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Nachhaltige Leidenschaft: Jan Drees über das Werk von Hartmut Lange

Gerade erscheint von Hartmut Lange Der Blick aus dem Fenster, eine Sammlung unheimlicher Geschichten, die einen atemlos und verstört zurücklassen. Der Wuppertaler Literaturjournalist Jan Drees promoviert über den 78-jährigen Diogenes Autor. Hier erzählt er, warum ihn das neue Buch fasziniert und wie die Leidenschaft für das Werk Hartmut Langes angefangen hat.

<p>Hartmut Lange (Foto: © Hans-Christian Plambeck / laif)</p><br/>

»Du musst das lesen.« Das waren die Worte von Andreas Blödorn vor über zehn Jahren, der damals als wissenschaftlicher Angestellter in Wuppertal arbeitete. Er hatte mich zum Geburtstag besucht und Hartmut Langes Erzählung Die Selbstverbrennung mitgebracht. Über den Autor wusste ich damals nur, dass er als »writer’s writer« gilt, als einer jener genialischen Literaten, die vom Publikum selten, von den Kollegen dagegen immer gelesen werden. Zu seinen Bewunderern gehören Stars wie Susan Sontag, W.G. Sebald, Peter Stamm.

In einer Zeit, in der von Autoren wahlweise der Meta-Berlinroman, die literarische DAX-Analyse oder ein versgebundener Armutsbericht erwartet wird kommt Hartmut Lange mit immer wieder aufs Neue »unheimlichen Begebenheiten«. Zu Beginn seiner Karriere war er ein engagierter, ein politischer Dramenautor, der Anfang der 1960er im Ost-Berliner Milieu um Peter Hacks und Heiner Müller reüssierte, an die Veränderbarkeit des Sozialismus glaubte, dann aber bitter enttäuscht auswanderte nach West-Deutschland. Dort veränderte sich sein Schreiben. Obwohl er in den 1970er Jahren an Theatern beschäftigt war, auch fürs Fernsehen arbeitete, wandte er sich 1979 mit Die Selbstverbrennung einer philosophisch inspirierten, sehr knappen Prosa zu. »Diese Form ist in mir angelegt«, sagte er einmal, »ich schreibe ja wie Kleist. Bei mir wäre selbst der Zauberberg nur 30 Seiten lang.«

Die Selbstverbrennung

Nachdem an jenem Geburtstag alle Gäste gegangen waren und ich die Weingläser vom Tisch abgeräumt hatte, legte ich mich sofort auf mein Bett, das damals aus einem Lattenrost und einer Matratze bestand – ich war noch Student –, und ich las Die Selbstverbrennung in einem Zug. Die Erzählung spielt in einem kleinen Dorf an der Elbe. Ebendort, in der Abgeschiedenheit, möchte der vierzigjährige Geisteswissenschaftler Sempert eine wissenschaftliche Arbeit über den marxistischen Materialismus schreiben, über jene Idee also, die alles Religiöse zum abgestandenen Aberglauben erklärt hat. Sempert scheint in der gleichen vernunftgläubigen Verfassung zu stecken wie einst der Autor Hartmut Lange, als er noch in der DDR lebte. Damals galt die Annahme, die Erlösung des Subjekts sei möglich durch den marxistischen Materialismus, durch veränderte äußere Umstände. Sempert macht die Bekanntschaft des morbiden Dorfpfarrers Koldehoff, der den Glauben an Gott verloren zu haben scheint, der nachts in seiner Dachkammer sitzt und mit einem Teleskop in den Himmel schaut, wo er mehr als nur Sterne zu entdecken hofft. Mit der Wissenschaft Gott erklären geht meistens schief.

