Martin Suter, geboren 1948 in Zürich, ist Schriftsteller, Kolumnist (er schrieb die wöchentliche Kolumne Business Class und verfasste die Geschichten um Geri Weibel) und Drehbuchautor (u.a. schrieb er das Drehbuch zu dem Film Giulias Verschwinden, 2009). Bis 1991 arbeitete er als Werbetexter und Creative Director, bis er sich ausschließlich fürs Schreiben entschied. Seine Romane – zuletzt erschien Der Koch – sind auch international große Erfolge. 2011 erschien der Auftakt zu seiner Krimiserie, Allmen und die Libellen. Martin Suter lebt mit seiner Familie in Spanien und Guatemala.
»Martin Suter hat mit Allmen und die Libellen mal wieder ein kleines Meisterwerk geschaffen – mit einem Ermittlerduo, das einfach in Serie gehen muss!«
Brigitte, Hamburg
»Schönes Buch. Und was beinah noch schöner ist: Martin Suter wird die Sache mit Allmen und den Libellenschalen fortsetzen.«
Christine Westermann / WDR 2, Köln
»Suter schreibt so lässig und ironisch elegant, wie Allmen lebt. Johann Friedrich von Allmen ist kein gewöhnlicher Detektiv, aber ein echter Suter-Held.«
Martin Halter / Tages-Anzeiger, Zürich
»Suter schreibt unterhaltsam, temporeich und man teilt seine Sympathie für dieses Duo. Ein beeindruckendes Debüt einer Krimiserie.«
Nicole Golombek / Stuttgarter Nachrichten
»Martin Suter hat ein untrügliches Gespür für Komposition und Spannungsaufbau; er lässt seine Figuren zwei, drei Sätze sagen oder ein paar Handbewegungen machen, und schon treten sie in schönster Anschaulichkeit hervor; und er entwickelt seinen Plot bald zügig, bald in aufreizender Gemütlichkeit. So beschert einem die Lektüre Stunden grusliger Gemütlichkeit in Gesellschaft eines etwas heruntergekommenen Dandys und seines liebenswürdigen Butlers, die beide die Kunst des Hoch- und Tiefstapelns mit Stil und eleganter Vollendung beherrschen.«
Roman Bucheli / Neue Zürcher Zeitung
»Das ist, was uns schon lange gefehlt hat, ohne, dass wir's wahrhaben wollten. Die Wiederbelebung des eigentlich erzbritischen Gesellschaftskrimis. Da hat alles Konsequenz und Eleganz, Ironie und eine im genau richtigen Maß melancholisch angegraute, immense Leichtigkeit. So souverän, so überzeugend war Suter noch nie. So kann's weitergehen.«
Elmar Krekeler / Berliner Morgenpost
»Mit dem ersten Auftritt Allmens ist Martin Suter weit mehr gelungen als nur eine Variation auf das Thema Ermittlerduo. Der Roman liefert gewissermaßen die Backstory, die erklärt, wie das Ermittlerduo zu einem solchen wurde. Mit Allmen und die Libellen hat Martin Suter einen Schuldschein ausgestellt, den wir, die Gläubiger, nach allem, was wir bisher sehen, für gedeckt halten müssen. Die Lieferung der nächsten Rate erwarten wir pünktlich. ›Sonst …!?‹«
Georg M. Oswald / Die Welt, Berlin
»Man könnte sich wenig Entspannenderes vorstellen als einen zweiten Roman mit diesem Gespann in den Hauptrollen.«
Sebastian Hammelehle / Spiegel Online, Hamburg
»Klug und lebensnah. Allmen, das sind wir alle. Ein bisschen jedenfalls. Martin Suter ist ein feiner Beobachter kultureller Eigenheiten. Die Eingeborenen der Zürcher Goldküste waren in seinem Werk steter Quell der Leserfreude. Suter kennt sich aus in vielen.«
Britta Heidemann / Der Westen, Essen
»Hochstapler Allmen ist eine typische Suter-Figur, verstrickt in Halbwahrheiten und komplizierte Beziehungen. Suters fein abgestimmte Mischung aus Spannung und Humor macht Lust auf weitere Folgen der Allmen-Reihe.«
Christian Baulig / Financial Times Deutschland, Hamburg
»Ein raffiniertes Katz-und-Maus-Spiel, in dem wenig so ist, wie es scheint.«
Focus, München
»Martin Suter erzählt mit viel Fabulierfreude von den Abenteuern seines amoralischen und dabei unterhaltsamen Helden und dessen treuen Gehilfen. Gert Heidenreich liest den Roman in gewohnt kunstvoller Weise. Er zählt zweifelsohne zu den besten Sprechern im Lande. Man kann ihm mit großem Vergnügen zuhören. Und so macht hier das Zuhören fast noch mehr Spaß als das Lesen.«
Margarete von Schwarzkopf / NDR 1, Hannover
»Es ist, als ob P.G. Wodehouse Urlaub in der Schweiz gemacht und mit Blick auf den Zürichsee einen Roman geschrieben hätte. Gute Unterhaltung auf bezaubernd altmodische Weise – zu lesen am besten im Stammcafé.«
Annemarie Stoltenberg / NDR Kultur, Hannover
»Suter setzt auch diesem Buch wieder seinen unverkennbaren Stempel auf. Schreibt schnörkellose Sätze in kurzen Kapiteln. Tanzt erzählerisch federleicht durch einen Unterhaltungsstoff, dem es weder an Sinneseindrücken noch an Witz noch an Schlauheit mangelt. Das hat Klasse. Suter hat angekündigt, weitere Gaunereien folgen zu lassen. Wir ermitteln gerne mit.« Christian Mückl / Nürnberger Zeitung
»Allmen begegnet wirklich armen Leuten, muss zum ersten Mal selbt im Supermarkt einkaufen und scheitert. Am Ende sieht sein Konto ungefähr so mies aus wie am Anfang. Das lässt uns hoffen, dass Allmen weiterermitteln wird. Wir haben noch viel zu lernen übers schöne, langsame Leben in der Schuldenfalle.«
Elmar Krekeler / Berliner Morgenpost
»Irgendwo zwischen launiger Gaunerkomödie und spannendem Thriller hat Martin Suter einen Platz für seine Allmen-Romane eingerichtet. Und bietet damit luftig leichtes Lesevergnügen.« Peter Mohr / Wiener Zeitung
»Das auf hohem Niveau verarmte, aber an eleganten Kontakten und Vertrauensvorschüssen reiche Stehaufmännchen bietet zwischen High Society, Halbwelt und dandyhafter Lebenslust Unterhaltungsstoff pur.« Nürnberger Zeitung
»Ein durchaus originelles Duo hat sich Martin Suter da ausgedacht, das in keine der herkömmlichen Schubladen passt.«
Andrea Gerk / NDR Kultur, Hannover
»Martin Suter zeigt wieder, was er anderen voraushat: Souveränität im Erzählen. Das reicht von einer sicheren Hand beim Skizzieren des Personals, das er überschaubar hält, bis zu den Handlungsfäden und -strängen. Hier ist nichts grob zusammengezimmert. Alles fließt. Es bereitet Vergnügen, dem zunehmend liebenswerten Teilzeit-Privatier beim Snobben zuzuschauen, das ihn immer mal an den Rand eines Abgrunds führt.« Janina Fleischer / Leipziger Volkszeitung
»Kaum kreiert, ist Martin Suters Ermittlerduo schon Kult.« Dagmar Kaindl / News, Wien
Sie möchten einige Fakten über Allmen erfahren? Hier sein Steckbrief:
Name: Johann Friedrich von Allmen (eigtl. Hans Fritz von Allmen, aber er wollte seinem Namen das Bäurische nehmen und ließ ihn veredeln).
Alter: »Er mochte etwas über vierzig sein. Sein gutgeschnittenes Gesicht hätte eine etwas weniger platte Nase verdient.«
Familie: Vater, Kurt Fritz von Allmen, war gelernter Landwirt, der mit 62 starb, vergessen hatte sein Testament zu machen und somit alles seinem Sohn hinterließ, der es durchbrachte. Zu Lebzeiten war er »stolz auf seinen studierten Sohn und auch darauf, es ihm ermöglichen zu können, dass dieser es besser hatte als er damals.« Sein Geld machte er, indem er »systematisch Landwirtschaftsgrundstücke potentieller Einzugsgebiete« suchte und billig kaufte, um sie dann, wenn sie für Wirtschaft oder Politik interessant wurden, teuer zu verkaufen. Besaß im Gegensatz zu Allmen Umsicht und Geldverstand, dafür jedoch keine Weltgewandheit. Allmens Mutter war eine »stets kränkelnde und früh verstorbene sanfte Frau«, die sich ganz den Meinungen und Gewohnheiten ihres Mannes unterwarf. Allmen hat keine großen Erinnerungen an sie.
Wohnort: Früher in der Villa Schwarzacker, nun in deren Gärtnerhaus mit angeschlossenem Treibhaus (in dem sich Allmens Bibliothek befindet), nachdem er die Villa an eine Treuhandfirma verkauft hat (die Firma ist nur tagsüber und unter der Woche vor Ort, weshalb Allmen sich für sie entschieden hatte).
Isst: Oft, und gerade wenn das Geld knapper wird, kocht Carlos sein »Heimwehessen«: Schwarze Bohnen, frijoles. Dazu guacamole, gebratene Hackplätzchen (die bei noch weniger Geld aber auch wegfallen) und Maisfladen, tortillas. Gehört jedoch nicht zu Allmens Lieblingsspeisen. Da er von Carlos nur zum Mittag bekocht wird, geht er abends gern ins Promenade essen. In Hotels lässt er sich zudem schon gern mal ein Clubsandwich aufs Zimmer kommen.
