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Heisse Zeiten, heisse Geschichten

Das sehnsüchtige Warten hat ein Ende, denn langsam aber sicher kündigt er sich an: Der Frühling. Und damit die Zeit für heiße Geschichten.

<p>Foto: © Jonas Knecht / Drama, Berlin</p><br/>

Die Sonne scheint länger, Temperatur und Laune steigen, und mit neuem Schwung und einem genüsslichem Lächeln auf den Lippen werden Mütze, Schal und Wintermantel zurück in den Schrank geräumt. Die Natur erwacht, die Vögel zwitschern, die Gefühle wogen. Und als Einstimmung auf die Zeit, in der die Röcke kürzer und die Blicke unaufhörlich tiefer werden, gibt es hier vorab eine unveröffentlichte Geschichte aus dem neuen Band Heiße Zeiten, heiße Geschichten, der Ende Mai bei Diogenes erscheinen wird.

Was tun, wenn man seiner großen Liebe ausgerechnet auf dessen Abschiedsparty zum ersten Mal begegnet? Zwei Tage vor der Abreise? Was nach dem Hammerschlag folgt, schildert Tim Krohn in Süßer Verzicht:

Tim Krohn

Süßer Verzicht

Sie hatten sich an seiner Abschiedsparty kennengelernt. Drei Jahre Brasilien, ein befristeter Job als Architekt – aber was ist das für eine Frist, drei Jahre!, wenn man sich zwei Tage vor der Abreise verliebt? Es hatte sie wie ein Hammerschlag getroffen, sie sahen sich und zweifelten nicht daran, dass sie füreinander geschaffen waren. Natürlich sprachen sie das nicht aus, doch was sonst sollten sie sprechen? Sie blieben auf bis sechs Uhr früh, sie tranken kontinuierlich, doch nie so viel, dass sie betrunken waren, sie redeten pausenlos, doch immer um den heißen Brei. Charlotte hatte eben eine Stage beim Fernsehen begonnen, das war, was sie wollte, eine Karriere beim Fernsehen, diese Chance kam nicht zweimal. Sebastian konnte in Brasilien bauen, richtig bauen, ganze Dörfer, es war sein Traumjob. Sie hatten das sehr schnell abgecheckt, sie wussten voneinander, dass sie ohne Beziehung waren, dass sie beschlossen hatten, frei zu sein, so richtig leidenschaftlich in ihr Berufsleben zu starten, sich nicht von einer Liebe bremsen zu lassen.
Und sie fühlten Katzenjammer. Sie wollten übereinander herfallen und waren gleichzeitig erstarrt vor Panik, nackter Panik, es war das Dümmste, Auswegloseste, Verzweifeltste, Bescheuertste, sich jetzt zu verlieben.

Über all das sprachen sie nicht, sie sprachen über Bambus als Baustoff, über die Tendenz zu immer mehr Reality-TV, über Castingshows und die Qual der Westeuropäer, unendlich viele Wahlmöglichkeiten zu haben, was die Lebensplanung anging. Es war Charlotte, die um halb sechs recht unvermittelt meinte: Vielleicht sollten wir einfach miteinander schlafen.«

»Was heisst ›sollten‹?«, fragte Sebastian.

»Vielleicht erledigt es sich dann von selbst.«

»Der Bäcker unten im Haus bäckt die weltbeste Baguette«, sagte Sebastian, und Charlotte fand es tausendmal schöner, mit ihm halb betrunken, sehr müde, sehr berauscht, in Socken die Treppe hinab zu steigen (sie liebte den Geruch im Treppenhaus, es roch nach Küchengas, staubigem Estrich und Druckerschwärze wie früher im Mietshaus ihrer Großmutter) und sich mit der noch warmen Baguette, zwei Tetrapack Comella und einem Apfel, den sie Biss um Biss teilten, auf die Stufen zu setzen, zu essen, zu schweigen. Immer wieder verloren sich ihre Blicke ineinander, sie wollten sich mehrmals küssen und taten es nicht, Charlotte war manchmal unvermittelt den Tränen nahe, doch es war er, der sich schließlich halb lachend, halb verzweifelt die Wange trocken wischte, sie hatte gar nicht bemerkt, dass er weinte.

»Scheiße«, sagte er nur, dann küssten sie sich doch, befummelten sich, hörten aber bald wieder auf, ihre Gefühle waren zu groß für schnellen Sex.

»Es drückt mir den Atem ab«, sagte Charlotte irgendwann. »Ich halte das so nicht aus, es muss etwas passieren.« Sie gab ihm eine Sekunde Zeit, sich für eine Handlung zu entscheiden, dann verlor sie die Geduld, öffnete seine Hose, nahm sein Glied in die Hand, massierte es, leckte es, dann hörte sie wieder auf.

