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Krieg und Frieden. In der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland – ein Abenteuerbericht von Benedict Wells

Gegen 17 Uhr füllt sich der Bahnhof in Wladiwostok. Ein Haufen Soldaten tritt schwatzend durch das Eingangstor und passiert die Sicherheitskontrolle, neben mir nimmt eine zahnlose alte Frau Platz. Sie hat offenbar Probleme mit ihrem Gepäck und redet minutenlang in klagendem Tonfall auf mich ein – dass ich kein Wort Russisch spreche: nicht so wichtig. Auf den Wartebänken gegenüber sitzen mehrere Familien mit Kindern, aber auch ein paar Rucksacktouristen, die auf Englisch miteinander reden und laut lachen, eine hat ein Fahrrad dabei. Noch sechs Stunden bis zur Abfahrt. Eine Woche wird die Fahrt mit der Transsib von Wladiwostok nach Moskau dauern. Es wird eine Reise durch Putins Russland, durch ein Land mit vielen Gesichtern und Meinungen, in einem alten Zug voller Geschichten.

<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>

An diesem Punkt bin ich schon seit zwei Monaten unterwegs, erst in der Gruppe, dann allein, es ging von Berlin über Moskau nach Peking, Shanghai, Tokio und Seoul. Der Clou: alles per Bahn, Bus und Schiff, Schuld mal wieder meine verdammte Flugangst. Zuletzt brachte mich die Fähre »Eastern Dream« nach Wladiwostok, wo ich meine Ausstattung für die Rückfahrt im Zug vervollständigt habe: zwanzig asiatische Nudelsuppen, Wasserkocher, Milch, Schokoriegel, Plastikbesteck, Metallbecher, Schüsseln, Verlängerungskabel, Gewürze und mehrere Liter Wasser. Dazu zweihundert Euro in Rubel aus dem Automaten gezogen. 

Vor der Abfahrt möchte ich noch etwas Warmes essen. Draußen vor dem Bahnhof gibt es mehrere Imbissbuden, sie werben mit Leuchtreklamen für Pizza, Spaghetti, Burger und Pommes. Doch an jedem der vier Stände gibt es, wenn man danach fragt, nichts davon. Stattdessen einzig im Angebot: Piroggen. So gestärkt bin ich bereit für mein Abenteuer: »Rückreise vom anderen Ende der Welt«.

<p>Foto: User: Putschli at wikivoyage shared,&nbsp;<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Transsib_start.JPG" target="_blank">Transsib start</a>,&nbsp;<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/1.0/legalcode" target="_blank">CC BY-SA 1.0</a></p><br/>

Tag 1

Kurz vor Mitternacht trete ich auf den in Nebel gehüllten Bahnsteig, und da steht sie schon: die Transsibirische Eisenbahn. Ein Mythos. Doch wie viele der Geschichten, die man über diesen Zug hört, stimmen noch? Erste Entdeckung: Die Transsib ist nicht der Orientexpress. Meine Viererkabine in der zweiten Klasse ist eng, vier schmale, steinharte Betten. Eine Dusche findet sich im ganzen Waggon nicht, dafür hat jeder Gast ein dünnes weißes Handtuch zur Katzenwäsche bekommen. Auch Steckdosen sucht man lange vergeblich, im ganzen Waggon gibt es nur zwei auf dem Gang, die man mit den anderen Fahrgästen teilen muss. Die Toilette eine Zeitreise, fünfzig Jahre zurück. Ein winziger Raum, ein immer nasser Fußboden, in dem Papierfetzen schwimmen oder festkleben, das kleinste Waschbecken der Welt mit zwei Miniaturhähnen, ein nie recht funktionierender Seifenspender, dazu eine Rolle Klopapier der miesen grauen Sorte Nr. 42, die noch Holzeinschlüsse enthält. Selbst kaltes Wasser kommt nur zögernd und oft als Rinnsal, warmes Wasser gibt es zumindest auf dieser Fahrt gar nicht. Der Toilettensitz dagegen ist aus rostfreiem Stahl gegossen und hält bis in alle Ewigkeit. Spült man, öffnet sich im Abfluss eine Luke und gibt den Blick auf die russischen Gleise frei.

