Die philippinische Insel Siargao ist ein idyllisches Paradies. Umgeben von Palmen und weißen Sandstränden, zurückgezogen von seinem vorherigen Leben reitet Privatdetektiv und Ex-Profisurfer Caruso hier eine Welle nach der nächsten. Doch - wie sollte es auch anders sein bei einem guten Krimi - der sorglose Schein trügt.
Heaven's Gate ist der Auftakt einer neuen Reihe von Daniel Faßbender, der sich auch gerne selbst mal aufs Surfboard schwingt. Es geht um Drogen, einen verschwundenen Sohn, korrupte Politiker und einen Protagonisten, wie er eben in keinem klassischen Noir fehlen darf.
Im Interview erzählt der Autor, wie aus einem Moment in der Hängematte auf einmal eine Buchidee wurde und welche Vorbilder er für Caruso hatte.
Schon in Ihrem Debütroman spielten Grenzgänger eine große Rolle, jetzt geht es in Ihrem Krimi unter anderem um einen charmanten Antihelden. Was fasziniert Sie so an diesen Figuren?
Wenn Menschen Abseitiges, Extremes – stumpf gesagt Verrücktes – tun, will ich wissen, warum sie das machen. In meinem ersten Roman klettert ein junger Mann ungesichert auf Dächern herum. In Heaven’s Gate widmet Caruso seine Existenz teils lebensgefährlichen Wellen. Das sind aber nur nach außen sichtbare Symptome einer inneren Beschaffenheit. Dieses Innere herauszuarbeiten, das interessiert mich.
Sie sind leidenschaftlicher Surfer, aber wie kamen Sie darauf, gerade einen Krimi in dieser eigentlich sehr glücklich wirkenden Welt anzusiedeln?
Das Gute-Laune-Klischee löst sich ziemlich schnell auf, wenn man im Wasser mal an aggressive Locals geraten ist, die »ihre Wellen« ungerne mit Fremden teilen wollen. Oder wenn man sieht, wie sich Surfer – es sind meistens Männer, die das machen – im Wasser prügeln, weil die »Vorfahrt« missachtet wurde. Surfen ist Ego-Sport, weil Wellen in der Regel nur von jeweils einer Surferin oder einem Surfer geritten werden können – alle anderen gucken erst mal in die Röhre. Der Sport birgt also jede Menge Konfliktpotenzial, was erst mal gut für Krimis ist. Aber nur um auch das klarzustellen: Es gibt auch ganz viele wunderbare Momente mit netten Menschen im Wasser, die sich gegenseitig anfeuern, gute Gespräche zwischen den Wellen führen, und irgendwo springt dann auch noch ein Delfin aus dem Meer, und es bildet sich ein Regenbogen. Für Krimis ist diese Szenerie aber nur so mittelgut.
Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Surfen und dem Schreiben?
Man braucht für beides eine unheimliche Frustrationstoleranz und sehr viel Durchhaltewillen. Außerdem stehen Aufwand und Ertrag in den allermeisten Fällen in keinem guten Verhältnis. Wenn es dann aber klappt, wenn ein Romankonzept aufgeht – oder man auf der viel zu großen Welle plötzlich Sachen veranstaltet, von denen man gar nicht wusste, dass man sie kann –, dann machen diese Momente den ganzen Aufwand davor vergessen.
Man könnte Ihren Protagonisten Caruso ohne Weiteres einen Hardboiled Detective nennen. Woher kam die Inspiration zu dieser Figur, und gab es Vorbilder?
Ich lag in den Philippinen nach einer Surfsession in der Hängematte und habe Jörg Fausers Das Schlangenmaul gelesen. In diesem Moment machte es klick, zwei Synapsen haben zueinander gefunden. Caruso – keine Ahnung, wo der Name plötzlich herkam – war geboren. Der heruntergekommene Inseldetektiv. Da ich vorher so gut wie keine Berührungspunkte mit Krimis hatte, habe ich mich dann erst einmal durch die Krimigeschichte und -gegenwart gelesen und bin immer wieder bei den Hardboiled- und Noir-Vertretern gelandet, an denen sich zum Teil auch Jörg Fauser orientiert hat: Hammett, Chandler, Manchette und noch einige andere. Deren (Anti-)Helden sind die Onkel und Großväter von Caruso.
