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»Dann legte ich das Buch weg«: Wie ein Roman zum Film wird. Stefan Haupt über ›Finsteres Glück‹

Von Theodora Peter, sda

In den Schweizer Kinos boomen die Literaturverfilmungen. Doch wie wird aus Literatur Kino? Für Regisseur Stefan Haupt, der Lukas Hartmanns Roman Finsteres Glück verfilmte, war dies ein Lernprozess: »Am Schluss muss der Stoff als Film funktionieren.«

<p>Foto: © Triluna Film AG 2016</p><br/>

Stefan Haupt sitzt am Tisch im abgedunkelten Schneideraum seiner Produktionsfirma in Zürich. Der 54-jährige Regisseur, der für seinen letzten Film Der Kreis (2014) mehrfach ausgezeichnet wurde, steckt mitten in der Montage von Finsteres Glück und ist guten Mutes. Das war bei der Entstehung des Films nicht immer so. Für sein jüngstes Filmprojekt musste der Regisseur einige Schwierigkeiten meistern.

»Eigentlich konnte ich mir nie vorstellen, Literatur zu verfilmen«, erzählt Haupt im Rückblick. Der Impuls ging von Schriftsteller Lukas Hartmann aus. Dieser kontaktierte den Regisseur, nachdem er dessen Film How About Love im Kino gesehen hatte. Im Beziehungsdrama spielen zwei von vier Haupts Kindern mit. »Er sagte mir, dass er mir die Inszenierung von Finsteres Glück zutrauen würde, nachdem er die Kinder im Film spielen gesehen hatte.«

Hartmanns 2010 erschienener Roman handelt vom Schicksal des 8-jährigen Yves, der als einziger einer fünfköpfigen Familie einen Autounfall überlebt. Ich-Erzählerin des Buchs ist die Psychologin Eliane, deren Leben durch die Begegnung mit dem verwaisten Buben ebenfalls aus den Fugen gerät.

Bildstarke Vorlage

Als Hartmann sich bei ihm meldete, steckte Haupt mitten in anderen Filmprojekten, versprach dem Schriftsteller aber, den Roman zu lesen. Die Lektüre von Finsteres Glück habe ihn dann »unglaublich berührt« und auch wegen der starken Bildsprache nicht mehr losgelassen. »Es versetzte mich in eine emotionale Bilderwelt.«

Um ein Drehbuch zu entwickeln, besorgte sich Haupt ein Textdokument des Romans und schrieb in einem ersten Schritt alle Ich-Sätze in die dritte Person um. »Das war schon mal ein wichtiger Prozess, um mir den Stoff anzueignen und die Figuren gleichwertig zu behandeln.«

Eine besondere Herausforderung waren die im Roman häufigen Selbstreflexionen, in denen die Psychologin Eliane kritisch über ihr eigenes Verhalten nachdenkt. Wie übersetzt man das auf die Leinwand? »Ich versuchte zuerst, diese Gedanken in Dialoge umzusetzen, aber das hat nicht immer funktioniert.« Erzählstränge wurden verdichtet und verkürzt. »Man sucht nach Möglichkeiten, Zeichen zu setzen, ohne dass es plakativ wird.« Auf eine erzählende Off-Stimme verzichtete der Regisseur bewusst.

Hilfreich für die Arbeit am Film waren die im Buch abgedruckten Briefe – etwa von Yves’ Großmutter oder von Elianes Exmann. Sie dienten dem Regisseur als »Backstorys« zur Entwicklung der Rollen und ihrer Charaktere.

Auch führte Haupt lange Gespräche mit Romanautor Hartmann, um die Hintergründe des Buchs – der Schriftsteller war in einer Zeitungsnotiz auf das Thema gestoßen – noch besser zu ergründen.

Drehbuch-Ablehnung als »heilsamer Schock«

Dann stand die Drehbuchfassung, und das Projekt drohte zu scheitern: Das eingereichte Szenario fiel im ersten Anlauf bei den Filmförderstellen durch. »Das war wie so oft ein Schock – aber ein heilsamer«, erinnert sich Haupt.

<p>Foto: © Triluna Film AG 2016</p><br/>

Für die Überarbeitung des Drehbuchs zog er die Hilfe einer Außenstehenden bei, der Regisseurin und Szenaristin Jacqueline Surchat. »Sie war eine große Hilfe, weil sie mein Drehbuch eisern hinterfragte.«

Surchat hatte die literarische Vorlage ganz bewusst nicht gelesen – im Gegensatz zu allen bisherigen Beteiligten, die beim Lesen des Drehbuchs an die Emotionen ihrer Buchlektüre anknüpfen konnten. »Sie fragte mich immer wieder, weshalb die Personen so und nicht anders handelten.« Erst dadurch habe er realisiert, »dass ich selber noch völlig in der Welt des Romans drin steckte.« Das habe ihn dazu gezwungen, »die Geschichte als eigene Leistung wiederherzustellen.«

Von diesem Moment an holte der Regisseur den Roman nicht mehr hervor. »Ich legte das Buch weg, denn das Projekt musste zu meinen Film werden. Auch Hartmann habe die neue Version des Drehbuchs gut gefallen. »Er fand es viel filmischer.« Beim zweiten Anlauf klappte es dann auch mit der Finanzierung, so dass im Herbst 2015 gedreht werden konnte.

In die Kinos kam das Drama diesen Herbst. Die Hauptrolle der Psychologin Eliane spielt Haupts Frau, die Schauspielerin Eleni Haupt (Vitus). Den Waisenbuben Yves verkörpert der 8-jährige Noé Ricklin in seinem Filmdebüt.

Finsteres Glück

Dieser Text von Theodora Peter/sda wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert. Erstmals erschienen in der Berner Zeitung am 7.4.2016.

Finsteres Glück von Lukas Hartmann ist lieferbar als Taschenbuch und als eBook. Die gleichnamige Verfilmung ist seit Mitte November in den Deutschschweizer Kinos zu sehen und wurde am Black Nights Film Festival in Tallin mit dem ›Cross Religion Award‹ ausgezeichnet.

>> Leseprobe

Stefan Haupt absolvierte von 1985 bis 1988 die Schauspiel Akademie Zürich. Seit 1989 ist er freischaffend als Filmemacher und Regisseur tätig. Er lebt in Zürich.