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Diogenes Autoren machen Urlaub: Ingrid Noll in Weinheim

In ihren Krimis haben vorwiegend die Männer das Nachsehen. Die meistgestellte Interviewfrage an Ingrid Noll lautet daher: »Lebt Ihr Mann noch?« Dies können wir eindeutig bejahen, denn nachmittags spielen die beiden gerne eine Partie Scrabble. Ingrid Noll über einen Sommertag in Weinheim an der Bergstraße.

Wenn Ingrid Noll nicht an einem neuen Roman sitzt oder auf Lesereise ist, genießt sie mit ihrer Familie die freien Stunden im wunderschönen Garten. Das Ferientagebuch, das zum neuen Sammelband Der Kleine Nick macht Ferien erschienen ist, füllt Ingrid Noll für uns wie folgt aus:

Weinheim, Mitte Juli 2014
Sonne pur

Das habe ich heute erlebt: Eine Katze verfolgte ein Eichhörnchen, es war zwar zu Fuß nicht sehr schnell, aber dafür fix auf einem Baum, wo die Katze nur zwei Meter hochkletterte und dann aufgab.

Besonders prima war: Bevor unsere Enkelkinder von ihren Eltern abgeholt wurden, haben sie gestern unaufgefordert das Wohnzimmer wieder aufgeräumt.

Das fand ich gar nicht lustig: Weil ich nun mal selbst nicht mehr jung bin, sind es auch meine Geschwister und Freunde nicht. Viele sind sehr krank, ein Bruder und eine Schwester sind bereits gestorben.

Das hat super geschmeckt: Frische Waffeln und Erdbeeren mit Schlagsahne.

<p><em>Foto: Regine Mosimann / © Diogenes Verlag</em></p><br/>

Nur gut, dass Ingrid Noll und ihre Familie den einstigen Italienurlaub überlebt haben. So gefährlich geht es ja sonst nur in ihren Romanen zu:

Der erste Ferientag

Vor vielen, vielen Jahren machte unsere ganze Familie Urlaub in Italien. Unser Ferienhaus lag direkt am See. Als wir nach der langen Autofahrt endlich ankamen, schleppte mein Mann erst einmal die Koffer ins Haus, ich packte sie aus und räumte alles in die Schränke. Unsere drei Kinder wollten endlich ins Wasser springen und taten es auch. Von der Wohnküche aus konnte man über einen Steg direkt zum See gelangen.

Plötzlich hörte ich ein schreckliches Geräusch, als ob jemand einen ganzen Schrank voller Tassen und Teller umgeschmissen hätte. Es war aber noch schlimmer: Unser ältester Sohn war damals zehn Jahre alt. Als er in der Badehose und patschnass wieder ins Haus zurückwollte, sauste er wie ein Stuntman durch die wohl frisch geputzte große Glasschiebetür, da er sie für offen hielt. Seine Silhouette war wie ausgeschnitten in der zersplitterten Glasscheibe zu erkennen. Natürlich hatte er einen Schock, doch als er von meinem Mann (Anm. der Redaktion: von Beruf Arzt) gründlich untersucht worden war, stellten wir fest, dass er noch nicht einmal einen Kratzer abbekommen hatte.

Irgendwann lagen wir dann alle im Bett und schliefen ein. Doch mitten in der Nacht hörte ich ein Schluchzen. Nun muss er nachträglich doch noch weinen, dachte ich, stand leise auf und ohne Licht zu machen, denn ich wollte meinen Mann nicht wecken. Eigentlich wollte ich mich nur schnell ins Kinderzimmer schleichen und meinen Sohn trösten. Da ich mich aber im Dunkeln in dem fremden Haus nicht auskannte, verfehlte ich die richtige Tür und stürzte eine Marmortreppe hinunter, immer wieder kopfüber wie in einem Film. Dabei habe ich wohl einen grässlichen Schrei ausgestoßen. Wie tot blieb ich auf dem kalten Boden liegen und wartete auf die Sargträger.

Durch meinen Schrei fuhr mein Mann aus dem Tiefschlaf hoch und dachte natürlich auch nur an die Kinder. Schlaftrunken sprang er aus dem Bett, stürzte ins Wohnzimmer und fuhr versehentlich mit der Nase in eine scharfe Glaszacke der Schiebetür. Das Blut schoss ihm übers Gesicht und über die Brille, sodass er erst wieder sehen konnte, als er ein Handtuch erwischte und auf die Blutung presste. Noch heute sieht man die Narbe.

Inzwischen waren auch die Kinder wach geworden. Aber irgendwann lagen wir alle zusammen erschöpft im Ehebett. Seltsamerweise hatte ich mir nichts gebrochen, aber ich hatte Prellungen am ganzen Körper.

Wenn wir in den nächsten Tagen am Strand saßen, warfen andere Urlauber einen misstrauischen Blick auf die Frau mit den vielen blauen Flecken und den Mann mit dem Riesenverband auf der Nase. Es wurde aber trotzdem noch ein wunderschöner Urlaub.

<p><em>Ingrid Noll mit Tollkirschen, 2005, Zeichnung von Nn. Max Vonessamieh</em></p><br/>

In der Reihe »Diogenes Autoren machen Urlaub« auch erschienen:

Anna Stothard in Berlin