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»Können Sie mich sehen? Die Business Class im Homeoffice«

In den letzten Jahren hat sich die Arbeitswelt rasant verändert: Angestellte möchten das geliebte Homeoffice nicht mehr missen, ihre Vorgesetzten bangen um ihre Geltungshoheit. Schon lange fragen sie nicht nur nach technischer Funktionalität, wenn Sie beim Online-Meeting in den Raum werfen: »Können Sie mich sehen?«  

In zahlreichen neuen Geschichen widmet sich Martin Suter in Können Sie mich sehen. Die Businessclass im Homeoffice pointiert dem Biotop der High Performer und erzählt vom unumgänglichen Entgleiten ihrer coolen, unangestrengten Fassade vor dem Nichts – Ein Blick ins Buch.

Foto: Joël Hunn

Ihre Methoden sind agil, sie handeln proaktiv, präsentieren nachhaltige und skalierbare Lösungen –Topmanager leben in anderen Sphären. Da, wo die Luft dünn ist und ein einziger Fauxpas den Fall ins Bodenlose bedeuten kann. Doch nun halten Frauen Einzug ins Habitat der Krawattenträger, und das bei den Angestellten so beliebte Homeoffice lässt die Führungsriege mit abgesägten Hosen dastehen. Die Herausforderungen werden diverser. Wem kann man noch trauen? Den Topkadern entgleitet die Kontrolle.
 

Leseprobe

Bollinger auf dem Sprung, S. 13-17

Bollinger ist jetzt dreiundvierzig und schon im dritten Unternehmen in der erweiterten Geschäftsleitung auf dem Sprung in die oberste. Die beiden ersten Male, als dieser Sprung auch nach geduldiger Wartezeit nicht gelang, sprang er einfach ab in die erweiterte Geschäftsleitung einer anderen Firma und machte sich dort wieder sprungbereit für Höheres.
   Aber ewig kann er diesen Sport nicht betreiben. Diesmal hat er sich vorgenommen, zu bleiben bis
zum vertikalen Sprung, den man ihm so gut wie explizit in Aussicht gestellt hat. 
  Doch jedes Mal, wenn Bollinger sich vom Sprungbrett hochkatapultieren will, schlägt er oben mit dem Kopf an etwas Unsichtbares, das ihn wieder zurückwirft. Zurück in die Erweiterte.
   Als das wieder einmal passiert, sagt seine Frau Lydia, um ihm die Selbstzweifel zu nehmen: »Vielleicht die gläserne Decke.«
   »Die was?«
   »Diese unsichtbare Barriere der für andere nach oben offenen Karriereskala, von der man immer
liest. Sie sorgt dafür, dass es einfach nicht mehr weiter hinaufgeht, ohne sichtbaren Grund.« Und aufmunternd fügt sie hinzu: »Da kann man noch so gut sein.«
   »Ach, das«, Bollinger winkt ab, »das betrifft nur Frauen.«
   Doch für sich selbst kann er den Gedanken nicht so einfach abtun. Er ist zwar davon überzeugt, dass
es sich bei der gläsernen Decke um ein Phänomen handelt, das nur Frauen betrifft. Aber irgendwann kommt ihm der Gedanke, dass es vielleicht nicht nur ein Bild dafür ist, dass weibliche Personen es
nicht ins Topmanagement schaffen, sondern auch – mit weiblichen Eigenschaften zu tun hat?
   Sofort türmt sich die Gewitterwolke der nächsten Frage über ihm auf: Könnte es sein, dass er solche
Eigenschaften mitbringt?
   Bollinger beginnt, sich zu beobachten. Genauer als sonst. Oder besser gesagt: nach anderen Kriterien. Wie rennt er? Wie streicht er sich eine Strähne aus der Stirn? Wie winkt er ab? Wie lacht er auf?
   Er wechselt die Straßenseite, um an besonders gut spiegelnden Schaufenstern vorbeieilen zu können, er sitzt mit heruntergeklappter Sonnenblende am Steuer, um verstohlene Blicke in den Sonnenblendenspiegel zu werfen, wenn er sich die Haare zurückstreicht oder Fußgänger über den Zebrastreifen winkt. Er fächert sich die Luft vom Brustkorb unter die Nase, um zu prüfen, ob sein Eau de Toilette nicht vielleicht doch eine Spur zu süß ist.
   Erst nach mehreren Wochen intensiven Selbststudiums gibt er sich Entwarnung. Keinerlei kompromittierende weibliche Eigenschaften feststellbar. Uff.
   Dennoch gibt es noch immer keine Anzeichen, dass er den Sprung in die oberste Geschäftsleitung
in absehbarer Zeit schaffen könnte.
   Trotz seines Vorsatzes, nicht wieder abzuspringen, befasst sich Bollinger ab und zu wieder ganz unverbindlich mit – wie er es nennt – externen career options. Eines Tages stößt er dann durch Zufall auf die wahrscheinlichste Diagnose seines Stillstandes. Der Fachartikel eines Headhunters enthält eine Abhandlung über weibliche Softskills. Dazu zählen unter anderem Empathie, Zuhören, emotionale Intelligenz, Selbstreflexion etc.
   Nicht äußerliche weibliche Eigenschaften und Attribute machen ihn also zum Opfer der gläsernen Decke. Es sind innerliche!
   Ja, sind das denn nicht meine hervorstechendsten Eigenschaften?, ruft Bollinger innerlich aus – er liest den Fachartikel im Bett, und Lydia schläft schon. Hat er sich nicht voll in Hartmann hineinversetzt, als dieser wegen eins Komma acht Promille den Führerschein verlor? Begleitet er denn nicht den immer gleichen Sermon seines Chefs Brunner mit »jaja«, »hhmmm« oder »genau«, als hörte er ihn zum ersten Mal? Ist denn sich Hineinversetzen, Mitfühlen, Zuhören nicht die Quintessenz der emotionalen Intelligenz? Und schließlich: Ist das, was er hier in diesem Augenblick gerade tut, nämlich über sich selbst und seine Karriere kritisch nachdenken, nicht exakt der Inbegriff der Selbstreflexion?
   Für Bollinger ist es wie eine Erleuchtung: Die Softskills sind nützlich bis zum Level der gläsernen
Decke. Aber um sie zu durchbrechen, muss man sie, verdammt noch mal, wieder loswerden.
   Ab sofort wird er ein anderer. Ein Entschiedenerer, Autoritärerer, Konfliktbereiterer, Durchsetzungskräftigerer.
   Er versucht nicht mehr, sich in einen anderen hineinzuversetzen, nur noch in Bollinger himself. Schluss mit »jaja«, »hhmmm« und »genau« während Brunners Sermon. Stattdessen konsequentes Auf-die-Uhr-Schielen. Und wenn er überhaupt über sich selbst reflektiert, dann auf keinen Fall kritisch.
   Es dauert beinahe noch ein weiteres Jahr, aber dann ist es so weit. Ein Mitglied der erweiterten
Geschäftsleitung schafft den ersehnten Sprung und wird mit großem Trara in die oberste befördert. Es ist ein absolutes Novum in der Firmengeschichte: Bergmann!
   Bergmann, Frederike!