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  • »Wir müssen dafür sorgen, dass Grenzen Orte des Austauschs bleiben« – Marco Balzano im Interview

    Warum schreibt man ein Buch aus der Perspektive eines Faschisten? Genau dies tut Marco Balzano in seinem neuen Roman BambinoSeine Hauptfigur, genannt Bambino, ist nicht gerade liebenswürdig, eher ein Schlägertyp, ein zerrissener Mensch voller Widersprüche, voller Wut, voller Sehnsucht, seine leibliche Mutter zu finden. In seiner Heimatstadt Triest übernimmt er Mussolinis Ideologie, bleibt ihr lange, lange treu – bis sich irgendwann Zweifel einschleichen. Was Marco Balzano an dieser historischen und politischen Sichtweise gereizt hat und was wir aus der Geschichte lernen sollten, beantwortet er hier im Interview. 

    5 Fragen an den Autor

    In Ihrem neuen Roman Bambino nehmen Sie die Sichtweise von Mattia ein – ein Faschist der ersten Stunde. Warum haben Sie sich entschieden, aus dieser Perspektive zu schreiben? Und wie hat es sich beim Schreiben für Sie angefühlt?
    In meinen bisherigen Romanen habe ich die Ereignisse immer aus der Perspektive der Opfer geschildert. Aus der Perspektive eines faschistischen Mitläufers zu schreiben bedeutet, dass ich mich in die Gedankenwelt eines Menschen hineinversetze, der auf der falschen Seite steht, historisch betrachtet. Ich wollte herausfinden, ob es möglich ist, auch für einen Menschen, der Böses tut, Mitgefühl und Mitleid aufzubringen, seine Motive zu ergründen, ohne sie deshalb zu rechtfertigen. Wie mir dabei zumute war? Nicht sonderlich behaglich, wie Sie sich denken können, wobei das Schreiben meiner Meinung nach nie ein behaglicher Prozess sein sollte. Ich bin davon überzeugt, dass ich einen Friedensroman geschrieben habe, gegen Hass und Rache. Um über den Frieden zu schreiben, kommt man manchmal nicht umhin, in die schmutzigen Kleider des Krieges zu schlüpfen, um über die Demokratie zu schreiben, muss man manchmal in die Kleider eines Antidemokraten schlüpfen.

    Was waren Ihre Beweggründe, sich in Ihrem neuen Roman wie auch schon in Ich bleibe hier, wieder einem historischen Stoff anzunehmen?
    Ich bleibe hier und Bambino bilden ein Duo zum Thema italienische Grenzregionen im Norden und Osten, die große deutsch- bzw. slawischsprachige Bevölkerungen haben und die zu den umkämpftesten Gegenden Europas im 20. Jahrhundert gehörten. Grenzen faszinieren mich schon immer, in Friedenszeiten können sie Orte des Austauschs, des Reichtums und der gegenseitigen Befruchtung sein – nicht umsonst ist Triest, wo Bambino spielt, eine der kosmopolitischsten Städte Europas! In Kriegszeiten hingegen werden sie zu Orten der Mauern und der Konfrontation, wo die Grenzen mit dem Blut des anderen gezogen werden. Plötzlich wird der andere zum Feind – auch in den heutigen Kriegen, in Gaza und in der Ukraine, ist das so.

    Wie waren die Reaktionen in Italien auf Ihren Roman? Was erhoffen Sie sich von der deutschsprachigen Leserschaft?
    Kritik und Medien in Italien haben das Buch sehr positiv besprochen. Meine Leser waren zunächst überrascht, aber doch begeistert. Sie wissen, dass ich nicht gern die gleichen Muster wiederhole, und folgen mir vertrauensvoll an die Orte, an die ich sie mitnehme, und in die Geschichten, die ich schreiben will. Ich würde mich freuen, wenn es auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz so wäre, wo die Menschen in meinen Augen mehr als anderswo offen und neugierig sind und wo meine Geschichten bisher mit großem Wohlwollen aufgenommen wurden.

    Was können (oder müssen) wir aus der Geschichte für unsere heutige Zeit lernen?
    Dass wir zu »Baumeistern des Friedens« werden müssen, wenn ich so sagen darf. Wir müssen dafür sorgen, dass Grenzen Orte des Austauschs bleiben, wir müssen Sprache vor Verfälschung bewahren und den Mut haben, Geschichten zu erzählen, die Licht auch in die dunkelsten Ecken bringen. Oder, wie Jean-Paul Sartre gesagt hat: Je tiefer die Dunkelheit, desto heller das Licht.

