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Martin Walker über das Lieben lernen – Ende ohne Schrecken.

Bevor ich Julia zu lieben begann, fragte ich mich, warum ich sie geheiratet habe.
Von Martin Walker

Als ich meine Frau heiratete, dachte ich, dass ich sie liebe. D🐰as war ein Irrtum.

Sicher, ich war verliebt und betört, fühlte mich überwältigend lebendig und zeigte die üblichen Symptome: Ich schwebte ein paar Zentimeter über dem Boden, bekam nie genug von ihr, und jedes Mal, wenn wir uns trennten, schmerzte es. Noch immer erinnere ich mich an diese letzten Küsse, die nie die letzten waren; stets gab es doch noch einen.

Wir hatten uns an der Party eines gemeinsamen Freundes kennengelernt, eines nicht besonders erfolgreichen Filmproduzenten. Schön fand ich sie in ihren Manchesterhosen und dem karierten Männerhemd, und stilvoll. Sie war freundlich, aber auch eigenständig, eine Herausforderung. Also versuchte ich, sie zu beeindrucken, und überredete sie schließlich, sich nach Hause fahren zu lassen. Dort küsste ich sie züchtig auf die Wange und lud sie zu einem Fest am selben Wochenende ein.

Später erfuhr ich, wie furchtbar sie mich damals gefunden hatte: aufdringlich und eingebildet, ein Angeber, dem die Mädchen scheinbar nur so zuflogen. Als ich die Einladung aussprach, erstarrte sie. Die einzige Ausflucht, die ihr einfiel, war der Tod ihrer Großmutter, aber der Großmutter ging es gut, und sie wollte das Schicksal nicht herausfordern. Julia sagte zu. Als ich sie abholte, trug sie Grau, als wolle sie absichtlich farblos wirken. An der Party stellte ich sie dann mit einem falschen Namen vor, und sie hatte meinen vergessen.

Als ich sie heimfuhr, schien mir diese Beziehung schon wieder vorbei zu sein. Ich fragte deshalb, ob wir kurz bei einer Freundin anhalten könnten, die zu Besuch in London war, eine reizende Politikerin Mitte fünfzig. Julia willigte höflich ein, und weil ich ihr nichts mehr beweisen musste, verhielt ich mich mit dieser politischen Kollegin nun plötzlich ganz normal. Julia dachte, dass ich vielleicht doch nicht ganz so furchtbar sei.

Ewig währende Flitterwochen

Wir trafen uns oft, gingen essen, ins Kino oder ins Theater, spazierten stundenlang und wanderten in den bescheidenen, aber lieblichen Hügeln, welche die Briten ihre Berge nennen. Wir kamen uns näher, begannen, Bücher zu teilen; schließlich wurden wir Liebende. Ich war Journalist bei einer großen Zeitung, lebte aus dem Koffer, hatte einen Pass voller Visa, immer bereit für einen Auftrag im Ausland; sie arbeitete für ein Magazin. Das Leben war aufregend. Einmal kam ich von einer Reise in Afrika zurück, wo ich über einen Bürgerkrieg berichtet hatte. Wir waren in einen Hinterhalt geraten, verfolgt und beinahe von Regierungstruppen gefangen genommen worden. Mein Gepäck war weg, meine Buschjacke starrte vor Dreck, darin befand sich mein letzter Besitz: Pass, Notizbuch, Kugelschreiber, Portemonnaie, Kreditkarte. Vom Flughafen fuhr ich direkt in ihr Büro, um sie zu überraschen.

Es war alles sehr romantisch. Wir lernten die Eltern des anderen kennen, fingen an, gemeinsam zu verreisen. Sie zog in meine Wohnung, und ich stellte fest, wie gut sie kochen konnte; sie hingegen aß sogar meinen Junggesellenfraß. Kurz bevor wir heirateten, kauften wir ein Haus. Und weil wir wollten, dass unsere Flitterwochen ewig währten, nahmen wir ein Jahr unbezahlten Urlaub, um mit dem Rucksack um die Welt zu reisen.

