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  • Esther Schüttpelz über ihren neuen Roman und die Kunst, sich beim Schreiben an die eigene Wahrheit heranzutrauen

    Es ist das Normalste der Welt: Eine Frau geht mit einer Freundin ins Kino, der Abend ist schön, der Film ganz passabel. Danach setzt sie sich in ihr Auto und fährt heim –  bis eine Umleitung sie von ihrem Weg abbringt. Immer weiter entfernt sie sich von ihrem Zuhause, ihrem Mann und dem Leben, das dort auf sie wartet.

    Esther Schüttpelz wirft in ihrem zweiten Roman Grüne Welle mit kleinstmöglichem Personal und gewaltigem Sog unser Kopfkino an: Was zunächst aussieht wie eine Irrfahrt, wird mit jedem Kilometer mehr zu einer Flucht vor der Gegenwart, einer Reise in die Vergangenheit.

    Im Interview erzählt die Autorin, weshalb ihre Protagonistin immer weiter fahren muss, warum sie keinen Namen trägt und welche tragende Bedeutung Freundschaft in ihrer Geschichte einnimmt.

    Foto: Julia Sellmann / © Diogenes Verlag

    In Ihrem zweiten Roman Grüne Welle steigt eine Frau nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin ins Auto und fährt nicht zu ihrem eigentlichen Ziel, ihrem Haus, wo ihr Mann auf sie wartet, sondern wie von einem unsichtbaren Faden gezogen einfach weiter. Innerhalb einer Nacht und des darauffolgenden Tages durchläuft sie eine rasante Entwicklung. Was ist ihr Antrieb?
    Das ist genau die Frage, die der Text stellt und gerade nicht eindeutig beantwortet. Man wird sagen müssen, dass die Frau zunächst von Angst angetrieben wird. Sie möchte nichts falsch machen und fürchtet sich vor Konsequenzen, die, egal wie sie sich entscheidet, überall auf sie zu warten scheinen. Deshalb entscheidet sie nichts. Jedenfalls nicht bewusst.

    Wie auch in Ihrem Debütroman Ohne mich bleibt »sie«, die Protagonistin, »die Frau« – bis auf eine spielerische Ausnahme – namenlos. Weshalb? Und warum ist die Ausnahme wichtig?
    Die Ausnahme ist, ohne jetzt zu viel vorwegzunehmen, in der Tat wichtig, und ihre Bedeutung ist mit ihrem Ausnahmecharakter unmittelbar verknüpft. Es hat sich dadurch eigentlich wie von selbst ergeben, dass »die Frau« im Regelmodus »die Frau« bleibt.

    Freundschaft spielt eine zentrale Rolle in Grüne Welle. Darin treten zwei Freundinnenpaare auf – die Frau und die Freundin der Frau, außerdem die zwei Mitfahrerinnen. Welche Bedeutung haben diese Freundschaften, und verändert sich Freundschaft mit dem Älterwerden? Auch in Hinblick auf das sich zunächst diffus andeutende und im Hintergrund schwebende Thema der häuslichen Gewalt?
    Freundschaft ist ein ganz zentrales Thema des Textes. Natürlich verändert sich Freundschaft ständig, und ich denke, es lohnt sich, da hinzuschauen, Freundschaften ernst zu nehmen als Quelle allen möglichen Glücks und Unglücks. Die Frau im Roman hat mit ihrer Freundin vielleicht ihren ersten richtigen Heartbreak erlebt und offenbar Spuren davongetragen. Gleichzeitig bleibt diese Freundschaft ihr Rettungsanker, sosehr sie sich auch verändert hat. Das klingt kitschig und ist es auch. Meiner Erfahrung nach ist es aber wirklich wahr, und wenn mir eines beim Schreiben von Grüne Welle wichtig war, dann, mich an meine Wahrheit heranzutrauen, sie nicht zu ironisieren. Den halbherzigen Zynismus habe ich auf die Frau ausgelagert, mir als Autorin habe ich ihn verwehrt, was teilweise durchaus beängstigend war.