Auch im Diamenten-Fall beweist Carlos wieder seine Kochkünste, wenn Allmen sich nicht gerade im Hotel verwöhnen lässt. An einem Tag etwa ist so warm, dass »Carlos Ceviche gemacht hatte: in Limettensaft, Chili, Koriander, Ingwer und Zwiebeln marinierter roher Fisch.«
Oder er macht »Coq au Vin - eine von Allmens Lieblingsspeisen: Das Hühnerfleisch war dunkelrot und fiel von den Knochen, die Polenta war übergossen mit der sämigen Weinsauce, in der Speckwürfel und Perlzwiebeln schwammen.«
Trinkt: Margaritas vor der Oper.
Bordeaux.
Abends manchmal ein Bier in der Bar des Confédération.
Nie aus der Minibar. Denn Alkohohl zu trinken ist für ihn ein »öffentlicher Akt. Und das war immer dann gewährleistet, wenn mindestens eine zweite Person beteiligt war. Und sei es auch nur beim Einschenken«. Das hatte er von seinem Vater gelernt, der nach seinem ersten Rausch und dem darauf folgenden entsetzlichen Kater gesagt hatte: »Saufen darfst du. Aber nie allein.«
Nach dem Aufwachen am Morgen trinkt Allmen immer eine Kanne Tee, die ihm Carlos ans Bett stellt.
Zum täglichen Frühstück um halb elf im Viennois dann zwei bis manchmal drei Schalen Milchkaffee.
Im zweiten Fall lernen wir ganz neue Trinkgewohnheiten an Allmen kennen, etwa wenn er ins Wilton Arms, sein Lieblingspub in Knightsbridge geht und »zwei herrliche lauwarme, randvolle, schaumfreie half pints of bitter« trinkt.
»Carlos stand auf, nahm die Flasche Aigle aus dem Eiskübel, wischte sie mit der Serviette trocken, die über dem Flaschenhals gelegen hatte, und schenkte Allmen in korrekter Kellnerhaltung nach. Dann setzte er sich und war wieder Gast.«
In einem Nachtclub namens Lonely Nights, in den es Allmen zu Recherchezwecken verschlägt setzte er »sich an die Bar und bestellte Wodka Perrier mit Eis und Zitrone.
Die Barfrau, eine mütterliche Blondine mit viel Make-up und Glitter, sagte: ›Geht auch ein anderes Wasser?«, was eigentlich nicht geht, aber Allmen will sich mit der Dame gutstellen. Später bestellte er dort »eine Flasche Dom Pérignon und musste erfahren, dass im Lonely Nights die Skala nur bis Veuve Clicquot reichte. CHF 270.«
Aber im Hotel Grand Duc in Heiligendamm gibt es Getränke nach Allmens Geschmack: »Sogar einen seiner Lieblingsweine aus dem Priorat fand er: Den Clos Martinet 1993.« Und an der Hotelbar trinkt er »einen Singapore Gin Sling, den ihm der Barmann auf seinen Wunsch mit etwas weniger Cointreau und Grenadine, dafür mit etwas mehr Angostura zubereitete. Ein Trick, den ihm einst ein Bartender im Raffles in Singapur verraten hatte. Es machte den Drink etwas trockener.«
Und wenn sich die Dinge überraschend entwickeln bestellt Allmen sich gern ein »Glas Champagner. Gegen das Herzklopfen. Nach dem zweiten Glas hatte das Herzklopfen aufgehört, und die Mischung aus Euphorie und Sorglosigkeit, für die er dieses Getränk so liebte, hatte sich eingestellt.«
Vor dem Mittag serviert Carlos »ihm seinen Sherry. Allmen trank den Sherry aus und verlangte, ganz gegen seine Gewohnheit, einen zweiten. Carlos schenkte nach.«
In der Golden Bar genießt Allmen mit einem alten Freund am frühen Abend »Campari Soda, das Getränk für vorgezogene Apéros.«
Gewohnheiten & Eigenschaften:
Gibt immer Trinkgeld, trotz permanenter Geldnot, denn er »hatte gelernt, das bisschen Geld, über das er noch verfügte, in seine Kreditwürdigkeit zu investieren anstatt in seinen Lebensunterhalt«.
Macht jeweils, wenn er zu Geld kommt, seine »Runde« – um offene Rechnungen und Schulden zu begleichen, und um sein »Blumengeschäft, seinen Coiffeur und seine Buchhandlung« mal wieder aufzusuchen.
Ist ein »talentierter, wenn auch schludriger Pianist« und darf einen Bechstein-Stutzflügel sein Eigen nennen (wenn auch nicht andauernd).
Lässt sich immer von Herrn Arnold in dessen Taxi, einem 1978er Fleetwood Cadillac, herumfahren. (Herr Arnold nimmt netterweise jeweils das Taxi-Schild vom Dach).
Meistens gelingt es ihm »so lange vor unangenehmen Tatsachen die Augen zu verschließen, bis sie aus seinem Bewusstsein« verschwinden.
Allmen hat bei Hotelaufenthalten immer seine Reisepantoffeln dabei.
Vor der Oper trinkt er stets zwei Margaritas in der Goldenbar, wo sein Stammplatz am hinteren Ende der Bar ist. Nach der Oper geht es dann im Normalfall, um eine Kleinigkeit zu essen, ins Promenade.
Im zweiten Band erfährt man einige Neuigkeiten über Allmens Gewohnheiten und auch Fähigkeiten. So beherrscht er beispielsweise die Kunst der Stenographie:
»Dann wandte er sich seinem Blatt zu und machte sich eine stenographische Notiz.
Er hatte in seiner Zeit als internationaler Bummelstudent einen Stenographiekurs nach Stolze-Schrey absolviert. Nicht weil er sich davon einen direkten Nutzen versprach, sondern weil er damit unter seinen Mitstudenten und bei seinem Vater Aufsehen zu erregen hoffte.«
Auch gibt es neue Beweise für seine gute Erziehung: »Er nahm seinen Drink, prostete der Bardame zu und wandte sich der Tänzerin zu. Die Show bestand aus einer unerotischen Aerobiknummer, die ihn kalt ließ. Trotzdem sah er mit höflichem Interesse zu. Das tat er immer, wenn sich jemand die Mühe machte, ihm etwas darzubieten. Auch während der schon tausendmal gesehenen Sicherheitsinstruktionen des Boardpersonals vor dem Start las er weder Zeitung noch sah er aus dem Fenster. Es war für ihn eine Frage des Respekts. Wer sich die Mühe machte, Allmen etwas vorzuführen, hatte das Recht auf seine Aufmerksamkeit.«
Und auch Pünktlichkeit ist ihm ein Anliegen. »Allmen war etwas früher dort, wie immer zu Verabredungen. Eine Geste der Höflichkeit, die ursprünglich für Damen bestimmt gewesen war, die er aber längst auch auf Männer ausgedehnt hatte.«
Sein Umgang mit Geld hat sich jedoch nicht verbessert. »Die Spesenabrechnung war ein Dauerthema. Es war gegen Allmens Natur, Spesenbelege zu sammeln. Das war etwas für Krämer. Den Mann von Welt interessiert es nicht, wofür sein Geld draufgegangen ist.«
Im Hotel Grand Duc hatte Allmen »das Degustationsmenü bestellt, etwas, was er gerne tat zu Beginn eines längeren Hotelaufenthaltes. Es war nicht nur ein Vertrauensbeweis an den Chef de Cuisine, es verschaffte ihm auch einen guten Überblick über dessen Stärken und Schwächen.«
»Allmen beging auch bei warmen Wetter nie den Stilbruch, kurze Ärmel unter dem Jackett zu tragen, aber leichte Sommerhemden mit einfachen Manschetten und simplen Perlmuttknöpfen schon.«
Zum Glück hat Allmen seinen Bechstein wieder im Gewächshaus, der ihn immer mal wieder zur Ablenkung dient. Er »wäre in Gedanken wohl ebenfalls beim Geheimnis des rosa Diamanten gewesen, wenn er sich nicht mit den Nocturnes abgelenkt hätte. Nicht jede Form des Klavierspiels taugte zur Ablenkung. Wenn er einfach so aus seinem Repertoire vor sich hinklimperte, verließen seine Gedanken bald einmal die Musik, begannen zu wandern, und eh er sich’s versah, landeten sie wieder dort, von wo er sie hatte weglocken wollen. Aber wenn er vom Blatt spielte, brauchte er jeden seiner Gedanken. Das tat zwar seinem Spiel nicht gut, aber es enthob ihn, wie sonst nur das Lesen, der Wirklichkeit.«
Wie wird man vom Millionenerben zum charmanten Gauner, der ewig pleite ist?
Hier Allmens Werdegang:
Allmen besuchte eine exklusive »Boarding School in Surrey, in die ihn sein Vater auf eigenen Wunsch mit vierzehn geschickt hatte. Allmen wollte dem, wie er es nannte, bäurischen, neureichen Mief seiner Familie entfliehen.«
Dort »gehörte der Umgang mit Schulden zum inoffiziellen Teil der Ausbildung. Sie waren nichts Ehrenrühriges. Im Gegenteil, es förderte die Reputation, welche zu haben. Die Schulordnung limitierte aus pädagogischen Gründen das Taschengeld der Schüler, was zu einem regen Geldleihverkehr führte. Man gab an mit seinen Schulden, bewunderte die, die die höchsten hatten, stundete sie, stotterte sie ab, beglich sie aber stets mit Eleganz und Nonchalance.«
In dieser Zeit und auch später hatte er »das Leben eines internationalen Bummelstudenten geführt, bis ihn der Treuhänder seines Vaters von dessen plötzlichem Tod unterrichtete.«
Danach brachte er gekonnt alle geerbten Millionen durch und später, als »Allmens finanzielle Schwierigkeiten ihn zum Handeln zwangen, wurde er vom Kunden zum Lieferanten« in dem Antiquitätengeschäft von Jack Tanner. »Er verkaufte Tanner immer wieder Stücke aus seiner Sammlung. Der war zwar knauserig, aber was ihm an Großzügigkeit fehlte, machte er durch Diskretion wett.
