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Eve Harris: »Vieles im Buch habe ich selbst erlebt.«

Der erste Roman von Eve Harris schaffte es in England gleich auf die Longlist des renommierten Man Booker Prize. Nun ist ihr Debüt Die Hochzeit der Chani Kaufman auf Deutsch erschienen. Angesiedelt in einer streng jüdisch-orthodoxen Gemeinde in London eröffnet sich am Beispiel dreier Paare ein Alltag voller Regeln, Gebote und arrangierter Ehen. Wie und warum dieses Buch entstand, erzählt uns die aufgeweckte Autorin im Interview.

<p>Foto: © Karolina Urbaniak</p><br/>

Diogenes: Gab es einen bestimmten Punkt in Ihrem Leben, an dem Sie entschieden, Die Hochzeit der Chani Kaufman zu schreiben – wenn ja, warum?

Eve Harris: Nein, die Entstehung des Buches war ein ganz natürlicher Prozess. Zuerst gab es eine lange Kurzgeschichte, die in einem Creative-Writing-Abendkurs entstand. Ich hatte vorher noch nie einen Roman geschrieben und wusste nicht, dass das, was ich schrieb, das erste Kapitel zu einem Roman werden würde. Von da an ging es einfach weiter.

Wie lange haben Sie gebraucht, um das Buch zu schreiben?

Für den ersten Entwurf brauchte ich zweieinhalb Jahre.

Sie beschreiben das jüdisch-orthodoxe Leben im Stadtteil Golders Green in London. Woher kommt Ihr starkes Interesse an diesem Thema?

Bevor ich den Roman schrieb, habe ich ein Jahr lang streng orthodoxe Mädchen in Englischer Literatur an einer Schule in Hendon in London unterrichtet. Das war wie ein Weckruf, denn obwohl ich säkulare Jüdin bin, war ich nie zuvor mit dieser Seite meiner Kultur und meines Erbes in Berührung gekommen. Ich hatte das Gefühl, ich würde ein fremdes Land betreten und müsste meinen Reisepass zücken! 

<p>Im Stadtteil Golders Green im nördlichen London, wo Eve Harris Roman spielt, lebt eine große jüdische Gemeinde. (Foto links: ©&nbsp;By Sunil060902 (Own work) [<a href="http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html" target="_blank">GFDL</a>&nbsp;or&nbsp;<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" target="_blank">CC-BY-SA-3.0</a>], via Wikimedia Commons)</p><br/>

Die Chassidim leben in einer spirituellen Blase, abgeschnitten vom hektischen London, obwohl sie Londoner sind. Dieses Jahr an der Schule verfolgte und faszinierte mich. In diesem Jahr habe ich auch geheiratet, es war eine orthodoxe Hochzeit, auf die ich mich genauso vorbereiten musste, wie es Chani mit der Rebbetzin tut. Ich nahm das rituelle Tauchbad, die Mikwe, und saß im Bedeken-Zimmer. Vieles im Buch habe ich also selbst erlebt.

Ich trage Vergangenheit und Gegenwart in mir – meine Vorfahren hätten wie die Mädchen gelebt, die ich unterrichtete. Meine Familie überlebte den Holocaust, und obwohl mein Urgroßvater ein reisender Rabbi mit Pferd und Wagen in Lemberg war, als es zu Polen gehörte, haben wir unsere religiösen Bräuche aufgegeben, um von den Nazis nicht entdeckt zu werden.

Die Hochzeit der Chani Kaufman

Haben Sie das Schreiben zu Ihrem Beruf gemacht?

Nein, definitiv nicht! 2012, vier Tage nachdem ich die letzten Änderungen am Roman vorgenommen hatte, wurde meine Tochter Rosie geboren. 2013 wurde ich dann mit meinem Sohn Noah schwanger. Ich bin vollauf damit beschäftigt und sehr glücklich, Mama zu sein, und momentan liegt das Schreiben auf Eis – bis beide Kinder im Kindergarten beziehungsweise in der Schule sind. Noah ist ein Jahr alt und Rosie dreieinhalb. Sobald ich Zeit habe und wieder etwas Schlaf bekomme … Dann kann ich vielleicht ans Schreiben denken.

Welche Autoren oder Bücher haben Sie beeinflusst? Welches ist Ihr Lieblingsbuch?

Ich habe kein Lieblingsbuch, aber Menschenkind von Toni Morrison hat mich umgehauen, als ich es zum ersten Mal gelesen habe – in nur einer Nacht. Schriftsteller und Bücher, die mich beim Schreiben von Chani beeinflusst haben, sind: Isaac Bashevis Singer, Naomi Alderman, Amos Oz, Ian McEwans Am Strand, Chaim Potok und Unchosen: The Hidden Lives Of Hasidic Rebels von Hella Winston.

Sie standen mit Die Hochzeit der Chani Kaufman 2013 auf der Longlist des Man Booker Prize – ein unglaublicher Erfolg. Was war das für ein Gefühl, und wie hat es Sie als Autorin beeinflusst?

Auf der Longlist des Man Booker Prize zu stehen, hat mich überhaupt erst zur Autorin gemacht. Es hat mein Buch ins literarische Scheinwerferlicht katapultiert – sonst wäre es vielleicht einfach in den Regalen einiger kleiner Buchhandlungen versauert. Ursprünglich sollten nur 500 Stück gedruckt werden. Durch die Nominierung war es ausverkauft, bevor es überhaupt gedruckt war! Jetzt sind über 50’000 Exemplare als gedrucktes Buch und als E-Book verkauft, was ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können und was der Man-Booker-Nominierung zu verdanken ist. 

