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»Meine Stadt gibt allen eine Chance.« Marco Balzano über Mailand, Migration und seinen neuen Roman

Der charmante 39-jährige Marco Balzano ist unser neuster Zuwachs aus Bella Italia. Dass auf der Apennin-Halbinsel aber nicht nur Dolce Vita herrscht, zeigt eindrücklich sein Roman Das Leben wartet nicht: Ninetto kam als Kind allein von Sizilien nach Mailand, um Arbeit zu suchen. Ein furchtloser Junge mit der Sonne des Südens im Herzen. Heute, über fünfzig Jahre später, erkennt sich Ninetto in den Neuankömmlingen aus China und Nordafrika wieder. Sie haben dieselben Träume wie er damals. Wir trafen Marco Balzano zum Gespräch.

<p>Foto: Geri Krischker / © Diogenes Verlag</p><br/>

Wie würden Sie Ihren Roman Das Leben wartet nicht in einem Satz zusammenfassen?

Marco Balzano: Eine teils melancholische, teils fröhliche Geschichte, mit der ich versuchte, die universelle Erfahrung der Migranten früherer Zeiten ins Heute einfließen zu lassen.

Wer ist der Erzähler in Ihrem neuen Roman, Ninetto Pelleossa (»Hautundknochen«)?

Ninetto ist ein Kind, das auf der Straße aufwächst. Ein vorwitziger und lebenshungriger Junge. Er glaubt, dass Schlagfertigkeit und die Fähigkeit, sich auszudrücken, fundamental sind für ein besseres Leben. Was ihn am meisten ängstigt, ist das Schweigen. Genau das Schweigen, in das er sich als Erwachsener zurückzieht.

Wie sieht Ninettos Mailand aus?

Ninetto kommt 1959 nach Mailand. Aber die Stimme, mit der er uns seine Geschichte erzählt, ist nicht die von damals, sondern die von heute. Das sind zwei völlig unterschiedliche Epochen, die auch zwei verschiedene Gesichter der Stadt zeigen. Das eine ist das Mailand des Wirtschaftswunders. Auf den Straßen wimmelt es von Lambrettas, Topolinos, Straßenbahnen … Leute aus allen Regionen Italiens kommen hierher, auf der Suche nach Arbeit. Luxus und Armut leben Seite an Seite, und Wohnblöcke schießen aus dem Boden wie Pilze. Doch heute gibt es in Mailand nicht mehr so viel Arbeit, und die Gesichter der Menschen auf der Straße sind besorgter. Neu dazugekommen sind die Bauten der Expo – und viele Menschen, die nicht wie Ninetto aus dem Süden Italiens stammen, sondern aus dem kriegs- und hungergeplagten Süden der Welt. Was diese beiden Gesichter der Stadt gemeinsam haben, ist, dass hier Fremde willkommen sind. Auch in schwierigen Zeiten. Deshalb liebe ich meine Stadt, obwohl sie ihre Makel hat. Sie gibt allen eine Chance.

Wie sind Sie auf dieses Thema – die Emigration der Kinder – gekommen?

Obwohl Italien ein Land ist mit einer langen Emigrationsgeschichte, gab es kaum Bestrebungen, die Emigration der Kinder zu erf🐰orschen, auch hat man kaum davon erzählt. Es ist ein unbekanntes Kapitel. Heute kennen wir alle die Bilder von Kindern, die mit dem Schlauchboot aus Afrika kommen und in Sizilien stranden – manche lebendig, manche tot. Ich fragte mich, ob auch wir Italiener schon Ähnliches erlebt haben, an das wir uns heute nur nicht mehr erinnern, da unser Gedächtnis oft nicht weit zurückreicht.

Es gibt zwei Erzählstränge in diesem Buch, der eine spielt heute, der andere in den fünfziger und sechziger Jahren. Wo sehen Sie den Unterschied zwischen der Emigration damals und heute? Und wo die Ähnlichkeit?

Migration gab es immer schon, der Mensch zieht seit je aus, um bessere Lebensbedingungen zu finden. Das ist völlig normal und legitim, es entspricht auch dem Prinzip der individuellen Suche nach dem Glück. Klar, es gibt verschiedene Formen der Auswanderung, je nachdem, wann und warum sie stattfindet. So stelle ich die italienische Emigration der sechziger Jahre neben die heutige interkontinentale Völkerwanderung aus dem Süden der Welt. Das sind zwei völlig verschiedene Phänomene, und ich will sie weder vermischen noch vergleichen: Die Italiener trieb nicht Krieg, Gewalt oder Diktatur in die Flucht. Sie mussten nicht in die Schlauchboote von Schleppern steigen und ihr Leben im Mittelmeer riskieren. Außerdem waren die wirtschaftlichen Bedingungen damals viel günstiger als heute, wo die Wirtschaft in der Krise steckt und instabile politische Verhältnisse herrschen, so dass Neuankömmlinge zurzeit weniger Chancen haben als damals.

Ninetto Pelleossa hat eine spezielle Art, sich auszudrücken. Wie würden Sie sie beschreiben? Und wie sind Sie darauf gekommen?

Eine Geschichte ist vor allem eine Sprache. Ich suchte nach einem Ton, in dem sich die Kindheit auf der Straße spiegelte, das Leben on the road dieser Jungs. Ich suchte nach einer lebendigen Sprache und fand schließlich zu einem Ton, bei dem ich gebildete und ungebildete, komplexe und einfache, literarische und komische Register ziehen konnte – letztlich ist eine Kunstsprache herausgekommen. Das hat mir erlaubt, mich der Rhetorik zu entziehen, die sonst dem Thema der Kinderemigration anhaften könnte. Diese Sprache hat sich mir aufgedrängt. Die Schwierigkeit besteht nur darin, dass man den Leser nicht merken lässt, wie viel Mühe es einen gekostet hat, einen gut lesbaren Text zu schreiben.

Sie haben den berühmten Literaturpreis »Premio Campiello« gewonnen. Hat das Ihr Leben verändert?

Nicht die Preise verändern das Leben, sondern die Menschen. Doch so wichtige Literaturpreise machen Mut und zeigen, wie viel Verantwortung im Wort liegt.


Das Interview geführt und aus dem Italienischen übersetzt hat Silvia Zanovello, Januar 2017 © by Diogenes Verlag AG Zürich

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Marco Balzano, geboren 1978 in Mailand, ist der Sohn von Süditalienern, die ihr Glück im Norden suchten. Er schreibt, seit er denken kann: Gedichte und Essays, Erzählungen und Romane. Neben dem Schreiben arbeitet er als Lehrer für Literatur an einem Mailänder Gymnasium. Das Leben wartet nicht ist sein bisher erfolgreichster Roman. Er lebt mit seiner Familie in Mailand.

Das Leben wartet nicht, aus dem Italienischen von Maja Pflug, ist am 22.2.2017 erschienen. Auch als ebook.

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