und auch heute noch ist Florenz eine hintergründige Stadt. »Gehen Sie durch die Straßen«, schreibt Magdalen Nabb, »und Sie haben nicht die geringste Ahnung, was hinter diesen weißen Mauern geschieht. Das ist das Problem, mit dem der Maresciallo tagtäglich konfrontiert wird.« Nichtdestotrotz löst der Wachtmeister seine Fälle. Gewissenhaft, ausdauernd und mit scharfem Blick für Details.

Georges Simenon, mit dem die englische Kriminal- und Kinderbuchautorin eine langjährige Brieffreundschaft unterhält, würdigt ihren ersten Roman Tod eines Engländers (1981) mit dem Lob »Bravissimo!«. Bis zu Magdalen Nabbs Tod im Jahr 2007 erscheint beinahe jährlich ein neuer Fall, der sich wie die Vorgänger »durch psychologische Raffinesse, intime Kenntnis der Florentiner Geheimnisse und eine komplexe Erzählstruktur auszeichnet« (Die Zeit).

4. Road Trip durch Europa anno 1580

Nach Italien reiste auch Michel de Montaigne. Allerdings fast 400 Jahre vor Magdalen Nabb. Um sich von seinen Nierensteinen zu kurieren, unternimmt der große Humanist im Jahr 1580 eine Bäder- und Kulturreise über die Schweiz und Deutschland nach Rom. Dank seiner Tagebucheinträge können wir daran teilhaben.

17 Monate und 8 Tage ist Michel de Montaigne unterwegs und hält die zahlreichen Begegnungen, fremden Landschaften und ungewohnten Sitten fest, die er auf seinem Weg antrifft. Er reist mit neugierigem und unvoreingenommenem Blick, Sehenswürdigkeiten reizen ihn weniger: Er lobt das deutsche Essen, wohnt einer Teufelsaustreibung und einer öffentlichen Hinrichtung bei. In den Kurbädern erfährt er Linderung von seinen Leiden. In Rom erhält er eine päpstliche Audienz und besucht Kurtisanen, allerdings – so versichert er uns – nur, um mehr über deren erotische Künste zu erfahren, nicht aber, um diese selbst zu genießen.

Nach Jahren der Abgeschiedenheit im Turm seines Schlosses und der Fertigstellung seiner Essais stellt diese Reise Montaignes Rückkehr in die Welt dar – eine spannende Kulturgeschichte und ein Lesevergnügen nicht nur für Liebhaber von Reiseberichten.

5. »Aloha!« in Hawaii

Wer von Sonnenschein, würziger Luft und Palmen träumt, der begibt sich am besten mit W. Somerset Maugham nach Honolulu. Nachdem der englische Erzähler und Dramatiker im ersten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst tätig gewesen war, bereiste er Asien, Mexiko und die pazifischen Inseln. In dieser Zeit sammelte er Material für mehrere Kurzgeschichten, die 1921 in einem Sammelband erschienen.

In der Erzählung Honolulu tuckert Kapitän Butler mit einem alten Schoner zwischen den Hawaii-Inseln hin und her. Er ist ein zufriedener Mann: Die Geschäfte laufen ganz gut, und er hat ein Mädchen auf dem Schiff, in das er vernarrt ist und das seine Leidenschaft erwidert. Doch als sein eingeborener Maat sich ebenfalls in seine Auserwählte verliebt, unterschätzt der Kapitän zunächst, welch gefährlichen Feind er sich zugezogen hat. In Honolulu treffen Ost und West, moderne Zivilisation und archaische Magie aufeinander. Sollten sich beim Lesen die eigenen Wohnzimmerpflanzen noch immer nicht in Palmen verwandelt haben, hilft unterstützend vielleicht etwas Musik.

6. Der Staufenkaiser in Apulien

Nicht in den Tropen, aber immerhin im heißen Süditalien spielt über weite Passagen der neue und für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman von Christoph Poschenrieder, Das Sandkorn. Der junge Kunsthistoriker Jacob Tolmeyn flieht in den letzten Tagen des Kaiserreichs überstürzt aus Berlin und nimmt einen Forschungsauftrag in Rom an. An der Schwelle zum Ersten Weltkrieg soll er unter der apulischen Sonne die staufischen Kastelle vermessen. So reist er zusammen mit seinem Schweizer Assistenten Beat und unter Aufsicht der temperamentvollen Laetitia auf den Spuren von Friedrich II. von Festung zu Festung. Christoph Poschenrieder spielt damit auf ein weiteres spannendes Stück europäischer Geschichte an:

Friedrich II. verbrachte nach seiner Krönung zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches 1220 durch Papst Honorius viel Zeit in Süditalien. Über 200 Schlösser und Festungen ließ er errichten – zum Zweck der Verteidigung, aber auch zur Demonstration seiner Macht. Imposantes Meisterstück ist zweifelsohne das zwischen 1229 und 1249 erbaute Castel del Monte außerhalb der Stadt Andria, das ebenfalls zu Tolmeyns Auftrag gehört:

»Siehst du, dort am Horizont? Der kleine, leuchtende Punkt? Das ist Castel del Monte, noch nicht ganz in die Schatten abgetaucht. Es beherrscht das Land von diesem lächerlich kleinen Hügel. Man kann es von überall her sehen, rundherum, dreihundertundsechzig Grad. Acht Seiten, für jede der Haupthimmelsrichtungen eine, Nord, Nordwest, Nordost, Süd, Südwest …«

Beat stupft ihn am Ellbogen.