Beide, Sempert wie Koldehoff, suchen nach einem Weg aus dem Chaos ihrer Zeit, einen Weg aus ihrem längst erkannten »Sein zum Tode«, irgendetwas, woran in dieser Unerklärlichkeit ein Festhalten ist. Dabei ahnen sie, was bereits Blaise Pascal in seinen Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets (1669 postum erschienen) niederschrieb: »Denn, was ist zum Schluss der Mensch in der Natur? Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All. Unendlich entfernt von dem Begreifen der äußersten Grenzen, sind ihm das Ende aller Dinge und ihre Gründe undurchdringlich verborgen, unlösbares Geheimnis; er ist gleich unfähig, das Nichts zu fassen, aus dem er gehoben, wie das Unendliche, das ihn verschlingt.«

Die Geschichte wird erzählt vor dem Hintergrund einer realen Schreckenstat. Am 18. August 1976 überschüttete sich der evangelische DDR-Pfarrer Oskar Brüsewitz aus Zeitz mit Benzin und zündete sich an. Nur weshalb? Wollte er vordringlich gegen die sozialistische Marginalisierung seiner Kirche protestieren? Am Tag seiner Selbstverbrennung, die ihm am 22. August den Tod bringen sollte, hatte Brüsewitz zwei Plakate auf dem Dach seines Autos angebracht. Auf den Plakaten stand: »Funkspruch an alle …. Funkspruch an alle …. Wir klagen den Kommunismus an wegen: Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen!« – Aber muss derjenige, der sein Dasein in derart unchristlicher Weise negiert, nicht schlichtweg wahnsinnig sein, seiner Tat somit jeder rationale Grund abgesprochen werden? Oder welche andere Ausprägung von Gottesferne ließ Oskar Brüsewitz Hand an sich legen? Sagt man das so: »Hand an sich legen?« Oder hat sich der Pfarrer nicht vielmehr aus dem Leben gerissen?

Im Museum

Diese Geschichte war mir fern und berührte mich zugleich im Innersten. Ich wollte diesen seltsamen Schriftsteller kennenlernen, las begierig seine Sachen, bereitete mich intensiv auf ein Treffen vor, zu dem es wenige Jahre später tatsächlich kommen sollte, in Berlin, anlässlich der ebenfalls bei Diogenes erschienenen Sammlung Im Museum – Unheimliche Begebenheiten. Da saßen wir zum ersten Mal gemeinsam auf einer Bank im Deutschen Historischen Museum, dem Schauplatz von Langes neuen Geschichten, und ich erfuhr, dass sich dieser gestandene Mann vor dem Tod ängstigt, dass er umgetrieben wird, »weil wir weder wissen, woher wir kommen, noch, wohin wir gehen. Eine endlos lange Zeit vor unserer Geburt waren wir nicht, eine unendliche Zeit nach unserem Tod werden wir nie wieder sein.« Gegen diese fürchterlichen Umstände würde zuletzt nur eines helfen: »Der Glaube an Gott.« Nachdem er diesen Satz gesagt hatte schwieg Hartmut Lange, schaute verzweifelt zu Boden, blickte dann wieder auf und bekannte mit einem Seufzen: »Aber ich bin ja leider Atheist.«

In diesem Satz steckte die Verzweiflung in einem Ausmaße, wie ich sie als Student immer wieder erfahren hatte, eine Verzweiflung, die durch ein Denken ausgelöst wird, für das es nur wenige Worte gibt. Um dieses Gefühl zu beschreiben, muss man die Gabe haben, die Anschauung zum Begriff erheben zu können. Langes Geschichten finden treffende Formulierungen für Ahnungen, Verwirrungen, Ängste und Unsicherheiten, die jeden Menschen befallen, beschäftigen. Es ist die Stimmung unseres Daseins, das Ticken der ablaufenden Zeit, das immer neu präsente »memento mori«, diese Gewissheit, dass wir alle nur darauf warten, am Ende des Seins einfach wieder ins Nichts zu gehen.