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    Grüne Welle

    Nach dem Kinobesuch mit ihrer besten Freundin setzt sich eine Frau in ihr Auto und fährt heim – bis eine Umleitung sie von ihrem Weg abbringt. Sie verpasst Ausfahrt um Ausfahrt, entfernt sich immer weiter von ihrem Zuhause, wo ihr Mann auf sie wartet. Nach einer ganzen Nacht und dem folgenden Tag wird klar: Vielleicht wäre es besser, wenn sie nie wieder zu ihm zurückkehren würde. Denn so unheimlich die Finsternis der Landstraßen und Tankstellen auch ist, die wahre Gefahr lauert dort auf sie.


    Hardcover Leinen
    208 Seiten
    erschienen am 25. Februar 2026

    978-3-257-07381-2
    € (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70
    * unverb. Preisempfehlung
    Auch erhältlich als

     

    Esther Schüttpelz, geboren 1993 in Werne, studierte Jura in Münster und arbeitete als Rechtsanwältin, bevor sie freie Schriftstellerin wurde. Für ihren Roman Ohne mich wurde sie 2023 mit dem Debütpreis der lit.Cologne ausgezeichnet. Sie lebt im Münsterland.

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  • Literarische Aussaat: 4 Bücher, die zum Wachsen inspirieren

    Nach diesem eisigen Winter fallen die Sonnenstrahlen nun endlich stärker und länger, die Knospen öffnen sich, und die Erde lädt dazu ein, die ersten Samen zu streuen. 

    Wie im Garten, so im Kopf. In diesem Beitrag stellen wir vier Bücher vor, die das Thema Aussaat literarisch erforschen. Sie erzählen von Pflanzen, vom Warten auf den ersten Trieb, von Geduld und Hoffnung und nicht zuletzt vom Genießen. Ob zum Vorlesen, Schmökern oder einfach als Inspiration für den eigenen Garten: Diese Geschichten bringen die Magie des Frühlings direkt ins Wohnzimmer und inspirieren zum Wachsen auf dem Balkon, im Herzen und am Bauch.

    Foto von Tom Jur auf Unsplash

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  • »Können Sie mich sehen? Die Business Class im Homeoffice«

    In den letzten Jahren hat sich die Arbeitswelt rasant verändert: Angestellte möchten das geliebte Homeoffice nicht mehr missen, ihre Vorgesetzten bangen um ihre Geltungshoheit. Schon lange fragen sie nicht nur nach technischer Funktionalität, wenn Sie beim Online-Meeting in den Raum werfen: »Können Sie mich sehen?«  

    In zahlreichen neuen Geschichen widmet sich Martin Suter in Können Sie mich sehen. Die Businessclass im Homeoffice pointiert dem Biotop der High Performer und erzählt vom unumgänglichen Entgleiten ihrer coolen, unangestrengten Fassade vor dem Nichts – Ein Blick ins Buch.

    Foto: Joël Hunn
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  • »Surfen ist Ego-Sport.« – Daniel Faßbender über seinen neuen Krimi

    Die philippinische Insel Siargao ist ein idyllisches Paradies. Umgeben von Palmen und weißen Sandstränden, zurückgezogen von seinem vorherigen Leben reitet Privatdetektiv und Ex-Profisurfer Caruso hier eine Welle nach der nächsten. Doch - wie sollte es auch anders sein bei einem guten Krimi - der sorglose Schein trügt. 

    Heaven's Gate ist der Auftakt einer neuen Reihe von Daniel Faßbender, der sich auch gerne selbst mal aufs Surfboard schwingt. Es geht um Drogen, einen verschwundenen Sohn, korrupte Politiker und einen Protagonisten, wie er eben in keinem klassischen Noir fehlen darf. 

    Im Interview erzählt der Autor, wie aus einem Moment in der Hängematte auf einmal eine Buchidee wurde und welche Vorbilder er für Caruso hatte.

