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Ein Protagonist stellt sich vor. Auszüge aus Chris Kraus' neuem Roman ›Das kalte Blut‹

Schlechtes Wetter – Zeit für dicke Bücher! Das kalte Blut von Chris Kraus erzählt auf 1200 Seiten die Geschichte zweier Brüder aus Riga, die erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen Bundesrepublik Karriere machen. Die Jüdin Ev ist mal des einen, mal des anderen Geliebte. In der leidenschaftlichen Ménage à trois tun sich moralische Abgründe auf, die zu abenteuerlichen politischen Ver­wicklungen führen. Hauptfigur und Ich-Erzähler in dem fast ein ganzes Jahrhundert umspannenden Epos ist Koja Solm. In den nachfolgenden Abschnitten stellt er sich und seine Familie vor.

<p>Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag</p><br/>

Kojas Eltern, noch vor seiner Geburt:

[Papa] ließ […] die Kutsche anspannen und war fest entschlossen, den störrischen Vater persönlich aus dem nur fünfzig Werst entfernten Aufstandsgebiet herauszuholen.

Doch verbot das am Ende meine Mutter. Oder vielmehr verbot es ihr Zustand. Sie war in jenem Sommer im neunten Monat schwanger, so dass ihr schwellender Leib sehr eindrücklich wirkte, als er von Mama höchstselbst quer über die Fahrbahn gelegt wurde. Und natürlich wagte der Gatte nicht, über eine solche Barrikade zu rollen.

Nicht etwa, dass Mama sich schutzlos ohne Papa gefühlt hätte, nein, ganz und gar nicht. Sondern vielmehr war sie in Sorge, dass er ohne ihre Begleitung auf einer so gefährlichen Fahrt in entsetzliche Schwierigkeiten kommen könnte, denn tatsächlich zog er – vermutlich ein Ausfluss seines künstlerischen Talents – Debakel, Fiaskos, Katastrophen und unglaubliche Komplikationen (von denen Mama sicherlich die unglaublichste war) geradezu magisch an, obwohl er am Ende des Tages ein Glückskind blieb, was sich in keiner Weise widerspricht.

Der ältere Bruder Hub:

Ich muss das Geständnis machen, dass ich leider weder so fleißig wie Hub war, noch auch nur annähernd an seinen sagenhaften Erfolg bei Frauen herankam. Auch fehlte mir sein prachtvoller und völlig ungebrochener Glaube an sich selbst. Hub hatte eine natürliche Autorität, einfach durch die Art, wie er sprach und glänzte, und diese ungeheure Energie, die er ausstrahlte, nahm eigentlich jeden für ihn ein.

Während ich meistens um mich selbst kreiste, um Farben, Bücher und geistige Wahlverwandtschaften, hatte er eine ausgeprägt soziale Ader, liebte das harmonische Zusammensein in Gruppen, die seiner Meinung nach vor allem deshalb existierten, um sich darin auszuzeichnen oder ihnen voranzugehen. Seine Lieblingsworte waren »fabelhaft« und »enorm«, mit diesem Vokabular waren auch seine universitären Leistungen hinreichend beschrieben.

Wenn wir in Jugla waren, in unserer kleinen Datscha am Stintsee, forcierte er jede Art von Gesellschaftsspiel: Scharade, Skat, Mensch ärgere dich nicht. Meistens gewann er, und wenn er nicht gewann, tat er so, als hätte er gewonnen. Immer aber fand er die Zeit, sich um die Nöte derjenigen zu kümmern, die so gut wie nie gewannen, weder im Spiel noch im Leben. Als ich im Abitur durchzufallen drohte, weil mir Latein den Garaus machte, paukte er mit mir Cäsars De Bello Gallico ein. »Reiß dich enorm am Riemen, Koja!«, das wurde das geflügelte Wort: »Enorm-am- Riemen-Reißen!«

Denn während Hub, ohne ein Streber zu sein, so wie einst Jesus über den See Genezareth unangefochten durch alle theologischen Prüfungen marschierte, drohte ich als akademischer Müßiggänger zu ertrinken.

Das kalte Blut

Adoptivschwester Ev:

Ev und ich, wir fühlten uns nicht von diesem Stern. Zwar bewunderten wir Helden wie Hub und begehrten ihn auch (ich nehme für eine Sekunde Evs Perspektive ein), aber wir lebten nicht wie er oder unsere Eltern  […] mit oder unter den Menschen, sondern neben ihnen her, ganz am Rande, und während sie die Welt als fest und unumstößlich empfanden, sahen wir, dass sie an gelockerten Schrauben hing und der Wind an ihr rüttelte. Wir waren Außenseiter, hatten aber beide diese Gabe, nicht wie Außenseiter zu wirken, da wir uns gegenseitig Kraft gaben, ja, vielleicht auch durch diese harmlosen Berührungen, die dem Lausen unter Schimpansen ähnelten.

