Noch nie Raymond Chandler gelesen? Kein Problem.
Anlässlich des Erscheinens des Marlowe-Krimis ›Lebwohl, mein Liebling‹ haben wir diese Woche mit Christine Stemmermann gesprochen, die die Neuedition in neuer Übersetzung betreut. Sie erzählt uns einiges, was wir wissen müssen, und liefert ein paar umwerfende Zitate sowie zwei Lieblingsszenen gleich mit. Wir garantieren: Nach dem Lesen dieses Artikels gönnt man sich einen guten Schluck Whisky, alles von Raymond Chandler und steigt in den virtuellen Flieger nach Los Angeles.
Liebe Christine, wer ist eigentlich Philip Marlowe, was macht ihn aus?
Philip Marlowe ist der erste Großstadtdetektiv überhaupt, ein Vorbild für alle späteren – und in der Neuübersetzung heutiger denn je. Die Szenerie kennen wir nur zu gut aus Filmen: das Los Angeles der 30er- und 40er-Jahre. Und ja: Staubmäntel und Hüte, wie Bogart sie trägt, und schöne Frauen wie Lauren Bacall sind auch Teil des Charmes der Marlowe-Romane.
Doch da wir beim Lesen die meiste Zeit im Inneren von Marlowes Gedanken sind, ist es der weiche Kern unter der harten Schale, der heute vor allem fasziniert: Marlowes unbedingter Einsatz für andere und für die Gerechtigkeit in einer Gesellschaft – so ungleich, wie sie es heute wieder zu werden droht. Sein Scharfblick. Und vor allem seine unübertroffen coole Sprache.
Raymond Chandler, geboren 1888 in Chicago, wuchs in England auf. Er übte verschiedenste Berufe aus, bevor er ab 1932 ernsthaft zu schreiben begann. Chandler wurde nicht nur mit seinen Romanen um den Privatdetektiv Philip Marlowe zum Klassiker der Kriminalliteratur. Er verfasste auch berühmte Drehbücher für Billy Wilder und Alfred Hitchcock. Raymond Chandler starb 1959 in La Jolla, Kalifornien.
»Ich brauchte einen Drink. Ich brauchte eine hohe Lebensversicherung, ich brauchte Urlaub, ich brauchte ein Zuhause auf dem Land. Was ich hatte, waren eine Jacke, ein Hut und eine Pistole. Ich nahm sie und verließ das Zimmer.« − Raymond Chandler Lebwohl, mein Liebling
Mit welchem Buch von Raymond Chandler sollte man anfangen, wenn man noch nie was von Philip Marlowe gelesen hat?
Man kann die Bücher tatsächlich in beliebiger Reihenfolge lesen, je nachdem, welches Thema einen am meisten anspricht. Sie sind einfach alle großartig. Raymond Chandler ist nicht umsonst einer der wichtigsten Autoren der amerikanischen Hardboiled-Ära, der immer noch zahlreichen Krimi-Autor:innen als Vorbild dient.
Aber wenn ich eins nennen soll, dann nehme ich Lebwohl, mein Liebling, das ist nämlich gerade erst vor wenigen Wochen in der Neuübersetzung von der vielfach prämierten Literaturübersetzerin Melanie Walz erschienen, mit einem Nachwort von Paul Ingendaay.
Es spielt im LA in den späten 30er-Jahren, wo die Geschichte ihren Ausgang im halbseidenen Milieu nimmt: Bei Velma Valento, Nachtclubsängerin, werden auch die toughsten Männer schwach. Zum Beispiel Moose Malloy. Doch als Moose nach einem Bankraub aus dem Gefängnis kommt, ist Velma verschwunden. Er sucht nach ihr, und bald ist auch er selbst auf der Flucht. Schöne Frauen, harte Männer und lasche Gesetzeshüter: Lebwohl, mein Liebling ist ein explosiver Cocktail aus Liebe und Verbrechen. Beauties und Borsalinos, Zigarettenspitzen und teurer Whisky – alle Attribute des legendären alten Hollywoodfilms findet man in diesem Roman.
»Setzen Sie sich, und stauben Sie sich das Hirn ab.« – Raymond Chandler: Die kleine Schwester
Und welche Stelle aus ›Lebwohl, mein Liebling‹ gefällt dir am besten?
