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Die Musik in Ian McEwans neuem Roman »Kindeswohl«

Familienrecht ist das Spezialgebiet der Richterin Fiona Maye am High Court in London: Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls. Selber seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet, fällt Fiona aus allen Wolken, als ihr Mann ihr plötzlich eröffnet, dass er eine außereheliche Affäre will. Zugleich wird ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt: Es geht um eine Entscheidung zwischen Religion und Medizin und um Leben und Tod eines 17-jährigen Jungen.

In dieser turbulenten und belastenden Zeit ist Fiona ihre Liebe zur Musik Zuflucht, Rettung und Ventil. Bereits auf der ersten Seite des Romans findet ihr »schwarz glänzender Stutzflügel, darauf Familienfotos in Silberrahmen« Erwähnung. Auch wenn sie in letzter Zeit kaum zum Spielen kam, verehrt sie die klassischen Komponisten.

»Es herrschte ein trübes, grünes Licht, die Stadtluft war kühl an ihren Wangen. Sie verließ das Haus durch den Haupteingang; dem Morgenplausch mit John, dem freundlichen Pförtner, wich sie mit einem munteren Nicken aus. Dabei hoffte sie, dass sie nicht allzu sehr wie eine Frau in der Krise aussah. Um sich von ihrer Situation abzulenken, ließ sie vor ihrem inneren Ohr ein Stück ablaufen, das sie auswendig gelernt hatte. Es war ihr Ideal von sich selbst, das sie da hörte, über den Lärm der Rushhour hinweg, die Pianistin, die sie niemals sein würde, eine Pianistin, die Bachs zweite Partita ohne jeden Fehler spielte.«

Auch wenn die Musik sie tröstet, sind mit ihr viele zurzeit schmerzhafte Erinnerungen an ihre Ehe verbunden:

»Auf der High Holborn strömte der Verkehr unbeeindruckt weiter, laut und machtvoll, Scheinwerfer gleißten auf dem Asphalt, und sie lauschte wieder dem großartigen Präludium, dem Adagio im italienischen Stil, der fernen Verheißung von Jazz in den schleppenden dichten Akkorden. Aber es gab kein Entrinnen, das Stück führte sie geradewegs zu Jack zurück, denn für ihn hatte sie es letzten April auswendig gelernt, als Geburtstagsgeschenk.«

Als passionierte Pianistin tritt Fiona in ihrer Freizeit ab und zu mit einem befreundeten Anwalt und Amateursänger auf. Bald gilt es, für das nächste gemeinsame Konzert bei der Weihnachtsfeier in der Great Hall von Gray’s Inn zu üben. Was die beiden bei diesem Auftritt spielen, haben wir oben – ergänzt um Bachs Partita  – in einer Playlist zusammengestellt.

Fionas Mann Jack hingegen ist »kein Musiker und interessierte sich, wenn, dann für Jazz und Blues«. Fast beiläufig charakterisiert Ian McEwan die Ehepartner auch über ihre musikalischen Vorlieben. Schwermütig erinnert sich Fiona beispielsweise an das gemeinsame Kennenlernen:

»Zu jener Zeit hatte er sie, wenn sie einmal nicht im Bett lagen, auch in anderer Hinsicht mit Jazz zu verführen gesucht. Er bewunderte ihr Spiel, wollte sie aber aus der Tyrannei klassischer Notation und längst toter Genies befreien. Er spielte ihr Thelonious Monks Round About Midnight vor und kaufte ihr die Noten dazu. Die bereiteten ihr keine Schwierigkeiten. Aber ihre Version, glatt und gleichmäßig, klang wie ein unspektakuläres Stück von Debussy. Das sei in Ordnung, meinte Jack. Die großen Jazzmeister hätten ihn alle bewundert und von ihm gelernt. Sie hörte sich das Stück noch einmal an, ließ nicht locker, spielte exakt vom Blatt, aber Jazz kam dabei nicht heraus. Kein Pep, kein Gespür für Synkopen, keine Freiheit, ihre Finger folgten sklavisch den Taktangaben und Noten auf dem Papier. Deswegen habe sie auch Jura studiert, erklärte sie ihrem Geliebten: Respekt vor Regeln.«

Über die Musik führt später auch eine erste zarte Wiederannäherung zwischen Fiona und ihrem abtrünnigen Ehemann statt:

»Aus der selten benutzten Stereoanlage im Wohnzimmer kam Klaviermusik, eine alte Keith-Jarrett-Platte, Facing You. Das erste Stück. Sie blieb vor der Schlafzimmertür stehen und lauschte. Es war lange her, dass sie diese zaghafte, angedeutete Melodie gehört hatte. Sie hatte vergessen, wie lässig die Töne Zuversicht sammelten, wie sie dann zum Leben erwachten, wenn die linke Hand diesen seltsam verschobenen Boogie zu spielen begann, der eine unaufhaltsame Kraft entwickelte, wie eine immer schneller werdende Lokomotive. Nur ein klassisch geschulter Musiker konnte beiden Händen so freien Lauf lassen, wie Jarrett es tat. Das zumindest war ihre parteiische Meinung. Jack wollte ihr damit etwas sagen, denn dies war eins der drei oder vier Alben, die den Soundtrack ihrer jungen Liebe gebildet hatten.«

Es verwundert nicht, dass auch die erste Annäherung an den 17-jährigen Adam, dessen Fall Fiona am Gericht betreut, über die Musik geschieht. Während ihrer ersten Begegnung im Krankenhaus greift der todkranke Junge zu seiner Geige und dem Übungsnotenheft auf dem Schränkchen um Fiona etwas vorzuspielen:

»Das hatte sie nicht beabsichtigt, aber wie konnte sie ihn vom Spielen abhalten? Seine Krankheit, sein naiver Eifer machten ihn unangreifbar. ›Vor genau vier Wochen habe ich angefangen, und ich kann schon zehn Stücke.‹ Auch diese Prahlerei machte es unmöglich, ihn zu bremsen. Er blätterte ungeduldig die Seiten um. (…) ›Aber das hier ist bis jetzt das Schwerste. Zwei Kreuze. D-Dur.‹ Fiona sah die Noten nur verkehrt herum. ›Könnte auch h-Moll sein.‹ Er hörte sie nicht. Er saß bereits aufrecht, die Geige unters Kinn geklemmt, und ohne sich erst mit Stimmen aufzuhalten, begann er zu spielen. Sie kannte sie gut, diese traurige, entzückende Melodie, eine alte irische Weise. Sie hatte Mark Berner schon oft bei diesem Lied begleitet. Benjamin Brittens Vertonung des Yeats-Gedichts Beim Weidengarten unten war eine ihrer Zugaben. Sicher, Adam spielte ein wenig kratzig, ohne Vibrato, die Intonation aber stimmte, auch wenn zwei oder drei falsche Töne darunter waren. Das melancholische Lied und wie es hier gespielt wurde, so hoffnungsfroh, so roh, stand für alles, was sie an dem Jungen zu verstehen begann. Sie kannte die reuevollen Worte des Dichters auswendig. Doch ich war jung und töricht … Adams Spiel rührte sie, verwirrte sie aber auch. Mit der Geige oder irgendeinem anderen Instrument anzufangen war ein Ausdruck von Hoffnung, implizierte eine Zukunft.«

Kindeswohl