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»Vermutlich hätte ich es keine fünf Minuten mit Waugh in einem Raum ausgehalten.« Die Übersetzerin pociao im Interview.

Diogenes bringt nach und nach die Werke Evelyn Waughs in neuen Übersetzungen heraus. Viel Lob gab es dabei für pociao und ihre Neuübersetzung von Wiedersehen mit Brideshead. »Waughs Meisterstück ist eine trunkene Oxford-Apotheose, pociao hat sie herrlich sturz-nüchtern und krachend präzise übersetzt«, schwärmte DIE WELT, von einer »glänzenden Neuübertragung« sprach DER SPIEGEL. Nun erscheint Lust und Laster, eine wunderbare Satire auf die Spaßgesellschaft der zwanziger Jahre.

<p>Foto: © pociao, privat</p><br/>

Wir haben pociao im Interview zu Freuden und Tücken beim Übersetzen der Werke von Evelyn Waugh befragt.

Kannten Sie das Werk von Evelyn Waugh schon, bevor Sie den ersten Übersetzungsauftrag von Diogenes erhielten? Wenn ja, was für ein Bild hatten Sie von dem Autor – und inwiefern hat es sich seither gewandelt?

Ja, ich hatte an der Uni einiges gelesen, sowohl im Original als auch in den Übersetzungen. Vermutlich hätte ich es keine fünf Minuten mit Waugh in einem Raum ausgehalten, weil er so starrköpfig, eitel und erzreaktionär war. Mir gefielen Autoren wie Burroughs oder Joyce, die mit ihrem Schreiben neue Wege beschritten hatten und deren Denken weit in die Zukunft hinauswies. Heute weiß ich, dass sich hinter Waughs konservativer Maske ein überaus komischer und selbstironischer Zug verbarg, dem er in seinem Werk viel Platz eingeräumt hat.

Lust und Laster

Lust und Laster ist schon Ihre dritte Neuübersetzung eines Romans von Evelyn Waugh, nach Wiedersehen mit Brideshead und Eine Handvoll Staub. Welches dieser Bücher hat Ihnen am besten gefallen – und warum?

Wiedersehen mit Brideshead, weil es ein Solitär ist. Ich bin überzeugt, dass jeder Leser seine eigene Geschichte darin lesen kann, wie auch verschiedene Übersetzer dasselbe Werk so unterschiedlich interpretieren wie Pianisten eine Partitur. Der Text ist überaus komplex und verfügt über diverse Stimmlagen, die man so zusammenfügen muss, dass sie den Zauber des Originals wiedergeben, ohne dass der Leser merkt, wie schwer das ist. Dieses Neuübersetzungsprojekt war eine besondere Herausforderung, weil alle literaturinteressierten Zeitgenossen es schon kennen: Entweder haben sie das Buch gelesen oder eine der Verfilmungen gesehen. Es gehört somit zu den Werken, die ganze Generationen – auch außerhalb von England – auf die eine oder andere Weise mitgeprägt haben. Dabei ging mir auf, dass dieses häufig als »elegisch« bezeichnete Werk auf einem verblüffenden Humor des Autors basiert, den ich stärker herauszuarbeiten versuchte.

Wiedersehen mit Brideshead

Waugh wird immer als großer Satiriker dargestellt. Doch die Gesellschaft hat sich seit den dreißiger und vierziger Jahren sehr verändert. Was, denken Sie, spricht den heutigen Leser bei Evelyn Waugh noch an?

Zum einen die Erinnerung an vermeintlich schönere vergangene Zeiten, zum anderen Waughs unschlagbare Komik. Die Themen sind ja heute immer noch dieselben: Wer sind wir und warum? Drogen, Religion, psychische Störungen, Angst vor einer ungewissen Zukunft, das Leben des Jet-Set … all das interessiert die Leser heute ebenso brennend wie damals.

<p>Das Castle Howard in North Yorkshire, das&nbsp;2008 als Kulisse für die Verfilmung von ›Wiedersehen mit Brideshead‹ diente. (Foto: © RRRR NNNN [<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/" target="_blank">CC BY-SA 2.0</a>], via Wikimedia Commons)</p><br/>

Im Übrigen erfand Waugh wunderbare Geschichten, im Wissen, dass Geschichten unser Leben bereichern oder den Alltag verzaubern – wie die Passage in Eine Handvoll Staub verdeutlicht, in der der Protagonist am Ende der Welt in die Fänge eines gerissenen Erpressers gerät, dem er nun in alle Ewigkeit aus Charles Dickens‘ Werken vorlesen muss.

Welches sind die größten Herausforderungen, die sich beim Übersetzen von Evelyn Waugh stellen?

Bei Wiedersehen mit Brideshead erschien es mir von Anfang an als Herausforderung, den im Original eher spröden Tonfall herauszuarbeiten, der in bisherigen Übersetzungen unter einer etwas altbackenen Wurschtigkeit verschwunden war. Zum anderen fand ich es reizvoll, die Selbstironie des Autors unter der alles überschattenden Melancholie wieder aufzustöbern. Waugh ist zuweilen herrlich verrückt, das wollte ich zeigen und dafür eine möglichst klare, zeitlose Sprache finden, die das gut siebzig Jahre alte Werk auch der heutigen Leserschaft nahebringen kann.

Besonders schwierig war der Anfang der eigentlichen Erzählung, die Beschreibung eines Frühlingstages in Oxford, die so zart und luftig daherkommt, gleichzeitig aber bereits die Strenge der sich gemächlich aus verschiedenen Perspektiven entwickelnden Thematik enthält.

Zahlreiche Passagen des Originals fehlten in früheren Ausgaben, vermutlich aus moralischen Gründen, möglicherweise aber auch, weil man sie sich nicht erklären konnte. Es war also eine erhebliche Recherche notwendig, die etwa ein Drittel der Arbeitszeit ausmachte.

Bei Lust und Laster bestand die größte Schwierigkeit der Übersetzung darin, Waughs sarkastischem Tonfall gerecht zu werden und die fast nur aus Dialogen und schnellen, fast filmischen Szenewechseln bestehenden Passagen durch einen »inneren roten Faden« so zu verbinden, dass Waughs eigenwillige Choreographie nicht durch unnötige »Glättungen« entstellt wird.

Und was fällt Ihnen besonders leicht?

Die Dialoge; sie machen am meisten Spaß, obwohl man ungeheuer aufpassen muss, in der zeitlich korrekten Sprachschublade zu bleiben.

Eine Handvoll Staub

Pociao studierte nach längeren Aufenthalten in London und New York Anglistik, Germanistik und vergleichende Literaturwissenschaften in Bonn. Anfang der 70er Jahre arbeitete sie für den Verlag Expanded Media Editions und baute Pociao’s Books auf, einen Vertrieb für experimentelle Literatur aus der amerikanischen Small Press Szene für den europäischen Raum. Mitte der 90er Jahre gründete sie zusammen mit der Komponistin Ulrike Haage den Verlag Sans Soleil. Sie übersetzte zahlreiche zeitgenössische Autoren aus den Vereinigten Staaten, England und Spanien, darunter Paul und Jane Bowles, Gore Vidal, William S. Burroughs, Bill Ayers, Patti Smith (dieses Foto zeigt die beiden 1977 in der Galerie Veith Turske in Köln), Laurie Anderson, Zelda Fitzgerald, Adam Haslett, Tom Robbins, Nicholas Christopher, Tash Aw und Annalena McAfee.

Die bei Diogenes lieferbaren Bücher von Evelyn Waugh sind hier einsehbar.