Die ersten Stunden der Fahrt bin ich noch allein in meiner Kabine, und so komme ich mit den Reisenden aus der Nachbarkabine ins Gespräch, dem Russen Alexey und den beiden Polen Michael und Jaczek. Doch um zwei Uhr nachts – ich bin gerade am Einschlafen – fliegt auch bei mir die Tür auf. Drei Soldaten kommen ins Abteil und wuchten ihre Seesäcke auf die Gepäckablage. Sofort zischen die Bierdosen, wird oben auf den Betten laut gelacht. So geht es bis fünf Uhr früh. Als bei mir endlich Ruhe ist und ich schlafen kann, fängt gegen sieben Uhr morgens auf dem Gang das Gekreische und Geplärre an. Mehrere kleine Kinder sind bei uns im Waggon, sie rennen den ganzen Tag auf und ab und spielen Krieg, machen Maschinengewehr-Geräusche, kommen zu uns ins Abteil gerannt und strecken uns frech die Zunge raus.

Immerhin ist die Stimmung im Restaurant gut, eine Oase der Ruhe, die Kellnerin eine sympathische junge Russin. Müde blicke ich aus dem Fenster, während der Zug mit der Geschwindigkeit einer S-Bahn durch die Landschaft fährt. Russland scheint ja nur aus Birken zu bestehen … Ich bin froh, als endlich der Abend hereinbricht, doch auch in der zweiten Nacht quietscht unablässig eine nicht geölte Schraube zwischen den Waggons, ein Geräusch, das ich selbst jetzt beim Tippen noch höre.

<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>
<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>

Tag 2

Der Tag beginnt, wie der letzte aufgehört hat: mit dem Zischen von Dosen, Gelächter und Klingeltönen. Die Transsibreise mit den drei Soldaten stelle ich mir zunehmend wie eine Endlosversion zweier Hass-Situationen vor: in der Regionalbahn zwischen betrunken grölenden Bundeswehrrekruten sitzen – und dem Handylärm von Jugendlichen in der U-Bahn lauschen müssen. Und das Ganze nun also auf engstem Raum eine Woche lang, Tag und Nacht.

Meine drei Zimmernachbarn wirken auf den ersten Blick wie einer klischeehaften Soldatenkomödie entsprungen. Es gibt den schmächtigen, linkischen Tolja, der gern Witze reißt und heiser lacht, den ruhigen, großen Denis und den Anführertyp Sergej, der mal streng und erwachsen wirken kann und dann wieder albern. Ihre Hauptbeschäftigung in diesen Tagen: trinken, wie Jugendliche kichern und ohne Pause russisch synchronisierte Hollywood-Filme schauen. Das heißt, sie lassen die Filme als Geräuschkulisse auf dem Laptop laufen, während sie auf dem Bett liegen und ins Handy tippen. Verständigen können wir uns kaum, da die anderen kein Englisch sprechen. Es gibt aber Sympathiegesten. Ich verteile mein Twix, sie geben mir von ihrem Studentenfutter ab.

Mit den Leuten aus der Nachbarkabine verstehe ich mich inzwischen sehr gut, vor allem mit dem humorvollen »Mike«, der hervorragend Englisch spricht und achtzehn Jahre in Sydney gelebt hat. Er und sein Kumpel Jaczek kennen sich seit dem Kindergarten, der Beweis: ein knittriges altes Schwarzweißfoto, das herumgereicht wird. Es war ihr großer Traum, einmal mit der Transsib zu fahren, und nun, mit knapp sechzig Jahren, erfüllen sie ihn sich. Jaczek ist ein Zugfan, der jeden einzelnen Stopp in einem Fahrtenbuch protokolliert und fotografiert. Seine Spezialität sind Schmalspurbahnen, von denen er auch in Deutschland bereits mehrere bereist hat. Mike dagegen erzählt uns von seinem Vater, der als Jugendlicher in russische Gefangenschaft geriet und aus Sibirien floh. Zwei Jahre lang war er auf der Flucht und kämpfte sich zu Fuß nach Polen durch. Seinem Sohn sagte er, dass er die Russen trotzdem möge. »Das System ist kaputt, aber die Menschen dort sind nett, ohne ihre Hilfe hätte ich es nie nach Hause geschafft.«

Im Restaurant erste Bekanntschaften. Zwar läuft dort heute den ganzen Tag blecherne osteuropäische Diskomusik, dafür lerne ich Witalja und Alexander kennen, die mir Schachski beibringen, eine Art Dame. Zum Abschied schenkt mir Witalja einen Kugelschreiber und legt sich dabei brüderlich die Hand aufs Herz. Alexander wiederum gibt mir beim Spielen immer wieder Bier aus, obwohl er fast kein Geld hat. Beide Gesten rühren mich sehr, dennoch muss ich mich nach bereits vier oder fünf Gläsern mit starken Kopfschmerzen am Nachmittag hinlegen.