Koja als Künstler:

Von Papa lernte ich, dass das Selbstbewusstsein unserer Zeit gerade aus der Zuwendung zur diesseitigen Welt erwächst, dass die Zuwendung zum Jenseits, das unsere Vorfahren, die Pastoren, und das selbst ihn, den halben Pastor, geprägt hat, abgelöst wird durch die Materie, durch das Stoffliche und Unmittelbare, dessen Erleben uns erst zu uns selbst führt. »Individualität, mein Sohn«, sagte Papa oft, »bedeutet, an das zu glauben, was du siehst.« Man kann daher gar nicht malen lernen. Man kann nur sehen lernen.

Maler: Werner Rosenbusch, Foto: Ulrike Petry, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:3-Werner_Rosenbusch_Selbstbild-vor-Staffelei_1956.jpg">3-Werner Rosenbusch Selbstbild-vor-Staffelei 1956</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode">CC BY-SA 4.0</a>

 

Der Beginn einer Karriere:

Ich selbst wurde innerhalb kürzester Zeit ein guter Nazi. Nicht dass ich mir dessen bewusst war. Viele von uns wurden gute Nazis, fast ohne es zu merken, denn ein guter Nazi zu werden war so, als würde man ein guter Christenmensch werden. Gute Nazis waren selbstverständlich. Es gab keine anderen, und es schien ganz von alleine zu passieren.

[...]

Inzwischen fand ich es nicht ohne Reiz, zum exquisiten Club der sd-Elite zu gehören, zu dieser kühlen, akademischen Hochintelligenz, die die Eleganz des britischen Secret Service mit der kalten Pragmatik der Tscheka verband. Wirklich gefallen hat mir aber nur die Fassade. Mich überwältigten die kraftvollen Bilder und die sich kühn verstellenden Menschen, die mir in den Farben Caravaggios aufleuchteten, so viel Licht, so viel Schatten, und was hinter der Fassade lauerte, zog mich langsam zu sich herüber in die versteckte, unterdrückte, uns alle verbindende Lust an Täuschung, Macht und Einsamkeit. Einmal Geheimdienst, immer Geheimdienst, heißt es in unseren Kreisen. Nur wer jene fast familiäre Verschworenheit selbst erlebt hat, kann ermessen, wie viel Wahrheit in diesem dummen Satz steckt.

Koja über sich selbst – und die Redlichkeit:

[Es] gab in meinem Leben auch […] Personen – Männer, Frauen –, die sich von meiner Redlichkeit angezogen fühlten. Es waren nicht viele. Aber es gab sie. Zweifellos. Nur ob es diese Redlichkeit gab, das habe ich mich tatsächlich nie gefragt. Nicht dass ich mir Illusionen über mich gemacht hätte. Mir war immer bewusst, was mir geschehen war. Aber es war mir eben geschehen. Widerfahren. Zugestoßen. Passiert. Ich habe auf eine verfallende Welt reagiert, nicht umgekehrt. Ich war zutiefst aufrichtig. Zutiefst unaufrichtig war ich auch. Aber das Unaufrichtige gehörte zu meinem Job. Das Ehrliche war ich selbst. Eine Haut, die sich nicht schälen konnte, die allerletzte, vielleicht sehr dünne, aber reißfeste ehrliche Haut. Darunter das Fleisch, die Knochen, das Herz. Bis in die Eingeweide habe ich die Täuschung nicht eindringen lassen. Das denke ich immer. Das dachte ich. Das denken natürlich alle in meiner Position. Täuschung ist meine Währung. Es gibt keine härtere. Wer aber damit zahlt, das sage ich, ist noch lange nicht durch und durch falsch.

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Chris Kraus, geboren 1963 in Göttingen, ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Romancier. Seine Filme (darunter Scherbentanz, Poll) wurden vielfach ausgezeichnet, Vier Minuten mit Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung gewann 2007 den Deutschen Filmpreis als bester Spielfilm. Sein neuer Film, die Tragikomödie Die Blumen von gestern, mit Lars Eidinger in der Hauptrolle, startete im Januar 2017 in den Kinos. Der Autor lebt in Berlin.

Das kalte Blut ist Chris Kraus’ zweiter Roman und am 22.3.2017 erschienen. Auch als ebook.

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