Im Lauf der Zeit war Allmens Vorrat an verzichtbaren Stücken so geschrumpft, dass er begann, auf Flohmärkten und in Provinzläden auf die Jagd nach verkäuflichen Stücken zu gehen. Aber Jacks Preispolitik drückte so schwer auf Allmens Marge, dass er nach einer anderen Lösung suchen musste. Per Zufall fand er sie in einem Antiquitätengeschäft im Elsass. Er kaufte eine kleine Madonnenstatue, und während der Verkäufer damit beschäftigt war, sie zu verpacken, dachte Allmen: Ich könnte dem jetzt unbemerkt diese Rosenthal-Figurengruppe klauen, wenn ich wollte. Und dann wollte er.«
Schließlich kommt es so weit, dass Allmen seine geliebte Villa Schwarzacker verkaufen muss, und er ins Gärtnerhaus zieht: »Auf den Deal mit dem Gärtnerhaus war er stolz. Als er schließlich auch die Villa Schwarzacker verkaufen musste, war er auf die Idee gekommen, sie dem Interessenten zuzuschlagen, der damit einverstanden war, ihm hier ein lebenslängliches Wohnrecht zu gewähren. Mehrere Interessenten wären darauf eingegangen, aber er hatte den Zuschlag der Treuhandfirma gegeben, weil ihm die Vorstellung, dass er nachts und an Wochenenden für sich allein sein würde, gefallen hatte. Und weil der Firmenchef damit einverstanden gewesen war, ihm den größten Teil der Bücherwände der Bibliothek zu überlassen.« Und seine Post lässt er nur an ein Postfach gehen, denn es ist ihm lieber, dass seine Gläubiger nicht wissen, wo er wohnt.
Dann jedoch kommt der Brief von Dörig, einem grobschlächtigen und brutalen Mann, bei dem er auch Schulden hat: »12 455.– inkl. Zinsen. Letzte Frist Mittwoch!! Sonst…!!!«
Gezeichnet: »H. Dörig«. Das lässt sich nicht so gut verdrängen, wie die sonstigen Probleme und »Wenn er ehrlich mit sich war – ein sehr seltenes Ereignis in Allmens Leben –, dann musste er zugeben, dass er ziemlich am Ende war. Nein, nicht ziemlich. Er war am Ende, Punkt.«
An einem seiner Opern-Abende lernt Allmen schließlich Joëlle kennen, Jojo genannt. »Sie mochte Ende dreißig sein, keine besonders schöne Frau, aber das wusste sie geschickt zu verbergen. Die Ponyfransen, die am Haaransatz etwas auftoupiert waren und bis zur Nasenwurzel fielen, verbargen ihre niedrige Stirn. Die kleinen engstehenden, aber wunderbar smaragdgrünen Augen waren durch schwungvolle Lidstriche vergrößert. Sie hatte eine hübsche knabenhafte Figur und bewegte sich selbst im Gedränge der zu ihren Plätzen strömenden Premierenbesucher mit tänzerischer Anmut.« Jojo entpuppte sich als seine Begleitung zur Premiere von Puccinis Madame Butterfly, die – statt wie sonst Jack Tanner – den untervermieteten zweiten Platz neben Allmen einnehmen würde. Und nicht nur den:
Sie schleppt ihn ab wie eine Löwin ihre Beute – in die See-Villa ihres Vaters.
Diese durchstromert Allmen von seiner Blase und Schlaflosigkeit getrieben (gestört durch Jojos Schnarchen und verstört, da er »die Zuneigung, die er sich zuvor eingeredet hatte und ohne die er nicht mit einer Frau ins Bett gehen konnte« überhaupt nicht mehr verspürt) und findet »keine Toilette, sondern ein Zimmer von etwa der gleichen Größe wie Jojos Schlafzimmer. Es war früher wohl auch eines gewesen und hatte das Bad mit dem anderen geteilt. Jetzt war es ein Ausstellungsraum. Das Licht, das Allmen angeknipst hatte, drang aus schlichten Glasvitrinen wie jener, die vor der Tür platziert war. Wie Aquarien waren sie um einen einsamen Ledersessel gruppiert, vor dem ein kleiner Glastisch stand.
Ihr Inhalt bestand aus einer Sammlung von Jugendstilgläsern. Vasen, Lampen, Schalen. Unverkennbar – sogar für Allmen, der nicht besonders viel von Jugendstilgläsern verstand – stammten alle aus der Hand des legendären Emile Gallé. Ohne Zögern ging er auf die Vitrine mit den Libellenschalen zu. Sie war verschlossen, aber der Schlüssel steckte.«
Und wie könnte Allmen da widerstehen… Vielleicht hätte er widerstanden, wenn er gewusst hätte, was ihn alles erwarten würde.
Allmens Alltag wäre ohne ihn nicht möglich – Carlos ist Koch, Retter und Kompagnon in allen Lebenslagen
»Er hatte glattes, sorgfältig gescheiteltes blauschwarzes Haar und die Gesichtszüge eines Mayas. Er trug ein weißes Kellnerjackett zu einem weißen Hemd, eine schwarze Hose und einen schwarzen Schlips.«
»Carlos kam aus Guatemala. Allmen hatte ihn kurz nach dem Tod seines Vaters beim Besuch eines Freundes kennengelernt. Er wohnte bei dessen Eltern in Antigua, in einer Kolonialvilla mit vielen zauberhaft bepflanzten Patios. Eines Tages kam dieser propere, höfliche Gärtner und bat ihn sehr gewunden, ihn in seine Heimat begleiten zu dürfen. Allmen hatte kurz zuvor die Villa Schwarzacker erstanden und sich die Zeit bis zur Beendigung der Renovierung mit einer Reise durch Mittel- und Südamerika vertrieben, auf deren letzter Station er sich damals befand. Die Villa brauchte einen Gärtner, und er sagte kurzentschlossen ja. Carlos bewährte sich, aber die Sache mit der Aufenthaltsbewilligung hatte Allmen unterschätzt. Nach drei Monaten sah er sich gezwungen, seinen Gärtner zum Flughafen zu fahren und sich schweren Herzens von ihm zu verabschieden. In drei Monaten würde er ihn wieder für weitere drei Monate einfliegen lassen. Wenige Stunden nach diesem Abschied stand Carlos wieder vor dem Tor der Villa. Er war nicht geflogen. Und ab sofort illegal im Land. Er wohnte im Gärtnerhaus bei Kost und Logis und bezog viertausend Franken im Monat – von der Hälfte konnte seine vielköpfige Familie zu Hause komfortabel leben. Im Laufe der Zeit war Allmens finanzielle Situation immer prekärer geworden, sein Personalbestand immer kleiner und dadurch das Pflichtenheft von Carlos immer dicker. Zuletzt war er nicht mehr nur der Gärtner, er kochte, servierte, bügelte, putzte, reparierte, improvisierte, log für Allmen und wurde immer unentbehrlicher. An jenem Abend, als er Carlos eröffnete, dass er die Villa verkaufen, ins Gärtnerhaus ziehen und sich von ihm trennen müsse, nickte dieser nur, sagte: »Muy bien, Don John« und zog sich ins Gärtnerhaus zurück. Aber am nächsten Morgen, als Allmen am Frühstückstisch saß und Carlos ihm Kaffee nachschenkte, sagte er in seiner formellen Art: »Una sugerencia, nada más.«
Das hieß »eine Anregung, mehr nicht« und bedeutete das Gegenteil. Carlos würde ihm einen sehr ausgereiften Plan unterbreiten, von dem er nicht abzubringen sein würde. Diesmal lautete er: Allmen wird ihn als Gärtner und Hauswart an den Käufer vermitteln, und er, Carlos, wird in die Mansarden des Gärtnerhauses ziehen und weiterhin für Don John arbeiten.«
»Cómo no« war Carlos’ Art, ja zu sagen. Es bedeutete mehr als ja. Es bedeutete: sicher, selbstverständlich, unbedingt. Die Antwort kam rasch, wie die meisten von Carlos’ Antworten. Es war, als besäße er einen großen Vorrat an fixfertigen, abrufbaren Antworten auf alle Fragen des Lebens.«
»Die Beziehung zwischen Allmen und Carlos war immer eine respektvoll distanzierte gewesen. Obwohl sie seit Jahren unter einem Dach lebten, war nie eine Freundschaft zwischen ihnen entstanden. Eine Komplizenschaft schon. Aber keine Freundschaft. Carlos besaß ein ausgeprägtes Gespür für die Distanz, die physische wie die emotionale, die seiner Meinung nach zwischen ihnen geboten war. Wenn Allmen sie unterschritt, wusste Carlos sie sofort wiederherzustellen.«
»Carlos trank nie Alkohol. Sein Vater war daran gestorben, als Carlos fünf und das jüngste der sechs Geschwister zwei Jahre alt war. Im Straßengraben ertrunken, als er dort besoffen schlief und nichts von dem schweren Regen mitbekam. Eines der wenigen persönlichen Details, die er Allmen einmal anvertraut hatte.«
Im neuen Fall für Allmen und Carlos kommen auch neue Seiten und Eigenheiten des Guatemalteken zu Tage:
»Carlos hatte - nicht zum ersten Mal seit Firmenbestehen - aus seinem Teil der Libellen-Erfolgsprämie und persönlichen Ersparnissen der Agentur ein Darlehen gewährt. Nach seiner Buchhaltung schuldete sie ihm mehr als das Aktienkapital von zwanzigtausend Franken, das sie bei der Gründung der GmbH zu gleichen Teilen einbezahlt hatten. Streng genommen gehörte Allmen International Inquiries Carlos Santiago de Leon.»