<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>
<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>

Tag 3

Die Vorstellung, mal nicht von Gelächter, Handylärm oder Kindergeschrei um halb sieben Uhr morgens geweckt zu werden, scheint inzwischen absurd. Denn Flüstern ist die Sache der drei Soldaten nicht, es gibt nur die beiden Stimmvariationen »laut« und »sehr laut«. Bei einem Halt ist einer von ihnen eingeschlafen, die anderen hauen ihm fest auf den Kopf, um ihn zu wecken. Gelächter. Ist schon ein ziemlich guter Humor, den die da haben. Wie jeden Morgen beginnt mein Tag mit einem starken Kaffee im Metallbecher. Das heiße Gebräu schlürfend stehe ich in Jogginghose und T-Shirt im Gang und starre eine halbe Stunde lang mit toten Augen auf die Birkenlandschaft Sibiriens, während in einem fort Kinder an mir vorbeirennen und schreien. Die zwei Steckdosen im Gang sind inzwischen auf aberwitzige Weise belegt, Mehrfachstecker wertvoller als Bargeld. An den fünf bis sechs Stopps täglich kann man sich die Beine vertreten. Nacheinander steigen verknittert wirkende Reisende aus dem Zug und taumeln ins Freie, auch die Hunde, die in der 3. Klasse mit uns fahren, machen nicht den besten Eindruck. Auf dem Bahnsteig erwarten uns alte russische Frauen und bieten Essen an: ein Stück Wurst, Heringe und ganze Fische, Kaviar und Piroggen. Es ist eine Lotterie, die Qualität reicht von köstlich bis ungenießbar.

<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>
<p>Fotos: © Benedict Wells</p><br/>

Bei mir im Zimmer laufen wieder laut amerikanische Filme. Vor Langeweile lese ich Krieg und Frieden, bin auf Seite 600. Es sieht nicht gut aus für die Russen, sie kämpfen tapfer, haben aber gegen den jungen Napoleon erst mal keine Chance. Ich klappe das Buch zu, schaue stumpf nach draußen. Esse im Restaurant drei Schüsselchen Hühnchen mit Gurken. Richtige warme Mahlzeiten gibt es nämlich nicht, es wird gemunkelt: wegen der westlichen Sanktionen. Ein hungriger Blick aus dem Fenster, dann auf die Uhr. Es ist erst elf Uhr vormittags, o Gott, noch fünf Tage! Ich stoße hier definitiv in neue Dimensionen der Langeweile vor. Die Transsibirische ist wie eine ewige Unterrichtsstunde. Nicht in einem Schulfach, das man mochte, etwa Sport, aber auch nicht in einem, vor dem man Angst hatte, wie Mathematik. Sondern in einem langweiligen Fach, das einem ziemlich egal war, zum Beispiel Biologie. Diese Woche auf dem Stundenplan: 148 Stunden nacheinander die Geheimnisse der Photosynthese.

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<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>

Tag 4

Am vierten Tag erwischt mich vollends der Zugkoller. Abwechselnd verfluche ich meine Flugangst oder denke wehmütig an meine Schiffsreise nach Amerika vor einigen Jahren. Die Möglichkeiten an Deck schienen damals unbegrenzt; von Fußball, Tischtennis und Karaoke bis hin zu einem eigenen Bordkino. Wer Hunger hatte, ging in eines der unzähligen Restaurants und Cafés, wer tanzen wollte, suchte den Club auf. Manchmal saß man aber auch einfach draußen im Whirlpool und blickte auf die Weite des Ozeans, während gerade die Sonne unterging. Hier dagegen gleicht ein Tag dem anderen: aufstehen um halb sieben Uhr morgens, Kinderlärm, metallischer Kaffee, Müdigkeit, dann wieder zwei Schüsseln Hühnchen mit Gurken. Später: nichts. Kein Internet, kein Fernsehen, kein Handy, keine frischen Reize für mein sonst an stete Abwechslung gewöhntes Hirn. Einfach nur ein täglicher, fünfzehnstündiger Kampf gegen die Langeweile, ausgetragen wahlweise mit einem Buch oder Unterhaltungen im Gang. Auch meine polnischen Freunde leiden. Wir alle wissen: Diese Fahrt ist ein Grower, später werden wir froh sein, sie gemacht zu haben, und uns an viele kleine Anekdoten erinnern. Jetzt aber gehen wir unablässig vom Waggon ins Restaurant und wieder zurück, mit knurrendem Magen, gefangen in diesem engen Schlauch aus Eisen.