Da nehme ich etwas aus Kapitel 4:
Das Florian’s hatten sie natürlich geschlossen. Ein unverkennbarer Polizist in Zivil saß davor in einem Auto und las mit einem Auge Zeitung. Keine Ahnung, wozu sie sich die Mühe machten. Niemand dort kannte Moose Malloy. Der Rausschmeißer und der Barmann waren abgetaucht. Niemand weit und breit wollte Auskunft geben.
Ich fuhr langsam vorbei, parkte um die Ecke und bemerkte ein Hotel für Schwarze schräg über die nächste Kreuzung. Es hieß Sans Souci. Ich stieg aus, überquerte die Straße und betrat das Hotel. Auf einem dunkelbraunen Faserteppichläufer starrten zwei Reihen harter leerer Stühle einander an. Hinten im Dämmerlicht war eine Theke. Ein kahlköpfiger Mann ließ seine weichen braunen Hände mit geschlossenen Augen friedlich darauf ruhen. Er döste, oder es wirkte so.
Er trug eine Ascot-Krawatte, deren Knoten aus dem Jahr 1880 zu stammen schien. Der grüne Schmuckstein an seiner Krawattennadel war nicht ganz so groß wie ein Apfel. Sein breites Doppelkinn ruhte friedlich auf der Krawatte. Auch seine gefalteten Hände waren friedlich und sauber, mit manikürten Nägeln und grauen Halbmonden im Rosa der Nägel.
In ein Metallschild neben seinem Ellbogen war eingeprägt: »Dieses Hotel steht unter dem Schutz der International Consolidated Agencies Ltd. Inc.«
Als der friedliche braune Mann bedächtig ein Auge aufschlug, deutete ich auf das Schild. »Komme von der H. P. D. Irgendwelcher Ärger hier?«
Das Hotel Protective Department ist die Unterabteilung einer großen Agentur, die ein Auge auf Scheckbetrüger hat und auf Leute, die sich über die Hintertreppe verdrücken und unbezahlte Rechnungen und Koffer aus zweiter Hand voller Ziegelsteinen hinterlassen.
Ärger ist was, Bruder«, sagte der Mann an der Rezeption mit hoher, klangvoller Stimme, »was wir hinter uns gelassen haben.« Er senkte die Stimme eine halbe Oktav und fragte: »Wie war noch der Name?«
»Marlowe. Philip Marlowe … «
»Netter Name, Bruder. Anständig und freundlich. Bist ein angenehmer Anblick.« Er senkte wieder die Stimme. »Aber du bist nicht von der H. P. D. Seit Jahren niemanden von dort gesehen.« Er faltete die Hände auseinander und deutete gelangweilt zu dem Schild. »Hab ich secondhand gekauft, Bruder, nur zur Abschreckung.«
»Verstehe«, sagte ich. Ich beugte mich über die Theke und ließ einen halben Dollar auf dem nackten, zerkratzten Holz kreiseln. »Schon gehört, was heute früh im Florian’s passiert ist?«
»Kann mich nicht erinnern, Bruder.« Er hatte jetzt beide Augen offen und ließ die Lichtspur der kreiselnden Münze nicht aus dem Blick.
»Der Boss wurde erledigt«, sagte ich. »Mann namens Montgomery. Jemand hat ihm das Genick gebrochen.«
»Möge der Herr sich seiner Seele erbarmen, Bruder.« Seine Stimme senkte sich wieder. »Polyp?«
»Ein Privater – vertrauliche Sache. Und ich weiß, wenn ich jemanden vor mir habe, dem ich trauen kann.«
Er betrachtete mich, schloss dann die Augen und dachte nach. Er öffnete sie wieder vorsichtig und starrte die kreiselnde Münze an. Er konnte den Blick nicht abwenden.
»Wer hat das getan?«, fragte er leise. »Wer hat Sam umgelegt?«
»Ein Knastbruder war sauer, dass es kein weißer Schuppen mehr ist. War es offenbar früher mal. Erinnerst du dich?«
Er sagte nichts. Die Münze fiel leise klirrend um und blieb liegen.
»Mach eine Ansage«, sagte ich. »Ich kann dir aus der Bibel vorlesen oder dir einen Drink spendieren. Was ist dir lieber?«
In meiner Bibel lese ich im trauten Kreis meiner Familie, Bruder.« Seine Augen glänzten starr wie die einer Kröte.
»Vielleicht brauchst du einen nach dem Essen«, sagte ich.
