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»Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass Wunder existieren.« Andrea De Carlo über seinen neuen Roman

Der Sommer ist vorbei, doch Milena hält ihre Gelateria offen. Da eine legen­dä­re Rockband in dem provenzalischen Städtchen ein Konzert gibt, werden Fans aus aller Welt erwartet – und finden vielleicht auch den Weg in ihren Laden. Mit dem Leadsänger der Gruppe hat sie allerdings nicht gerechnet. Ein fast perfektes Wunder?

Ihr Roman trägt den Titel Ein fast perfektes Wunder – was ist ein fast perfektes Wunder?

Andrea De Carlo: Ich glaube nicht, dass es Perfektion gibt. Das Leben selbst ist ja auch nicht perfekt, nur schon, weil es endlich ist. Aber das hindert mich nicht, die Perfektion zu suchen, indem ich ein möglichst gutes Leben führe oder mich in allerlei schöne und weniger schöne Eigenschaften gleichermaßen verliebe.

Worin besteht das »Wunder« für Ihre Figuren?

Die Fähigkeit, sich von etwas überraschen zu lassen und sich darüber zu freuen. Es ist wichtig, sich bewusst zu sein, dass Wunder existieren, dass sie jederzeit geschehen können. Wir müssen nur aufmerksam sein, neugierig und tatkräftig.

<p>Foto: © Angela Scipioni</p><br/>

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, zwei so verschiedene Figuren wie Milena und Nick aufeinandertreffen zu lassen?

Am Anfang hatte ich zwei verschiedene Geschichten im Kopf, die eine handelte von einer Gelataia, einer Eismacherin, die andere von einem Rockstar. Beide gefielen mir, und da sie zwei meiner größten Leidenschaften thematisierten, habe ich sie zusammengefügt zu einem einzigen Roman. Dass ihr Zusammentreffen so unwahrscheinlich ist, hat es für mich erst richtig interessant gemacht.

Der Roman erzählt auch von wichtigen Entscheidungen, die getroffen werden. Was bedeutet für Sie die Möglichkeit, die Wahl zu haben?

Sich nicht gezwungen zu fühlen, einen Weg zu gehen, der uns nicht mehr interessiert. Fähig zu sein, innezuhalten, um zu überlegen, wo man heute steht und welchen Weg man einschlagen könnte, um den eigenen Träumen wieder näher zu kommen.

Ein fast perfektes Wunder
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Nick ist Rockmusiker. Wie wichtig ist Ihnen Musik? Und worin gleichen sich Musiker und Schriftsteller?

Die Musik von Bob Dylan, der Rolling Stones und der Beatles hat mir das Leben gerettet, als ich ein unzufriedener und unglücklicher Jugendlicher war. Seit damals höre und spiele ich Musik, allein oder mit Freunden. Wer Lieder schreibt, erzählt genauso wie der Romanschriftsteller Geschichten, er erzählt von Menschen, Beziehungen, Gefühlen und Stimmungen – einfach mit anderen Ausdrucksformen.

Milena ist Gelataia. Welchen Stellenwert hat Kochen in Ihrem Leben?

Kochen ist eine Kunst, wenn man ständig neue Geschmacksvarianten sucht und keine Kompromisse eingeht, davon bin ich überzeugt. Milena ist nicht einfach eine Gelataia, sie ist eine Künstlerin mit einer starken Persönlichkeit, und genau das fasziniert Nick so an ihr, da er sich, im Gegensatz zu ihr, über die Jahre immer mehr den Erwartungen seines Publikums angepasst hat.

 

Interview mit Andrea De Carlo, geführt und aus dem Italienischen übersetzt von Silvia Zanovello. © Diogenes Verlag AG, August 2017

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Andrea De Carlo, geboren 1952 in Mailand, lebte nach einem Literaturstudium längere Zeit in den USA und in Australien. Er war Fotograf, Maler und Rockmusiker, bevor ihm 1981 mit seinem ersten Roman, Creamtrain, der Durchbruch gelang – sein Mentor damals: Italo Calvino. Acht Jahre später legte er den Roman Zwei von zwei vor, der zum Kultbuch einer ganzen Generation wurde. Andrea De Carlo lebt in Mailand und in Ligurien.

Ein fast perfektes Wunder, aus dem Italienischen übersetzt von Maja Pflug, ist am 27.9.2017 erschienen. Auch als ebook.