Aufmunterung gibt es am Abend, als wir den schier endlosen Baikalsee passieren. Die Sonne geht filmreif unter und taucht die Landschaft in gleißend-rötliches Licht, ein erhebender Moment. Danach trinke ich bis in die Nacht mit Mike, Alexey und Jaczek in deren Kabine Wodka, was streng verboten ist. Vorsicht ist also geboten. Jaczek steht am Gang Schmiere, während Mike den Wodka einschenkt. »Das haben wir schon vor über vierzig Jahren so gemacht, als wir heimlich das erste Bier getrunken haben«, witzelt er und wickelt die Wodkaflasche wieder ins Handtuch. Ab und zu geht ein uniformierter Kontrolltrupp von Polizisten durch den Zug und sieht in die Abteile. Die Strafen für Rauchen und Trinken im Abteil sind empfindlich, doch das Verbot wird von kaum jemandem ernstgenommen. Wir sitzen zu viert auf den Betten, reden über den von Mike geliebten Lech Walesa, Politik, Donald Trump, Diktatoren, 2. Weltkrieg und Fußball. Und bei mir in der Kabine? Lautes Soldatengelächter, Filme und das Klirren von Bierflaschen. Wer hätte das gedacht.

<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>
<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>

Tag 5

Sieben Uhr früh, im Halbschlaf höre ich Kriegsgeräusche. Maschinengewehrsalven rattern unglaublich nah, als flögen sie direkt über meinen Kopf hinweg. Dazu die verzweifelten Rufe von Soldaten. »Who is this American soldier?« Und absurderweise plötzlich auch auf Deutsch: »Hier können Sie nicht rein … Reißen Sie sich zusammen, der Feind ist nah!« Reden die mit mir? Wo bin ich? Szenen aus Krieg und Frieden springen in meinem traumvernebelten Kopf hin und her. Hauptmann Tuschin und seine Batterie sind im Wald, feuern immer wieder auf die Franzosen, bin ich da irgendwie dabei? Nein. Aber ein Film wie sonst ist es auch nicht, da fehlen Dialoge und Musik. Erneut laute Maschinengewehrgeräusche, wieder direkt an meinem Ohr. Wie kann das sein? Ich beschließe, das Land des Halbschlafs zu verlassen, um dieses Rätsel zu lösen. Schlage blinzelnd die Augen auf. Und erkenne: Direkt neben meinem Kopf, keine zehn Zentimeter entfernt, steht ein Laptop auf dem Tisch. Die drei russischen Soldaten sitzen auf dem Bett gegenüber und spielen ein Kriegsspiel, die Lautstärke voll aufgedreht. Gejohle. Und endlich begreife ich, an was mich das alles hier erinnert. Ans Internat, 10. Klasse. Nur dass die drei Russen hier alle zehn, fünfzehn Jahre älter sind. Im Heim würde man als Teenager jetzt einen Spruch bringen wie: »Verdammt, wie wär’s, wenn ihr den Laptop einfach gleich auf meinem Kopf abstellt, ich kann sonst nichts hören.« Aber hier? Ohne Russisch keine Chance, einen scherzhaften oder höflichen Hinweis anzubringen. Wieder lautes Gelächter, Explosionsgeräusche. Es ist 7:04 Uhr. Ich bin gefangen in einer Situation, die es im Erwachsenenleben eigentlich nicht mehr gibt.

<p>Foto: © Benedict Wells&nbsp;</p><br/>
<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>

Danach Metallbecher, Kaffee, kalter Waschlappen in der Toilette, Fenster, sibirische Landschaft. Draußen wieder die Endlos-DVD von »Die schönsten Bahnstrecken Russlands«. Nach wie vor gilt: Birken, wohin man sieht, dafür ist dieses sagenhaft weite Land inzwischen ergrünt. Stundenlang erblickt man draußen keine Menschenseele, kein Gebäude, die Natur wirkt völlig unberührt. Nur ganz selten entdecke ich ein paar verfallene Hütten am Waldrand. Man bekommt ein vages Gefühl für die Größe Russlands und auch für seine Nöte. Allein die Vorstellung, hier draußen im Nichts von Moskau aus Steuern einzutreiben, erscheint bizarr, und ich frage mich auch, wie die Menschen hier an Informationen gelangen. Welche Zeitungen sie lesen, welche Webseiten sie besuchen oder wie sie über die Politik einer Regierung debattieren, die tausende Kilometer entfernt ist.

In dieser Stimmung unterhalte ich mich mit Alexey aus der Nachbarkabine ein wenig über die Zukunft der EU und den Krim-Konflikt. Er versteht sowohl die russische wie auch die westliche Seite und wirkt hin- und hergerissen. Nach einem Besuch bei seinen Eltern in Wladiwostok hatte er die Wahl, zurückzufliegen oder mit der Transsib zu reisen. Vorteil Flugzeug: Geht schneller. Vorteil Transsib: Sein Urlaub wurde für die Fahrt um fünf Tage verlängert. Er nutzt die Zeit, um endlich mal zu lesen und Filme zu schauen. Allerdings nicht wie die Russen bei mir in voller Lautstärke, sondern mit Kopfhörern. Neuestes Gerücht: Angeblich reisen in einem Waggon Nordkoreaner mit uns.

