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Interview: Bernhard Schlink über »Die Frau auf der Treppe«

Heute erscheint der neue Roman von Bernhard Schlink. In Die Frau auf der Treppe geht es ums Rechthaben, um Besitz und Verlust sowie um echte und falsche Nähe. Im Interview spricht der Bestsellerautor über den Hintergrund seines Buches: Ein Aktbild, das in ihm Fragen über die Endlichkeit auslöste. Über die Endlichkeit der Liebe und des Lebens.

Der Roman spielt an den Schauplätzen Frankfurt am Main, Sydney und an der australischen Küste. Was verbindet Sie mit diesen Orten?

Der Ich-Erzähler ist ein erfolgreicher, international tätiger Rechtsanwalt – damit passt er nach Frankfurt, Düsseldorf oder Hamburg. Frankfurt, wo ich einmal gelebt und gearbeitet habe, ist mir von den drei Städten die vertrauteste. Sydney ist eine großzügige, lebendige, wunderbar gelegene Stadt, die ich mag, seit ich das erste Mal dort war, und die australische Küste hat einen eigenen, schlichten Charme.

Sie ließen sich von dem Bild »Ema. Akt auf einer Treppe« von Gerhard Richter inspirieren, als Sie den Roman schrieben. Wann wurde Ihnen bewusst, dass es gerade dieses Bild sein würde? Schon als Sie das Bild zum ersten Mal sahen? Was ist das Besondere an diesem Bild?

Ich habe das Bild vor mehr als 30 Jahren zum ersten Mal gesehen. Es ist eines der Bilder, die sich immer wieder neu sehen, in denen sich immer wieder Neues sehen lässt. Und es ist einfach ein wunderschönes Bild einer wunderschönen Frau. Eine Postkarte des Bilds steht, seitdem ich es das erste Mal gesehen habe, im Wechsel mit anderen Postkarten und Fotografien auf meinem Schreibtisch. Als ich mit dem Schreiben des Romans begann, hat das Bild von selbst den Weg in das Bild gefunden, um das es im Roman geht. Beim Planen des Romans ging es nicht um »Ema. Akt auf einer Treppe«, sondern nur um das Bild einer Frau.

Die Frau auf der Treppe

Zentrale Themen Ihres Romans sind die Verfestigungen eines gelebten Lebens sowie Alter, Krankheit und Tod. Wie passt das zu der Jugendlichkeit und Lebhaftigkeit dieses Bildes? Oder erwächst genau daraus die Spannung?

Der Ich-Erzähler erkennt in der alten, kranken, vom Tod gezeichneten Irene die jugendliche, lebhafte wieder – und liebt sie wieder. Aber diesmal verschließt er sich der Spannung zwischen der verändernden Kraft der Liebe und den Verfestigungen seines Wesens und Lebens nicht, sondern setzt sich ihr aus.

Das Älterwerden in Ihrem Roman ist nicht nur mit einem Rückblick auf die eigene Vergangenheit verbunden, sondern berichtet auch über eine Nähe, die sich zwischen zwei Menschen im Angesicht des Todes entwickelt. Entsteht im Bewusstwerden der eigenen Vergänglichkeit und der eigenen Versäumnisse und in deren Entblößung gegenüber dem anderen eine neue Verbundenheit?

Ich denke, das Älterwerden lädt zu neuer Wahrhaftigkeit ein, sich selbst und anderen gegenüber, und aus dieser neuen Wahrhaftigkeit entsteht die Möglichkeit neuer Nähe.

In jedem Ihrer Romane, jeder Ihrer Erzählungen geht es nicht nur um eine Liebesgeschichte oder eine Persönlichkeitsentwicklung, sondern um zeithistorische Themen. Welche Themen lagen Ihnen in diesem Roman am Herzen?

Die Protagonisten des Romans, alle vorgerückten Alters, haben den Kalten Krieg und die Veränderung der demokratischen Welt durch dessen Ende erlebt. Bis zum Ende des Kalten Kriegs hat die demokratische Welt mit der Herausforderung der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Alternative des Kommunismus gelebt, davor auch noch mit der des Faschismus, und im Rückblick zeigt sich, dass ihr die Herausforderungen gutgetan haben. Wie geht es ohne sie weiter? 

Es geht im Roman auch um Besitz und Verlust, um echte und falsche Nähe. Kann man, was man liebt, festhalten? Oder ist das nur eine schöne Illusion?

Ich weiß nicht, ob auch nur die Illusion schön ist. Wie wir nicht festfahren wollen, können wir auch nicht festhalten wollen. Wir wollen in Bewegung bleiben, und wenn wir lieben, wollen wir mit dem geliebten Menschen in Bewegung bleiben. Wie sollen wir miteinander in Bewegung bleiben, wenn wir einander festhalten?

Der Anwalt ist bereit, für Irene sein bisheriges Leben aufzugeben. Ist es in Beziehungen so, dass der eine mehr liebt als der andere?

Der Ich-Erzähler ist jedenfalls bereit, sein bisheriges Leben nachhaltig zu verändern. Das ist nicht ein Opfer, das er Irene bringt, sondern die Folge einer Erfahrung, die er der Begegnung mit Irene verdankt. Ich weiß nicht, ob in Beziehungen der eine mehr liebt als der andere. Aber oft trifft die Liebe den einen und den anderen an verschiedenen Punkten ihres Lebens und greift in ihre Leben daher auch verschieden ein, mal mehr verändernd und mal weniger.

Bernhard Schlink, mit 53 Sprachen einer der meistübersetzten deutschen Gegenwartsautoren, national und international ausgezeichnet, hatte seinen Durchbruch mit dem Roman Der Vorleser. Das erste deutsche Buch, das es auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste schaffte.

Sein neuer Roman Die Frau auf der Treppe erscheint am 27.8.2014. Ein Beitrag von Claudio Armbruster dazu zeigte das ZDF heute journal.