Nachdem Lange und ich an jenem Wintertag in Berlin spazierengegangen, seine Wohnung besucht, zuletzt noch etwas essen gewesen waren, fuhr ich nachdenklich in mein Hotel zurück, trank ein Bier aus der Minibar und setzte mich an den Artikel, den ich damals für das Magazin Bücher schreiben wollte. Dieser Satz – »Aber ich bin ja leider Atheist« – bliebt nicht nur an diesem Abend in meinem Kopf. Er war der Auslöser für die spätere Dissertation bei Andreas Blödorn und Moritz Baßler, beide ordentliche Professoren an der Universität Münster. Ende Mai soll die Arbeit mit dem vorläufigen Titel »Systeme als Strukturmerkmal im Prosawerk von Hartmut Lange« an der dortigen »Graduate School Practices of Literature« fertiggestellt sein. Dass es so weit kommen würde, ahnte ich damals höchstens vage. Ich hatte eine Anstellung und eigentlich keine Zeit, über den Tod nachzudenken. Es war das reine, beglückende Leben im »Man«.

Inzwischen habe ich Lange mehrmals in Berlin besucht, zuletzt im vergangenen Winter, mit den Studierenden meines ersten Hartmut Lange-Seminars. Bevor wir uns in den Räumen von Matthes & Seitz trafen – Lange hatte für dieses Treffen Butterbrote eingepackt, die ihm seine Frau Ulrike mit auf den Weg gegeben hatte –, besuchten wir das Deutsche Historische Museum, und ich erzählte noch einmal von meinem ersten Treffen mit dem Autor. Wie passend, dass bei diesem zweiten Museumsbesuch Lange selbst nicht zugegen war, verschwinden in seinen Geschichten doch laufend irgendwelche Menschen. Wohin sie verschwinden? Man weiß es nicht. »Die Literatur hat ihren eigenen Wahrheitsgrund.« Auch das ist ein typischer Satz des 78-Jährigen.

Allerlei Merkwürdigkeiten ereignen sich weiterhin, wie im neuen Buch, wo Engelsstatuen in den Himmel abheben, das unruhige Meer für einen Amoklauf verantwortlich gemacht wird, wo plötzlich die Jüdin Rahel Varnhagen in den Baustellen von Berlin Mitte auftaucht. Gleich zu Beginn wird ein Gemälde des französischen Impressionisten Gustave Caillebotte beschrieben, bevor der Ministerialbeamte Giselher Reinhardt behauptet, »dass es von seinem Zimmer aus, wenn das Fenster geöffnet war, einen ähnlichen Ausblick gab«. Nach acht Uhr abends bildet sich der Mann sogar ein, »er sähe, wie auf dem Gemälde von Caillebotte, statt der Autos, die den Platz überquerten, tatsächlich einige Kutschen«.

Für Reinhardt gelten »ausschließlich alle Absprachen, alle Verpflichtungen, die er dem Ministerium gegenüber, in dem er arbeitete, eingegangen war«. Dieser Vernunftsmensch lebt allein, pflegt »keine unnötigen Bekanntschaften«, ist nüchtern, verlässlich, neigt nie zu »Überspanntheiten«. Aber er sieht Kutschen, und aus einer dieser Kutschen steigt allnächtlich eine Frau. Sie wartet, ohne Schirm, im Regen. »Gnädige Frau«, wollte er rufen, »fahren Sie, um Gottes willen, wieder nach Hause. Sie sehen doch, es hat keinen Zweck, hier immer und immer wieder zu warten«. Was geschieht dann? Nicht viel. Die Geschichte endet mit den beschwörenden Gedanken Reinhardts, der hofft, dass es irgendwann wieder still sein würde: »Und er war froh, dass er dann keine Mühe mehr haben würde, sich mit einer Person bekannt zu machen, die nicht von dieser Welt, aber von einem berühmten Maler wenigstens überliefert war«.

In Der Blick aus dem Fenster spielt Lange zahlreiche Motive und Themen seines Schaffens in knappster Form durch. So geht es wie bereits 1984 in Die Waldsteinsonate in den Führerbunker kurz vorm Selbstmord der nationalsozialistischen Führungsriege. Während der wiederauferstandene Komponist Franz Liszt bei Lange vor 31 Jahren die Ermordung der Goebbels-Kinder zu verhindern sucht, ist es nun in Nochmals: Das Böse Hitlers Geliebte Eva Braun, die nach der Blitzhochzeit und kurz vorm geplanten Selbstmord zweifelt, ob es wirklich unumgänglich sei, »mit jemandem, den die ganze Welt, und über Jahre hinweg, zu fürchten hatte, auch noch zu sterben«.