<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>
<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>

Als ich später in mein Abteil komme, liegt Sergej auf meinem Bett, damit er unten bei den anderen sitzen kann. Als er mich sieht, springt er erschrocken auf und will nach oben klettern, doch ich bedeute ihm, dass er ruhig sitzen bleiben kann. Er zeigt mir daraufhin Fotos seiner achtjährigen Tochter und auch Bilder von ihm in schneidiger Uniform, auf die er sichtlich stolz ist. Da wir nicht miteinander reden können, verständigen wir uns auf unsere übliche Art. Er gibt mir ein Stück Brot und Wurst, ich ihm ein Twix. Wir versuchen uns zu unterhalten, mit Händen und Füßen, kriegen es nicht hin, müssen lachen. Und auf einmal stelle ich mir vor, wie ich mich verhalten würde, wäre ich selbst mit zwei gleichaltrigen Freunden eine Woche in einer engen Zugkabine unterwegs. Vermutlich genauso ausgelassen und laut wie die drei. Inzwischen kann ich ohnehin auch bei größtem Lärm in der Kabine lesen. Ein Kind kommt zu uns herein, streckt schon wieder die Zunge raus. Ich nehme das Klappmesser der russischen Soldaten (mit dem sie Brot schneiden) und drohe ihm mit gespielt bösem Blick. Das Kind starrt gleichgültig auf die Klinge. Ich hole meine Kamera und will ein Foto machen. Erst da rennt es weg.

Im Restaurant sind meine polnischen Mitreisenden und ich nun alte Bekannte. Ich lasse meine Sachen oft den ganzen Tag hier liegen, auch wenn ich mal stundenlang nicht da bin. Die Kellnerin, die schon mehrmals auf aufdringlichste Weise vor unseren Augen angemacht wurde, bringt mir wieder Gurkensalat mit Hühnchen – hello, my old friends! Egal, warme Nahrung fehlt mir, wie auch das Internet, sowieso kaum noch. Ich weiß natürlich, dass es mal eine Zeit gab, in der ich lange ausschlief und stundenlang für mich sein konnte, wenn ich wollte. In der ich mir bei einem Italiener um die Ecke ein leckeres Sandwich machen ließ, Freunde traf, duschen konnte, im Netz surfte, ein Zimmer für mich hatte. Ich kann mich allerdings nur noch verschwommen an all das erinnern. Meine Realität ist dieser Zug. Wenn ich gegen Fremde im Restaurant Schach spiele, ruckelt es manchmal so stark, dass Turm und König vor unseren Augen eine Spontanrochade machen. Abends dafür wieder eine wunderbare Viererunterhaltung in der Nachbarkabine, danach falle ich gegen elf todmüde ins Bett und schlafe sofort ein.

Tag 6

Um 6:23 Uhr früh klingelt bei uns das Handy. Hört sicher gleich auf, denke ich und schließe die Augen. Doch Denis geht ran und redet minutenlang in unfassbarer Lautstärke, bis wir anderen drei auch wirklich alle wach sind. Statt ihren Mitreisenden zu beschimpfen und zu ermahnen, wenigstens leiser zu telefonieren, geht sofort das Gelächter wieder los. Ich lache auch mit, einfach, damit ich nicht weine.

Inzwischen habe ich die Nordkoreaner gesehen, Alexey hat mit ihnen geredet. Sie wurden von der Regierung in Pjöngjang geschickt und werden in Jekaterinburg für einen geringen Lohn arbeiten. Bei den Stopps wie jetzt im sonnigen Barabinsk sitzen sie immer in Gruppen vor den Kiosken und starren sehnsüchtig auf die Waren, ein Anblick, der einen nicht kaltlassen kann. Ebenso wenig wie jener der meist sichtbar verarmten Reisenden der 3. Klasse, die an den Haltestellen mit Kippe im Mund auf dem Bahnsteig stehen, etwas in ihr Handy tippen oder mürrisch in die Ferne schauen. Viele tragen aus der Zeit gefallene Jacken aus Polyester und Ballonseide, und wenn sie nach Tagen an Orten fernab jeder Zivilisation aussteigen und mit ihren Koffern dem Nichts entgegentrotten, wirken sie oft auf eine anrührende Weise verloren.