»Das Einkommen der Agentur bestand in der Hauptsache aus den Stundensätzen, die sie ihren Auftraggebern in Rechnung stellten, und hie und da einer Erfolgsprämie, ein paar Prozent vom Wert des Wiederbeschafften, also demensprechend bescheiden.
Für Carlos genügte dieses Einkommen immerhin, um seine Tätigkeit als Gärtner und Hausbesorger für die Treuhandfirma, die Allmens Villa Schwarzacker gekauft hatte, auf einen Halbtagsjob zu reduzieren.«
Und auch eine Frau wird eine Rolle spielen – Maria Moreno:
»Er hatte sie nicht gleich erkannt. Er wusste aus den Personalien, die Allmen aufgenommen hatte, dass Maria Moreno zweiunddreißig war, aber die einzige Latina dieses Alters im Restaurant Kakadu kam ihm zu hübsch vor für eine illegale kolumbianische Putzfrau, zumindest wie er sie sich vorstellte. Es brauchte über zehn Minuten und eine Reihe immer rascher aufeinanderfolgender Blickkontakte, bis Carlos zu ihrem Tisch hinüberging und sich verlegen erkundigte, ob sie zufällig Maria Moreno sei.
In dem Gespräch, das darauf folgte, fiel es Carlos schwer, den geschäftsmäßigen Ton eines persönlichen Assistenten beim Vorstellungsgespräch einer potentiellen Mitarbeiterin für seinen Chef zu finden. Er konnte sich nicht dagegen wehren, ihr gefallen zu wollen.«
Eine von Allmens Leidenschaften gilt dem Lesen und dem Entdecken von Geheimnissen in Büchern. Ein Blick in Allmens Bibliothek:
»Allmen war ein süchtiger Leser. Schon als Leseanfänger war er das gewesen. Er hatte schnell bemerkt, dass Lesen die einfachste, wirksamste und schönste Art war, sich seiner Umgebung zu entziehen. Sein Vater, den er nie mit einem Buch in der Hand gesehen hatte, besaß großen Respekt vor dieser Leidenschaft seines Sohnes. Immer akzeptierte er Lesen als Entschuldigung für die vielen Pflichtversäumnisse seines Filius. Auch heute noch las Allmen alles, was ihm in die Hände kam. Weltliteratur, Klassiker, Neuerscheinungen, Biographien, Reiseberichte, Prospekte, Gebrauchsanweisungen. Er war Stammkunde in mehreren Antiquariaten, und es war schon vorgekommen, dass er ein Taxi beim Sperrmüll vor einem Haus anhalten ließ und ein paar Bücher von dort mitnahm. Allmen musste ein Buch, das er einmal angefangen hatte, zu Ende lesen, selbst wenn es noch so schlecht war. Er tat dies nicht aus Respekt dem Autor gegenüber, sondern aus Neugier. Er glaubte, dass jedes Buch ein Geheimnis habe, und sei es auch nur die Antwort auf die Frage, weshalb es geschrieben wurde. Hinter dieses Geheimnis musste er kommen. Genau genommen war Allmen also nicht süchtig nach Lesen – er war süchtig nach Geheimnissen.«
Aus Allmens Bibliothek:
Balzac, Die Frau von dreißig Jahren
»Es geschah nicht oft, dass Allmen sich von einem Buch nicht ablenken ließ. Seine Lesegier – da machte er sich nichts vor – war schon immer seine Methode gewesen, sich vor dieser Wirklichkeit zu drücken, indem er sich in einer anderen verschanzte.
Aber diesmal hielt die Schanze nicht stand. Er las Balzac, Die Frau von dreißig Jahren, einen Autor, dem es sonst unter Garantie gelang, ihn in eine andere Welt zu entführen. Doch auch Balzac gelang es heute nicht, die Bilder dieses Tages in ihre Schranken zu verweisen.«
William Somerset Maugham. Aus einem englischen Erzählband The Back of Beyond
»Er legte das Buch zur Seite, ging ans Büchergestell und griff zu seinem anderen Fluchthelfer aus der Wirklichkeit: William Somerset Maugham. Der Erzählband war englisch, und er las The Back of Beyond. Aber auch George Moon, der scheidende Resident von Timbang Belud, vermochte ihn nicht wie sonst zu fesseln.«
Georges Simenon, alle Maigret-Fälle
»Er versuchte, mit Hilfe von Kommissar Maigret auf andere Gedanken zu kommen, normalerweise ein todsicheres Rezept. Aber das Kriminalistische an der Geschichte erinnerte ihn zu sehr an seinen eigenen Fall.«
Auch im zweiten Fall hat Allmen immer gern ein Buch bei sich und liest, mal zur Ablenkung und mal zum Zeitvertreib.
Anton Čechov, Anna am Halse
»Im Viennois waren die üblichen Nach-Zehn-Uhr-Gäste versammelt. Allmen saß an seinem angestammten Tisch zwischen dem des pensionierten Literaturkritikers, der mit seinem schweratmenden Pekinesen die in Milchkaffee getunkten Croissants teilte, und dem des auch nicht mehr ganz jungen Models mit den zwei Handys - eines zum ununterbrochen Telefonieren, eines zum Anrufe-von-Agenturen-Erwarten.
Er trank wie immer seine Schale, aß ein Croissant und las eine Geschichte von Anton Čechov, Anna am Halse.«
Bruce Chatwin, In Patagonia
»Er hatte heute Abend Mühe gehabt, sich auf seine Lektüre zu konzentrieren. Zuerst las er wieder einmal in Bruce Chatwins In Patagonia. Dann legte er das Buch beiseite und wandte sich dem schmalen Dossier zu, das Carlos aus Internetinformationen über rosa Diamanten zusammengestellt hatte.«
Daphne du Maurier, The House on the Strand
»Aus der grauen Wolkenschicht vor dem hellgrauen Wolkenhintergrund hing ein dünner Wolkensack fast bis zum Meer herunter. Allmen nahm ein Buch aus der Strandtasche und begann zu lesen. The House on the Strand von Daphne du Maurier. Eine Stunde später wurde er abrupt von etwas aus dieser wunderbaren Zeitreise in die Gegenwart zurückgeholt.«
Helene von Nostiz, Aus dem alten Europa
»Sokolow wandte sich seinem Laptop zu und Allmen seiner Lektüre. Helene von Nostiz, Aus dem alten Europa, ein Buch wie geschaffen für diesen Ort. Aber er konnte sich nicht auf die Vergangenheit konzentrieren. Die Gegenwart beschäftigte ihn viel zu sehr.«
Wie wir alle hat auch Allmen seine Vorlieben und Abneigungen – hier finden Sie eine kleine, aber wichtige Auswahl
Allmen hat eine kleine Liste mit Lebensnotwendigkeiten, zu denen unter anderem das Opernpremierenabonnement (schon seinem Vater gehörten die beliebten Plätze Parkett Mitte, fünfte Reihe) und seine Hightech-Hifi-Anlage zählen.
Einen bestimmten Hotelmoment: »Aufwachen im Halbdunkel eines fremden Zimmers und nicht wissen, wo man ist. In welcher Stadt, in welchem Land, auf welchem Kontinent. Beim Öffnen der Augen sind die Bilder des Raumes noch wie die Fragmente eines Kaleidoskops, kurz bevor sie sich zu einem Bild zusammenfinden und sich das Rätsel löst.« Pflegt sich am Nachmittag jeweils eine halbe Stunde hinzulegen. (Das macht ihm jeden Tag das »Privileg bewusst, Privatier zu sein«, und er nennt es liebevoll »Lebensschwänzen«.) »Es gab nichts Köstlicheres, als die Vorhänge vor dem Treiben da draußen zuzuziehen, in der Unterwäsche unter das kühle Federbett zu schlüpfen und mit halbgeschlossenen Augen den fernen Geräuschen der Welt zu lauschen.«
Er mag Klatschgeschichten, aber »nie wäre er auf die Idee gekommen, selber welche zu verbreiten.«
Und Allmen schätzt schweigsame Taxifahrer, wie seinen eigenen, die »nur sprechen, wenn sie gefragt werden. Er [Herr Arnold] belästigte seine Fahrgäste nicht mit seinen politischen, weltanschaulichen oder verkehrstechnischen Problemen.«
Auch im zweiten Band ist das Viennois Allmens Lieblingscafé und -Rückzugsort: »Es gab wenige Orte, an denen Allmen sich so zu Hause fühlte wie in diesem altmodischen Café.«
Allmen mag »den Geruch von frischgemähtem Rasen. Er zog ihn dem von frischgemähtem Gras vor. Dieser erinnerte ihn an seine Jugend. Er war der Vorbote der Heusaison gewesen. Des sonnenverbrannten Nackens, an dem der Heustaub klebte und juckte.« Doch Grasgeruch ist eine Erinnerung an bessere Zeiten, »ein eleganter Duft. Er roch nach Landsitzen, Golfclubs, Lawn Tennis und Garden Parties.«
Allmen verachtet jede Form von Gewalt. Auch die verbale.