Allerdings war die ganze Pressemaschinerie für eine Debütantin und Mutter eines Kleinkinds eine ziemlich stressige Erfahrung, ich war auf die ganzen Interviews und Anfragen überhaupt nicht vorbereitet. Bis dahin war ich ausschließlich Privatperson – fast ein bisschen einsiedlerisch,  wie es viele Schriftsteller sind, und ich musste mich um Rosie kümmern, so dass die Organisation ein kleiner Alptraum war.

Ich erinnere mich an ein kurzes Radiointerview, Rosie saß währenddessen vor dem Laptop, auf dem ein Pingu-Trickfilm lief, und ich betete die ganze Zeit, dass sie nicht quietschen oder »Noork, Noork« wie Pingu rufen würde. Das war ziemlich surreal.

Wer ist Ihr erster Leser? Wo schreiben Sie am liebsten? Und schreiben Sie am Computer oder auf Papier?

Mein Mann hat jeden Absatz, jede Seite und jedes Kapitel von »Chani« gelesen, bevor es irgendjemand sonst gesehen hat. Er hatte keine Wahl – ich habe ihn förmlich damit bombardiert, als das Buch so aus mir herausgesprudelt ist. Manchmal bin ich um vier Uhr morgens aus dem Bett geschlüpft, um schnell eine weitere Szene zu schreiben. Der Arme, er war so geduldig und hat mich die ganze Zeit unterstützt – und die Charaktere letztendlich ebenso liebgewonnen wie ich. Aber er ist dennoch sehr ehrlich und kritisch geblieben. 

Geschrieben habe ich auf einem Laptop, meistens in der Küche in unserer Wohnung in Hampstead. In Bibliotheken oder Cafés kann ich nicht schreiben, es lenkt mich zu sehr ab.

Welche der Figuren oder Szenen im Buch hatten Sie zuerst im Kopf?

Chani als Braut in ihrem ausladenden weißen Kleid im Bedeken-Zimmer stehend. Dieses Bild war der Katalysator für diese Figur und für den Romanbeginn. Ich konnte ihr Nervenflattern förmlich spüren, ich konnte sie sogar riechen!

<p>Traditionelle jüdische Hochzeit (Foto: © יעקב (Own work) [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>], via Wikimedia Commons).</p><br/>

Haben Sie Kritiken oder Kommentare zu Ihrem Buch von orthodoxen Juden oder jüdischen Mädchen bekommen?

Ja, ein paar. Einige waren recht unfreundlich, und andere wollten mich treffen und sich mit mir befreunden, weil sie das Gefühl hatten, ich hätte ihre Geschichte geschrieben. Allerdings lesen die meisten Chassidim keine Belletristik, sondern nur die Tanach (Bibel) und Bibelkommentare.

<p>Foto: ©&nbsp;<a href="https://www.flickr.com/photos/dcasey/" target="_blank">dcaseyphoto</a>&nbsp;The Four Frummers (CC BY 2.0) via Flickr.com</p><br/>

Die Rebbetzin Rivka Zilberman ist eine der beiden weiblichen Hauptfiguren im Buch. Sie tritt als eine Art Antagonistin zu Chani auf, der jungen Frau, die aufgeregt ihrer Hochzeit und der Zukunft entgegenfiebert. Hat Rivka ein Vorbild?

Haha! Keines, das ich preiszugeben bereit wäre. Aber ernsthaft, sie ist ein Gemisch aus mir, Eigenschaften, die ich mir ausgedacht, und einigen Chassidim-Frauen, die ich getroffen habe.

Kann man das jüdische Brauchtum in eine so durch und durch weltliche Stadt wie London integrieren?

Wenn man ein streng orthodoxer Jude ist, kommt es nicht darauf an, wo man lebt – die Torah gibt dir vor, wie das Leben zu leben ist, und dem muss man seine Umgebung anpassen.

<p>Koschere Restaurants und Geschäfte in Golders Green (Foto: ©&nbsp;<a href="https://www.flickr.com/photos/kake_pugh/" target="_blank">Kake</a>&nbsp;CC BY-NC-SA 2.0 cvia Flickr.com)</p><br/>

Wenn man Ihr Buch liest, kommt es einem so vor, als stünden Sie – bei allem Respekt – der jüdischen Lebensweise und Tradition ein wenig kritisch gegenüber. Stimmt das? Und ist es nicht ein bisschen gewagt, diese Einstellung durch die Geschichte hindurchschimmern zu lassen?

Ich wurde als säkulare Jüdin in eine Familie geboren, die den Holocaust überlebt hatte und nach London beziehungsweise Tel Aviv auswanderte. Mein Vater glaubte nicht an Gott, wegen dem, was er als Kind im von den Nazis besetzten Polen gesehen hatte. Als eine moderne jüdische Frau fand ich das Leben der Chassidim zugleich faszinierend und abstoßend. Ich glaube nicht, dass das Buch sehr gewagt ist. Es ist einfach ehrlich. Ich habe aufgeschrieben, was ich gesehen habe. Wenn ich als außenstehende Beobachterin ein neutrales Buch geschrieben hätte, wäre es eine wesentlich langweiligere Lektüre geworden.

 

Das Gespräch mit Eve Harris fürhte Kati Hertzsch.

Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris ist am 26.8.2015 erschienen, aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt. Auch als E-Book. Zur Leseprobe geht es hier. In England stand der Roman 2013 auf der Longlist für den Man Booker Prize.