<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>

Am Nachmittag folgt die große Versöhnung. Ich betrete mein Abteil, bekomme ein Bier gereicht, setze mich nach oben zu Tolja, Denis und Sergej. Mit Hilfe eines Handy-Übersetzers erfahren wir endlich mehr übereinander. Erstes  Frauen, sie zeigen mir Fotos ihrer Freundinnen. Alle drei müssen für sechs Monate auf die Militär-Akademie nach St. Petersburg. Eine lange und sicher auch harte Zeit, auf die sie sich nicht unbedingt freuen, vor allem die Trennung von Familie und Freunden setzt ihnen zu. Binnen weniger Stunden vernichten wir eine bizarre Menge Bier, fünf Zwei-Liter-Flaschen. Ich merke, wie ich selbst immer lauter lache, und endlich ist alles vergessen, sind wir einfach nur ein gutgelaunter Haufen Betrunkener. Dachte ich bisher, Sergej wäre der Anführer, erkenne ich nun, dass in Wahrheit der ruhige Denis das Sagen hat. Er ist auch der Einzige, der ein paar Brocken Englisch spricht. Der manchmal derbe, aber stets herzliche Sergej dagegen nimmt in seinen lustigen Momenten Züge von Paul »Gazza« Gascoigne an. Wir beschließen, alle Facebook-Freunde zu werden, und schießen Fotos. 

Am Schluss fragt mich Denis, was ich von Putin halte. Als er sieht, dass ich zögere, sagt er, ich könne ruhig ehrlich sein. »For me, Putin is shit!«, sagt er laut, während einer seiner Freunde sofort widerspricht. Sie wollen wissen, was ich über den 2. Weltkrieg und Hitler denke. Zur besseren Verständigung zeige ich mit dem Daumen nach unten. Als Nächstes kommt die Frage, wer denn nun den 2. Weltkrieg gewonnen hat. Dass bei der Antwort auch Amerika erwähnt wird, gefällt Denis überhaupt nicht. Für ihn hat sein Land mit all seinen Opfern den Krieg allein gewonnen. »USA gegen Russland, wer würde gewinnen?« und »Wenn in Deutschland Mobilmachung ist, wirst du dann auch eingezogen?«, so lauten die Fragen, die meine Zimmernachbarn offenbar sehr beschäftigen. Der Alkohol, der die Unterhaltung in Gang gebracht hat, beendet sie nun auch wieder. Gott sei Dank gibt es nicht noch eine Zwei-Liter-Flasche. Tolja kann ohnehin kaum noch die Augen offen halten und kippt öfters weg, Sergej hat sich nach unten gesetzt und isst wie ein Wahnsinniger mehrere Portionen Kartoffelbrei, Denis dagegen vernichtet sämtliche Twix und Milky-Ways, die ich heimlich für die Nordkoreaner gekauft hatte, mich dann aber nicht getraut hatte, sie ihnen zu geben. Schließlich schlafen wir alle vier sofort ein, mitten am Tag, draußen strahlender Sonnenschein.

<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>

Die Hütten am Wegesrand häufen sich und werden wohnlicher. Abends lese ich in Krieg und Frieden weiter und werde im Restaurant, das inzwischen gerammelt voll ist und in manchen Momenten verblüffend der Star Wars Cantina ähnelt, von ein paar Männern zum Schach herausgefordert. Sie kommen aus Mursk. Mein Gegner wirkt vom Bier und dem heimlich aus einem Metallbecher getrunkenen Wodka sichtbar angeschlagen, dafür bin ich noch ziemlich verkatert. Ich gewinne knapp. Danach wieder große, herzliche Gesten. Schon durch die Freunde meiner russischen Mitbewohnerin in Barcelona habe ich gelernt, dass es in Russland weniger Distanz gibt. Man legt einfach den Arm um die Schulter des anderen, auch wenn er ein Fremder ist, stößt oder redet ihn an, hält sich auf eine burschikose Art viel weniger zurück. Am Morgen, wenn ich schlafen will, hasse ich das. Aber jetzt ist es schön.

Tag 7

Ein letztes Mal wecken sie mich noch. Gegen halb fünf in der Früh erreichen wir Jekaterinburg. Dort steigen die Soldaten – wie auch Alexey aus der Nachbarkabine – aus. Natürlich sind Sergej, Denis und Tolja schon ab vier wach, packen, stoßen aus Versehen ein Glas um, kichern, werden immer fröhlicher. Wir verabschieden uns, und dann geschieht das Wunder: Zum ersten Mal seit Wochen, ja seit dem Aufbruch in Berlin habe ich ein Zimmer für mich allein. Zumindest für ein paar Stunden. Der Zug gerät in ein Gewitter, draußen blitzt und regnet es, ich schließe die Augen und döse weg, und dann steigen auch schon zwei Männer zu. Sie sind Arbeitskollegen, ihr etwas onimöser Auftrag: eine riesige Kiste persönlich nach Moskau bringen. Wir stellen einander vor, essen zusammen asiatische Nudelsuppen, reden danach lange Zeit kein Wort. Einfach nur Ruhe, wie sehr habe ich das vermisst. 

