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Niklaus Meienberg  |  Zunder  |  Taschenbuch, 224 Seiten | € (D) 8.90 / sFr 15.90* / € (A) 9.20

detebe 22775 Broschur, 224 Seiten
Erschienen in April 1995

ISBN 978-3-257-22775-8
(D) 8.90 / (A) 9.20
sFr 15.90*
* unverb. Preisempfehlung

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Niklaus Meienberg
Zunder

Überfälle, Übergriffe, Überbleibsel

In ›Zunder‹ notiert Meienberg verschiedenartigste Gewalttätigkeiten, harsche Wirklichkeiten und geplatzte Träume. Es ist die Rede vom angeblichen Sieg der Alliierten im sauber präsentierten Golfkrieg, von unserer Gewöhnung an das tägliche Gemetzel und vom Tod der Mutter. Außerdem enthält ›Zunder‹ einen Brief an Salman Rushdie und einen anderen an den Chefredakteur von ›Oslobodjenje‹ in Sarajewo.

Mehr zum Inhalt

Die Ideologien sind zertrümmert, Gewissheiten verdampfen, den Medien kann man nicht trauen. Nichts ersetzt den Augenschein. Der Reisende Meienberg war seit 1991 widersprüchlichsten Eindrücken ausgesetzt und versucht, die Spuren des Wahnsinns zu entziffern, notiert die verschiedenartigsten Gewalttätigkeiten, harsche Wirklichkeiten und geplatzte Träume: die triumphal schäumende Siegesparade in Washington (nach dem Golfkrieg), den ethnischen Wahn in Karabach, die Angst im Strudel von Algier, die Entkörperlichung von Paris (Zerstörung von Paris), die Demontage (den Selbsthass) einer marxistischen Autorität namens Louis Althusser, die »verschiedenen Heimaten«, welche dem Schreibenden abhanden gekommen sind, die phantastischen Grenzen seiner Kindheit, einen Überfall auf seinen Verstand, während eines Esoterik-Seminars, und den Überfall auf seinen Körper im biederen Quartier von Zürich-Oerlikon. Er schreibt einen Brief an den tödlich bedrohten Salman Rushdie und einen andern an den Chefredakteur von ›Oslobodjenje‹, in Sarajewo, der seine Zeitung unter Todesgefahr macht. Von der Aufmerksamkeit des Staates, der ihn wahnsinnig blödsinnig überwacht hat, und vom Tod der Mutter ist die Rede. Ein bisschen viel Tod? Der lässt sich durch das Schminken der Zustände nicht aus der Welt schaffen, so vermutet der Reporter. Er hat ihm die Sprache nicht verschlagen. Und, so denkt vielleicht der Leser dieser Reportagen aus drei Kontinenten: Vielleicht gibt es einen Zusammenhang zwischen dem angeblichen Sieg der Alliierten im sauber präsentierten Golfkrieg und dem aufblühenden Fundamentalismus in Algerien; zwischen der Misere im Maghreb und dem Rassismus in den Vorstädten von Paris; zwischen dem Einsturz des marxistischen Denkgebäudes (Louis Althusser) und dem Wuchern der Esoterik (im Berner Oberland); zwischen der ethnischen Säuberung in Karabach, an die wir uns gewöhnt haben, und unserer Gewöhnung an das tägliche Gemetzel in Bosnien. Der Flickenteppich, das Gewebe, welches Meienberg uns hier schildert, hat einen gemeinsamen Nenner und einen Webfehler. Der Reporter ist ausgezogen, um dem Verschwinden der Wahrnehmung ein wenig abzuhelfen.