    Schon in Ihrem Debütroman spielten Grenzgänger eine große Rolle, jetzt geht es in Ihrem Krimi unter anderem um einen charmanten Antihelden. Was fasziniert Sie so an diesen Figuren?
    Wenn Menschen Abseitiges, Extremes – stumpf gesagt Verrücktes – tun, will ich wissen, warum sie das machen. In meinem ersten Roman klettert ein junger Mann ungesichert auf Dächern herum. In Heaven’s Gate widmet Caruso seine Existenz teils lebensgefährlichen Wellen. Das sind aber nur nach außen sichtbare Symptome einer inneren Beschaffenheit. Dieses Innere herauszuarbeiten, das interessiert mich.

    Sie sind leidenschaftlicher Surfer, aber wie kamen Sie darauf, gerade einen Krimi in dieser eigentlich sehr glücklich wirkenden Welt anzusiedeln?
    Das Gute-Laune-Klischee löst sich ziemlich schnell auf, wenn man im Wasser mal an aggressive Locals geraten ist, die »ihre Wellen« ungerne mit Fremden teilen wollen. Oder wenn man sieht, wie sich Surfer – es sind meistens Männer, die das machen – im Wasser prügeln, weil die »Vorfahrt« missachtet wurde. Surfen ist Ego-Sport, weil Wellen in der Regel nur von jeweils einer Surferin oder einem Surfer geritten werden können – alle anderen gucken erst mal in die Röhre. Der Sport birgt also jede Menge Konfliktpotenzial, was erst mal gut für Krimis ist. Aber nur um auch das klarzustellen: Es gibt auch ganz viele wunderbare Momente mit netten Menschen im Wasser, die sich gegenseitig anfeuern, gute Gespräche zwischen den Wellen führen, und irgendwo springt dann auch noch ein Delfin aus dem Meer, und es bildet sich ein Regenbogen. Für Krimis ist diese Szenerie aber nur so mittelgut.

    Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Surfen und dem Schreiben?
    Man braucht für beides eine unheimliche Frustrationstoleranz und sehr viel Durchhaltewillen. Außerdem stehen Aufwand und Ertrag in den allermeisten Fällen in keinem guten Verhältnis. Wenn es dann aber klappt, wenn ein Romankonzept aufgeht – oder man auf der viel zu großen Welle plötzlich Sachen veranstaltet, von denen man gar nicht wusste, dass man sie kann –, dann machen diese Momente den ganzen Aufwand davor vergessen.

    Man könnte Ihren Protagonisten Caruso ohne Weiteres einen Hardboiled Detective nennen. Woher kam die Inspiration zu dieser Figur, und gab es Vorbilder? 
    Ich lag in den Philippinen nach einer Surfsession in der Hängematte und habe Jörg Fausers Das Schlangenmaul gelesen. In diesem Moment machte es klick, zwei Synapsen haben zueinander gefunden. Caruso – keine Ahnung, wo der Name plötzlich herkam – war geboren. Der heruntergekommene Inseldetektiv.  Da ich vorher so gut wie keine Berührungspunkte mit Krimis hatte, habe ich mich dann erst einmal durch die Krimigeschichte und -gegenwart gelesen und bin immer wieder bei den Hardboiled- und Noir-Vertretern gelandet, an denen sich zum Teil auch Jörg Fauser orientiert hat: Hammett, Chandler, Manchette und noch einige andere. Deren (Anti-)Helden sind die Onkel und Großväter von Caruso.

    Wie ähnlich ist der Mensch Daniel Faßbender der Romanfigur Caruso?
    Wir haben, glaube ich, einen ähnlichen, leicht an der Menschheit verzweifelnden Humor und können uns sehr in Sachen verbeißen. Wie wären uns vielleicht noch ähnlicher, wenn mein Leben an einigen Punkten anders verlaufen wäre.

    Als Chef vom Dienst einer Nachrichtenredaktion beschäftigen Sie täglich auch die düsteren Facetten des Lebens. Beeinflusst auch diese berufliche Perspektive Ihr Schreiben?
    Ich versuche dieses geballte Grauen, das mir in dem Job regelmäßig begegnet, so weit wie möglich von mir fernzuhalten. Wenn mein Schriftstellerkopf sich in die ganzen Schicksale hineindenken würde, und das macht er ab einem gewissen Punkt ganz automatisch, würde er platzen. Ich bin mir allerdings sicher, dass mich die Themen trotzdem beeinflussen, durch mich durchsickern, und dann in anderer Form, vielleicht nur als Detail oder Motiv wieder zum Vorschein kommen. Das passiert aber unbewusst.

