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Neuengland: Heimat von Henry David Thoreau, John Irving und Dennis Lehane

Sommerzeit – Reisezeit. Die Koffer sind gepackt, der Nachbar fürs Blumengießen organisiert, der Autoatlas oder die Flugtickets liegen bereit, es kann losgehen! Aber halt, welches Buch muss noch mit? Am besten eines, das in der Region spielt, in der man die kommenden freien Wochen verbringen wird. Hier einige Lektüretipps für Ferien in Neuengland.

Connecticut, New Hampshire, Maine, Massachusetts, Rhode Island, Vermont – Die sieben Bundesstaaten im Nordosten der USA sind geradezu eine literarische Fundgrube! Auch wenn Sie Ihre Reise natürlich nicht nur lesend verbringen sollen, möglich wäre es anhand der gebotenen literarischen Fülle allemal.

Schon im 19. Jahrhundert war Neuengland die Heimat vieler literarischer Größen und diente ihrer Inspiration: Emily Dickinson,  Mark Twain (Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn) und Harriet Beecher Stowe (Onkel Toms Hütte), Herman MelvilleRalph Waldo EmersonNathaniel HawthorneHenry David Thoreau oder Edgar Allan Poe.

Neuengland spielt auch in der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle – als Geburtsort und Wahlheimat unterschiedlichster Autoren wie Robert FrostJack Kerouac (aus Lowell, Massachusetts) oder John Updike, der 1957 von New York City nach Ipswich, Massachusetts zog.

Dazu kommen die Bestsellerautoren unserer Zeit, die eng mit Neuengland verbunden sind: John Irving und Dan Brown wurden beide in Exeter (New Hampshire) geboren, Stephen King wuchs in Maine auf, wo zahlreiche seiner Romane spielen, Dennis Lehane stammt aus Boston.

Die Besiedlung herrlicher Landstriche 

1620 gelangten auf dem Schiff Mayflower die ersten Puritaner an die amerikanische Ostküste und gründeten dort die Siedlung Plymouth, wo heute seit 2012 das Plymouth International Book Festival stattfindet.

Die Bewohner Neuenglands sind bekannt für ihre herzliche Gastfreundschaft, ihre freundliche Art und tolerante Lebenshaltung.

Als Reisedestination bietet Neuengland viel Abwechslung und besticht durch seine mannigfaltige Landschaft: Weitläufige Seen und tiefe Wälder versprechen Abkühlung in den warmen Sommermonaten und locken zu Abenteuern in freier Natur.

<p>Der Walden Pond bei Concord (Foto: © ptwo from Allahabad, India (985 Uploaded by Ekabhishek) [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" target="_blank">CC BY 2.0</a>], via Wikimedia Commons)</p><br/>

Thoreau zog sich 1845 für mehr als zwei Jahre in eine Hütte in den Wäldern von Concord (Massachusetts) am See Walden Pond zurück, die er auf einem Grundstück seines Freundes Emerson baute. Er wandte sich von der industrialisierten Gesellschaft ab und wollte, wie er es in Walden beschreibt, einen ausgewogenen Lebensstil verwirklichen.

In den malerischen Dörfern  mit den weißen Holzhäusern sollten Sie unbedingt Pfannkuchen mit echtem Ahornsirup kosten! Und sich im Herbst nicht den legendären Indian Summer entgehen lassen.

<p>Foto: ©&nbsp;<a href="https://www.flickr.com/photos/werkunz/" target="_blank">Werner Kunz</a>, (<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/" target="_blank">CC BY-SA 2.0</a>) via Flickr.com</p><br/>

Die Inseln Nantucket und Martha’s Vineyard

Die Küste zwischen Rhode Island und Maine wartet auf mit weißen Sandstränden und Leuchttürmen, sagenhaften Ausblicken von hohen Klippen und netten kleinen Hafenkneipen mit köstlichen Fischsuppen.

<p>Foto:&nbsp;©&nbsp;<a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=121394" target="_blank">Lorax</a>&nbsp;(<a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=121394" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>)</p><br/>

Von der Insel Nantucket südlich von Cape Cod zog Melvilles Kapitän Ahab in den Kampf gegen Moby Dick. Der gleichnamige Roman, der 1851 erschien, war seinerzeit ein Misserfolg, seine Qualität wurde erst später erkannt.

Westlich davon, auf der Insel Martha’s Vineyard, wo auch Präsident Barack Obama schon seine Sommerfrische verbrachte, spielt der Roman Ghost von Robert Harris. Roman Polanski hat ihn unter dem Titel The Ghost Writer mit Ewan McGregor in der Hauptrolle verfilmt.