Wenige Seiten zuvor irrt ein Amokläufer selbst nach seinem Tod entlang der Irischen See. Täglich trifft er auf jene zwölf Menschen, die er erschossen hat, auf seine Opfer, die sich nicht zufriedengeben wollen mit der Begründung, »die See« habe den Mörder motiviert. Bei Lange ist den Toten gegenüber Rechenschaft abzulegen. Sie leben weiterhin unter uns, aber nicht nur in Form von Geschichtsbüchern und Exponaten aus dem Deutschen Historischen Museum. 

Die Begegnung, eine weitere Geschichte aus dem neuen Band, stellt die große Rahel Varnhagen von Ense vor, die im Berlin unserer Tage auftaucht, sich nach Zeugnissen ihres berühmten Salons in der Behrenstraße erkundigt, also nach Belegen ihrer eigenen Unsterblichkeit sucht. Bei Lange steht sie vor einer grausamen Entdeckung, denn: »Die Behrenstraße ist nun allerdings ein Bereich, der das Denkmal für die ermordeten Juden Europas eingrenzt, und wer dem Areal, es sind immerhin neunzehntausend Quadratmeter, näher kommt, der kann sich der schwarzen Steinwüste, die er vor Augen hat, nicht entziehen. ›Sie geht also‹, dachte ich, ›geradewegs dorthin, um sich davon zu überzeugen, dass ich mit meinen Andeutungen recht hatte. Denn dort‹, dachte ich, ›hat man ein für alle Mal dokumentiert, dass sie, die Jüdin, in ihrem Wunsch zu überleben nichts weiter zu erwarten gehabt hätte als ihre Auslöschung.‹«

Fast fünfzehn Jahre nachdem man mir sagte, »das musst du lesen«, bin ich derjenige, der immer wieder aufs Neue ein Buch von Hartmut Lange weiterreicht, die Geschichten dieses Schriftstellers verschenkt, an Verwandte unterschiedlichen Alters, an Freundinnen und Freunde, an Viel- und an Wenigleser, bei garantiert begeisterten Reaktionen. Was lässt die Menschen begeistert zurück? Vielleicht, dass Langes Werk mehr ist als Der Blick aus dem Fenster. Es ist der Blick aus einer Geisteswelt, die unser Leben größer erscheinen, die einen verstehen lässt, was Pascal einst meinte, als er schrieb, der Mensch sei »elend, weil er es weiß, aber er ist groß, weil er weiß, dass er elend ist«. Die Literatur hat ihren eigenen Wahrheitsgrund. Doch nur wenigen Schriftstellern gelingt es, in diesen Grund hinabzuschauen. Hartmut Lange ist einer von ihnen. Er ist groß, weil er weiß, dass wir alle elend sind – und dagegen hilft nicht nur der Glaube an einen Gott, sondern auch der Glaube an die Literatur.

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Jan Drees, geboren 1979, berichtet für Radio (Bayern 2, Deutschlandradio Kultur), Zeitungen (Der Freitag), Magazine (Rolling Stone) über Literatur. Er verantwortet den Blog Lesen mit Links. Zu den zahlreichen Veröffentlichungen zählen zwei Romane (Letzte Tage, jetzt und Staring at the Sun bei Eichborn) und Kassettendeck – Soundtrack einer Generation (Eichborn), sowie Rainald Goetz – Irre als System (Arco).  In diesem Herbst erscheinen von ihm die Geschichten Lanzarote (Sukultur) und Klagenfurt (Literatur Quickie). Er ist Stipendiat der »Graduate School Practices of Literature in Münster« und nutzt seine Nächte für die Arbeit an einer systemtheoretischen Dissertation über den Novellenautor Hartmut Lange.

 

Der Blick aus dem Fenster von Hartmut Lange ist am 26.8.2015 erschienen. Auch als E-Book. Eine Leseprobe gibt es hier.