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Anna Stothard über ihren Roman »Isabel & Rocco«

Die junge Londonerin Anna Stothard, Autorin von Pink Hotel und Die Kunst, Schluss zu machen, hält rückblickend einige Gedanken zu ihrem Erstling Isabel & Rocco fest, über den wir hier an anderer Stelle bereits berichtet haben. Seit dieser Woche ist ihr begeistert aufgenommenes Debüt endlich auch hierzulande in den Buchhandlungen erhältlich.

»Die Ursünde ist ein Privileg der Jugend.« Malcom Bradbury

Diese Woche erschien mein erster Roman, Isabel & Rocco, im Diogenes Verlag. Ich habe ihn mit siebzehn geschrieben, während der Schulferien und wenn ich krank zu Hause war. Ich habe ihn geschrieben, als mein Vater Krebs hatte, zu einer Zeit, als meine Launen Achterbahn fuhren, in der ich verliebt und hochgradig anti-sozial war. Ich schrieb schnell, die Inspiration kam schubweise, an einem alten Holztisch in einer Ecke meines Zimmers.

Inzwischen erwachsen und weit weg von meinem alten Holztisch, sitze ich in einem Café in Berlin und lese ein halb zerfleddertes Exemplar dieses Romans. »Erste Male sind die Sammlerstücke unter den schönen Momenten im Leben«, schreibt mir mein siebzehnjähriges Ich durch die Zeit hindurch.

Im Buch beschreibt Isabel all ihre »ersten Male« – vom ersten Mal Eiscreme bis zum ersten Mal Sex­ –, die sie in eine Erwachsene verwandelt haben. »Das nächste Mal ist vielleicht besser, stärker, egal was, aber es hebt nicht mehr wie beim allerersten Mal die Welt aus den Angeln.«

Mein jugendliches Alter Ego ist mir so vertraut und zugleich schockierend fremd. Isabels Stimme verursacht mir Übelkeit, und ein Schauer überläuft mich. In ihren Worten steckt so viel Angst vor dem Erwachsenwerden, solch absolutes Grauen. Ich komme mir beinahe schuldig vor, dass ich erwachsen geworden bin. Wie Wendy in Peter Pan habe ich es zugelassen, dass ich mich zu einer Erwachsenen verfestigt habe.

Mein siebzehnjähriges Ich wollte einen Katalog seiner ersten Male anlegen, so dass es, wenn diese »alle aufgebraucht wären wie eine Packung Happy Pills, auf die schönen, die schlimmen und die krassen Moment zurückblicken und wieder sechzehn sein könnte«.

Und jetzt lese ich diesen Katalog teils ausgedachter erster Male und fühle mich ganz benommen von dem Zeitsprung.

Es ist unangenehm, veröffentlicht zu sehen, was ich in diesem Alter dachte über Sex (»Sex war eine Mischung von Düften, von Körpern, die sich an Laken reiben, heißer Spucke und der Innenseite von Unterwäsche.«) und über Sünde (»Wenn man jung ist, ist jede Sünde so neu wie Feuer oder eine Schneeflocke. Je älter man wird, desto langweiliger werden auch die Sünden, weil man viel zu viele Zeitungsartikel gelesen hat und den Tod viel besser versteht.«).

Ich habe Isabel & Rocco nie wieder in die Hand genommen, seit es damals veröffentlicht wurde, und es ist seltsam, wie viel von dem, was mich heute fasziniert, damals schon da war. Flammen, die Leidenschaft zum Sammeln, Großstädte und Erwachsensein spuken in meinem neuen Roman genauso herum wie in meinem ersten.

Obwohl viel Zeit seit Isabel & Rocco vergangen ist, haben die Figuren, über die ich heute schreibe, noch immer Angst vor der Wirklichkeit.

Ich lebe seit achtzehn Monaten in Berlin, wo ich einen Roman geschrieben habe, der im Museum für Naturkunde spielt. Ich habe Motten aufgespießt und gelernt, wie man Tiere ausstopft, aber die meiste Zeit habe ich geschrieben. Es war wunderbar und sehr anstrengend. Die Hauptfigur des neuen Romans ist ein Insektenforscher, jemand, der Motten konserviert. In Isabel & Rocco wimmelt es von Motten und anderen Insekten: Die beiden Protagonisten sammeln tote Motten, sie sehen sich Dokumentationen über Käfer im Fernsehen an und sind fasziniert davon, wie sich Insekten lieben.

Möglicherweise war Isabel & Rocco eine Art Hassbrief an mein zukünftiges Ich, ein Schlag mitten hinein ins Gesicht einer Welt aus Erwachsenen, doch das Buch zu lesen fühlt sich an, als würde die Zeit in sich zusammenfallen. Aber vielleicht habe ich mich gar nicht so sehr verändert, wie mein Teenager-Ich befürchtete. Vielleicht, nur vielleicht, würde mein Alter Ego mich nicht hassen. Oder vielleicht doch.

 

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Von Anna Stothard sind bei Diogenes bereits erschienen: Pink HotelDie Kunst, Schluss zu machen