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Ein Tag in Gent mit Stefan Hertmans

Stefan Hertmans begibt sich in seinem neuen Roman Der Aufgang auf Spurensuche nach den früheren Bewohner:innen eines alten Hauses in Gent, in dem er selbst lange gelebt hat. Wir haben ihn einen Tag lang durch die zweitgrößte Stadt Belgiens begleitet. Auf den Spuren des flämischen Nazi-Kollaborators Willem Verhulst erfuhren wir mehr über die Geschichte des von der Wehrmacht besetzten Landes.

Foto: © Stephanie Uhlig/Diogenes Verlag

»Als ich in dem Buch meines ehemaligen Professors Adriaan Verhulst las, dass ich im selben Haus wohnte, in dem ein wichtiger SS-Mann gewohnt hatte – sein Vater Willem Verhulst –, wurde ich neugierig. Ich machte mich daran, meine eigenen Erinnerungen an das Haus mit allen Fakten zu kombinieren, die ich durch Nachforschungen herausfinden konnte.«
Stefan Hertmans im Diogenes Interview

Im gelben Haus im Drongenhof in der Genter Altstadt wohnte Stefan Hertmans selbst, und viele Jahre vor ihm der SS-Kollaborateur Willem Verhulst.

Foto: © Stephanie Uhlig/Diogenes Verlag

»Das Haus stand im Genter Stadtviertel Patershol, benannt nach dem schmalen, höhlenartigen Zugang, der über einen Kanal zu einem mittelalterlichen Kloster führte und durch den die Ordensbrüder nicht nur Lebensmittel heranschipperten, sondern, wie der Volksmund behauptete, heimlich auch Huren. Grund und Boden waren ursprünglich einmal im Besitz der Grafen von Flandern; in dem an eine Burg aus dem zwölften Jahrhundert grenzenden Viertel hatten jahrhundertelang Patrizier und wohlhabende Bürger gewohnt, bevor mit dem Aufkommen des Proletariats viele der großen, vornehmen Häuser durch kleine Arbeiterhäuser ersetzt wurden, die Armut sich in den schmalen Gassen ausbreitete und die Gegend einen schlechten Ruf bekam. Alles war am Verfallen, als sich Ende der Sechzigerjahre im Zuge der Studentenrevolte die Boheme hier niederließ. Das Haus, vor dem ich nun stand, lag am nordöstlichen Rand des Viertels, in einer Straße namens Drongenhof, nicht weit von dort, wo die Leie träge und dunkel an den feuchten Häusern entlangfloss.«
Stefan Hertmans, Der Aufgang, Seite 9

In der alten Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, die im zweiten Weltkrieg bereits leerstand, versteckten sich Widerstandskämpfer. Ironischerweise liegt die Kapelle gegenüber von Willem Verhulsts Haus, der aus seinem Schlafzimmer herüberblicken konnte, ohne zu wissen, dass sich die Widerstandskämpfer hier aufhielten. Als zwei SS-Männer das Versteck aufspürten, schnitt man ihnen die Kehlen durch und vergrub die Toten unter dem Kirchboden der Kapelle, wo sie noch heute liegen.

Foto: © Stephanie Uhlig/Diogenes Verlag

»Leute wie Willem waren Verbrecher, die ihre eigenen Mitbürger – jüdische Bürger:innen, Freimaurer und Menschen aus dem Widerstand – in die Vernichtungslager schickten. Anstatt ihr Volk zu verteidigen, wie sie behaupteten, haben sie es verraten. Doch diese Rechtfertigung für die Kollaboration der ›Flaminganten‹ blieb wie ein Schleier über der historischen Aufarbeitung jener Zeit. Dies hat die flämische Bewegung bis heute kompromittiert, und in bestimmten rechtsextremen Kreisen (z.B. Vlaams Belang) wird das Märchen von den unschuldigen Kollaborateuren immer noch aufrechterhalten. Ich hoffe, dass mein Buch einige der komplexen Beziehungen in Belgien sozusagen aus der Intimität einer Familie heraus veranschaulichen kann.«
Stefan Hertmans im Diogenes Interview

Das große, helle Gebäude am rechten Flussufer war lange der Arbeitsplatz von Willem Verhulst: Die Zentrale der flämischen Nationalsozialisten.

Foto: © Stephanie Uhlig/Diogenes Verlag

Zum Weiterhören empfehlen wir das Interview von Katharina Borchardt mit Stefan Hertmans im SWR2.

(Stephanie Uhlig, Pressereferentin, Mai 2022 / (c) by Diogenes Verlag AG Zürich)

Foto: © Stephanie Uhlig/Diogenes Verlag Abschiedsfoto mit Stefan Hertmans und Stephanie Uhlig
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Der Aufgang

Stefan Hertmans, geboren 1951 in Gent, Belgien, Dichter, Dramatiker, Romancier, gilt als einer der wichtigsten niederländischsprachigen Autoren der Gegenwart. Krieg und Terpentin war 2016 für den International Man Booker Prize und den Premio Strega International nominiert. Zudem wurde der Roman von ›The New York Times‹, ›The Times‹ und ›The Economist‹ zu einem der besten Bücher des Jahres gewählt. Die Fremde war für den National Jewish Book Award nominiert und stand auf der Shortlist des Fémina étranger 2018. Hertmans lebt in Brüssel und im südfranzösischen Monieux.

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