Zudem verachtet er Schnäppchen. »Sie waren unter seiner Würde und sollten unter jedermanns Würde sein. Die Dinge sollten das kosten, was sie wert waren, alles andere war schäbig.«
Allmen hat zwar einen Führerschein, aber fährt ungern selbst Auto (»selbst zu steuern hielt er für ähnlich herabwürdigend wie die Verrichtung jeglicher Arbeit, die jemand anderes gegen Bezahlung besser erledigen würde«).
Und er hasst auch noch nach Jahren die Erinnerung an die Jagdausflüge, bei denen der Vater früher seine Flinte abfeuerte und »und der kleine Fritz ein weiteres Häschen, Reh oder Rebhuhn beweinen musste.«
»So wichtig das Finanzielle für Allmen war, so ungern sprach er darüber. Carlos hatte ihm ein Blatt vorbereitet, auf dem die wichtigsten Punkte aufgelistet waren.«
Johann Friedrich von Allmen ist der neue Serienheld aus Martin Suters neuem Roman Allmen und die Libellen. In seinem ersten Exklusivinterview gibt Allmen pikante Details aus seinem Leben preis und erzählt, wie er in seinen ersten Fall gerutscht ist.
Diogenes: Sie lieben Luxus.
Allmen: Luxus ist eine meiner ganz großen Schwächen.
Diogenes: Was ist der Ihnen liebste Luxus?
Allmen: Am Nachmittag pflege ich mich eine halbe Stunde hinzulegen. Diese kleine Siesta erfrischt mich nicht nur, sie macht mir auch jeden Tag das Privileg bewusst, Privatier zu sein. Zu schlafen, wenn der Rest des Landes einer nützlichen Tätigkeit nachgeht, verschafft mir auch nach all den Jahren ein Glücksgefühl, das ich sonst nur vom Schulschwänzen her kenne. Ich nenne es »Lebenschwänzen«.
Es gibt nichts Köstlicheres, als die Vorhänge vor dem Treiben da draußen zuzuziehen, in der Unterwäsche unter das kühle Federbett zu schlüpfen und mit halbgeschlossenen Augen den fernen Geräuschen der Welt zu lauschen. Um kurz darauf verwundert und belebt aus dem leichten Schlaf des Nachmittags zu erwachen.
Diogenes: Und was bedeutet Ihnen Lesen? Ist Lesen auch ein Luxus?
Allmen: Lesen ist die einfachste, wirksamste und schönste Art, sich seiner Umgebung zu entziehen. Mein Vater, den ich nie mit einem Buch in der Hand gesehen habe, besaß großen Respekt vor meiner Leidenschaft. Immer akzeptierte er Lesen als Entschuldigung für meine vielen Pflichtversäumnisse. Und meine Mutter, die stets kränkelnde und früh verstorbene sanfte Frau, an die ich nur verschwommene Erinnerungen habe, akzeptierte alle Entschuldigungen, die ihr Mann akzeptierte.
Auch heute noch lese ich alles, was mir in die Hände kommt. Weltliteratur, Klassiker, Neuerscheinungen, Biographien, Reiseberichte, Prospekte, Gebrauchsanweisungen. Ich bin Stammkunde in mehreren Antiquariaten und es ist schon vorgekommen, dass ich ein Taxi beim Sperrmüll vor einem Haus anhalten ließ und ein paar Bücher von dort mitnahm.
Ich muss ein Buch, das ich einmal angefangen habe, zu Ende lesen, und sei es noch so schlecht. Ich tue dies nicht aus Respekt dem Autor gegenüber, sondern aus Neugier. Ich glaube, dass jedes Buch ein Geheimnis hat, und sei es auch nur die Antwort auf die Frage, weshalb es geschrieben wurde. Hinter dieses Geheimnis muss ich kommen. Genau genommen bin ich also nicht süchtig nach Lesen – ich bin süchtig nach Geheimnissen.
Diogenes: Am Anfang des geheimnisvollen Falls, in dem Sie die Hauptrolle spielen, steht ein Brief mit dem lapidaren Satz: »12 455.–, inkl. Zinsen. Letzte Frist Mittwoch!! Sonst…!!!, H. Dörig« Sie öffneten den Brief eigentlich gegen Ihre Gewohnheit.
Allmen: Ich öffne tatsächlich aus Prinzip keine Briefe, in denen ich etwas Unangenehmes vermutete. Ich bewahre mir dadurch eine gewisse Gelassenheit, die ich in meiner Situation damals besonders nötig hatte.
Diogenes: Die Situation war sehr unangenehm: Sie hatten kein Geld und wurden von Gläubigern bedrängt.
Allmen: So schlecht ich mit Geld umgehen kann, so gut beherrsche ich den Umgang mit Schulden. Das habe ich in meiner Zeit im Charterhouse gelernt, der exklusiven Boarding School in Surrey, in die mich mein Vater auf meinen eigenen Wunsch mit vierzehn geschickt hatte. Ich wollte dem, wie ich es nannte, bäuerischen, neureichen Mief meiner Familie entfliehen.
Im Charterhouse gehörte der Umgang mit Schulden zum inoffiziellen Teil der Ausbildung. Sie waren nichts Ehrenrühriges. Im Gegenteil, es förderte die Reputation, welche zu haben. Die Schulordnung limitierte aus pädagogischen Gründen das Taschengeld der Schüler, was zu einem regen Geldleihverkehr führte. Man gab an mit seinen Schulden, bewunderte die, die die höchsten hatten, stundete sie, stotterte sie ab aber beglich sie stets mit Eleganz und Nonchalance.
Diogenes: Aber bei der Mahnung von Dörig war von Eleganz wenig zu spüren. Wie konnte es so weit kommen?
Allmen: Von Anfang an hatten die Einkünfte aus meinem Erbe nicht für meinen wachsenden Kapitalbedarf gereicht, und der Treuhänder meines verstorbenen Vaters hatte bald entnervt das Handtuch geworfen. Ihm folgte eine Reihe selbstgewählter Berater, deren Ratschläge nicht meine Einkünfte sondern meinen Geldbedarf in die Höhe trieben. Bald sah ich mich gezwungen, meinen Lebensstandard und meine Neuanschaffungen – neben der Villa Schwarzacker zählten Appartements in Paris, London, New York, Rom und Barcelona dazu – dadurch zu finanzieren, dass ich mich von weniger spektakulären aber solideren Vermögenswerten aus meines Vaters Hinterlassenschaft trennte. Und als auch dieser Vorrat sich zu Ende neigte, finanzierte ich mich durch – meist etwas überstürzte – Verkäufe ebendieser Neuanschaffungen. Zuerst Immobilien, dann Möbel, dann Sammlerobjekte, dann nach und nach die immer seltener werdenden Unentbehrlichkeiten meines früheren Lebens.
Diogenes: Die da wären?
Allmen: Das Opern-Premierenabonnement ist ein Kernstück auf meiner Liste der Lebensnotwendigkeiten. Erst, wer sich das nicht mehr leisten kann, ist wirklich pleite.
Schon zu Lebzeiten meines Vaters besaß ich zwei der begehrtesten Plätze, Parkett Mitte, fünfte Reihe. Mein Vater hatte damals die Investition von jährlich über viertausend Franken klaglos geleistet, da sie ja unter die Bildungsausgaben fielen. Inzwischen kosten die beiden Plätze das Doppelte und lauteten noch immer auf Johann Friedrich v. Allmen. Allerdings habe ich seit Beginn dieser Saison den zweiten Platz untervermietet. Einer meiner vielen weitläufigen Bekannten, Serge Lauber, ein Investmentbanker, hatte mir sechstausend Franken bar auf die Hand geboten. Das war ein Angebot, das ich in meiner Situation schlecht ausschlagen konnte, es finanzierte mir die Hälfte meines eigenen Abonnements. Dessen Zahlung ich übrigens seit Saisonbeginn schulde, ohne dass man mich bis jetzt gemahnt hätte. Mit so langjährigen Abonnenten und großzügigen ehemaligen Sponsoren zeigt man Geduld.
Diogenes: An einem Opernabend machten Sie die Bekanntschaft mit Joëlle, genannt Jojo, der Tochter des steinalten und -reichen Financiers Hirt.
Allmen: Keine besonders schöne Frau, aber das wusste sie geschickt zu verbergen. Erst später sah ich die Spuren eines Lebens mit zu viel Sonne, zu wenig Schlaf, zu viel Spaß und zu wenig Liebe. Am Abend dieses nassen Herbsttages war Premiere von Puccinis Madame Butterfly.
Diogenes: Und durch Joëlle wurden Sie in einen gefährlichen Fall mit fünf wertvollen Libellen-Schalen hineingezogen. Sie wurden wegen dieser Schalen sogar angeschossen und mussten aus Sicherheitsgründen in ein Hotel ziehen.
Allmen: Im Gärtnerhaus war mir das Leben zu gefährlich geworden. Ich entschied mich für das Grand Hotel Confédération, ein elegantes, wenn auch etwas verstaubtes Fünfsternehotel im Stadtzentrum. Ich kannte dort den Direktor, der früher das République in Biarritz geleitet hatte, wo ich in besseren Zeiten gerngesehener Stammgast gewesen war.
Ich hatte vor, ein normales Zimmer zu bestellen, kam aber davon ab, weil ich befürchtete, diese ungewohnte Bescheidenheit könnte falsch interpretiert werden und meine Kreditwürdigkeit beeinträchtigen. Ich bestellte eine Junior Suite.
Ich genoss das Gefühl, im Hotel zu sein. Es lag mir zwar etwas zu nahe bei meiner Wohnung, aber von innen war es so international, dass ich mich irgendwo in der Welt wähnen konnte.