    Schauplatz des Romans sind die Philippinen. Aus welchen Gründen spielt die Geschichte auf diesem weit entfernten Inselstaat? Wie sahen die Recherchen dafür aus?
    Es ging los mit einem Surfurlaub, aus dem, bis zu einem magischen Fauser-Moment in der Hängematte, nie eine Recherchereise werden sollte. Danach habe ich eigentlich weitergemacht wie vorher, bin gesurft, habe abends Bier getrunken, und alles wieder von vorne – allerdings mit weit ausgefahrenen Antennen. Dazu kamen dann die Bücher und lauter Dokumentationen. Die Philippinen sind ein wahnsinnig zerrissenes Land. Als ich dort war, tobte Rodrigo Dutertes Krieg gegen die Drogen. Der Unterschied zwischen Arm und Reich, Einheimischen und Touristen ist gewaltig. Die Einflüsse der Kolonialisierung sind immer noch spürbar. Dieses Land steckt voller Spannungsfelder. Für einen Roman ist das dankbar.

    Ihre Figuren haben sehr komplexe Motivationen. Was treibt Sie morgens an?
    Mein größter Antreiber am Morgen ist mein dreijähriger Sohn. »Papa, kann ich auf deinem Rücken surfen? Jetzt!?« Darüber hinaus ist er mittlerweile aber auch mein größter Antrieb.

    Heaven's Gate
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    Heaven's Gate

    Ein Fall für Caruso

    Nach Monaten des bittersüßen Nichtstuns auf der philippinischen Insel Surogao steht Caruso, ehemaliger deutscher Profisurfer und Privatdetektiv, tief in der Kreide. Da kommt die schöne Spanierin sehr gelegen, die ihn beauftragt, ihren verschwundenen Sohn wiederzufinden. Die Insel, ein Paradies für Wellenreiter und Touristen auf Selbstsuche, ist ein heißumkämpfter Umschlagplatz für Drogen. Schnell führen seine Ermittlungen Caruso in einen Abgrund aus Gewalt und Korruption und zu mehr als einem verlorenen Sohn.


    Paperback
    304 Seiten
    erschienen am 25. Februar 2026

    978-3-257-30118-2
    € (D) 19.00 / sFr 26.00* / € (A) 19.60
    * unverb. Preisempfehlung
    Auch erhältlich als

     

    Daniel Faßbender war Seemann, wäre gerne Profisurfer und verdient sein Brot in einer TV-Nachrichtenredaktion. Er hat Literaturwissenschaft, Politik und Geschichte studiert. 2018 stand sein Debütroman ›Die weltbeste Geschichte vom Fallen‹ auf der Longlist des Blogbuster-Literaturpreises. Mit ›Heaven’s Gate‹ war er Stipendiat des 1:1-Mentorings des Literaturbüros NRW und des Literaturhauses Bonn. Er lebt in Köln.

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  • »Wie war noch der Name?« »Marlowe. Philip Marlowe ...«

    Noch nie Raymond Chandler gelesen? Kein Problem.
    Anlässlich des Erscheinens des Marlowe-Krimis ›Lebwohl, mein Liebling‹ haben wir diese Woche mit Christine Stemmermann gesprochen, die die Neuedition in neuer Übersetzung betreut. Sie erzählt uns einiges, was wir wissen müssen, und liefert ein paar umwerfende Zitate sowie zwei Lieblingsszenen gleich mit. Wir garantieren: Nach dem Lesen dieses Artikels gönnt man sich einen guten Schluck Whiskey, alles von Raymond Chandler und steigt in den virtuellen Flieger nach Los Angeles.

