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Japan kreativ und farbenfroh: Banana Yoshimotos neuer Roman »Moshi Moshi«

»I wish someone much cooler than myself had told me about Shimokitazawa when I first moved to Japan.« – Solche und ähnliche Sätze bekommt zu lesen, wer das Viertel Shimokitazawa in Tokio googelt. Hier spielt Banana Yoshimots neuer Roman Moshi Moshi.

<p>Foto: © <a href="https://www.flickr.com/photos/guwashi999/" target="_blank">Guwashi999</a>, (<a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" target="_blank">CC BY 2.0</a>) via Flickr.com</p><br/>

Das belebte Shimokitazawa besticht durch einen bunten Mix aus vollgestopften Vintage Kleiderläden, kleinen Musikclubs, Bars, Plattenläden, kreativen Cafés und preiswerten Restaurants. Doch das alternative Viertel verändert sich: Die schmalen Gassen und alten Gebäude müssen zunehmend weichen. Die Pläne der Regierung, mitten durch das Viertel eine große Straße  zu ziehen, führte vor einigen Jahren zu empörten Protesten. Banana Yoshimoto lebt seit über zehn Jahren in Shimokitazawa. Hier erzählt sie, warum sie es zum Schauplatz ihres Romans Moshi Moshi gemacht hat.

Frau Yoshimoto, wie Sind Sie auf die Idee gekommen, über Shimokitazawa zu schreiben?

Ich wollte die Atmosphäre von Shimokitazawa, die Stimmung dieses Ortes aufheben und bewahren. In den letzten Jahren hat sich Shimokitazawa rasend schnell verändert. Das beunruhigt mich schon.

Das französische Bistro Les Liens, in dem die Protagonistin Yotchan arbeitet, gab es tatsächlich. Ende 2008 wurde es geschlossen. Ich nehme an, Sie wollten auch das Bistro in ihrem Buch verewigen?

Als ich hörte, dass Les Liens zumachen würde, war das wie ein Schock für mich. Ich dachte: Dieses Bistro musst du in irgendeiner Form retten! Wenn Sie in Paris sind und irgendwo übernachten, werden Sie nicht weit vom Hotel garantiert ein Bistro finden. Les Liens hatte diese Atmosphäre, es fühlte sich wirklich an, als wären Sie in Paris. Etwa fünfmal pro Woche bin ich da hingegangen. Das Bistro ist jetzt nach Hatagaya umgezogen, und das Angebot von Menüs usw. ist immer noch gleich. Insofern bin ich erleichtert. Aber ob ich da einfach zu Fuß hingehen kann oder ins Auto steigen muss, ist halt doch ein Unterschied, leider.

Im Buch erscheinen auch viele andere kleine Lokale, die es in Wirklichkeit gibt oder gegeben hat. Sind das alles Orte, die Ihnen ans Herz gewachsen sind?

Die meisten, ja. Es kommen aber auch welche vor, die ich nicht besonders gut kenne. Ich wollte möglichst nur Lokale in den Roman aufnehmen, deren Besitzerinnen und Besitzer damit einverstanden waren.

Wenn Sie während der Arbeit am Roman durch Shimokitazawa gegangen sind, was haben Sie dabei empfunden?

Dass es immer mehr Kettenläden gibt. Und dass dem Viertel als Ganzes ein gewisses Gemeinschaftsgefühl abhandengekommen ist. Jeder mag seine individuellen Gründe haben, warum er hier lebt; aber was es früher mehr gab – den Willen, an einem Strang zu ziehen, etwas aufzubauen, das allen zugutekommt –, ist durch verschiedenste eigennützige Interessen durcheinandergeraten. Shimokitazawa zerfällt.

Es gibt aber auch Leute, die sagen, dass dieses Tohuwabohu, dieses Durcheinander von allem Erdenklichen, mit ein Grund ist für den Charme von Shimokitazawa.

Sicher, nichts gegen das Durcheinander an sich. Aber es sollte eine gemeinsame Vorstellung davon geben, was gut ist für Shimokitazawa und was nicht. In anderen Stadtvierteln von Tokio gibt es Bürgerbewegungen, die sich dafür einsetzen, dass keine Pachinko-Spielhöllen dorthin kommen. In Kyōto darf kein Gebäude gebaut werden, das mehr als soundso viele Stockwerke hat. Wenn die Bewohner gemeinsam gewisse Regeln bestimmen, die auch eingehalten werden, ansonsten aber alle tun und lassen können, was sie wollen, wächst etwas zusammen. Man kann sich mit dem Ort identifizieren, fühlt sich zu Hause. Ein Durcheinander im positiven Sinne, kunterbunt und charmant.

Yotchan und ihre Mutter kommen in Trauer nach Shimokitazawa, sie tun ihr Bestes, um Fuß zu fassen und langsam wieder Freude am Leben zu gewinnen. Wie das Essen ihnen dabei hilft – all diese Szenen und Beschreibungen rund um das Kulinarische fand ich sehr eindrücklich.

Ohne Essen können wir nun mal nicht leben. Durch den Doppelselbstmord des Vaters mit einer wildfremden Frau, durch diesen schockierenden, unerwarteten Verlust verlieren Yotchan und ihre Mutter auch ihren Appetit; aber nach und nach kehrt der Lebenswille zurück und mit ihm die Lust am Essen. Und das Essen wiederum stimuliert die Lebensfreude … Den elementaren Zusammenhang von Essen und Leben – das wollte ich deutlich machen.