»Lunch«, sagte er, »ist was, worauf einer von meiner Figur und Veranlagung lieber verzichtet.« Seine Stimme senkte sich wieder. »Komm mal auf meine Seite rüber.«
Ich kam zu ihm hinter, holte die flache, versiegelte Flasche hervor, stellte sie auf die Theke und ging wieder nach vorn. Er beugte sich über die Flasche und untersuchte sie. Er sah zufrieden aus. »Bruder, damit kannst du nichts erkaufen«, sagte er. »Aber ich riech gerne mit dir gemeinsam daran.«
Er öffnete die Flasche, stellte zwei kleine Gläser daneben und füllte beide seelenruhig bis zum Rand. Er nahm ein Glas, schnupperte daran und trank es mit abgespreiztem kleinem Finger aus.
Er schmeckte nach, versonnen, nickte und sagte: »Das kommt aus der richtigen Flasche, Bruder. Was kann ich für dich tun? Hier gibt’s keine Ritze im Gehsteig, die ich nicht kenne. Ja, dieser Schnaps ist nicht von schlechten Eltern.«
Er goss sich nach.
Ich erzählte ihm, was im Florian’s passiert war und warum.
Er starrte mich ernst an und schüttelte seinen Kahlkopf.
»War ein netter, ruhiger Ort, der von Sam«, sagte er. »Keine einzige Messerstecherei im letzten Monat.«
»Als das Florian’s so vor sechs oder acht Jahren ein Schuppen für Weiße war, wie hieß es da?«
»Leuchtreklame ist nicht billig, Bruder.«
Ich nickte. »Dachte mir schon, dass es genauso hieß. Malloy hätte sicher was gesagt, wenn der Name sich geändert hätte. Aber wer hat den Laden geführt?«
»Muss mich über dich wundern, Bruder. Der arme Sünder hieß Florian. Mike Florian … «
»Und was passierte mit Mike Florian?«
Der Schwarze streckte seine sanften Hände aus. Seine Stimme war wohlklingend und traurig. »Tot, Bruder. Zum Herrn gegangen. Neunzehnhundertundvierunddreißig, vielleicht fünfunddreißig. Weiß nicht mehr genau. Verpfuschtes Leben, Bruder, eingelegte Nieren, wie es hieß. Der Gottlose geht zu Boden wie ein hornloser Ochse, Bruder, aber im Jenseits wartet die Barmherzigkeit.« Seine Stimme senkte sich auf Geschäftsniveau. »Keine Ahnung, warum.«
»Wen hat er hinterlassen? Nimm dir noch einen.«
Er schloss die Flasche entschieden und schob sie über die Theke. »Zwei sind genug, Bruder – vor Sonnenuntergang. Ich danke dir. Dein Vorgehen ist tröstlich für die Würde eines Menschen … Hat eine Witwe hinterlassen. Namens Jessie.«
»Was ist aus ihr geworden?«
»Die Suche nach Antworten, Bruder, lässt viele Fragen stellen. Hab nichts gehört. Versuch es mit dem Telefonbuch.«
In der hintersten Ecke des Foyers gab es eine Telefonzelle. Ich schloss die Tür weit genug, dass das Licht anging. Ich suchte nach dem Namen in dem angeketteten und zerschlissenen Buch. Weit und breit kein Florian. Ich ging zur Theke zurück. »Fehlanzeige«, sagte ich.
Der Schwarze bückte sich widerwillig, hievte ein amtliches Adressverzeichnis auf die Theke und schob es zu mir hinüber. Er schloss die Augen. Er war es langsam leid.
In dem Verzeichnis gab es eine Jessie Florian, verwitwet. Sie wohnte West 54th Place, in der Nummer 1644. Ich fragte mich, wofür ich mein Leben lang meinen Grips angestrengt hatte.
Ich notierte die Adresse auf einem Stück Papier und schob das Verzeichnis wieder über die Theke. Der Schwarze verstaute es, gab mir die Hand und faltete seine Hände wieder genau an demselben Ort, wo sie vorher gelegen hatten. Seine Lider senkten sich, als schliefe er ein.
Für ihn war die Sache erledigt. Auf dem Weg zur Tür blickte ich mich noch einmal schnell um. Seine Augen waren geschlossen, er atmete friedlich und blähte bei jedem Atemzug leicht die Lippen. Sein Kahlkopf glänzte.
Ich verließ das Sans Souci und ging über die Kreuzung zu meinem Wagen. Es sah alles so einfach aus. Viel zu einfach.