     

    Covermotiv von Lebwohl, mein Liebling  Foto von Alex Prager, ›Barbara, 2009‹ Copyright © Alex Prager  Courtesy Alex Prager Studio and Lehmann Maupin, New York, Hong Kong and Seoul

    Liebe Christine, wer ist eigentlich Philip Marlowe, was macht ihn aus?

    Philip Marlowe ist der erste Großstadtdetektiv überhaupt, ein Vorbild für alle späteren – und in der Neuübersetzung heutiger denn je. Die Szenerie kennen wir nur zu gut aus Filmen: das Los Angeles der 30er- und 40er-Jahre. Und ja: Staubmäntel und Hüte, wie Bogart sie trägt, und schöne Frauen wie Lauren Bacall sind auch Teil des Charmes der Marlowe-Romane.
    Doch da wir beim Lesen die meiste Zeit im Inneren von Marlowes Gedanken sind, ist es der weiche Kern unter der harten Schale, der heute vor allem fasziniert: Marlowes unbedingter Einsatz für andere und für die Gerechtigkeit in einer Gesellschaft – so ungleich, wie sie es heute wieder zu werden droht. Sein Scharfblick. Und vor allem seine unübertroffen coole Sprache.


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  • Sehen wir uns am Vierzehnten?

    Sie stellen sich vor, wie Sie dastehen werden. In polierten Lackschuhen, das weiße Hemd frisch gebügelt, in einer Hand die Pralinen, herzförmige Schachtel, klar, in der anderen Hand den Strauß mit 100 roten Rosen. Sie stellen sich vor, wie Ihr Date sich die seidenglänzenden Haare aus dem Gesicht streicht, wie es mit seinem Kussmund lächelt, Sie begrüßt: »...«

    Nein. Nein. Bitte nicht. Tun Sie’s nicht. Das ist ein aus dem Wörterbuch ausgebüxtes Beispiel, das eigentlich unter dem ›Klischee‹ stehen müsste. Falls Sie es noch nicht wissen: Das ›Klischee‹ ist sehr besitzergreifend. Und es möchte sein Beispiel sofort zurück.
        Leere Hände. Nackte Füsse. Fröstelnd dastehend, das Hemd ist weg. Sie mit ratlosem Blick. Was nun? Nun. Bei der Auswahl Ihres Outfits müssen Sie selbst entscheiden. (Wir empfehlen Weiß.) Beim Geschenk sind wir dagegen sehr treffsicher.
        

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    Tags Anthologie
  • »Wir müssen dafür sorgen, dass Grenzen Orte des Austauschs bleiben« – Marco Balzano im Interview

    Warum schreibt man ein Buch aus der Perspektive eines Faschisten? Genau dies tut Marco Balzano in seinem neuen Roman BambinoSeine Hauptfigur, genannt Bambino, ist nicht gerade liebenswürdig, eher ein Schlägertyp, ein zerrissener Mensch voller Widersprüche, voller Wut, voller Sehnsucht, seine leibliche Mutter zu finden. In seiner Heimatstadt Triest übernimmt er Mussolinis Ideologie, bleibt ihr lange, lange treu – bis sich irgendwann Zweifel einschleichen. Was Marco Balzano an dieser historischen und politischen Sichtweise gereizt hat und was wir aus der Geschichte lernen sollten, beantwortet er hier im Interview. 

    5 Fragen an den Autor

    In Ihrem neuen Roman Bambino nehmen Sie die Sichtweise von Mattia ein – ein Faschist der ersten Stunde. Warum haben Sie sich entschieden, aus dieser Perspektive zu schreiben? Und wie hat es sich beim Schreiben für Sie angefühlt?
    In meinen bisherigen Romanen habe ich die Ereignisse immer aus der Perspektive der Opfer geschildert. Aus der Perspektive eines faschistischen Mitläufers zu schreiben bedeutet, dass ich mich in die Gedankenwelt eines Menschen hineinversetze, der auf der falschen Seite steht, historisch betrachtet. Ich wollte herausfinden, ob es möglich ist, auch für einen Menschen, der Böses tut, Mitgefühl und Mitleid aufzubringen, seine Motive zu ergründen, ohne sie deshalb zu rechtfertigen. Wie mir dabei zumute war? Nicht sonderlich behaglich, wie Sie sich denken können, wobei das Schreiben meiner Meinung nach nie ein behaglicher Prozess sein sollte. Ich bin davon überzeugt, dass ich einen Friedensroman geschrieben habe, gegen Hass und Rache. Um über den Frieden zu schreiben, kommt man manchmal nicht umhin, in die schmutzigen Kleider des Krieges zu schlüpfen, um über die Demokratie zu schreiben, muss man manchmal in die Kleider eines Antidemokraten schlüpfen.

