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Happy Birthday Tomi Ungerer!

Heute feiert Tomi Ungerer, Zeichner, Maler, Illustrator und Autor von Kinder- und Erwachsenenbüchern, seinen 85. Geburtstag. Dazu gratulieren wir ihm ganz herzlich und werfen einen Blick in der Verlagsgeschichte zurück.

<p>Foto: © Gaëtan Bally/KEYSTONE</p><br/>

1956 landete Tomi Ungerer mit sechzig Dollar in der Tasche in New York, den Kopf voll Steinberg, Thurber und Addams und den Koffer voller Zeichnungen. Er wurde über Nacht zum Star: als Karikaturist, Illustrator, Kinderbuchautor, Werbegrafiker und enfant terrible der New Yorker Society.

In der New York Times fällt Daniel Keel eine Anzeige auf, in der ein Buch von Tomi Ungerer beworben wird. Er schreibt dem Künstler einen begeisterten Brief. Tomi Ungerer schickt daraufhin Zeichnungen nach Zürich und muss erst einmal lange auf eine Antwort warten. »Ist Herr Diokeeles gestorben, krank?«, fragt Tomi Ungerer in einem Brief vom Januar 1957 ungeduldig. Nichts dergleichen – der Ein-Mann-Verlag ist schlicht überlastet.

<p>Tomi Ungerer mit seinem Plakat für eine Ausstellung in New York, 1959. Foto: Archiv Diogenes Verlag.</p><br/>

Zur ersten Begegnung kommt es im selben Jahr in München im Bayerischen Hof, danach reist Tomi Ungerer mit einer großen Zeichenmappe nach Zürich, wo er – neben Daniel Keel – Walter Herdeg, den Herausgeber der Zeitschrift Graphis, trifft. In Graphis erscheint ein großer Artikel über Ungerer und bei Diogenes Der schönste Tag, ein Geschenkbuch mit Zeichnungen zum Thema Hochzeit. Nicht nur im Buch wird geheiratet – nach seinem ersten Besuch in Zürich schreibt Ungerer: »Ich behalte unseren Kontakt in perfekter Erinnerung und hoffe, dass es der Beginn einer langen Freundschaft und Zusammenarbeit ist.« Eine Freundschaft, die über 60 Jahre währte – bis zum Tod Daniel Keels im Jahr 2011 –, und was für eine Zusammenarbeit! Während für Tomi Ungerer in New York ein Werbeauftrag dem anderen folgt, liefert er nebenbei ein Buch nach dem anderen ab. 1958 erscheint sein erstes großformatiges Buch mit Collagen: Tomi Ungerers Weltschmerz. Ungerer illustriert Bände der Reihe Tabu und der Diogenes Erzähler Bibliothek. Und seit der Verlag ein eigenes Kinderbuchprogramm hat, erscheinen Kinderbücher von Tomi Ungerer in rascher Folge.

Die Zusammenarbeit wird 1970 noch enger, nachdem Ungerer New York den Rücken kehrt und ›aussteigt‹: Mit seiner Frau Yvonne wird er in Kanada nebenbei zum Farmer. »Wir hatten das Stadtleben plötzlich satt: Auf dem Highway dahinjagend, war unserem Leben der Treibstoff ausgegangen; wir hatten uns festgefahren, und so schlugen wir zu Fuß den erstbesten Seitenweg ein und erwarteten nicht einmal das Unerwartete.« In einem Brief von 1981, in dem Tomi Ungerer, an seinem 50. Geburtstag, Rückschau hält, schreibt er: »Als ich 1970 die USA verließ, habe ich mich vollständig und exklusiv dem Verlag anvertraut. Für mich ist Diogenes ein Heimathafen geworden, ein Zentrum für kulturellen Austausch, ein Raum kreativer Zusammenarbeit«.