»Du, dein Land befindet sich seit heute Nachmittag im Kriegszustand.«

»Ach«, sagt er, »sie haben ja noch nicht einmal gesagt, mit wem überhaupt. Das ist doch alles nur Kulisse. Drohgebärden. Kriegszustand, nicht Krieg.«

Christoph Poschenrieder ist mit Das Sandkorn ein Zeitbild von 1914 aus drei ungewöhnlichen Perspektiven gelungen. Und eine Geschichte von Liebe und Tabu zwischen zwei Männern und einer Frau.

7. Fernes, nahes Japan

<p><em>Foto: © Midori (Own work) [GFDL or CC BY 3.0], via Wikimedia Commons</em></p><br/>

Japan, das Land der aufgehenden Sonne, fasziniert: Es ist ein Land der Extreme und Widersprüche. Tradition und Moderne sind eng verflochten.

Dies muss die belgische Schriftstellerin Amélie Nothomb am eigenen Leib erfahren, als sie aus Übermut und Neugier eine Stelle als Buchhalterin beim japanischen Unternehmen Yumimoto annimmt. 365 Tage lang dauert ihre Höllenfahrt, die sie im Roman Mit Staunen und Zittern festhält: Da sie weiß, von welcher Bedeutung Ehrenkodex und Hierarchie in einem japanischen Unternehmen sind, versucht sie sich unterzuordnen. Doch damit kommt sie nicht weit. Denn erstens ist sie Europäerin und zweitens eine Frau. Nichts scheint sie richtig zu machen. Ob es nun um das Verfassen eines einfachen Briefes, das Eintragen von Zahlen oder um simples Fotokopieren geht. Amélie fügt sich ihrem Schicksal und erträgt alle Demütigungen mit einer Mischung aus japanischem Zen und europäischer Ironie. Dank ihrer frechen und subversiven Gedankenkapriolen übersteht sie die Anstellung unbeschadet und verlässt die Firma Yumimoto nach exakt einem Jahr gestärkt und ein bisschen weiser.

Die 1964 geborene Japanerin Banana Yoshimoto schrieb ihr erstes Buch Kitchen während ihres Studiums. Nebenbei jobbte sie als Kellnerin in einem Café, wo sie sich in die Blüten der ›red banana flower‹ verliebte. Daher ihr Pseudonym. Sie schrieb zahlreiche Bücher, die auch außerhalb Japans ungewöhnlich hohe Auflagen erreichten. Ihr Debütroman verkaufte sich auf Anhieb millionenfach – ein Phänomen, für das die schöne Bezeichnung ›Bananamania‹ gefunden wurde. Ihre Geschichten handeln von jungen Menschen, die lebenshungrig und zugleich voller unbestimmter Ängste sind. Sie reagieren mit allen Sinnen, werden von ihren romantischen Gefühlen umgetrieben, sind furchtbar einsam und möchten vor Traurigkeit vergehen – und doch können sie sich im nächsten Moment nicht halten vor Lachen.

Kirschblüten – Hanami (2007) ist der dritte Film von Doris Dörrie, der – zumindest teilweise – in Japan entstand. Er erzählt die Geschichte von Rudi und Trudi, die seit dreißig Jahren ein Paar sind. Als Trudi plötzlich stirbt, fliegt Rudi, von diesem Umstand völlig aus der Bahn geworfen, nach Tokio. Er will das Leben erkunden, von dem seine verstorbene Frau Trudi heimlich geträumt hatte. Mit Rudi einmal in Tokio die Kirschblüte zu erleben und den heiligen Berg Fuji zu sehen, das war ihre unerfüllte Sehnsucht. Ebenso wie der Butoh-Tanz, der früher einmal Trudis Leidenschaft gewesen war. Das gleichnamige Buch, das bei Diogenes erschienen ist, enthält Fotos aus dem Film mit der Kürzestversion der Geschichte in Untertiteln, das komplette Drehbuch und Hintergrundinfos von Doris Dörrie über den Dreh am Fujiyama, ihr Verhältnis zu Japan, den Butoh-Tanz und über Zen.

8. Robert van Gulik: Der Wandschirm aus rotem Lack

Ins ferne Asien entführt den heimgekehrten Urlauber auch der niederländische Schriftsteller Robert van Gulik. Der Held seiner Kriminalfälle, Richter Di, gilt als das fernöstliche Pendant zu Sherlock Holmes, da er seine Fälle wie dieser in erster Linie durch eine genaue Analyse der Fakten löst.

Ihren Ursprung hat der Romanzyklus im Jahr 1949: Der in Indonesien geborene Sinologe van Gulik übersetzte einen aus dem 18. Jahrhundert stammenden chinesischen Kriminalroman, dessen Titelfigur, Richter Di, von 630 bis 700 n. Chr. gelebt hatte. Da die Übersetzung ein riesiger Erfolg wurde, begann van Gulik eigene Romane über Richter Di zu schreiben. Selber von früh an von der chinesischen Sprache und Kultur fasziniert, vermittelt der Autor in 14 Romanen und 2 Bänden mit Erzählungen interessante und vielfältige Einblicke in die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten des alten China.

Mit dem Wandschirm aus rotem Lack oder Die Perle des Kaisers rücken stressige Deadlines im Büro, das nervige heimische Regenwetter oder der nötige unliebsame Wohnungsputz angenehm in den Hintergrund.