Sie lachten beide über ihre Ratlosigkeit. Dann küssten sie sich wieder, mit Mündern, die wie festgezurrt waren von zu viel gespritztem Weißem, von all der Anspannung. Es waren keine schönen Küsse, doch sie vergingen vor Sehnsucht nacheinander, sie rochen einander, sie berührten einander, und in jedem Augenblick staunten sie von neuem darüber, wie viel Gefühl da war.

Danach sahen sie sich zwei Tage lang nicht. Sebastian hatte zu packen, Papiere zu besorgen, Möbel einzustellen. Charlotte versuchte sich einzureden, dass sie so beschäftigt war wie er, sie machte sich auf der Redaktion nützlich, bis die Kollegen ihr ins Gesicht sagten: »Du nervst.«

In der letzten Nacht trafen sie sich wieder. Die Abmachung war klar, in einigen SMS getroffen: finaler Sex, eine Beziehung von einer Nacht, alles innerhalb von acht Stunden, begonnen wird in der Badewanne. Der Beginn klappte gut, er kam zu ihr, seine Wohnung war inzwischen aufgelöst, Silvia, Charlottes Mitbewohnerin, hatte sich zu ihrem Freund verzogen. Sie öffnete ihm die Tür mit zwei Gläsern Wodka in der Hand, die sie kippten, ehe sie sich umarmten, sich küssten, einander auszogen, alles sehr zielstrebig. Die Wanne hatte sie schon einlaufen lassen, einen siebenarmigen Kerzenständer aus dem Judaica-Shop aufgestellt, sie zog ihn etwas kokett ins Bad und setzte sich in die Wanne.

Doch danach hatte alle Zielstrebigkeit ein Ende. Sie staunten wie Kinder über einander, sie lachten viel, sie gestanden einander die sexuellen Bedürfnisse ihrer Adoleszenz und saßen in der Wanne, bis ihre Haut schrumpelte und der Boiler, aus dem sie manchmal heißes Wasser nachlaufen ließen, den Dienst quittierte. Sie küssten sich ab und zu, doch behutsam, kleine, spitze Küsse auf verschrumpelte Körperteile.
Er küsste ihr ab und zu die Zehen ab, sie lutschte an seinem kleinen Finger, während sie ihm zusah, wie er nach Erinnerungen kramte, sie sortierte, sich manchmal wortlos schämte, sich Mühe gab, nicht zu pervers zu erscheinen. Er staunte sehr, als sie ihm vom Aal erzählte, den ihre Großmutter im Ganzen gekocht hatte, als sie neun oder zehn Jahre alt war, er kam sich plötzlich etwas stümperhaft vor und versuchte sie zu übertrumpfen, doch offensichtlich war sie sexuell sehr viel neugieriger und verspielter als er.

Als sie sich auf Charlottes Futon legten, war Mitternacht vorbei, und kurz versuchten sie nochmals, miteinander zu schlafen, doch es war ihnen wichtiger, sich eng zu halten, sich zu riechen, zu fühlen, wie die noch badewasserfeuchte Haut erst eintrocknete, dann in der gemeinsamen Körperwärme allmählich wieder weich und feucht und samten wurde.
Sebastian verbarg das Gesicht in der Kuhle zwischen Charlottes Kinn und ihrem Hals, sie war nicht sicher, ob er weinte, dann schliefen beide ein.

Das Frühstück am anderen Morgen verlief eilig, sie war schon auf, als er erwachte, hatte die Cafetera aufgesetzt und Corn Flakes, Zucker und Milch auf den Tisch gestellt, so hatte er als Kind gefrühstückt, und er hatte einen Kloß im Hals, als er sie ein letztes Mal auf den Mund küsste, ohne Zunge, er küsste sie, wie man seine Frau küsst, seine Frau, die man liebt, die man seit Jahren liebt und die so unverzichtbar geworden ist wie ein eigener Körperteil, wie ein Fuß, dann sagte er: »Ich habe keine Zeit fürs Frühstück, ich hole mein Gepäck und muss zum Flughafen, und es ist besser, wir verabschieden uns hier.«

Schweigend sah sie zu, wie er sich anzog, sie fühlten sich beide beklommen. Gern hätte sie ihm nachgesehen, doch ihre Wohnung hatte kein Fenster zur Straße hinaus.

 

Die Gefühle, Eigenheiten und Abgründe des Menschen standen schon immer im Zentrum der Texte von Tim Krohn. Nun hat er eine Liste von bald achthundert menschlichen Regungen erstellt, von »aalglatt« bis »zynisch« und ein spannendes Projekt dazu auf wemakeit.com.