<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>
<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>

Abends im Restaurant werde ich von einem Gangsterpärchen angesprochen. Einem Kirgisen und einem Tataren. Beide wirken wie Nebenfiguren aus einem Guy-Ritchie-Film, man hat das Gefühl: Drei Abende mit ihnen, und man verliert einen Zeh oder landet im Gefängnis. Das ist im Übrigen nicht aus der Luft gegriffen. Der Tatar, ein großer Modern-Talking-Fan, erzählt, dass der harmlos wirkende Kirgise jahrelang im Knast gewesen sei, macht aber auch Andeutungen über seine eigenen Erfahrungen in dieser Hinsicht. Seine Finger sind tätowiert. Er fragt mich, ob ich auf dem Laptop für ihn Eminem abspielen kann. Gern. Danach – alle anderen essen im Restaurant gerade zu Abend – wünscht er sich »erotic music«. Wie bitte? Der Tatar wirkt gutgelaunt, aber irgendwie auch fiebrig, nervös. Obwohl ich eigentlich gerade Schach spiele, spricht er mich dauernd an, fragt, ob ich ihm ein »weltweites Modem« für 5000 Rubel abkaufen möchte. Nun, klingt wirklich vielversprechend … aber eher nicht. Als Nächstes macht er zweideutige Andeutungen zu russischen Frauen, die ihn wie einen Zuhälter wirken lassen. Die Situation ist lustig, wirkt aber nicht ganz ungefährlich, ich habe immer das Gefühl, in wirklichen Ärger geraten zu können. Schließlich taucht auch wieder das Hauptthema der Fahrt auf: der Krieg. Der Tatar ist ebenfalls kein Putin-Anhänger, wie er sofort deutlich macht. Erst denke ich, er wäre links oder pro-westlich eingestellt, bis er konkretisiert: »Putin is a pussy!« Er macht ein verächtliches Gesicht. Noch ehe ich begreife, sagt er mit funkelnden Augen, dass Russland sich die Ostukraine einfach schnappen solle. Der fröhliche Kirgise dagegen spricht gar kein Wort Englisch, beobachtet mich aber unentwegt und schenkt mir dann ein Käsesandwich. Ich revanchiere mich, indem ich beiden zum Abschied meine bewährten Geschenke in die Hand drücke: ein Twix und ein Milky-Way.

<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>
<p>Foto: © Benedict Wells</p><br/>

Tag 8

Noch einmal sitze ich morgens mit meinem Kaffeebecher da, rede mit meinen polnischen Mitreisenden über die Fahrt, im Hintergrund läuft auf meinem Laptop Bob Dylans Not Dark Yet. Und dann sind wir auch schon in Moskau. Nach einem gemeinsamen Mittagessen (Spaghetti, endlich eine warme Mahlzeit) verabschiede ich mich von Jaczek und Mike. Ich hätte keine angenehmeren Leidensgenossen für die Fahrt haben können als die beiden. Der großartige Anekdotenerzähler Mike sagt, dass er anfangs – als Pole eine Woche unterwegs mit einem Deutschen und einem Russen – durchaus befangen gewesen sei. Aber wie schon bei meinen Nachtzugfahrten von Barcelona hat sich diese Form des Reisens als die ideale Art herausgestellt, Vorurteile und Grenzen im Kopf abzubauen.

Nach der Verabschiedung geht es für mich in den Zug nach Berlin. Der wirkt auch in der 2. Klasse im Vergleich zur Transsib wie Luxus, die Betten sind weicher, es gibt warmes Wasser und sogar eine Dusche. Wenig überraschend bringt sich aber auch hier der Krieg noch mal als Thema ein. Diesmal in Form des gut fünfzigjährigen Sascha, ein leutseliger, ukrainisch-stämmiger Russen, der sich einfach zu mir ins Abteil setzt. Er erzählt von seinen Jahren als Gastarbeiter in Deutschland und kommt dann schnell auf den Krim-Konflikt zu sprechen. Und erneut drängt sich mir – nach all den Gesprächen mit europakritischen wie europafreundlichen Russen, mit Putin-Anhängern wie erbitterten Gegnern – der Gedanke auf, dass die Beziehung zwischen Berlin und Moskau oft an eine enttäuschte Liebe erinnert. Als würden sich viele im Land danach sehnen, ein freundschaftliches Verhältnis mit Europa und Deutschland zu haben, und als würden die Zurückweisungen Europas und seine Annäherungen an Amerika dementsprechend auch trotzig bestraft: mit eifersüchtigem Türzuschlagen und beleidigten Gesten. Das ist zumindest mein Eindruck auf der Reise.

