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»Ein gebrochener Held auf aussichtslosem Posten.« Klaus Cäsar Zehrer im Gespräch über sein Romandebüt ›Das Genie‹

Boston, 1910. Der elfjährige William James Sidis wird von der amerikanischen Presse als »Wunderjunge von Harvard« gefeiert. Sein ehrgeiziger Vater Boris, ein bekannter Psychologe, triumphiert. Er will die Welt durch Bildung verbessern. Von Geburt an hat er seinen Sohn mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Als Erwachsener versucht William, sein Leben nach eigenen Vorstel­lungen zu gestalten – mit aller Konsequenz. Der 47-jährige Klaus Cäsar Zehrer legt mit Das Genie ein großartiges Romandebüt vor.

Foto: Steffi Roßdeutscher/ © Diogenes Verlag

Herr Zehrer, wie würden Sie Ihren Roman in wenigen Sätzen zusammenfassen?

Das Genie erzählt ziemlich nah an den historischen Fakten entlang die wahre Lebensgeschichte von William James Sidis. Williams Vater Boris kam 1886 als jüdischer Einwanderer aus der Ukraine in die USA und machte dort eine steile Karriere als einer der ersten Psychotherapeuten. Er behauptete, eine Methode erfunden zu haben, mit der sich jedes Kind zum Genie erziehen lässt. Zusammen mit seiner Frau Sarah hat er die Methode an seinem 1898 geborenen Sohn ausprobiert. Das Ergebnis war, zurückhaltend ausgedrückt, höchst erstaunlich.

William James Sidis wurde als Wunderjunge von Harvard gefeiert. Könnten Sie sein Leben und die Meilensteine kurz schildern?

Berühmt war er zu seiner Zeit vor allem für seine mathematische Begabung, aber das war längst nicht sein einziges Talent. Von seiner jüngeren Schwester Helena ist der schöne Satz überliefert: »Billy konnte alle Sprachen der Welt, mein Vater nur siebenundzwanzig.« Mit acht Jahren hatte er nicht nur seinen High-School-Abschluss in der Tasche, sondern auch die Zulassungsprüfungen für die Harvard University und das MIT bestanden. Dass er extrem schnell lesen konnte und ein absolutes Gedächtnis für alles je Gelesene hatte, dürfte dabei kein Nachteil gewesen sein.

Das Genie
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Nach Sidis’ Tod wurde sein Intelligenzquotient anhand der überlieferten Daten auf 250 bis 300 geschätzt. Obwohl eine solche Zahl natürlich mit äußerster Vorsicht zu genießen ist, taucht er deswegen auf irgendwelchen Internet-Listen der intelligentesten Menschen aller Zeiten immer wieder auf Platz eins auf – weit vor Einstein, Leonardo, Newton und Co.

Warum kennen wir William James Sidis, den »intelligentesten Menschen aller Zeiten«, nicht mehr?

Paradoxerweise aus dem gleichen Grund, der seine Geschichte so spannend und vielschichtig macht: Er hat als Erwachsener nicht das Leben einer Musterakademikers geführt, das jeder von ihm erwartet hatte. Stattdessen hat er den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen, wurde im Ersten Weltkrieg Totalverweigerer und führte fortan einen ziemlich einsamen Untergrundkampf für eine friedlichere, gerechtere Gesellschaft – mit guten Absichten, aber bescheidenem Erfolg. Seine Zeitgenossen hielten ihn für einen geistig ausgebrannten Versager und verachteten ihn. Bis er mit 46 Jahren starb, schlug er sich als Hilfsarbeiter durchs Leben. Erst in den 1970er Jahren, dreißig Jahre nach seinem Tod, begann man, sich für seine Ideen zu interessieren, alte Berichte über ihn zu sammeln und seinen Namen vor dem endgültigen Vergessenwerden zu bewahren.

William James Sidis, 1914, im Alter von sechzehn Jahren. Foto: von Unbekannt (The Sidis Archives) [Public domain], via Wikimedia Commons

Würden Sie sagen, er ist gescheitert?

Das ist eine der zentralen Fragen des Buchs. Die Beantwortung möchte ich dem Leser überlassen. Wer William James Sidis für eine gescheiterte Existenz halten will, findet jede Menge Anhaltspunkte dafür. Andererseits möge man berücksichtigen, dass er an einer ehrenwerten, aber unmöglichen Aufgabe gescheitert ist: der, ein richtiges Leben im falschen zu führen.