Ich liebe diesen Hotelmoment: Aufwachen im Halbdunkel eines fremden Zimmers und nicht wissen, wo man ist. In welcher Stadt, in welchem Land, auf welchem Kontinent.
Diogenes: Ein schöner Hotelmoment, ganz anders als die Nacht, die Sie wenig später im Hotel Seeschloss verbringen mussten. Hier sollte das Bargeld übergeben werden, das den Fall und ihre Probleme ein für allemal lösen sollten.
Allmen: Das Seeschloss ist ein tristes Gebäude aus den siebziger Jahren an atemberaubender Lage, falls man den Postkarten glauben will, die an der Rezeption aufliegen. Im Frühstücksraum riecht es nach übergekochtem Filterkaffee, der auf der Heizplatte verdampft. Der Aufschnitt auf dem Buffet sieht aus, als hätte er die ganze Nacht dort gelegen.
Diogenes: Wie haben Sie sich in der letzten Nacht vor der Lösung des Falls abgelenkt?
Allmen: Ich hätte mich gerne mit Klavierspielen abgelenkt und vermisste meinen Bechstein. Dessen Ersatz würde die erste Anschaffung sein, die ich mir später leisten wollte. Ich versuchte, mit Hilfe von Kommissar Maigret auf andere Gedanken zu kommen, normalerweise ein unfehlbares Rezept. Aber das Kriminalistische an der Geschichte erinnerte mich zu sehr an meinen eigenen Fall. Ich legte das Buch zur Seite, ging ans Büchergestell und griff zu seinem anderen Fluchthelfer aus der Wirklichkeit: William Somerset Maugham.
Diogenes: Und jetzt, wo alles vorbei ist, was sind Ihre Pläne?
Allmen: Meine Gedanken hängen möglichen Einkommensquellen nach. Vielleicht sogar regelmäßigen. Ich stelle mir eine Visitenkarte vor. »Johann Friedrich von Allmen. Zwölf Punkt Times mit Kapitälchen. Darunter, zwei Punkt kleiner: International Inquiries.«
Diogenes: Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und weitere spannende Fälle.
Leseprobe aus »Allmen und der rosa Diamant«
Allmen hatte schon viel Gutes über das Haus gehört. Der nachtblaue Bentley Mulsanne, der ihn vom Flughafen Rostock abholte, schien diesen guten Ruf zu bestätigen.
Das Polster war aus schnurfarbenem Leder, das Furnier aus dunklem Vavona, der Fahrer war ein schweigsamer Uniformierter, der das Fahrzeug mit der Sicherheit und Rücksicht eines alten Herrschaftschauffeurs steuerte.
Allmen genoss die Fahrt von Rostock nach Heiligendamm. Er lehnte sich zurück und betrachtete die vorbeiziehenden Alleen, die ab und zu von Gehöften mit schweren Rieddächern unterbrochen wurden. In diesem Moment war der Beruf des Ermittlers genau nach seinem Geschmack.
Im Grand Duc wurde er wie ein alter Stammgast begrüßt. Der Direktor war schon bei der Einfahrt des Bentleys in das Hotelareal informiert worden und erwartete den Herrn von Allmen in der Lobby. Er gab seiner Überzeugung Ausdruck, dass das Wetter sich schon am nächsten Tag bessern werde und begleitete den neuen Gast zum Empfang, wo er ihn der Obhut einer Rezeptionistin anvertraute.
Diese hatte den Meldezettel so weit vorbereitet, dass Allmen nur noch zu unterschreiben brauchte. Einzig, als sie ihn um einen Abdruck seiner Kreditkarte bat, entstand eine kleine Unebenheit im reibungslosen Ablauf der Empfangsformalitäten.
»Kreditkarte?«, wunderte sich Allmen, »eine Kreditkarte habe ich nie besessen und werde ich auch nie besitzen.« Er zeigte sein bezauberndstes Lächeln. »Aber ich nehme doch an, Sie nehmen auch richtiges Geld?«
Die Rezeptionistin erwiderte sein Lächeln, entschuldigte sich aber doch für einen Augenblick und verschwand im Büro hinter dem Empfangstresen. Kurz darauf kam sie zurück, erneut lächelnd. Die Kreditkarte erwähnte sie mit keinem Wort mehr. »Wenn ich Ihnen jetzt bitte Ihre Suite zeigen dürfte?«
Auf dem Weg zum Lift bestätigte Allmen, dass dies sein erster Besuch im Grand Duc sei. Im Lift versicherte er ihr, dass er gut gereist sei und auch nicht zu müde von den Strapazen. Im Korridor gab er sich beruhigt über die Aussicht, dass sich das Wetter bessern werde. Und im Zimmer zeigte er sich befriedigt über selbiges.
Daran gab auch tatsächlich nichts auszusetzen. Es besaß ein geräumiges Schlafzimmer mit anschließendem Bad, eine separate Toilette, einen begehbaren Schrank und einen großen Salon mit Blick auf die Ostsee und den mit Strandkörben besetzten Strand. Allmen hatte sich für die höchste Zimmerkategorie entschieden. Er sah nicht ein, weshalb er auf Firmenkosten bescheidener logieren sollte als auf eigene.
Carlos hatte noch am Vortag die Rechnung über den zweiten Vorschuss an Montgomery gemailt, Fälligkeit bei Erhalt. Begründung: Aufwand für grenzüberschreitende Ausweitung der Recherchen. Wohin, hatten sie nicht präzisiert. Falls doch eine Verbindung zwischen Montgomery und den anderen Ermittlern bestand, wollten sie ihren möglichen Vorsprung nicht aufs Spiel setzen.
Allmen rechnete jeden Moment mit dem Zahlungseingang auf dem Firmenkonto. Er hatte also keinen Grund, sich finanzielle Sorgen zu machen und nahm sich vor, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden.
Noch nie, auf keiner seiner zahlreichen Reisen, hatte er das Meer so erlebt wie hier. Dieser mächtige Gleichmut, diese verhaltene Verheißung, diese geheimnisvolle Symbiose zwischen Nord und Süd.
Obwohl der Himmel bedeckt war, war das Klima mild, sanft, schmeichlerisch, feucht, fast tropisch. Nur das Licht war anders. Ernster, feierlicher.
Ein langer Bootssteg ragte weit ins Wasser hinaus, wie eine Brücke zu einem verschwundenen Ufer. Darauf waren ein paar Menschen zu sehen. Sie bewegten sich in beide Richtungen. Langsam, wie Schiffspassagiere, die den Abschied oder die Ankunft hinauszögern wollten.
Noch bevor Allmen seine Koffer auspackte und die Schränke einräumte, zog er die Badehose an, schlüpfte in den Bademantel und ging zum Strand. Nur wenige Körbe waren besetzt.
Er warf den weißen Frotteemantel mit dem Hotelemblem in den feinen Sand und ging zum Wasser.
Es war nicht so kalt, wie es aussah, und er konnte es über einen Sandteppich betreten, der so sanft abfiel, dass ihm genügend Zeit blieb, seinen Körper an die Abkühlung zu gewöhnen.
Erst als er den Kontakt zum Boden verlor, begann er zu schwimmen. Und erst als er den äußersten Punkt des Landestegs hinter sich gelassen hatte, wendete er.
Er sah den Strand, die Körbe, die Schirme und die schneeweißen Hotelpaläste.
Irgendwo dort war der Mann, den er suchte.
Am nächsten Tag war das Wetter noch schlechter. Allmen hatte nach alter Gewohnheit um sieben Uhr einen Tee ans Bett bestellt und vom Zimmerkellner den Ratschlag bekommen, noch lange liegenzubleiben.
Zwei Stunden später wurde er von Regenböen geweckt, die gegen die große Fensterfront prasselten.
Die Schwalben, die sonst unentwegt für ihre Brut Versorgungsflüge flogen, warteten jetzt aufgeplustert vor den Nestern der nahen Schwalbentürme auf das Nachlassen des Regens.
Am Abend zuvor hatte sich Allmen früh sein Abendessen aufs Zimmer bestellt. Danach war er durch die Hotelanlage geschlendert und hatte dabei unauffällig die verschiedenen Restaurants, die Lobby, den Rauchsalon, die Bibliothek und die Bar abgesucht. Er war niemandem begegnet, der Sokolow ähnlich sah. War er inzwischen abgereist?
Nach seinem Rundgang telefonierte er mit Carlos und bat ihn, im Hotel anzurufen und Sokolow zu verlangen. Kurz darauf rief Carlos zurück mit der Auskunft, Herr Sokolow sei außer Haus und werde erst morgen wieder erwartet.
Allmen war beruhigt zu Bett gegangen und hatte wunderbar geschlafen. Nach dem Early Morning Tea hatte er sich das Frühstück aufs Zimmer bestellt: Milchkaffee, Croissants, Butter und Honig, Rührei mit Schinken und etwas geräucherten Aal. Eine nahrhafte Mahlzeit. Er hatte vor, es später den Unentwegten gleichzutun, die er unten am Strand trotz der Witterung in die Brandung springen sah.
Um zehn Uhr rief er Carlos an. Allmen wusste, dass er heute Vormittagsdienst hatte und um diese Zeit sein Handy einschaltete. Denn um zehn Uhr machte er seine Pause. Wie jeder Mensch spanischer Sprache, wo immer auf der Welt.
Carlos war »sin novedad, gracias a Dios«. Eine Redensart aus seiner Heimat Guatemala, wo Neuigkeiten in der Regel nichts Gutes bedeuten. Ohne Neuigkeiten, Gott sei Dank.