<p>Foto: © Jayne Wexler</p><br/>

Die beiden suchen in Shimokitazawa viele Restaurants und Cafés auf. Beim Lesen hat man das Gefühl, als würden sie sich durch das Essen und Trinken immer mehr mit Shimokitazawa verbunden fühlen.

Nein, es kommen zwar viele Lokale vor, aber im Roman ist es eher so, dass Mutter und Tochter selber kochen. Sie essen irgendwo was Kleines oder gehen nach der Arbeit etwas trinken, aber richtig auswärts essen tun sie eigentlich nicht sehr oft.

Dennoch hatte ich den Eindruck, dass durch das Essen in den verschiedenen Lokalen ihre Beziehung zu Shimokitazawa tiefer und intensiver wird.

Ich denke, weniger durch das Essen als einfach durchs Dasein in diesen Lokalen. Dort lernen sie verschiedene Leute kennen, kommen ihnen näher. Wenn Sie mit den Menschen eines Ortes keine gemeinsame Geschichte haben, bleibt Ihnen der Ort mehr oder weniger fremd. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Das Haus, in dem ich früher gewohnt habe, lag an einer großen Straße. Um in ein belebtes Viertel zu kommen, musste man erst über diese Straße. Das Warten an der Ampel dauerte furchtbar lange, und irgendwann hatte ich es satt. Mit diesem Ort verknüpfe ich kaum positive Gedanken und Erinnerungen. Die Freunde aus jener Zeit, mit denen ich noch Kontakt habe, kann ich an einer Hand abzählen. Hier in Shimokitazawa ist das ganz anders. Man lernt relativ schnell und leicht Leute kennen, es geschieht wie von selbst. Das schafft Verbundenheit, gibt einem das Gefühl, als Mensch wahrgenommen zu werden. So wächst auch die Bereitschaft, Menschen in Not, wenn nötig, zu helfen, sich solidarisch zu zeigen. Aber tiefe Freundschaften entwickeln sich auch in Shimokitazawa nicht von heute auf morgen. Etwa drei Jahre dauert es schon.

Moshi Moshi

In Ihren Augen hat Shimokitazawa für das Gedeihen zwischenmenschlicher Beziehungen eine ideale Größe … Wie am Anfang erwähnt, blicken Sie mit Sorge auf den schnellen Wandel dieses Viertels. In ländlichen Gegenden ist es schon eine große Sache, wenn ein einziges Haus, das lange dagestanden hat, verschwindet; in Shimokitazawa geschieht das jeden Tag.

›Das kann doch nicht sein!‹, denkst du dir, aber es ist wirklich so. Von einem Tag auf den andern verschwinden alte, vertraute Häuser, und es stehen neue da. Ich habe noch Erinnerungen an Shimokitazawa aus meiner Kindheit, als wir manchmal hierhergekommen sind. Das Gesicht dieses Viertels hat sich in all den Jahren total verändert. Das ist der Lauf der Welt. Den können wir nicht aufhalten. Aber in meinen Erinnerungen ist das Vergangene aufgehoben, das genügt mir eigentlich … Was, wenn ich morgen sterbe? Ich könnte sagen: ›Dann verschwindet alles mit mir.‹ Aber ich glaube, so ist es auch wieder nicht. Was gewesen ist, ist gewesen, es bleibt in irgendeiner Form bestehen.

<p>Foto: © <a href="https://www.flickr.com/photos/guwashi999/" target="_blank">Guwashi999</a> (<a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" target="_blank">CC BY 2.0</a>), via Flickr.com</p><br/>

Das eigene Erinnern als Mittel, um der steten Veränderung, dem Gefühl von Verlust zu begegnen …

Ja, Les Liens ist zwar aus Shimokitazawa weggezogen, aber ich erinnere mich sehr gut und in großer Dankbarkeit an die Zeit, die ich dort verbracht habe. Es hat mir viel bedeutet, es war schön … Aber die Zeit vergeht, die Stadt verändert sich, es ist alles im Fluss.

Auch in Zukunft wird sich Shimokitazawa weiter verändern. Wie stehen Sie dazu? Bereiten Sie sich innerlich auf etwas vor?

Nein, gar nicht. Im Gegenteil: Wenn es ein neues Bahnhofsgebäude gäbe, würde ich mich wahrscheinlich sogar freuen. (Lacht)

Und wenn ich sehen würde, wie Sie dort fröhlich einkaufen, wäre ich sicher überrascht.

(Lacht) Wenn ich einmal hingehen und denken würde: ›Ach nein, wie schrecklich!‹, müsste ich mir wohl überlegen, ob es sich noch lohnt, in Shimokitazawa zu bleiben. Aber ich werde versuchen, immer das Gute zu sehen und es auf meine Art zu bewahren.

Frau Yoshimoto, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Erstmals erschienen in: Shimokitazawa-Wirtschaftszeitung 1. November 2011. Das Interview führte Yae Onoda. Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg.

Was Banana Yoshimoto im Interview beschreibt, zeigt sich auf weiteren Fotos in diesem Blog.

Moshi Moshi erschien am 25.2.2015 im Diogenes Verlag. Auch als E-Book.