    Was waren Ihre Beweggründe, sich in Ihrem neuen Roman wie auch schon in Ich bleibe hier, wieder einem historischen Stoff anzunehmen?
    Ich bleibe hier und Bambino bilden ein Duo zum Thema italienische Grenzregionen im Norden und Osten, die große deutsch- bzw. slawischsprachige Bevölkerungen haben und die zu den umkämpftesten Gegenden Europas im 20. Jahrhundert gehörten. Grenzen faszinieren mich schon immer, in Friedenszeiten können sie Orte des Austauschs, des Reichtums und der gegenseitigen Befruchtung sein – nicht umsonst ist Triest, wo Bambino spielt, eine der kosmopolitischsten Städte Europas! In Kriegszeiten hingegen werden sie zu Orten der Mauern und der Konfrontation, wo die Grenzen mit dem Blut des anderen gezogen werden. Plötzlich wird der andere zum Feind – auch in den heutigen Kriegen, in Gaza und in der Ukraine, ist das so.

    Wie waren die Reaktionen in Italien auf Ihren Roman? Was erhoffen Sie sich von der deutschsprachigen Leserschaft?
    Kritik und Medien in Italien haben das Buch sehr positiv besprochen. Meine Leser waren zunächst überrascht, aber doch begeistert. Sie wissen, dass ich nicht gern die gleichen Muster wiederhole, und folgen mir vertrauensvoll an die Orte, an die ich sie mitnehme, und in die Geschichten, die ich schreiben will. Ich würde mich freuen, wenn es auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz so wäre, wo die Menschen in meinen Augen mehr als anderswo offen und neugierig sind und wo meine Geschichten bisher mit großem Wohlwollen aufgenommen wurden.

    Was können (oder müssen) wir aus der Geschichte für unsere heutige Zeit lernen?
    Dass wir zu »Baumeistern des Friedens« werden müssen, wenn ich so sagen darf. Wir müssen dafür sorgen, dass Grenzen Orte des Austauschs bleiben, wir müssen Sprache vor Verfälschung bewahren und den Mut haben, Geschichten zu erzählen, die Licht auch in die dunkelsten Ecken bringen. Oder, wie Jean-Paul Sartre gesagt hat: Je tiefer die Dunkelheit, desto heller das Licht.

    Sie arbeiteten als Lehrer auch in einem Gefängnis. Inwiefern hat das Ihr Schreiben an dem Roman beeinflusst?
    Das Unterrichten im Gefängnis hat mich gelehrt, auch in Personen, die große Schuld auf sich geladen haben, Menschlichkeit und Mitgefühl zu erkennen. Es hat mich gelehrt, dass Worte und Geschichten eine starke beschwörende und tröstende Kraft haben.

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    Bambino

    Aus dem Italienischen von Peter Klöss

    Triest, 1920. Mattia ist ein Faschist der ersten Stunde. Sein Gesicht ist noch bartlos, weshalb man ihn Bambino nennt, aber seine Schläge sind so hart, dass die halbe Stadt sich vor ihm fürchtet. Mattia weiß nicht, wer seine Mutter ist. Gar eine von drüben? Eine Slowenin? Sein Vater, der Antifaschist und Uhrmacher, will es ihm nicht verraten. Im Schlamm und Schmutz des Zweiten Weltkriegs verliert Mattia schließlich alle Gewissheiten, und er muss erfahren, dass der Gewinner von heute der Verlierer von morgen sein kann.