Den meisten Menschen, mich eingeschlossen, kann man vorwerfen, dass eine mehr oder minder große Kluft zwischen ihren Idealen und ihren Taten besteht. Ihm nicht. Da ist endlich einmal einer, der ohne faule Kompromisse seinen Überzeugungen folgt. Dass er für seine Konsequenz nicht belohnt wird, ist die bittere Pointe der Geschichte, aber nicht unbedingt seine Schuld.

Was hat Sie persönlich an William James Sidis fasziniert? Haben Sie ihn ins Herz geschlossen?

Da ist zum einen natürlich diese sagenhafte Superintelligenz und das Rätsel, welchen Anteil daran die Erziehungsmethode seines Vaters hatte. Aber das allein hätte für einen Roman nicht ausgereicht. Noch mehr als der junge Sidis interessiert mich der erwachsene. Nur weil man eine einzigartige Intelligenz besitzt, heißt das ja nicht, dass man keine Probleme im Leben hat, im Gegenteil. Eine einsame Ausnahmestellung ist eben zunächst einmal genau das: einsam.

Sicherlich besaß der historische Sidis einen bunten Strauß an charakterlichen Schrammen und Macken, aber dennoch ist er für mich ein Held. Und zwar kein strahlender Held – Siegertypen sind langweilig und literarisch unergiebig –, sondern einer von der Sorte, die sich ideal für eine Romanfigur eignen: ein gebrochener Held auf aussichtslosem Posten.

Der Vater von William James Sidis, Boris Sidis, war der Ansicht, dass aus jedem Kind ein Genie geformt werden kann. Was meinen Sie? Oder hatte William James Sidis nun mal ganz spezielle Voraussetzungen?

In der Tat warb Boris Sidis offensiv für seine Erziehungsmethode, indem er behauptete, fast jedes Kind könne die gleichen Fähigkeiten entwickeln wie sein Sohn, es müsse nur auf die gleiche Weise erzogen werden. Er hatte ja auch viele gute, fortschrittliche Ideen. Gegen Frühförderung und spielerisches Lernen ist nicht viel einzuwenden, besonders wenn man bedenkt, dass damals noch eine brachiale Rohrstock-Pädagogik gang und gäbe war.

Nur unterschätzte Boris andere Faktoren, die, wie man heute weiß, ebenfalls stark zur Intelligenzentwicklung beitragen, etwa genetische. Und dass der kleine Billy während seiner gesamten Kindheit von mehr Harvard-Professoren als von gleichaltrigen Spielkameraden umgeben war, wird wohl auch nicht ohne Folgen geblieben sein.

Wie sind Sie auf diesen Stoff gekommen? 

Durch Zufall und Internet. Anfang 2009 habe ich im Fernsehen eine Dokumentation über Menschen mit Inselbegabung gesehen, sogenannte Savants. Sie sind in den meisten Lebensbereichen unbeholfen bis hin zur geistigen Behinderung, können aber in irgendeinem Spezialbereich schier Unglaubliches leisten, beispielsweise die siebte Wurzel einer fünfzehnstelligen Zahl im Kopf auf hundert Nachkommastellen genau ausrechnen. Das hat mich interessiert, und ich habe im Netz ein bisschen herumgeklickt, um mehr über solche geistigen Extremleistungen zu erfahren. So bin ich auf eine Seite gestoßen, auf der es nicht mehr um Savants ging, sondern das »exzentrische Genie William James Sidis« erwähnt wurde. Ich hatte den Namen noch nie zuvor gehört, war aber von seiner Geschichte elektrisiert und habe mir sofort alles besorgt, was es über ihn zu lesen gab.

Sie haben einen Roman über Figuren geschrieben, die es wirklich gab. Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?

Bei der Beschäftigung mit William James Sidis stößt man permanent auf amerikanische Geistesgeschichte. Sein Patenonkel und Namensgeber war der bedeutende Philosoph William James; ein Kommilitone von Sidis, Norbert Wiener, wurde einer der größten Mathematiker des 20. Jahrhunderts; ein anderer, Adolf Berle, ein wichtiger Berater von Präsident Roosevelt; Sidis’ Cousin Clifton Fadiman war ein populärer Radiomoderator. Sogar Martha Foley, Sidis’ große, unerwiderte Liebe, hat eine Autobiographie veröffentlicht. Sie hatte sich als Herausgeberin der Literaturzeitschrift Story einen Namen gemacht. Natürlich ist es Autorenpflicht, sich mit diesen historischen Persönlichkeiten und ihren Biographien zu beschäftigen, auch wenn sie nur in einer Nebenrolle auftauchen.

