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Lieblingsbilder. Heute mit Hartmut Lange

Obwohl er kein Lieblingsbild im engeren Sinne hat, gibt es ein Bild, das den Berliner Autor Hartmut Lange am meisten beeindruckt: Der Absinth von Edgar Degas.

Die Begründung schickt der für seine Dramen, Essays und Prosa vielfach mit Preisen ausgezeichnete 79-jährige gleich hinterher: »Es gibt kein Gemälde, das das Elend der Bohème besser und eindringlicher dargestellt hätte. Ich finde das Elend und besonders das der Frau, kaum zu ertragen. Die schmalen, mageren Schultern, der Blick, der bärtige Partner neben ihr, der mir Angst macht.«

Edgar Degas (1834-1917), In einem Café, oder Der Absinth, 1876. Öl auf Leinwand, H. 92; B. 68,5 cm. Musée d'Orsay, Paris

Kurzer Exkurs in die Kunstgeschichte

Der Franzose Edgar Degas (1834-1917) war ein Maler urbaner Szenen. Besonders interessierten ihn jene Orte, die man in der Freizeit aufsucht. Orte um sich zu vergnügen und zu unterhalten.

Im Doppelportrait Der Absinth sitzen in einem Café eine Frau und ein Mann schweigend und apathisch nebeneinander. Beide Figuren wirken für sich einsam und bedrückt. Vielsagend zeichnen sich ihre Schatten dunkel im Spiegel hinter ihnen ab. Während der Mann nach rechts und aus dem Bild schaut, geht ihr Blick traurig und schwer ins Leere. Vor ihr auf dem Tisch steht ein Glas mit einer grünlichen Flüssigkeit. Ob Degas damit auf die schädlichen Folgen von Absinth anspielen wollte, diesem starken Alkohol, der auch als »die grüne Fee« bekannt ist? 

Die ursprünglich im Schweizer Val de Travers hergestellte Spirituose wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts sehr populär. Bereits um 1860 war die sogenannte ›grüne Stunde‹, die ›heure verte‹, im Alltagsleben französischer Metropolen etabliert. Absinth-Trinken zwischen 17 und 19 Uhr galt als chic, das Getränk setzte sich innerhalb der Bohème schnell durch, war aber auch für Arbeiter erschwinglich. Gleichzeitig wurden Sorgen über die Folgen des Langzeitkonsums laut: Absinth mache abhängig, führe zu Übererregbarkeit und Halluzinationen. Nachdem Émile Zola 1877 in seinem Roman L’assommoir (dt. Der Totschläger) auf die gravierenden sozialen Folgen des Alkoholismus aufmerksam gemacht hatte, versuchten verschiedene Vereinigungen, Absinth verbieten zu lassen.

Bei dem Café im Bild handelt es sich um »La Nouvelle Athènes« am Platz Pigalle. Es war ein Treffpunkt der modernen Künstler, ein intellektuelles Zentrum der Bohème. Obwohl das Gemälde nicht vor Ort, sondern im Atelier entstanden ist, vermittelt der Bildausschnitt den Eindruck, dass es sich um eine Momentaufnahme eines Besuchers am Nachbartisch handelt.

Für seine Porträts standen Degas oft Personen aus seinem Umfeld Modell: Hier sind es die Schauspielerin Ellen André und Marcellin Desboutin, ein Maler, Grafiker und Schriftsteller. Da der gute Ruf der beiden durch das Gemälde Schaden nahm, musste Degas öffentlich bezeugen, dass sie keine Alkoholiker waren.

 

Hartmut Lange, geboren 1937 in Berlin-Spandau, studierte an der Filmhochschule Babelsberg Dramaturgie. 1960 erhielt er eine Anstellung als Dramaturg am Deutschen Theater in Ostberlin. Von einer Reise nach Jugoslawien kehrte er nicht in die DDR zurück. Er ging nach Westberlin, arbeitete für die Schaubühne am Halleschen Ufer, für die Berliner Staatsbühnen und am Schiller- und am Schlosspark-Theater. Zuletzt von ihm erschienen ist bei Diogenes der Erzählband Der Blick aus dem Fenster.