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Glanz und Melancholie – Das Diogenes-Buch

Von Michael Schikowski

Das Buch übt einen entscheidenden Einfluss auf unser Leseerlebnis aus. Objektive buchherstellerische Angaben werden aber erst durch subjektive Erlebnisse des Buchkörpers komplett. In der Regel fehlen uns aber manchmal die Worte dafür. Was etwas ist, ist mit einer Deutung der Wirkung besser erinnerbar. Das Verkaufsgespräch erhält so zusätzliche und wichtige Aspekte.

Als der Diogenes Verlag 1985 mit Patrick Süskinds Bestseller Das Parfüm den Durchbruch schaffte, hatte der 1952 gegründete Verlag lange dafür gearbeitet. Mit Süskinds Erfolg war das Format und Erscheinungsbild, vor allem der charakteristische Rahmen der Diogenes Bücher schlagartig weithin durchgesetzt. Fortan erkannte man Diogenes Bücher auf die Entfernung von zwanzig Metern im Schaufenster. Im Prinzip hat sich seit Süskind nicht mehr viel geändert (Anm. d. Red.: 1991 wurden die weißen Schutzumschläge eingeführt. Davor waren diese, wie noch beim Parfüm, vollflächig farbig). Was für ein Prinzip aber ist das? Wie könnte man es jenseits der bloßen Nennung der Maße und Gewichte beschreiben? Was ist das Diogenes-Prinzip? Das Diogenes-Buch ist ungefähr so groß wie eine Frauenhand. In der Regel sind viele Bücher im Verhältnis der Breite zur Höhe schlanker. Der Buchblock hat die Maße 116 x 184 mm. Diogenes-Bücher sind weniger hochtrabend als manche Hochformate.

Der erste Eindruck beim Zugriff auf das Buch ist alles andere als der, ein steifes Holzmedium in der Hand zu halten, im Gegenteil, das Diogenes-Buch ist flexibel, geschmeidig und biegsam. Leicht schlägt man das Diogenes-Buch irgendwo auf, die Klammerwirkung des Dispersionsleims, einfach hinterklebt, verleiht dem Buch Dauer auf Jahre. Erst beim Schließen ächzt im Buchrücken ein wenig die verborgene Klebebindung, begleitet vom knirschenden Geräusch des über das Leinen rutschenden Umschlags. Auch bei alt gewordenen Büchern bleibt es bei der Begleitmusik, die sich nur dann störend auswirkt, wenn abends im Bett Gatte oder Gattin schon schläft. Weshalb nicht selten der Schutzumschlag entfernt wird – auch um ihn nun zu schützen.

Das Sandkorn

Das Titelbild entstammt in der Regel der Malerei des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts (Anm. d. Red.: diese Regel wird immer öfter aufgeweicht, die Covermotive werden zeitgenössischer). Ein Stilmerkmal der Bücher und Erwartungssteuerung der Leser. Anschaulichkeit und Sinnlichkeit, statt Abstraktion und Theorie. In Zeiten der Theorie-Bücher der Verlage Suhrkamp und Kiepenheuer in den 1970er Jahren setzte der Verlag auf die freien Lizenzen berühmter Erzähler. Mit ihnen entwickelt er seinen Kern: die anschauliche, die sinnliche Erzählung. Auf dem Umschlag werden Titelbild, Autorenname, Titel, Gattungsbezeichnung und Verlagsname von einer an den Ecken gerundeten feinen Linie eingefasst. In diesem Rahmen bleiben alle Diogenes Bücher. Genres wie Kitsch und Splatter fallen aus dem Rahmen, sind bei Diogenes in der Regel nicht zu erwarten. Von den Lesern also auch nicht zu befürchten. Die Schriftgröße von Autor und Titel ist gleich. Autor und Buch sind untrennbar. Der Titel ist kursiv gesetzt; ebenso kursiv, aber in der Schriftgröße geringer, Gattung und Verlagsname. Die stets gleich bleibende Schrift (Didot) deutet an: der Verlag, seine Bücher und Autoren bilden eine Einheit.

Der Schutzumschlag hält was sein Name verspricht, 140 g/m² Papier der Sorte Ideál ivoire. Das Papier des Umschlags in etwas herabgedimmter Stimmung, gelblich weiß getönt, statt grell, laut und strahlend. Aber mit Glanzfolienkaschierung (Anm. d. Red.: eigentlich Drucklackierung) als Veredelung. Glanz und Melancholie – Belletristik. Im gedrungenen und handlichen Format des Diogenes-Buchs wird gewiss Kompaktheit vermittelt. Solidität auch im Satzspiegel, mit genau dreißig Zeilen. Die Ausnutzung der Seite im Satzspiegel mit relativ knappen Stegen. Am Kopf 13 mm, am Bund 12 mm je Seite. Eine ziemlich hohe Ausnutzung des Platzes, statt nachlässiger Verschwendung. Die Schrift im Buch ist Stempel-Garamond mit Mediävalziffern, die beim g oder der 9 Unterlängen zulassen. Dem Fließtext sagt man mittels dieser nicht auf Linie gehenden Zeilen bessere Lesbarkeit nach.
Aber dann doch kein Leseband. (Anm. d. Red.: Ausnahmen gibt es durchaus). Warum? Die Schweizer mögen es zu teuer finden. Vom Leseeindruck her lässt sich aber vielleicht auch behaupten: die Texte geben keine lange Verweildauer, kein Markieren und Aufmerken her. Da reicht die Umschlagklappe, die 80 mm ziemlich weit um den Deckel reicht und in der Höhe um einen halben Millimeter zurückgeschnitten ist. Und wenn der als Lesezeichen benutzte eingeschlagene Umschlag durch ein Versehen herausrutscht, so ist das kein Drama. Man taucht einfach wieder irgendwo in den Text ein. Denn so sind Diogenes Bücher, ein Rauschen, ein Forttreiben, ein Fluss. Mehr Heraklit als Diogenes.
Schlägt man das Buch auf, stößt man auf 115 g/m² Vorsatzpapier gelblich/weiß gerippt und holzfrei. Im Buchblock dann 70 g/ m² gelblich/weiß und holzfrei, geglättet auf 1,5-faches Volumen. Solidität und Dauer verrät auch der Leineneinband aus Brillianta- Leinen. Bei Poschenrieders Sandkorn türkis mit crème-farbenden Kapitalband. Der Buchrücken ist rund wie der Rahmen auf dem Umschlag. Autor und Titel sind in goldener Schrift auf schwarzem Grund auf dem Buchrücken angebracht. Hier, wo die Leser dem Buch unter die Oberfläche des Schutzumschlags schauen, keine Angabe des Verlags. Der Verlag, der Autor und Leser zusammenbringt, weiß, wo er stört.

 

Erschienen in BuchMarkt, Meerbusch, Januar 2015. S. 135.

Michael Schikowski arbeitet bei einem Frankfurter Verlag, schreibt den Blog immerschoensachlich.de, veröffentlichte Warum Bücher? und Über Lesen. Im Herbst 2015 erscheint von ihm Glanz und Melancholie. Bemerkungen zur Buchgestalt.