    Sie arbeiteten als Lehrer auch in einem Gefängnis. Inwiefern hat das Ihr Schreiben an dem Roman beeinflusst?
    Das Unterrichten im Gefängnis hat mich gelehrt, auch in Personen, die große Schuld auf sich geladen haben, Menschlichkeit und Mitgefühl zu erkennen. Es hat mich gelehrt, dass Worte und Geschichten eine starke beschwörende und tröstende Kraft haben.

    Bambino
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    Bambino

    Aus dem Italienischen von Peter Klöss

    Triest, 1920. Mattia ist ein Faschist der ersten Stunde. Sein Gesicht ist noch bartlos, weshalb man ihn Bambino nennt, aber seine Schläge sind so hart, dass die halbe Stadt sich vor ihm fürchtet. Mattia weiß nicht, wer seine Mutter ist. Gar eine von drüben? Eine Slowenin? Sein Vater, der Antifaschist und Uhrmacher, will es ihm nicht verraten. Im Schlamm und Schmutz des Zweiten Weltkriegs verliert Mattia schließlich alle Gewissheiten, und er muss erfahren, dass der Gewinner von heute der Verlierer von morgen sein kann.


    Hardcover Leinen
    256 Seiten
    erschienen am 21. Januar 2026

    978-3-257-07352-2
    € (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70
    * unverb. Preisempfehlung
    Auch erhältlich als

     

    Marco Balzano, geboren 1978 in Mailand, ist zurzeit einer der erfolgreichsten italienischen Autoren. Er schreibt, seit er denken kann: Gedichte und Essays, Erzählungen und Romane. Mit seinem Roman ›Das Leben wartet nicht‹ gewann er den Premio Campiello. Mit ›Ich bleibe hier‹ war er nominiert für den Premio Strega, in Italien und im deutschsprachigen Raum war das Buch ein großer Bestseller. Er lebt mit seiner Familie in Mailand.

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  • Schön war's! Unsere Frankfurter Buchmesse 2025

    Es wurde gelesen, signiert, gelacht, sich wiedergesehen, sich ausgetauscht und mitgefiebert – und schwups, war sie schon wieder vorbei, die Frankfurter Buchmesse. Vom 15. bis 19. Oktober empfingen wir Autor:innen, Besucher:innen und Branchenkolleg:innen am Diogenes Stand in Halle 3.1, wie immer vor einer großen Bücherwand mit unseren Neuerscheinungen. 

    Hier kommt ein Rückblick auf die Highlights – das war unsere Frankfurter Buchmesse 2025!

    Für einen gelungenen Auftakt sorgten am Mittwoch Stefan Hertmans und Andrej Kurkow, die beide im Rahmen von Open Books in der Evangelischen Akademie lasen. Stefan Hertmans sprach dort mit Bettina Baltschev vom MDR über seinen neuen Roman Dius, Andrej Kurkow stellte unter der Moderation von Ariane Wick Samson und das Galizische Bad vor, die Fortsetzung seiner Kiew-Krimi-Serie. Zuvor trat er auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat auf – ein sehr sehenswerter Fernsehbeitrag ist dabei entstanden (ab 02:40:55).

     

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  • Chris Kraus im Gespräch über Freundschaft, Filmideen und einen rasend schnellen Schreibprozess

    Wie nah können Freundschaft und Feindschaft beieinanderliegen? Wie stark schmerzen manche Wunden, auch noch nach Jahren? Chris Kraus fragt in seinem neuen Roman Die Sonne und die Mond nach den Ausmaßen von Betrug, Rache und Liebe. Und von Verlust!

    Der Autor trauert selbst seit einiger Zeit um einen sehr wichtigen Menschen – die Inspiration für sein Buch, wie er im Diogenes Interview erzählt. Hier verrät er außerdem, welchen Nachteil das Schreiben gegenüber dem Filmemachen mit sich bringt und wieso es »die Mond« heißt.

    Maurice Haas / © Diogenes Verlag
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  • Supper Clubs, Minnesota-Liebe und starke Vorbilder – J. Ryan Stradal im Interview

    Vor der Kulisse des Mittleren Westens begleitet J. Ryan Stradal in seinem neuen Roman vier außergewöhnliche Frauen durch die Höhen und Tiefen des Lebens. Ihr Familienrestaurant, der Lakeside Supper Club, ist dabei ihr Dreh- und Angelpunkt – wo die eine Sicherheit findet, erleben die anderen Verlust, Druck und Leidenschaft.

    Samstagabend im Lakeside Supper Club ist ein vielschichtiges Generationenportrait, das eindrucksvoll zeigt, wie sehr uns die Orte und Menschen um uns herum prägen. Warum auch sein drittes Buch wieder in Minnesota spielt und woher die Inspiration für die Hauptfiguren kam, verrät J. Ryan Stradal hier im Interview.