»Weißt du, wir machen selbst viele Fehler und verhalten uns oft falsch, schon klar, aber ihr redet auch nie mit uns«, sagt Sascha, während er ein Sandwich aus der Verpackung wickelt. »Wir wollten nach der Sowjetzeit nur unsere Ruhe, wir wollten uns zurückziehen. Es war abgemacht, dass es eine Pufferzone gibt, jetzt stellt ihr eure Armee direkt im Baltikum und in der Ukraine vor unsere Grenze, dort habt ihr schon mit den Amerikanern beim Putsch mitgeholfen und euch einfach in die Krimfrage und den Maidan eingemischt, statt vorher mit uns darüber zu diskutieren. Wir sollten Freunde sein, wir hatten sogar überlegt, Teil der NATO zu werden, da habt ihr nur gelacht. Wir sollten einander verstehen, aber ihr handelt immer erst und macht alles, was die USA wollen.«

Wir passieren die weißrussisch-polnische Grenze. Back in the EU. Unterwegs denke ich an Momente meines Trips. Ist es nun wirklich besser, langsam zu reisen und alles bewusst zu erleben? Es ist auf jeden Fall anstrengender, denke ich sofort. Aber vielleicht muss es auch anstrengend sein, ans Ende der Welt zu fahren, denn erst wenn man diese gewaltige Distanz fühlt, versteht man, wieso wir trotz Globalisierung, trotz Facebook, McDonald’s und Starbucks so unterschiedlich denken und fühlen können. Erstaunt stelle ich jedenfalls fest, dass ich unterwegs immer pünktlich war. Ob in Japan, China, Südkorea, Russland, ob mit Bus, Bahn, Schiff, normalen Zügen oder bei jedem einzelnen der unzähligen Stopps der Transsibirischen Eisenbahn: Stets kam ich pünktlich auf die Minute an. Daran werde denken, wenn ich in Deutschland mal wieder einen Zug wegen Verspätung verpasse.

Und dann, nach zweieinhalb Monaten und über 32 000 Kilometern, erreiche ich Berlin. Als ich im Frühjahr 2016 losfuhr, war es in der Stadt grau und winterlich kalt. Doch jetzt, Anfang Juni, leuchten die Straßen in der Abendsonne und die Menschen tragen T-Shirts und Sonnenbrillen. In der Tram nach Hause fühle mich wie Superman mit seinen geschärften Sinnen, denn plötzlich nehme ich alle Unterhaltungen um mich herum wieder wahr, kann einzelne Gesprächsfetzen auf Deutsch verstehen. Ungewohnt. Bald darauf bin ich in meiner Wohnung, das Ende einer unwahrscheinlichen Reise. Im Kopf noch immer russische Stimmen und Gelächter, bunte Bilder und Begegnungen aus dem Zug – und natürlich auch unzählige Birken in verschiedensten Formationen. Das alles muss ich erst mal verarbeiten. Doch zunächst eine heiße Dusche, und dann wird ausgeschlafen. Oder um es mit meiner Reiselektüre zu sagen: Endlich Frieden.

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Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Im Alter von sechs Jahren begann seine Reise durch drei bayerische Internate. Nach dem Abitur 2003 zog er nach Berlin. Dort entschied er sich gegen ein Studium und widmete sich dem Schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vielbeachtetes Debüt Becks letzter Sommer erschien 2008, wurde mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet und 2015 fürs Kino verfilmt. Wie bereits sein dritter Roman Fast genial steht auch sein aktueller Roman Vom Ende der Einsamkeit auf den Bestsellerlisten. Wells wurde dafür mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) 2016 ausgezeichnet. Er lebt in Berlin. 

Claudia

Vielen herzlichen Dank für diese Zusammenfassung des Erlebbaren in der Transsib, ich habe einiges wiedererkannt... Auch ich bin dankbar für diese Zeit mit Zeitgenossen und freue mich darüber, das bereits erlebt zu haben und es nicht nochmal aufgrund des Erlebnisses erleben zu müssen. :)
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Diogenes Blog-Team

Ja, unsere romantischen Vorstellungen von einer Fahrt mit der Transsib wurden durch Benedict Wells' Beschreibungen auch etwas zurecht gerückt ... :) Schön, dass Ihnen sein Bericht gefallen hat und Sie einiges wiedererkennen konnten.
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