Von Montgomery hatte Carlos nichts gehört, was Allmen hoffen ließ, dass dieser den zweiten Vorschuss geschluckt hatte. Geld war allerdings noch keines auf dem Konto eingetroffen. Carlos würde in der Mittagspause wieder den Kontostand von Allmen International prüfen, versicherte er ihm.
Kurz nach dem Anruf ließ der Regen nach. Allmen packte die Strandtasche, eine geflochtene, mit Kunststoff gefütterte Einkaufstasche mit dem Hotelemblem. Er zog eine Badehose an und darüber ein paar verwaschene Chinos. In einem Sweatshirt mit dem Charterhouse-Emblem und seiner geliebten alten Barbour-Windjacke, die Carlos ihm vor der Abreise frisch eingewachst hatte, verließ er seine Suite.
Auf dem Gang begegnete er der Gouvernante. Es war eine großgewachsene knochige Frau Mitte vierzig.
»Schmierig, heute«, sagte sie.
Allmen verstand nicht.
»Es regnet aus allen vier Himmelsrichtungen«, erklärte sie.
»Ach, und dazu sagt man schmierig?«
»Ich sag dem so.«
Gouvernanten waren nach Allmens Hotelerfahrung fast so wichtig wie Concièrges und Maîtres d'Hôtel. Wer sich mit ihnen gut stellte, der hatte stets ein aufgeräumtes Zimmer, dem wurden kleine Sonderwünsche erfüllt, dessen Wäsche kam schnell aus der Wäscherei, dessen Anzüge waren gebürstet und aufgebügelt, dessen Kleenex aufgefüllt und dessen Bademantel täglich frisch. Allmen erkundigte sich nach ihrem Namen, gab ihr hundert Euro Trinkgeld und wünschte ihr einen nicht allzu schmierigen Tag.
Frau Schmidt-Gerold hieß sie. Er merkte sich den Namen.
Das Gittertor zum Strand war verschlossen. Erst als der unterbeschäftigte Strandwärter herbeeilte, begriff Allmen, dass man es mit der Zimmerkarte öffnete.
Er ließ sich einen Strandkorb herrichten, machte es sich bequem, starrte auf den Strand und schaute den Möwen zu.
Lange verharrten sie reglos. Urplötzlich sammelten sie sich kreischend, flogen undurchschaubare Figuren und ließen sich nieder, um wieder reglos zu verharren.
Oder sie trippelten am Rande der Brandung und warteten auf essbares Strandgut im zurückfließenden Wasser.
In der Ferne waren drei Containerschiffe zu erkennen. Etwas näher ein Trawler. Vom Strand stieß der kleine Katamaran der hoteleigenen Segelschule ab, an Bord ein paar Kinder in riesigen, leuchtfarbenen Schwimmwesten.
Aus der grauen Wolkenschicht vor dem hellgrauen Wolkenhintergrund hing ein dünner Wolkensack fast bis zum Meer herunter.
Allmen nahm ein Buch aus der Strandtasche und begann zu lesen. The House on the Strand von Daphne du Maurier.
Eine Stunde später wurde er abrupt von etwas aus dieser wunderbaren Zeitreise in die Gegenwart zurückgeholt. Er brauchte einen Moment, bis ihm klar wurde, was es war.
Eine russische Männerstimme.
Er hatte nicht bemerkt, dass sich das Wetter gebessert hatte. Es hatte aufgehört zu regnen, der Wind hatte sich gelegt, und manchmal ließ die Wolkendecke sogar ein paar Sonnenstrahlen durch.
Allmen stand von seinem Strandkorb auf und sah sich um.
Es waren jetzt einige Hotelgäste an den Strand gekommen. Viele hatten ihre Körbe so gedreht, dass die raren Sonnenstrahlen nicht wie bei Allmen nur die Rückwand trafen. Kinder spielten im Sand, und ein paar Tische bei der Strandbar waren besetzt.
Die russische Stimme war genau hinter ihm. Sie klang nicht nach einem knapp Vierzigjährigen, sie musste einem alten Mann gehören. Sie erzählte gemächlich von einer anderen Zeit.
Allmen hörte zu. Militärische Ränge kamen vor, und Ausdrücke wie Kantonnement, Feldküche, Offiziersmesse, Wachkommando, Inspektion. Der alte Mann erzählte vom Militär. Und bald wurde Allmen klar, dass er von der Zeit sprach, als das Grand Duc von der Roten Armee requiriert war und er als junger Offizier die, wie er es nannte, schönste Zeit des Krieges verbracht hatte.
Die Stimme des anderen Mannes klang jünger. Aber sie beschränkte sich auf einsilbige Kommentare und Ausdrücke der Bewunderung, Überraschung und des Erstaunens.
Allmen ging zwischen den Körben vorbei zur Strandbar. So konnte er einen Blick auf den Erzähler werfen. Es war ein sehr bleicher Mann, dessen Körperfülle beide Plätze des Strandkorbs in Anspruch nahm. Er hatte den Kopf zurückgelehnt und und sah mit halbgeschlossenen Augen auf den Mann hinunter, der vor ihm im Sand kauerte.
Der Zuhörer hatte Allmen den Rücken zugewandt, er konnte sein Gesicht nicht sehen. Aber sein Haar war schütter. Und dunkelblond.
An der Strandbar bestellte Allmen ein Glas Champagner. Gegen das Herzklopfen.
Der Strandkorb Nummer zweiunddreißig war nur von hinten zu sehen. Allmen behielt ihn im Auge. Auf dem Rückweg würde er von der anderen Seite daran vorbeigehen und so einen Blick auf den Zuhörer werfen können.
Nach dem zweiten Glas hatte das Herzklopfen aufgehört, und die Mischung aus Euphorie und Sorglosigkeit, für die er dieses Getränk so liebte, hatte sich eingestellt.
Er unterschrieb die Rechnung und gab dem Barmann ein Trinkgeld, das diesem helfen würde, sich Allmens Namen und Zimmernummer zu merken. Dann schlenderte er zu seinem Korb zurück.
Der alte Mann war noch immer am Erzählen. Aber der Zuhörer kauerte nicht mehr, er stand. Es war ein kleiner Mann, er kam nicht annähernd auf den einen Meter neunzig von Sokolow. Sein Gesicht war rundlich, und seine Augen lagen nicht tief.
Allmen setzte sich wieder in seinen Korb und widmete sich seiner Lektüre.
Nach einer Weile machte sich der Strandwächter am Nachbarkorb zu schaffen. Schloss ihn auf, entfernte das Holzgitter, zog die Fußstützen heraus, klopfte den Sand ab.
»Danke«, sagte der Gast, der ihn begleitete. »Bitte bringen Sie mir einen Milchkaffee.«
Sein Akzent ließ Allmen aufblicken.
Der Mann war groß, hatte ein schmales Gesicht, schütteres, dunkelblondes, nach hinten gekämmtes Haar und tiefliegende Augen.
Bereits am zwölften Tag nach der Auftragserteilung hatte Allmen International Inquiries den Gesuchten also ausfindig gemacht.
Eine Erfolgsmeldung, mit der Allmen gerne sofort bei seinem Auftraggeber aufgetrumpft hätte. Aber er musste sich noch ein wenig gedulden. Natürlich wollte er sich erst mit Carlos absprechen.
Allmen zog Hose und Sweatshirt aus und ging ins Wasser. Er schwamm eine Weile, bis er das Gefühl hatte, er könne nun zu seinem Korb zurückgehen und dabei Sokolow beobachten, ohne den Eindruck zu erwecken, er sei einzig deswegen ins Wasser gegangen.
Der Russe saß mit angezogenen Beinen quer in seinem Strandkorb. Er hatte einen kleinen Laptop auf den Knien und tippte. Als Allmen an ihm vorbeiging, sah er kurz auf und konzentrierte sich sofort wieder auf seinen Bildschirm.
Allmen massierte sich die Haare trocken und schielte dabei unter dem Frottiertuch hervor. Sokolow war nicht zum Baden gekleidet. Seiner Haut sah man nicht an, dass er schon über einen Monat in einem Seebad verbracht hatte. Er sah harmlos aus. Harmlos und ein wenig einsam.
Noch fast eine Stunde, bis Allmen Carlos anrufen konnte. Er verbrachte sie lesend, keine zwei Meter neben dem Mann, der ihnen - wenn alles gut lief - zu eins Komma acht Millionen verhelfen würde.
Zwanzig Minuten zu früh packte Allmen seine Strandtasche. Im Vorbeigehen nickte er seinem neuen Korbnachbarn zu. Dieser hatte den Sonnenstore so tief heruntergezogen, wie es nur ging, und blickte nicht von seinem Laptop auf.
»Jetzt, wo es endlich schön wird, gehen Sie?«, wunderte sich der Strandwächter. Allmen gab ihm ein Trinkgeld und bat ihn, den Strandkorb Nummer siebzehn für die ganze Zeit seines Aufenthalts für ihn zu reservieren.
Punkt zehn nach zwölf rief er zu Hause an.
»Allmen International«, meldete sich Carlos mit seinem spanischen Akzent.
»Ich habe ihn, Carlos«, meldete Allmen.
„Felicitaciones!“
Allmen berichtete ihm kurz, wie er ihn angetroffen hatte, von der zufälligen Strandkorbnachbarschaft und von dem Eindruck, den Sokolow auf ihn machte.