    Foto: © Franco P. Tettamanti
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  • ›Heute kein Abschied‹ – Daan Heerma van Voss' Gedanken zum Buch

    Wer war er wirklich, der Mann, den Tessel, Cat und Moor ihren Vater nannten? Nach seinem plötzlichen Tod beschäftigen Erinnerungen und ausbleibende Chancen auf Versöhnung die drei Geschwister – aber auch Geheimnisse, die auf einmal ans Licht kommen. 

    Was uns blüht, wenn wichtige Gespräche allzu lange vermieden werden, hat Daan Heerma van Voss in seinem neuen Familien- und Gesellschaftsroman Heute kein Abschied verbildlicht. Wir haben im folgenden Interview nachgefragt, woher sein Interesse an generationsübergreifenden Themen kommt und was ihm das Schreiben bedeutet.

    © Eva Roefs
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  • ›Mit dir steht die Welt nicht still‹ von Melissa Müller – die Hintergründe zum Buch

    Bei der Recherche zu einer Klassenkameradin von Anne Frank wurde die Autorin Melissa Müller auf eine außergewöhnliche Liebesgeschichte aufmerksam – eine Verbundenheit, die zwei Menschen nach der Shoah zurück ins Leben holte. In Mit dir steht die Welt nicht still.
    Eine Liebe nach dem Holocaust
     porträtiert sie Nanette Blitz und John F. Konig, deren Zuneigung füreinander sich anfangs in einem Briefwechsel über Kontinente hinweg entfaltete. 

    Die erhaltenen Briefe und Fotos der beiden Zeitzeugen hat Melissa Müller in einem beeindruckenden Bilderdossier zum Buch gesammelt. Im folgenden Interview verrät sie unter anderem, was sie bei ihrer Recherche und dem Schreiben dieser Doppelbiografie als besonders herausfordernd empfand.

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  • ›Kein Grund, gleich so rumzuschreien‹: Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre im Gespräch

    2020 erschien mit Alle sind so ernst geworden der erste Gesprächsband von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre. Jetzt legen die beiden ungleichen Freunde mit einem Folgeband nach! In Kein Grund, gleich so rumzuschreien sprechen sie über Blumen, Camping, Sisyphos, Beschwerden, Benutzername, Gesundheit, Feierabend, Albträume, Homestory, Rauschmittel, Sehtest, Harmoniesucht, Eitelkeit, Uhrzeiten, Piercings, Rasenmähroboter, Housekeeping und Liebe. Eine gesunde Mischung aus Ernsthaftigkeit und viel Humor. Denn die beiden Autoren halten es wie folgt: Wer auch in schwierigen Situationen und Kippmomenten des Lebens noch lacht, meint es wirklich ernst mit dem Humor.

    Einen Vorgeschmack auf den Gesprächsband erhalten Sie mit unserer Leseprobe aus dem ersten Kapitel. Mehr über die Entstehung des Bandes erfahren Sie außerdem im Gespräch der Autoren in der Talkshow maischberger.

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  • ›Hinter den Mauern der Ozean‹ – Anne Reinecke schreibt über den Mut, sich ins Ungewisse zu wagen

    Die Welt ist im Wasser versunken, der Stadtkern Berlins ist innerhalb einer gigantischen Mauer verschont geblieben und nichts ist mehr, wie wir es kennen.

    In ihrem neuen Roman Hinter den Mauern der Ozean entwirft Anne Reinecke eine außergewöhnliche Vision Berlins. Fünf Menschen leben innerhalb der Mauern des ehemaligen Berlins und folgen einem ewig wiederkehrenden Zyklus. Nur in Lola keimt langsam die Hoffnung auf ein Leben außerhalb der Mauern. Im Interview spricht die Autorin über die Besonderheiten ihres Romans und über die Fragen, die sich ihr beim Schreiben stellten.

    Foto: Alberto Venzago / © Diogenes Verlag
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  • »In Zukunft freue ich mich darauf, neue Perspektiven auszuprobieren.« Ein Interview mit Benedict Wells – Teil 2

    Im Diogenes Interview sprach Benedict Wells über sein neues Buch Die Geschichten in uns und über seine Leidenschaft fürs Schreiben. Hier geht's zum ersten Teil des Interviews. Im zweiten Teil spricht er nun rückblickend über seine Erfahrung als junger Autor. Außerdem gibt er uns einen Ausblick darauf, was wir in Zukunft von ihm lesen dürfen – vielleicht ja eine Fortsetzung zu Hard Land?

    Foto: © Roger Eberhard
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