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»Warum greift die Welt nicht angemessen ein?«
Ein Interview mit Donal Ryan

In seinem neuen Roman Die Stille des Meeres verknüpft Donal Ryan den Syrien-Konflikt mit globaler Sozialpolitik. Eine phantastisch komponierte Geschichte über Verlust und Neuanfang. Der Autor spricht im Diogenes-Interview über den vierten Roman in deutscher Übersetzung.

Foto: © Anthony Woods

Mit Die Stille des Meeres erscheint Ihr viertes Buch auf Deutsch. Was ist das zentrale Thema des Romans?

Donal Ryan: Es ist ein Roman über Männer und Männlichkeit. Ein zentrales Thema ist Macht sowie unser ständiger Kampf als Individuen, deren Auswirkungen auf unser Leben zu regulieren. Jeder der drei Protagonisten wird seiner individuellen Autorität beraubt: Farouk durch Krieg, Lampy durch Liebeskummer, John durch Krankheit. Alle haben auf unterschiedliche Weise Macht ausgeübt oder hatten zumindest eine Illusion davon, und jeder von ihnen findet sich nun an einem Ort wieder, an dem äußere Kräfte ungestraft auf ihr Leben einwirken. Dabei haben sie keine richtige Handlungsmöglichkeit oder Kontrolle mehr über das, was mit ihnen geschieht. Außerdem ist es ein Roman über die häufig selbst auferlegten Verpflichtungen, die an Vorstellungen von Männlichkeit geknüpft sind. Es wir die Art und Weise thematisiert, wie manche Männer ihr Selbstbild aus äußeren Dingen konstruieren, die sie zu ihren eigenen Zwecken zu formen versuchen. Dabei beziehen sie ihr Wertgefühl aus ihrer Fähigkeit, die Menschen um sie herum zu beschützen, zu versorgen oder zu kontrollieren. Doch ich weiß, das klingt wenig mitfühlend; ich sollte gestehen, dass der Mann, auf den ich mich für diesen Roman am meisten gestützt habe, ich selbst war.

Die drei Protagonisten stammen aus unterschiedlichen Welten, deren Schicksale könnten unterschiedlicher nicht sein. Gibt es dennoch Gemeinsamkeiten? 

Es ist ein Buch über drei Männer, die viel in ihrer Zerbrechlichkeit und ihren beschädigten Existenzen gemeinsam haben. Jeder von ihnen wurde durch äußere Umstände niedergestreckt und in unterschiedliche Probleme hineingeboren. Farouk hat die extremste Art von Zerrüttung erlitten; Lampy hat seine kleine Welt durch seinen emotionalen Schmerz noch weiter eingeengt; John hat jede Chance, die er jemals auf Glück und Erfüllung hatte, sabotiert – jeder von ihnen steht an einem Abgrund, auf Messers Schneide zwischen Tod und Leben.

Sie machen das schreckliche Schicksal des syrischen Flüchtlings Farouk sehr greifbar, als Leserin oder Leser ist man sprachlos und tief berührt. Beruht die Erzählung auf einem Erfahrungsbericht, oder wie haben Sie es geschafft, sich in die Lage von Farouk hineinzuversetzen?

Ich empfinde tiefe Sympathie für Farouk und hoffe, dass ich den Lesern einen kleinen Einblick in seine Erfahrungen und Verständnis für seinen Schmerz vermitteln konnte. Sieben Jahre habe in einem Beruf gearbeitet, der mich regelmäßig mit Kriegsflüchtlingen aus Ländern wie Syrien, Irak und Afghanistan in Kontakt gebracht hat. Selbstverständlich habe ich in meinem Leben nie solches Grauen erlebt, und ich habe mich sehr bemüht, das Leiden dieses Mannes nachzuempfinden und zu würdigen. Literarisch habe ich versucht, seine Stimme authentisch klingen zu lassen, und mir zur Aufgabe gemacht, dessen Leben und seinen schrecklichen Verlust darzustellen. Die wesentlichen Punkte von Farouks Geschichte habe ich aus einem Bericht, den ich in einer Zeitung über einen syrischen Arzt gelesen habe. Dieser hat sich darum bemüht, seine Familie nach Europa in Sicherheit zu bringen. Nachdem ich dieses Buch geschrieben hatte, starb mein Vater durch Ertrinken, und ich erinnere mich, dass ich in dieser extremen Zeit des Schocks und der Trauer, kurz nachdem seine Leiche aus dem Wasser geborgen worden war, dachte: »Jetzt kenne ich einen winzigen Bruchteil der Wahrheit meiner eigenen Worte.« Es kommt mir heute sehr selbstbezogen und narzisstisch vor, dass ich damals an mein Buch und meine eigenen egoistischen Gefühle gedacht habe, aber ich schätze, wir haben in solch extremen Momenten keine Kontrolle über unsere Gedanken.

Die Lage der Flüchtlinge in Europa hat sich seit 2018, als das Buch erstmals veröffentlicht wurde, nicht verbessert. Wann wussten Sie, dass Sie die Geschichte eines Flüchtlings erzählen möchten? 

Ich weiß nicht, ob ich mich jemals hingesetzt und darüber nachgedacht habe, wovon mein nächstes Buch handeln sollte, oder ob ich ein Thema aus einer Liste ausgewählt habe. Allerdings präsentierte sich mir die Geschichte in einer Flut von Nachrichten, durch Beschreibungen aus zweiter Hand sowie in den Bruchstücken von Erzählungen, in die ich durch meine Arbeit eingeweiht war: die Geschichte eines Menschen, der aus einem vom Krieg zerrütteten Land in ein friedliches Land wie Irland migriert und auf dieser Reise unermessliche Verluste erleidet, so dass jede seiner Handlungen danach sinnlos und absurd erscheint. Das führte zu dem Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, keine Wahl zu haben. Fiktion hat die widersprüchliche, aber unendliche Macht, Dinge real erscheinen zu lassen. Ich wusste, dass ich den Kampf und das Leiden unserer Mitmenschen aufzeigen konnte, die versuchten, unsere Küsten zu erreichen, um in Sicherheit zu sein.