<p>Tomi Ungerer und Daniel Keel, 1972. Foto: Archv Diogenes Verlag.</p><br/>

Dicke Ordner Korrespondenz zeugen von den gemeinsamen Projekten – unzählige Arbeitslisten mit Terminplänen werden zwischen Zürich und Tomi Ungerers Refugium in Nova Scotia hin- und hergeschickt. »L’aventure, c’est du boulot, du boulot, du boulot«, zitiert Daniel Keel den Schriftsteller Blaise Cendrars in einem Brief. Die Liste der veröffentlichten Bücher wird länger, die Liste der nie realisierten Projekte auch: Der ekelhafte Weihnachtsmann, The Beach Book, Die 32 Todsünden, Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen und Das große Buch der Fabeln sind nur einige der Bücher, die nie erscheinen. Bald gibt es Fünfjahrespläne mit Projekten, die ausufern. »Zu viel, zu viel. So viel Zeit haben wir beide gar nicht mehr. Let’s concentrate aufs Wesentliche«, mahnt Daniel Keel im Oktober 1981, doch Ungerer bleibt produktiv wie immer.

Von keinem Autor – Georges Simenon ausgenommen – sind so viele Titel bei Diogenes erschienen wie von Tomi Ungerer: über achtzig Bücher, von Luxusausgaben in nummerierten Auflagen von nur zwanzig Exemplaren wie zum Beispiel 1979 Babylon (signiert, mit Goldprägung und Originalzeichnung) bis zum Riesenerfolg Das große Liederbuch mit fast einer Million verkauften Exemplaren. Die Palette reicht von satirischen, politischen und erotischen Arbeiten hin zu Illustrationen für Heidis Lehr- und Wanderjahre von Johanna Spyri. Der Zeichner selbst ist eigentlich kein Fan von Heidi – wie kommt es, dass er das Buch illustriert? Während eines Besuchs von Daniel Keel bei Ungerer in Straßburg verbringen Verleger und Zeichner eine schlaflose Nacht. Ungerer, weil er gerade eine Operation hinter sich hat und unter Schmerzen leidet, und Keel, weil er das Zimmer mit Ungerers kleiner Tochter teilen muss. »Triefäugig, aschfahl und mit belegter Zunge sitzen wir morgens beisammen«, erinnert sich Ungerer, »und rachsüchtig maliziös sagt Keel: ›Warum illustrierst du nicht Heidi?‹ – ›Ich? Heidi? Niemals!‹ Als kleiner Junge hatte ich das Buch verabscheut. Aber die Saat war gelegt und ging in mir auf. Mich reizte der ketzerische Gedanke, gute Illustrationen zu einem Buch zu machen, das ich nicht mochte, denn mit Wut im Bauch habe ich schon immer am besten arbeiten können.«

<p>Halten Ausschau nach Gästen – Tomi Ungerer und sein Galerist bei einer Vernissage in der Galerie Daniel Keel, 1974.</p><br/>

Ob Plakate, Illustrationen, Cartoons, Kinderzeichnungen, Collagen – Ungerer beherrscht die verschiedensten Techniken und Genres, sein Repertoire umfasst die unterschiedlichsten Themen: das Elsass (Das große Liederbuch), die New Yorker Society (The Party), den Zauberberg (Warteraum), die Hamburger Dominas (Schutzengel der Hölle) oder die eigene Biographie (Heute hier, morgen fort oder Die Gedanken sind frei) – um nur einige zu nennen.

Heute lebt Tomi Ungerer auf einer fünfzig Hektar großen Farm in Südirland und in seiner Heimatstadt Straßburg, wo er 1931 geboren wurde. Tomi Ungerer hat ein Werk geschaffen, das durch seine Vielseitigkeit Entzücken wie Entsetzen auslöst. Er ist ein Künstler zwischen den Welten, zwischen »der heilen und der geilen Welt« und zwischen Kanada (und heute Irland) und seiner elsässischen Heimat. Der Zeichner war früher oft zu Gast in Zürich: »Eine Zeitlang kam er immer mit der Frühmaschine aus Kanada und hat gleich alles ausgepackt, uns vorgelesen und uns gezwungen, seinen kanadischen Bärenschinken zu probieren oder Selbstgeschlachtetes von seiner Farm«, erinnerte sich Daniel Keel.

