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Raymond Chandler: Der Meister des schwarzen Krimis

Er habe die Sorte Verstand mitbekommen, so Raymond Chandlers Selbsteinschätzung, mit der man schlechthin alles werden kann – wenn auch alles nur mittelmäßig. Zumindest was das Schreiben angeht, irrte er sich. Sein Privatdetektiv Philip Marlowe wurde zu einem der berühmtesten Ermittler der Kriminalliteratur überhaupt.

<p>© Foto: Archiv Diogenes Verlag</p><br/>

Nun, über fünfzig Jahre nach Raymond Chandlers Tod, ist ›Private Eye‹ Philip Marlowe zurück. Die legendäre Detektivfigur ermittelt in Die Blonde mit den schwarzen Augen (Verlag Kiepenheuer & Witsch) in einem neuen Fall. Zu verdanken ist dies dem irischen Schriftsteller und Booker-Preisträger John Banville, der unter dem Pseudonym Benjamin Black Kriminalromane schreibt.

Der Titel Die Blonde mit den schwarzen Augen stammt von einer Liste aus Chandlers Nachlass, in der er mögliche Fälle versammelte, die er aber nie geschrieben hat. Zu Papier gebracht hat er dafür jedoch die brillantesten, zeitlosesten Klassiker der hard-boiled Literatur. Aus diesem Grund empfehlen wir allen Fans des Noir-Genres wärmstens die Originale von Raymond Chandler:

Der große Schlaf (1939), Lebwohl, mein Liebling (1940), Das hohe Fenster (1942), Die Tote im See (1943), Die kleine Schwester (1949), Playback (1958) und das Meisterwerk Der lange Abschied (1953). Bei Diogenes sind zudem lieferbar: die Stories-Bände Erpresser schießen nicht, Gefahr ist mein Geschäft, Der König in Gelb sowie die Sammlung früher Stories Mord im Regen u.a.

»Ich sehe ihn eigentlich immer auf einer einsamem Straße, in einsamen Räumen, ratlos, doch nie ganz geschlagen«, sagte Raymond Chandler über seinen Philip Marlowe.

<p>Humphrey Bogart als Philip Marlowe in <em>Der große Schlaf</em> (1946)</p><br/>

Bevor er der große Kriminalschriftsteller wurde, als der er heute bewundert wird, war Chandler jedoch Beamter im britischen Marineministerium, Journalist, Buchhalter, Soldat der kanadischen Airforce und Vizedirektor einer Ölfirma.

Kindheit und Jugend

Geboren wurde Raymond Chandler 1888 in Chicago. Sein Vater, der als Ingenieur für eine Eisenbahngesellschaft arbeitete, verließ die Familie, als Raymond sieben Jahre alt war. Die Mutter, eine gebürtige Irin, zog mit dem Sohn daraufhin nach London. Raymond verlebte dort seine Schulzeit und nahm später die britische Staatsbürgerschaft an – doch an der britischen Spielart des Kriminalromans konnte er nie Gefallen finden. Zu blutleer kam sie ihm vor, zu wirklichkeitsfremd.

Nach dem Schulabschluss hielt sich Chandler zu Sprachaufenthalten ein Jahr in Frankreich und Deutschland auf und bereitete sich auf die Prüfung für den britischen Staatsdienst vor. Er bestand sie als Drittbester seines Jahrgangs. Den Dienst im Marineministerium fand er dennoch »zum Davonlaufen« und kündigte bereits nach einem halben Jahr. Daraufhin begann er als freier Journalist für verschiedene Zeitungen zu schreiben und veröffentlichte erste Gedichte.

Erster Weltkrieg und Heirat

1912, als Vierundzwanzigjähriger, kehrte er in die USA zurück. Nach Stationen in St. Louis und Omaha ließ er sich in Kalifornien nieder, dem künftigen Schauplatz seiner Erzählungen und Romane. Zunächst aber musste er Geld verdienen. Im Schnelldurchlauf absolvierte er einen Buchhaltungskurs und trat eine Stelle als Buchhalter bei einer Molkerei an, der Los Angeles Creamery. Mittlerweile hatte der Erste Weltkrieg schon begonnen. 1917 meldete sich Chandler freiwillig zur kanadischen Armee und kämpfte in den französischen Schützengräben. Nach einem Angriff, bei dem beinahe seine gesamte Einheit ums Leben kam, wurde er nach England versetzt und begann eine Fliegerausbildung bei der Royal Air Force. Der Krieg endete allerdings, bevor er als Pilot zum Einsatz kam.

Chandler zog zurück nach Los Angeles. 1919 ließ er sich auf eine Affäre mit der deutlich älteren Cissy Pascal ein, die zur Frau seines Lebens werden sollte. 1924 (Cissy musste sich erst noch scheiden lassen) heiratete das Paar. In Kalifornien boomte das Ölgeschäft. Chandler heuerte als Buchhalter beim Dabney Oil Syndicate an und stieg mit den Jahren zur rechten Hand von Öltycoon Joseph Dabney und zum Vizedirektor auf – eine angesehene und gutbezahlte Stellung. Doch Anfang der 30er-Jahre schien es Chandler darauf anzulegen, all diese Sicherheiten zu erschüttern. Er trank immer mehr, was im Amerika der Prohibition nicht nur ein privates Laster war, sondern auch illegal. Zwischen Sauftouren und Frauengeschichten vernachlässigte er die Arbeit und wurde 1932 schließlich entlassen.

Der große Schlaf
Der lange Abschied

Erfolg als Schriftsteller

Chandler zog mit Cissy in eine billige Wohnung nach Santa Monica und begann zu schreiben. Stories zunächst, die er bei Krimi-Magazinen unterzubringen versuchte. Im legendären Black Mask Magazine, in dem Dashiell Hammett debütiert hatte und der amerikanische hard-boiled Krimi überhaupt erst hartgekocht wurde, erschienen bald regelmäßig Texte von ihm. 1939 veröffentlichte der Verlag Alfred A. Knopf Chandlers ersten Roman Der große Schlaf – auf Anhieb ein Meisterwerk, das von der Kritik jedoch komplett ignoriert wurde. Ebenso wie die nächsten Romane um Privatdetektiv Philip Marlowe, die in rascher Folge erschienen. Auch die finanzielle Situation der Chandlers war alles andere als rosig. Das änderte sich erst, als Hollywood auf Chandler aufmerksam wurde. Man engagierte ihn als Drehbuchautor (u.a. schrieb er für Billy Wilder das Drehbuch zu Double Indemnity) und verfilmte seine Romane und Stories. Binnen weniger Jahre wurde Chandler zu einem berühmten und reichen Mann.

<p>Raymond Chandlers Haus in La Jolla, Kalifornien</p><br/>

1953 erschien Der lange Abschied, Chandlers sechster Roman. Ein Jahr später, im Dezember 1954, starb seine Frau Cissy nach langer, schwerer Krankheit. Raymond Chandler war so verzweifelt, dass er versuchte, sich in der Dusche zu erschießen. Der gescheiterte Selbstmordversuch wurde publik. Chandler versank im Alkohol und verbrachte einige Zeit in einer psychiatrischen Klinik. Auch in den folgenden Jahren, in denen Chandler ein unstetes Leben zwischen Amerika und Europa führte, brachten ihn Erschöpfung und Trinkexzesse immer wieder ins Krankenhaus. 1958 erschien der Roman Playback. Es war sein letzter. Im Februar 1959 machte er seiner Agentin Helga Greene einen Heiratsantrag, den sie annahm. Zur Hochzeit kam es jedoch nicht mehr. Am 26. März starb Chandler in La Jolla, Kalifornien.