Denken Sie, Europa sollte mehr Verantwortung übernehmen und mehr Einsatz in der Flüchtlingspolitik leisten?

Was mich mehr als alles andere wachhält, ist die enorme, nicht ausgeübte Macht, die reiche Nationen haben, um Krieg zu verhindern. Die Vereinten Nationen scheinen mir in diesen Tagen mehr um politische Korrektheit besorgt zu sein als um Menschenleben. Warum greift die Welt nicht angemessen ein, wenn Regierungen ihr eigenes Volk niedermetzeln? Warum bewaffnen westliche Nationen Despoten? Natürlich kenne ich die Antwort. Geld – der wichtigste Faktor von allen – die Trillionen und Trillionen von Dollar, die durch Kriege generiert werden. Nach zwanzig Jahren Krieg in Afghanistan sind die Taliban nun drauf und dran, das Land zurückzuerobern. Frauen werden immer noch auf der Straße hingerichtet, weil sie zur Arbeit gehen. Aber viele Menschen haben ihren Reichtum exponentiell vergrößert, während der Krieg andauerte. Ein Krieg, der unzählige Menschenleben gekostet und nichts gebracht hat. Das hat sich auf der ganzen Welt immer und immer wieder abgespielt. Wir beklagen uns über die Ungerechtigkeiten, die von Autokratien gegen einfache Menschen begangen werden, während unsere westlichen Regierungen und die Konzerne, für die sie sich einsetzen, ihnen Waffen, Panzer und Kampfflugzeuge verkaufen.

Mit Ihrem Roman zeigen Sie, welches Potential Literatur hat. Sie erzählen die scheinbar voneinander unabhängigen Geschichten der Protagonisten. Erst am Ende des Romans wird deutlich, wie eng die Leben der Hauptpersonen miteinander verknüpft sind. Wussten Sie bereits vor dem Schreiben, wie die Geschichten zusammenhängen sollen, oder wurde das für Sie erst während dem Schreibprozess klar? 

Das wusste ich. An einem klaren, frostigen Morgen im Jahr 2014 fuhr ich an einem Krankenwagen vorbei und sah eine kleine Gruppe von Menschen hinter dem Wagen stehen. Sie schauten zu der Person, die dort hineingehoben worden war. Da kein Anzeichen von Dringlichkeit zu erkennen war, wurde mir klar, dass dies kein schwerer Notfall sein konnte oder die Person auf der Trage tot war. Ohne dies zu wissen, fuhr ich weiter, aber in meinem Kopf malte ich mir eine Szene aus: Ich sah Pop und Lampy und Farouk und Florence, und dann dachte ich an eine Geschichte, die ich über einen jungen Mann gehört hatte. Er war Busfahrer für ein Altersheim in Spanien und hatte einen schrecklichen Fehler gemacht. Die ganze Geschichte und alle ihre Teile entstanden von diesem Moment an.

An der University of Limerick unterrichten Sie Creative Writing. Die Corona-Epidemie schränkt derzeit alle Lebensbereiche ein. Wie sehr sind Sie als Dozent und in Ihrem privaten Leben davon betroffen?

Wie die meisten Leute habe ich von zu Hause aus gearbeitet. Am Anfang war es etwas peinlich, da ich Vorträge und Workshops von meinem Dachboden aus hielt, umgeben von Kisten mit Weihnachtsdekoration und alten Magazinen. Ich hatte Angst, eine Spinne könnte auftauchen und meine starke Spinnenphobie auslösen! Mittlerweile haben wir den Dachboden in ein schönes, lichtdurchflutetes Büro umgewandelt, und so ist es meist in Ordnung. Es tut mir allerdings sehr leid für junge Leute, die ihr Leben beginnen und nicht die Dinge tun können, die junge Leute sonst tun. Sie können nicht so sorglos und frei sein, wie sie sollten.

Bild von weareaway auf Pixabay

Welche Bedeutung hat der Titel From a low and quiet sea? Auf den ersten Blick spielt das Meer nur in einer der Geschichten eine zentrale Rolle.

Das ist eigentlich eine Zeile aus einem schrecklichen Gedicht, das ich als Teenager schrieb, um meine Englischlehrerin zu beeindrucken. Ich war verliebt in sie. Eine Strophe des Gedichts wird in einer Szene in Johns Kapitel gelesen. Auch das Bild von Farouk, der auf das Meer hinausschaut, das zum Grab seiner Familie geworden ist, war zentral für meine Vision von diesem Buch. Es stammt von einem Mann, der der Zeitung The Guardian seine Geschichte erzählte. Dieser Mann erlitt bei der Überquerung des Meeres von Libyen den gleichen Verlust, den Farouk im Buch erfährt.

Erzählen Sie uns, welche Rolle das Meer in Ihrem Leben spielt.

Ich liebe das Meer. Ich bin ein schlechter Segler, aber es gibt nichts im Leben, was dem Schwimmen im Meer gleichkommt. Es fühlt sich an wie das Leben in seiner grundlegendsten Form, eingetaucht in das Element, aus dem wir gemacht sind, der Ort, aus dem alles Leben stammt. Wir leben etwa fünfzig Meilen vom Meer entfernt, aber wir versuchen, so oft wie möglich dorthin zu fahren.

(Die Interviewfragen stellte Sina Müller, © by Diogenes Verlag AG Zürich)

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