    Hardcover Leinen
    256 Seiten
    erschienen am 21. Januar 2026

    978-3-257-07352-2
    € (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70
    * unverb. Preisempfehlung
    Auch erhältlich als

     

    Marco Balzano, geboren 1978 in Mailand, ist zurzeit einer der erfolgreichsten italienischen Autoren. Er schreibt, seit er denken kann: Gedichte und Essays, Erzählungen und Romane. Mit seinem Roman ›Das Leben wartet nicht‹ gewann er den Premio Campiello. Mit ›Ich bleibe hier‹ war er nominiert für den Premio Strega, in Italien und im deutschsprachigen Raum war das Buch ein großer Bestseller. Er lebt mit seiner Familie in Mailand.

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  • Mit Samson durch das Kiew der frühen 1920er Jahre

    Kiew in den frühen 1920er-Jahren: eine Stadt im Umbruch, zerrissen zwischen Hoffnung, Gewalt und Absurdität. In seiner Krimiserie um den jungen Polizisten Samson lässt Andrej Kurkow die frühen Sowjetjahre aus ukrainischer Perspektive lebendig werden – grotesk, präzise recherchiert und von feinem Humor durchzogen. Mit dem dritten Band Samson und das Galizische Bad setzt Kurkow seine international gefeierte Reihe fort und erzählt von einer Zeit, deren Nachhall bis in unsere Gegenwart reicht.

    Foto: © Pako Mera / Opale / Bridgeman Images

    Andrej Kurkow schreibt nicht nur wunderbare Geschichten, sein eigenes Leben würde schon jetzt für einen ganzen Roman reichen. Kurkow wurde in St. Petersburg geboren und ist seit früher Kindheit in Kiew zu Hause. Dort studierte er Fremdsprachen, arbeitete als Zeitungsredakteur, Kameramann und während seines Militärdienstes sogar als Gefängniswärter. Spätestens seit seinem Roman Picknick auf dem Eis gilt Kurkow als einer der wichtigsten zeitgenössischen ukrainischen Autoren. Seine Bücher erscheinen in 45 Sprachen. Die britische Kritikerin Phoebe Taplin bezeichnet ihn »einen späten Bulgakow, einen ukrainischen Murakami«, Colin Freeman (Daily Telegraph) spricht von einem »postsowjetischen Kafka«.

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  • Post von Rainer Maria Rilke und Yevgeniy Breyger

    Im November 2025 erschien der Diogenes Modern Classics-Band Briefe an einen jungen Dichter / Briefe an eine junge Frau von Rainer Maria Rilke. 1903 wendet sich Franz Xaver Kappus ratsuchend an den kürzlich veröffentlichten Lyriker. Die zehn Briefe, mit denen Rilke im Verlauf der nächsten Jahre antwortet, haben Generationen von Menschen geprägt. Neben Stars wie Dustin Hoffman oder Lady Gaga mitunter auch den Lyriker, Übersetzer und Herausgeber Yevgeniy Breyger, von dem das Nachwort dieser Ausgabe stammt.

    Yevgeniy Breyger hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig gelehrt und in Hildesheim, an der Ruhr-Uni Bochum und an der Universität für Angewandte Kunst Wien. Ein Auszug des Nachworts, in dem er feinfühlig appelliert:

    »Ich lasse es mir durch den Kopf gehen, versuche eine Ansprache: ›Rilke, mein Lieber‹, ›Lieber RMR‹, ›Rainer, Lieber, René‹. Es kommt mir keineswegs seltsam vor, nicht einmal weit hergeholt. Und ich frage mich, ob diese Radikalität im Denken und Schreiben, die ich den Studierenden des Literarischen Schreibens seit Jahren predige, nicht ihrerseits eine von ihm gelernte sein könnte. Klarheit. Aufmerksamkeit. Feinheit. Nehmt euch nicht ernst, aber nehmt die Sache todernst, die Kunst. Sich nicht zu schade sein, den Tod an den Ernst anzufügen, ihn anzuknoten und festzuschnüren.«

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