Aber sehr viel mehr Recherchezeit kostete es, die Zeit und die Orte, an denen die Geschichte spielt, einigermaßen realistisch wiederzugeben. Die Romanhandlung beginnt 1886 und endet 1944. Das war eine Epoche fundamentaler Umbrüche. Da stellten sich fast bei jedem Satz Fragen: Ab wann genau verfügte man in welchen Kreisen über elektrisches Licht, Telefon, Radio? Was hat man gegessen, welche Kleidung getragen, wie sich fortbewegt? Wie erklärte man sich eine Krankheit wie Typhus und wie behandelte man sie? Zum Glück ist die Staatsbibliothek in Berlin, in der ich viele, viele Stunden zugebracht habe, gut mit alten Nachschlagewerken ausgestattet.

Im allerletzten Korrekturdurchgang habe ich noch schnell eine Buchsbaumhecke durch eine Wacholderhecke ersetzt, weil ich mir unsicher war, ob man um 1910 in amerikanischen Parks Buchsbaum pflanzte. Mein Respekt vor allen Schriftstellern, die in der Zeit vor Google und Wikipedia akkurate historische Romane geschrieben haben, ist grenzenlos.

Foto: Art and Picture Collection, The New York Public Library. »Newspaper Row, New York« The New York Public Library Digital Collections. 1900.

Haben Sie literarische Vorbilder, Lieblingsbücher?

Ich mag es, wenn mich ein Buch auf intelligente Weise unterhält und auf unaufdringliche Weise belehrt. Außerdem bevorzuge ich Autoren, die die Anstrengung nicht scheuen, sich verständlich auszudrücken. Wenn ich nie etwas von, sagen wir, Kurt Tucholsky, Robert Gernhardt oder Max Goldt gelesen hätte, wäre ich ein anderer Mensch.

Bei der Arbeit an Das Genie haben mir diese Einflüsse allerdings wenig geholfen. Ich musste einen Tonfall finden, der gleichermaßen ins neunzehnte wie ins einundzwanzigste Jahrhundert passt, nicht zu modern und nicht zu verstaubt. Ein konkretes Vorbild dafür hatte ich nicht. In den fünf Jahren, in denen ich an dem Roman geschrieben habe, musste ich fast jedes Buch schnell wieder weglegen, weil es mir sofort einen unpassenden Sound ins Ohr gesetzt hat. 

Worauf freuen Sie sich bei Ihrer Lesereise am meisten?

Ich freue mich tatsächlich auf die Lesungen, das stimmt. Ein Roman ist ja kein Tagebuch, man schreibt ihn nicht für sich selbst, sondern damit er irgendwann einmal gelesen wird. Also stellt man sich beim Schreiben immer die Leser vor: Das da finden sie bestimmt interessant, das lustig, das bewegend. Und nun bin ich sehr gespannt, ob der Text so funktioniert, wie ich es mir gedacht habe. Das kann man nur herausfinden, indem man ihn vor Publikum liest.

Sie spielen in der Fußballnationalmannschaft der Autoren – was hat es damit auf sich?

Unser Team gibt es seit 2005, beinahe ebenso lange werden wir von der Kulturstiftung des DFB unterstützt. Wer mitspielen will, muss mindestens zwei eigenständige literarische Werke veröffentlicht haben. Die meisten von uns – etwa der Diogenes-Autor Benedict Wells – leben in Berlin, wo wir uns einmal in der Woche zum Kicken treffen. Aber das Interessanteste sind die Begegnungen mit Autorenmannschaften aus anderen Ländern. Da spielen wir ein Match gegeneinander und geben hinterher zusammen eine Lesung. So haben wir es schon von Norwegen nach Israel, von Zypern nach Brasilien gebracht – die schönste Art, Kontakte zu Kollegen in anderen Ländern zu knüpfen.

 

Das Gespräch mit Klaus Cäsar Zehrer führten Ursula Baumhauer und Kerstin Beaujean. © Diogenes Verlag, Juni 2017.

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Klaus Cäsar Zehrer, geboren 1969 in Schwabach, ist promovierter Kulturwissenschaftler und lebt als freier Autor, Herausgeber und Übersetzer in Berlin. Er veröffentlichte u.a. zusammen mit Robert Gernhardt die Anthologie Hell und Schnell, das Standardwerk der deutschsprachigen komischen Lyrik. Das Genie ist sein erster Roman. Er erscheint am 23.8.2017. Auch als ebook.

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