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»Fast alle sozialen Kontakte finden bei mir im Rahmen eines Essens statt.« J. Ryan Stradal im Gespräch

<p>Foto: © Franco P Tettamanti</p><br/>

Im Debüt unseres neuen amerikanischen Autors J. Ryan Stradal wird leidenschaftlich gekocht und mit mindestens so passioniert gegessen. Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens ist ein verrückter, ungewöhnlicher Roman über eine junge Frau mit absolutem Geschmackssinn, die zur gefragtesten Köchin Nordamerikas wird. Wir treffen den Autor zu einem Gespräch über die Lust am Essen, das Schreiben und seine Heimat, den Mittleren Westen.

Ist dies das erste literarische Werk, das Sie verfasst haben? Wann und warum haben Sie beschlossen, diesen Roman zu schreiben?

Ryan Stradal: Ich schreibe schon mein ganzes Leben, aber erst mit Ende zwanzig habe ich angefangen, über eine Veröffentlichung nachzudenken. Mit dreißig habe ich das erste Mal eine meiner Geschichten an eine Literaturzeitschrift geschickt, an die Hobart in Michigan. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wieso ich so lange damit gewartet habe – einmal abgesehen davon, dass ich das Gefühl habe, sowohl beim Schreiben als auch beim Lektorieren der eigenen Texte noch viel lernen zu müssen, aber das gilt ja eigentlich für jeden Schriftsteller.

Die Idee zu Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens kam mir im Sommer 2011, nachdem ich in L.A. an einem Pop-up-Dinner teilgenommen hatte, aber einige der Charaktere und Aspekte der Geschichte habe ich schon seit geraumer Zeit im Kopf. Jordy Snelling zum Beispiel trage ich schon seit Jahren mit mir herum, seine Welt habe ich in einigen früheren Texten ein wenig erkundet.

Wie ist dann daraus eine eigene Geschichte geworden?

Ich wusste schon sehr früh, wie das Buch ausgehen soll, die allerletzte Szene stand also von Anfang an fest. Das Menü im letzten Kapitel habe ich auch schon ziemlich zeitig festgelegt, kurz nachdem ich mit dem ersten Entwurf des Romans angefangen hatte. Die komplette Erzählung sollte sozusagen auf dieses Dinner hinauslaufen. Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens ist insgesamt wie ein Rezept aufgebaut, und das nicht nur in Bezug aufs Essen, sondern auch auf die Hauptfigur.

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Wie haben Sie sich auf das Buch vorbereitet? Woher hatten Sie die Rezepte, und welche Rolle hat der US-amerikanische Mittlere Westen dabei gespielt?

Der Mittlere Westen war unglaublich wichtig. Ich hätte diesen Roman nicht schreiben können, wenn ich nicht 22 Jahre meines Lebens dort verbracht hätte. Als Vorbereitung auf das Buch habe ich alle Rezepte nachgekocht und alle Lebensmittel gegessen, die darin vorkommen. Bis auf ein oder zwei Ausnahmen hat die Recherche also großen Spaß gemacht. Die meisten Rezepte habe ich aus einer Sammlung, die Freunde meiner Großmutter Lois Bly Johnson aus North Dakota zusammengetragen haben. Mich auf einer so emotional-sinnlichen Ebene mit meiner Familie und meiner Familiengeschichte zu beschäftigen, hat viele Erinnerungen wachgerufen. Es hat mir aber auch vor Augen geführt, wie anders ich mich als Kind ernährt habe.

Essen spielt im Roman und im Leben der Figuren eine große Rolle. Wie wichtig ist Essen Ihrer Meinung nach im Alltag und in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen?

Sehr wichtig. Fast alle sozialen Kontakte finden bei mir im Rahmen eines Essens statt, egal ob mit alten oder neuen Freunden, ob zu Hause oder im Restaurant. Als Erwachsener in Kalifornien esse ich sehr viel öfter außer Haus als während meiner Kindheit in Minnesota, und das liegt nicht zuletzt daran, dass Essen sich zum Mittelpunkt des sozialen Lebens entwickelt hat.

Haben Sie eine Lieblingsfigur im Buch? Falls ja, welche und warum?

Es fällt mir schwer, mich auf nur eine festzulegen. Aber wenn ich überlege, bei welcher ich das Gefühl hatte, ich könnte ein ganzes Buch über sie schreiben, dann würde ich sagen Pat Jorgenson Prager aus dem Kuchenriegel-Kapitel. Pat ist für mich eine Mischung aus meiner Mom und mehreren anderen Frauen, die in meiner Kindheit eine Rolle gespielt haben, und meiner Meinung nach findet man solche Figuren nicht oft. Manchmal ist es mir sehr schwergefallen, die Charaktere aufzubauen, für das Kapitel über Jordy Snelling habe ich zum Beispiel Monate gebraucht. Aber Pat ist mir nur so aus der Feder geflossen, ohne jede Anstrengung. Ich denke, es war einfach an der Zeit, dass ich über sie schreibe. Ich bin morgens aufgewacht und habe mich schon darauf gefreut, wieder Zeit mit ihr und in ihrer Welt zu verbringen.

Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens

Arbeiten Sie im Moment schon am nächsten Roman oder vielleicht an einem zweiten Band?

Ja, der erste Entwurf für einen neuen Roman ist beinahe fertig. Gut möglich, dass ich noch eine Menge daran ändere, deshalb möchte ich noch nicht allzu viel darüber sagen. Nur dieses: Es ist eine tragische Familiengeschichte, die mehrere Generationen umspannt, und sie spielt ebenfalls im Mittleren Westen. Es sind Verwandte von Pat Prager. Im Moment sind die Hauptfiguren Pats Mutter Edith und Pats Nichte Diana, die Tochter ihres großen Bruders Mark, der in Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens kurz erwähnt wird. Das Schreiben war für mich sehr anstrengend, hat aber auch Riesenspaß gemacht. Ich freue mich so, dass ich wieder jeden Tag mit Pats Familie zu tun habe, diese Figuren überraschen mich mit ihrer Großzügigkeit und Widerstandskraft stets aufs Neue.

Interview mit J. Ryan Stradal von Carina Stransky, Diogenes Verlag, 4.8.2016
© by Diogenes Verlag AG Zürich. Aus dem Amerikanischen von Jenny Merling.

Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens ist am 24.08.2016 erscheinen. Aus dem Amerikanischen von Anna-Nina Kroll. Mit sieben Rezepten. Auch als ebook.

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J. Ryan Stradal, geboren 1975, wuchs in Hastings, Minnesota, auf. Er studierte Film, Fernsehen und Radio an der Northwestern University. Seitdem erschienen seine Kurzgeschichten in zahlreichen Zeitschriften und Magazinen. Er selbst ist Lektor, Redakteur bei einem Literaturmagazin und Produzent von Fernsehserien für VH1, MTV, Discovery und History Channel. J. Ryan Stradal lebt in Los Angeles, Kalifornien.

Tags Debüt