»Wenn Sie ihn gefunden haben, hat Mongomery gesagt, beschatten Sie ihn und informieren uns. Dann besprechen wir das weitere Vorgehen.«
Sie schwiegen. Beide dachten dasselbe. Es war Allmen, der es aussprach:
»Wir trauen ihm nicht, nicht wahr, Carlos?«
»No, Don John.«
»Ist das Geld überwiesen?«
»Leider nicht, Don John.«
»Sehen Sie.«
»Una sugerencia, nada más.«
»Ja?«
»Wir informieren ihn, dass er gefunden ist. Aber wir sagen nicht, wo.«
Allmen dachte darüber nach. Die Idee gefiel ihm. So konnten sie erfahren, wie Montgomery weiter vorgehen wollte, ohne zu riskieren, dass er ihnen die Beute wegschnappte. »So machen wir’s.«
»Aber… Don John?«
»Ja?«
»Sie sollten Ihr Handy ausschalten und nicht mehr benutzen. Handys kann man orten.«
Leseprobe: Kapitel zwei aus »Allmen und die Libellen«
Vormittags um halb elf war eine angenehme Stunde im Viennois, vielleicht die angenehmste.
Alles Abgestandene der vergangenen Nacht hatte sich verflüchtigt, und das Muffige des Tages sich noch nicht festgesetzt. Es roch nach der fauchenden Lavazza, an der Gianfranco gerade die Milch für einen Cappuccino aufschäumte, den Croissants auf Tresen und Tischchen und den Parfums und Eaux de Toilette der paar Müßiggänger und Flaneure, denen um diese Zeit das Viennois gehörte.
Einer von ihnen las ein Buch. Ein englisches Paperback, dem er den Rücken gebrochen hatte, damit er es einhändig lesen konnte wie einen Kioskroman und die andere Hand frei hatte für sein spätes Frühstück und die kalte Zigarettenspitze, mit der er sich seit Jahren das Rauchen abgewöhnte.
über der Lehne seines zweisitzigen Plüschfauteuils lag ein beiger Regenmantel. Er trug einen mausgrauen, auch in dieser zusammengesunkenen Stellung noch annehmbar sitzenden Anzug, eine schmale, kleingemusterte Krawatte und ein eierschalenfarbenes Hemd mit weichem, kleinem Kragen. Er mochte etwas über vierzig sein. Sein gutgeschnittenes Gesicht hätte eine etwas weniger platte Nase verdient.
Auf dem weißgedeckten Tischchen standen ein leerer Unterteller aus schwerem Porzellan mit den überbleibseln eines Croissants und eine fast leere Tasse, an deren Innerem sich ein Milchschaumbelag festgesetzt hatte. Der Mann war einer der letzten Gäste des Viennois, die »eine Schale« bestellten, wie man früher den Milchkaffee nannte.
Gianfranco brachte eine neue Tasse an den Tisch und stellte die ausgetrunkene auf den freigewordenen Platz auf dem ovalen Chromtablett. »Signor Conte«, murmelte er.
»Grazie«, antwortete Allmen, ohne aufzuschauen.
Sein voller Name lautete von Allmen, mit Betonung auf dem von, wie Vonäsch, Vonlanthen oder von Arx. Es war ein sehr verbreiteter Familienname mit tausendsiebenhundertachtunddreißig Telefonbucheinträgen und hatte ursprünglich keine andere Bedeutung, als dass sein Träger von den Alpen kam. Aber schon in jungen Jahren hatte von Allmen in einer republikanischen Geste auf das »von« verzichtet und diesem damit eine Bedeutung verschafft, die es nie besessen hatte.
Mit seinen beiden Vornamen Hans und Fritz, die er nach Familientradition von seinen beiden Großvätern geerbt hatte, war er umgekehrt verfahren. Er hatte ihnen den bäurischen Geruch genommen, indem er schon früh den bürokratischen Aufwand auf sich genommen hatte, sie amtlich zu Johann und Friedrich zu veredeln. Von seinen Freunden ließ er sich John nennen, Fremden stellte er sich knapp und bescheiden als Allmen vor. Aber in offiziellen Dokumenten hieß er Johann Friedrich von Allmen. Und die Briefumschläge, die er vor dem späten Frühstück im Viennois von seinem Postfach abholte und achtlos neben die Kaffeetasse legte, waren an Herrn Johann Friedrich v. Allmen adressiert, wie es in seinem Briefkopf stand. Diese Schreibweise sparte nicht nur Platz, sie verschob den Akzent auch automatisch vom »O« des »von« auf das »A« von »Allmen«. Und hatte ihm auch zum nur halb scherzhaften Ehrentitel »Conte« verholfen, den ihm Gianfranco verliehen hatte.
Die meisten Nach-zehn-Uhr-Gäste des Viennois kannten sich. Trotzdem hielten sie sich streng an ihre ungeschriebene Sitzordnung. Die einen allein an ihren Tischchen, die sie mit allerlei Mänteln, Handtaschen, Mappen und Lesestoff belegten, damit ja niemand auf die Idee kam, sich dazuzusetzen. Andere zu zweit mit immer demselben Partner, wieder andere mit einer Stammtischrunde in ebenfalls gleichbleibender Besetzung. Manche der Nach-zehn-Uhr-Gäste grüßten sich vernehmlich, manche nickten sich stumm zu, manche ignorierten sich seit Jahren.
Eine der Stammtischrunden befand sich zwei Tische von Allmens Tisch entfernt. Vier Ladenbesitzer, alle um die sechzig, trafen sich dort täglich außer sonntags von Viertel nach zehn bis Viertel vor elf. Ihre und Allmens Präsenzzeiten überschnitten sich jeweils um eine Viertelstunde.
Einen der vier kannte Allmen etwas näher. Er besaß ganz in der Nähe ein gehobenes Antiquitätengeschäft. Sein Name war Jack Tanner. Ein eleganter Mann Ende fünfzig, der sich in seinen Antiquitäten bewegte, als seien sie nicht zum Verkauf bestimmt, sondern einzig zur Befriedigung seiner ästhetischen Ansprüche. Allein durch seine Erscheinung rechtfertigte er die überhöhten Preise seines Angebots. Er war von der für seinen Beruf unabdingbaren Diskretion, sowohl was seine Käufer als auch seine Verkäufer betraf. Das hatte Allmen dazu bewogen, sich für ihn zu entscheiden, wenn er gezwungen war, gewisse bessere Stücke aus seiner Sammlung zu veräußern. Nie ließen sich die beiden bei ihren flüchtigen Begegnungen im Viennois auch nur im Geringsten anmerken, dass sie auch geschäftlich gewisse Berührungspunkte besaßen.
Vor dem Schaufenster neben Allmens Tischchen begannen die Passanten ihre Schirme aufzuspannen. Die graue Suppe über den Dächern nieselte jetzt als kalter Wasserstaub auf die Stadt. Allmen verschob seinen Aufbruch und bestellte noch eine Schale.
Es war kurz nach halb zwölf, als er sich zum Gehen bereitmachte, obwohl das Wetter sich nicht gebessert hatte. Er gab Gianfranco das Zeichen für die Rechnung, unterschrieb sie und drückte dem Ober eine Zehnernote in die Hand. Allmen hatte gelernt, das bisschen Geld, über das er noch verfügte, in seine Kreditwürdigkeit zu investieren anstatt in seinen Lebensunterhalt.
Gianfranco brachte ihm den Mantel und begleitete ihn zum Ausgang. Er blickte der Gestalt, die mit hochgeschlagenem Mantelkragen zwischen den Regenschirmen verschwand, versonnen nach und murmelte: »Un cavaliere.«
Roman – Diogenes
Leinen, 224 Seiten
ISBN 978-3-257-06799-6
€ (D) 18.90/ sFr 29.90
€ (A) 19.50
Hörbuch
4 CD, ca. 250 Min.
ISBN 978-3-257-80313-6
€ 24.90/ sFr 42.90
Die Allmen-Serie geht weiter: Ein sehr wertvoller rosa Diamant ist verschwunden, und ebenso ein mysteriöser Russe mit Wohnsitz in der Schweiz, der verdächtigt wird, ihn entwendet zu haben. Das Duo Allmen/Carlos soll ihn ausfindig machen, und die Spur führt von London über diverse schäbige Zürcher Außenquartiere zu einem Grandhotel im deutschen Ostseebad Heiligendamm, und zurück zum Gärtnerhaus der Villa Schwarzacker. Wo es bald sehr ungemütlich wird …
Roman – Diogenes
Leinen, 208 Seiten
ISBN 978-3-257-06777-4
€ (D) 18.90/ sFr 33.90
€ (A) 19.50
Hörbuch
4 CD, 244 Min.
ISBN 978-3-257-80305-1
€ 24.90/ sFr 43.90
Allmen, eleganter Gentleman, Lebemann, Kunstsammler und charmanter Hochstapler, hat über die Jahre das Millionenerbe seines Vaters durchgebracht. Das hochherrschaftliche Anwesen musste er verkaufen, er hat sich mit seinem lebenserfahrenen Faktotum Carlos aus Guatemala ins bescheidene Gärtnerhaus zurückgezogen.
So schlecht er mit Geld umgehen kann, so virtuos beherrscht er den Umgang mit Schulden und Gläubigern. Insbesondere die diskrete Geschäftsbeziehung zu einem Antiquitätenhändler hilft ihm immer wieder aus der Bredouille. Anfangs war Allmen bei ihm guter Kunde, mittlerweile ist er guter Lieferant, erst mit Stücken aus der eigenen Sammlung, dann mit Objekten, über deren Herkunft ein Gentleman besser schweigt.
Bis ihn nach einem alkoholseligen Opernabend Jojo, eine heißhungrige junge Frau, in die See-Villa ihres Vaters abschleppt und er dort eine Sammlung von fünf bezaubernden Jugendstil-Schalen entdeckt, jede ein kleines Vermögen wert. Und jede mit einem Geheimnis behaftet.
Eine Herausforderung, an der er wachsen – oder die ihn das Leben kosten kann.