Keinesfalls verpassen sollten Sie natürlich zudem das Edward-Gorey-Haus in Yarmouth Port auf dem nahen Cape Cod.

Boston – pulsierende Metropole

Nicht zuletzt gibt es faszinierende Städte wie Boston zu entdecken. Die größte Stadt Neuenglands, die u.a. die weltberühmte Harvard Universität beheimatet, ist Schauplatz zahlreicher Romane von Dennis Lehane: Seine Kriminalromane um die Ermittler Patrick Kenzie und Angela Gennaro sind hier angesiedelt. Mystic River, von Clint Eastwood preisgekrönt verfilmt, spielt in einem fiktiven, rauhen Bostoner Arbeiterviertel. Der Roman In der Nacht wiederum nimmt einen mit ins Jahr 1926, als in den USA die Prohibition herrschte. Warum Boston seine Lieblingsstadt ist, hat der Sohn irischer Einwanderer hier aufgeschrieben.

»Hilfe!«, werden Sie jetzt denken, »so viel kann ich niemals lesen!« Jetzt bloß nicht schwächeln, denn wir sind noch nicht bei John Irving angelangt.

Ein Extrakoffer für John Irving

Und John Irving schreibt dicke Bücher, und die literarischen Bezüge zu Neuengland sind vielfältig. Am besten also gleich ein separates Handgepäck bereitstellen!

<p>Foto: © Jane Sobel Klonsky</p><br/>

Der in New Hampshire geborene Bestsellerautor lebt und schreibt heute in Vermont. Für die Dokumentation John Irving und wie er die Welt sieht lud er den deutschen Regisseur André Schäfer mit Crew in sein Landhaus ein und gab Einblicke in sein Leben und Schreiben.

»Neuengland ist anders als die anderen Regionen in den USA. […] All die Landschaften, Bilder, die es nur in Neuengland gibt: uralte Inns, die Gasthäuser in den sanften Hügeln von New Hampshire oder Vermont – in manchen soll es spuken; abgelegene Leuchttürme an der zerklüfteten Küste von Maine; einsame Inseln, dunkle Wälder und windumtoste Gipfel.«  

John Irving

Ein Charakteristikum von Irvings bisher 13 Romanen sind die wiederkehrenden Schauplätze, viele davon in Neuengland: Letze Nacht in Twisted River setzt am Androscoggin River im Norden von New Hampshire ein, Owen Meany spielt im selben US-Staat in einer Kleinstadt zur Zeit der Reagan-Regierung und des Vietnamkriegs.

<p>Der Androscoggin River (Foto: ©&nbsp;<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AWildRiver.JPG" target="_blank">Ken Gallager</a>&nbsp;at English Wikipedia,&nbsp;<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>) or&nbsp;<a href="http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html" target="_blank">GFDL</a>, via Wikimedia Commons)</p><br/>

Der Film zu Gottes Werk und Teufels Beitrag (Originaltitel: The Cider House Rules, 1999) ist eine wahre Ausbeute: gedreht wurde an Schauplätzen in Vermont, Maine, New Hampshire und Massachusetts. Zum Roman inspiriert hatte John Irving die ›Applecrest Farm Orchards‹ in Hampton Falls (NH). Als Teenager erhielt er hier seinen ersten Job von der Familie Wagner, die die Farm heute in der vierten Generation betreibt. Für Besucher dieser literarischen Geburtsstätte gibt es Beeren, Kürbisse, Mais und natürlich Äpfel zu kaufen.

Ungefähr vier Autostunden entfernt liegt Bass Harbor. Schauen Sie sich die Hafenanlage an (wo Protagonist Homer Wells als Hummerfischer arbeitet, nachdem die Apfelernte zu Ende gegangen ist) und picknicken Sie danach am schönen, halbmondförmigen Sand Beach im Acadia National Park – genau wie Sir Michael Caine und Tobey McGuire auf der Leinwand. Eine weitere Location aus der Verfilmung ist der atmosphärische Bahnhof an den Bellows Falls (St Cloud Station). Hier können Sie genau wie im Film eine Fahrkarte für die Green Mountain Railroad kaufen (Quelle: movie-locations.com).

So. Geschafft! Nun müssen Sie selbst entscheiden, ob Sie nach Neuengland reisen und herumwandern oder vor allem über Neuengland lesen wollen  –  in den Büchern von Henry David Thoreau, Dennis Lehane oder John Irving. Am besten, Sie tun beides.