Keel seinerseits reiste mehrmals nach Lockeport in Kanada. Zwei Besuche des Verlegers hat Ungerer in seinem Buch Heute hier, morgen fort festgehalten: »Auf unserer kleinen Insel gab es früher ein Wasserloch, das einmal für kurze Zeit meinen Verleger beherbergte: Das war im tiefsten Winter. Monsieur Keel kam gerade richtig, um Fotos von uns zu machen, wie wir Heuballen zu den Schafen trugen. Da die Distanz nicht stimmte, trat er ein paar Schritte zurück, ohne zu wissen, dass unter der Schneeschicht das Wasserloch lauerte. Er verschwand in dem Moment, als er sein Foto schoss. Wir drängten ihn, so schnell wie möglich ins Haus zu laufen, bevor er sich in einen Kristallleuchter mit Lungenentzündung verwandeln würde.« Eine spätere Visite ist nicht weniger gefährlich: »Mein Verleger war gerade zu Besuch«, heißt es im Buch, »als ein paar Burschen mit einem kleinen Boot anlegten, um auf unsere Enten zu schießen. Es gab nur eine Möglichkeit, die Sache zu regeln. Gewehre können sprechen. Die Remington, die mir Yvonne zum Geburtstag schenkte, ist überzeugend redegewandt.« Auch den Schusswechsel überlebte Daniel Keel.

<p>Keel zu Besuch auf Ungerers Farm in Nova Scotia, fotografiert von Ungerer, 1973.</p><br/>

Vielleicht sind diese Erfahrungen der Grund, warum er Tausende von Zeichnungen von Ungerer per Luftfracht in die sichere Schweiz transportieren ließ, über neunzig Kilogramm. Mehr als 12 000 Originale gab es zu katalogisieren, wobei in der Schweiz auch viele Zeichnungen vernichtet wurden. Denn Tomi Ungerer gab Daniel Keel die schriftliche Erlaubnis, mittelmäßige Zeichnungen zu zerstören. Was von den Originalen übriggeblieben ist, schenkte Tomi Ungerer 1975 und dann 1991 seiner Heimatstadt Straßburg, zusammen mit einer großen Spielzeugsammlung. Am 2. November 2007 wurde in der Villa Greiner in Straßburg unter großem Andrang das Tomi-Ungerer-Museum (Musée Tomi Ungerer) eingeweiht. Auf 700 m2 sind 11 000 Zeichnungen, Plakate, Grafiken sowie Skulpturen Ungerers zu sehen.

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Tomi Ungerer, geboren 1931, stammt aus einer Straßburger Uhrmacherfamilie. Er verpatzte die Reifeprüfung, trampte dafür durch ganz Europa und veröffentlichte erste Zeichnungen im Simplicissimus. Mitte der 50er Jahre ging er nach New York, wo sein unaufhaltsamer Aufstieg als Zeichner, Maler, Illustrator, Kinderbuchautor und Werbegrafiker begann. Für seine Kinderbücher wurde er u.a. mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis ausgezeichnet.

Eine Ausstellung im Tomi Ungerer Museum Straßburg zeigt noch bis zum 19.3.2017 rund 150 Exponate von Künstlern, die von Tomi Ungerer beeinflusst oder angeregt wurden (täglich außer dienstags, 10.00 bis 18.00 Uhr).

Warum bin ich nicht du? Philosophische Fragen von Kindern. Beantwortet von Tomi Ungerer ist am 26.10.2016 erschienen.

Wieder lieferbar seit dem 26.10.2016: Das Kamasutra der Frösche.

Demnächst sind die Kinderbuchklassiker Der Mondmann und Die drei Räuber auch als App erhältlich, in Deutsch, Englisch und Französisch, gelesen von Tomi Ungerer selbst.

Auch soeben erschienen: Noch mehr schönste Kinderlieder auf CD, gesungen von Heike Makatsch, arrangiert von Max Schröder. Mit vielen Bildern von Tomi Ungerer.