StimmenAlle anzeigen

»Meienberg in den besten Reportagen (über Paris, Algier, ›Die Eingeschlossenen von Karabach‹) und in den meisten der autobiographischen Texte: eine Melancholie des Reporters und Schriftstellers, die sich ganz persönlich und angreifbar darstellt und weit über Anlaß oder Auftrag hinaus halt- und achtbar ist. Die von ihr durchsetzte Prosa Meienbergs bleibt sehr wohl lesens-, wiederlesenswert.«Basler Zeitung

»›Wargasm on Constitution Avenue‹ heißt die Reportage, die Meienberg über den amerikanischen Siegestaumel schrieb. Sie gehört zu den eindrücklichsten Texten des Buches, weil sie die Arroganz der Macht bis in kleinste Einzelheiten hinein präzis beobachtet und deren Unverfrorenheit allein schon dadurch als solche entlarvt:›Wargasm on Constitution Avenue‹ ist trostlose Realsatire.«Berner Zeitung

»In seiner Geschichte über ›Die Eingeschlossenen von Karabach‹ zeigt sich Meienberg als der genaue, scharfe Beobachter, so wie wir ihn kennen. In einer hervorragenden Reportage über Algerien nach dem Regierungsputsch (›Im Strudel von Algier‹) beschreibt er, weshalb der islamistische FIS so viel Unterstützung gewinnen konnte und der FLN so viel Boden verlor. Mit seinen Beobachtungen am Rande der US-amerikanischen ›Mutter aller Paraden‹ nach dem Sieg im Golfkrieg demaskiert er die Arroganz der Macht (und man staunt, wie Meienberg einfach in die Vorfeier der Militärs spazieren konnte, um deren überaus tiefsinnigen Small talk zu protokollieren). Wunderschön sein Bericht über eine Meditationswoche für Führungskräfte mit Chakra-Übungen und anderem Unsinn im Berner Oberland (danach weiß man, wo die Millionen hin sind, die jetzt angeblich zur Arbeitsplatzsicherung fehlen). Und dann das Porträt seines geliebten Paris, aus dem die kleinen Leute verdrängt werden. — In diesen fünf Beiträgen ist Meienberg at his best.«Die WochenZeitung

»Eine Eule war er auch, ein Uhu, wie ihn Roland Topors Bild auf dem Umschlag seines letzten Reportagen-Bandes zeigt. Leidenschaftlich jagte er in dunklen Archiven, mit ausgefahrenen Krallen, in den gesperrten Bezirken der Vergangenheit. (...) Ein Uhu, wamsrund auch von Wissen, Sprachen, gelehrten Sachen. (...) Ein Bär außerdem, ein Meienbär, unwirsch, schwertatzig, witternd, jähzornig. (...) Ein Kater dann, ein Kater wie Tucholsky einst, mit gleicher Geistes-gegenwart, mit gleicher Federlust und Eleganz, und lebenstoll. Das alles in einem: ein Fabeltier. Und staunend schauen wir ihm nach.«Die Zeit

»Wie Joseph Roth, dem auch alle Dinge zur persönlichen Angelegenheit wurden, sah er seine Rolle nicht in der eines bloß objektiven Beobachters. ›Faction‹ nannte er zuweilen sein schreibendes Verfahren, womit er deutlich machen wollte, daß er die Ereignisse immer erst mit seinem ›Hirnkino‹, wie er das nannte, abglich, bevor er sie zu Papier brachte. Die Nähe zum amerikanischen ›New Journalism‹ ist dabei unverkennbar, wenn auch Meienbergs Texte ein viel polemischer, zuweilen offen aggressiver Ton auszeichnet. Dabei kommt jeder Text dieses Bandes einer Ortsbestimmung gleich.«Hessischer Rundfunk

»Für mich ist Meienberg vor allem ein großer Prosaautor. Wo diese Prosa schließlich erschienen ist, das ist gleichgültig. Das ist ähnlich wie bei Heine. Heinrich Heine hat einen großen Teil seines Werks für Zeitungen geschrieben. Das gehört heute zur verbindlichen deutschen Prosa. (...) Bei Meienberg gingen Prosa und Lyrik nebeneinander. So wie er als Journalist Künstler war, konnte er sich auch in einem anderen Medium ausdrücken. Dabei sprengte auch seine Art, Gedichte zu schreiben, ständig den Rahmen des rein Privaten. Auch seine Gedichte waren aktuell, zum Teil auch aggressiv. Und er hat in seinen Gedichten mit ähnlichen Themen, Motiven und Wirkungen gespielt wie in seinen Reportagen.«SonntagsZeitung

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