Wie ähnlich ist der Mensch Daniel Faßbender der Romanfigur Caruso?
Wir haben, glaube ich, einen ähnlichen, leicht an der Menschheit verzweifelnden Humor und können uns sehr in Sachen verbeißen. Wie wären uns vielleicht noch ähnlicher, wenn mein Leben an einigen Punkten anders verlaufen wäre.
Als Chef vom Dienst einer Nachrichtenredaktion beschäftigen Sie täglich auch die düsteren Facetten des Lebens. Beeinflusst auch diese berufliche Perspektive Ihr Schreiben?
Ich versuche dieses geballte Grauen, das mir in dem Job regelmäßig begegnet, so weit wie möglich von mir fernzuhalten. Wenn mein Schriftstellerkopf sich in die ganzen Schicksale hineindenken würde, und das macht er ab einem gewissen Punkt ganz automatisch, würde er platzen. Ich bin mir allerdings sicher, dass mich die Themen trotzdem beeinflussen, durch mich durchsickern, und dann in anderer Form, vielleicht nur als Detail oder Motiv wieder zum Vorschein kommen. Das passiert aber unbewusst.
Schauplatz des Romans sind die Philippinen. Aus welchen Gründen spielt die Geschichte auf diesem weit entfernten Inselstaat? Wie sahen die Recherchen dafür aus?
Es ging los mit einem Surfurlaub, aus dem, bis zu einem magischen Fauser-Moment in der Hängematte, nie eine Recherchereise werden sollte. Danach habe ich eigentlich weitergemacht wie vorher, bin gesurft, habe abends Bier getrunken, und alles wieder von vorne – allerdings mit weit ausgefahrenen Antennen. Dazu kamen dann die Bücher und lauter Dokumentationen. Die Philippinen sind ein wahnsinnig zerrissenes Land. Als ich dort war, tobte Rodrigo Dutertes Krieg gegen die Drogen. Der Unterschied zwischen Arm und Reich, Einheimischen und Touristen ist gewaltig. Die Einflüsse der Kolonialisierung sind immer noch spürbar. Dieses Land steckt voller Spannungsfelder. Für einen Roman ist das dankbar.
Ihre Figuren haben sehr komplexe Motivationen. Was treibt Sie morgens an?
Mein größter Antreiber am Morgen ist mein dreijähriger Sohn. »Papa, kann ich auf deinem Rücken surfen? Jetzt!?« Darüber hinaus ist er mittlerweile aber auch mein größter Antrieb.
Heaven's Gate
Nach Monaten des bittersüßen Nichtstuns auf der philippinischen Insel Surogao steht Caruso, ehemaliger deutscher Profisurfer und Privatdetektiv, tief in der Kreide. Da kommt die schöne Spanierin sehr gelegen, die ihn beauftragt, ihren verschwundenen Sohn wiederzufinden. Die Insel, ein Paradies für Wellenreiter und Touristen auf Selbstsuche, ist ein heißumkämpfter Umschlagplatz für Drogen. Schnell führen seine Ermittlungen Caruso in einen Abgrund aus Gewalt und Korruption und zu mehr als einem verlorenen Sohn.
Daniel Faßbender war Seemann, wäre gerne Profisurfer und verdient sein Brot in einer TV-Nachrichtenredaktion. Er hat Literaturwissenschaft, Politik und Geschichte studiert. 2018 stand sein Debütroman ›Die weltbeste Geschichte vom Fallen‹ auf der Longlist des Blogbuster-Literaturpreises. Mit ›Heaven’s Gate‹ war er Stipendiat des 1:1-Mentorings des Literaturbüros NRW und des Literaturhauses Bonn. Er lebt in Köln.