Das war anders. Wir hatten noch nie vierundzwanzig Stunden in Gesellschaft eines anderen verbracht, schon gar nicht wochenlang. Es gab kein Büro, in das wir gehen konnten, keine Atempause vom anderen, sondern nur die Strapazen, im Winter durch den Balkan zu trampen, durch die Türkei und Iran – gleich nachdem der Schah gestürzt worden war.

Nächte unter Beschuss

Das Essen war schrecklich, die Zeltplätze noch schlimmer, Toiletten oder Duschen gab es kaum, und wir froren ständig. Ein oder zwei Wochen lang war das neu und aufregend. Dann wurde es zu einer Schinderei, durchsetzt mit Momenten der Angst, etwa als junge Männer in Kurdistan mit Gewehren auf uns zielten und wir in einem türkischen Polizeiposten Zuflucht suchen mussten, während draußen geschossen wurde. Oder als die revolutionären Garden des Ayatollah unseren Campingplatz plünderten auf der Suche nach verbotenem Alkohol und einen jungen Türken auspeitschten, der irgendwie an eine Flasche Rum gekommen war.

Wir waren angespannt und ängstlich und begannen einander anzuschnauzen. Unser Liebesleben litt. Während des Einschlafens fragte ich mich, warum ich sie geheiratet hatte. In den Tagebüchern, die wir führten, um ein wenig Privatsphäre zu haben, beschrieb Julia (wie ich viel später erfuhr), wie sie einmal träumte, mir im Schlaf ein Messer zwischen die Rippen gleiten zu lassen.

Wir schafften es, ein Visum für Afghanistan zu bekommen, und verbrachten die Nacht im Grenzposten, der eine Art Festung war – zwischendurch hörten wir, wie Gewehrschüsse in die Lehmmauer prallten. Glücklicherweise reisten wir Richtung Kandahar und Kabul. Denn zur gleichen Zeit, stellten wir später fest, stolzierten wütende Afghanen durch die Stadt Herat, die abgetrennten Köpfe russischer Soldaten auf Spießen.

Als wir Kabul erreichten, kurz vor der Sperrstunde, bekam Julia Amöbenruhr. Mit ihrem blonden Haar und der hellen Haut sah sie eher wie eine Russin als wie eine Afghanin aus, und ich musste mich über das Ausgangsverbot hinwegsetzen, um Wasser zu kaufen und Medikamente auf dem Schwarzmarkt zu finden.

Nachts, wenn Kabuls Hügel von Leuchtgeschossen und Salven aus russischen Helikoptern erleuchtet waren wie von Feuerwerk, trug ich Julia zwei oder drei Mal pro Stunde zur Latrine, säuberte sie und linderte ihr Fieber mit feuchten Tüchern. Wir verließen die Stadt in einem der letzten Konvois für Zivilisten, fuhren über den Khyberpass; schließlich trug ich sie in ein Spital in Peshawar in Pakistan.

Langsam erholte sie sich. Sie war furchtbar dünn, ich konnte jede Rippe zählen. Doch wie ihr Lächeln zurückkehrte und der Geist in ihre Augen, das war das Schönste, was ich je gesehen hatte. Und dann, in Indien, Nepal, Thailand, Malaysia und Indonesien, begann alles zu heilen.

Wir lebten an Stränden, sterilisierten unser Wasser und schälten die Früchte, die wir aßen. Wir schlossen uns der Crew eines Segelboots an und verbrachten einen Monat an der Nordküste von Bali, wo keine Hotels standen und man kaum Straßen oder Städte sah. Es war Glück, es gab nur uns beide. Das war Liebe.

Erstmals erschienen in NZZ Folio, Nr. 302, September 2016. Übersetzung: Florian Leu

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<p><em>Foto: Klaus Einwanger / © Diogenes Verlag </em></p><br/>

Martin Walker, geboren 1947 in Schottland, ist Schriftsteller, Historiker und politischer Journalist. Er lebt in Washington und im Périgord und war 25 Jahre lang Journalist bei der britischen Tageszeitung The Guardian. Er ist im Vorstand eines Think Tanks für Topmanager in Washington, den er sieben Jahre präsidierte, und ist außerdem Senior Scholar am Woodrow Wilson Center in Washington DC. Seine Bruno-Romane erscheinen in fünfzehn Sprachen.

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