»Plötzlich hing eine schwere Stille im Raum, als wenn eine Torte heruntergefallen wäre.« − Raymond Chandler: Die kleine Schwester
Danke, liebe Christine, das macht sofort Lust auf mehr. Hast du auch eine Lieblingsszene aus einem der anderen Bücher?
Fast alle Szenen mit Marlowe sind ikonisch. Ich nehme Kapitel 13 aus Die kleine Schwester, der unaufgeregte, abgeklärte Witz in diesem Dialog ist einfach unnachahmlich:
»Der Dicke lächelte leutselig. »Mr. Marlowe, wie ich vermute?«
Ich sagte: »Wer sonst.«
»Ein bisschen spät für Geschäfte«, sagte der Dicke, und als er seine Hände ausbreitete, verschwand mein halbes Büro dahinter. »Macht aber hoffentlich nichts. Oder haben Sie schon genug am Hals?«
»Keine Scherze bitte. Meine Nerven liegen blank«, sagte ich. »Wer ist der Junkie?«
»Komm her, Alfred«, sagte der Dicke zu seinem Begleiter.
»Und nicht so tuntig bitte.«
»Schwein mit Reisekoffer«, sagte Alfred.
Gelassen wandte der Dicke sich zu mir. »Warum sagen die jungen Menschen das dauernd? Komisch ist es nicht. Originell ist es auch nicht. Bedeuten tut es nichts. Ein ziemliches Problem, dieser Alfred. Ich hab ihn von der Droge runter, wissen Sie, zumindest fürs Erste. Sag Mr. Marlowe schönen guten Tag, Alfred.«
»Scheiß auf den«, sagte Alfred.
Der Dicke seufzte. »Ich heiße Unke‹, sagte er. »Joseph P. Unke.‹
»Unke wie Kröte?«, sagte ich.
»Lachen Sie ruhig«, sagte der Dicke. ›Bin ich gewohnt. Habe den Namen schon mein Leben lang.« Er kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu. Ich hielt ihm meine entgegen. Der Mann lächelte mir freundlich ins Gesicht. »Okay, Alfred«, sagte er, ohne sich umzudrehen.
Alfred machte eine ganz unauffällige und scheinbar unwichtige Bewegung, und schon zielte er mit einer schweren Pistole auf mich.
»Vorsichtig, Alfred«, sagte der Dicke, der meine Hand mit einer Kraft quetschte, mit der man einen Dachbalken hätte verbiegen können. »Noch nicht«.
»Schwein mit Reisekoffer«, antwortete Alfred. Er hielt die Pistole auf meine Brust gerichtet. Er spannte den Finger am Abzug. Ich sah ihm dabei zu. Ich wusste ganz genau, wann der Schlagbolzen ausgelöst werden würde. Doch das war alles ganz weit weg. Das passierte in einem abgeschmackten Vorfilm. Das passierte nicht mir.
Der Schlagbolzen der Pistole klackte trocken ins Nichts. Mit einem genervten Grunzen senkte Alfred den Lauf, und sie verschwand, wo sie hergekommen war. Er fing wieder an zu zucken. An seinen Bewegungen mit der Pistole war nichts Nervöses gewesen. Ich fragte mich, von welcher Droge er runter war. Der Dicke ließ meine Hand los, noch immer das leutselige Lächeln im rotbäckigen Gesicht.
Er klopfte auf eine Hosentasche. »Ich habe das Magazin«, sagte er. »Alfred ist ein bisschen unberechenbar geworden. Der kleine Wichser hätte Sie abknallen können.«
Alfred setzte sich auf einen Stuhl, lehnte sich an die Wand und atmete durch den Mund.
Ich senkte meine Fersen wieder.
»Er hat Ihnen bestimmt Angst eingejagt«, sagte Joseph P. Unke.
Ich schmeckte Salz auf der Zunge.
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Lebwohl, mein Liebling
»Ein Rotschopf war sie. So süß wie sonst was. Wir wollten gerade heiraten, als sie mich aus dem Verkehr gezogen haben.« Bei Velma Valento, Nachtclubsängerin in Los Angeles, werden auch die toughsten Männer schwach. Zum Beispiel Moose Malloy. Doch als Moose aus dem Gefängnis kommt, ist Velma verschwunden. Er sucht nach ihr – und schon ist er selbst auf der Flucht. Schöne Frauen, harte Männer und lasche Gesetzeshüter: ›Lebwohl, mein Liebling‹ ist ein explosiver Cocktail aus Liebe und Verbrechen.










