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Friedrich Dönhoff im Interview mit Jerry Rosenstein zum 27. Januar 2015

Jerry Rosenstein, geboren 1927 in Hessen, wurde im Alter von 15 Jahren mit seinen Eltern von den Nationalsozialisten deportiert, kam von Amsterdam über die Konzentrationslager Westerbork und Theresienstadt nach Auschwitz. Jerry Rosenstein hat – wie seine Eltern – überlebt. Seit 1949 ist er in San Francisco zuhause.

<p>© Foto: privat</p><br/>

Der Hamburger Autor Friedrich Dönhoff verfasste über Jerry Rosenstein die Biographie Ein gutes Leben ist die beste Antwort.  Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz telefoniert Friedrich Dönhoff mit Jerry Rosenstein. In Hamburg ist es 19 Uhr, in San Francisco 10 Uhr vormittags.

Friedrich Dönhoff: Guten Morgen, Jerry! Wie geht es dir?

Jerry Rosenstein: Gut. Ich war eben auf der Pilatesmaschine, bin gerade fertig geworden.  

Ich dachte, du gehst schwimmen.

Jerry Rosenstein: Das war gestern. Ich wechsele immer ab. Schwimmen ist gut für den Rücken, Pilates für Gehirn und Bauchmuskeln. Immer 35 Minuten. Da bin ich eisern. Aber Schwimmen macht mir mehr Spaß …

Am 27. Januar jährt sich die Befreiung von Auschwitz zum 70. Mal. Denkst du eigentlich noch manchmal an diesen Tag?

Jerry Rosenstein: Ich versuche, es zu vermeiden. Lieber denke ich an das Leben danach, und das begann natürlich mit der Befreiung. Man hat mir meine Jugendzeit versaut, da habe ich mir damals gesagt: Den Rest meines Lebens lasse ich mir nicht auch noch versauen.

Hast du mit deinen Eltern nach der Befreiung über die Zeit im Konzentrationslager gesprochen?

Jerry Rosenstein: Nein, nie. Und meine Eltern miteinander auch nicht. In unserer Familie wurde schon immer alles, was uns nicht passte, unter den Teppich gekehrt, also auch die Nazi-Zeit. Diese Zeit gab es für uns einfach nicht. Wir haben radikal nach vorne geschaut. Es ging gar nicht anders. Die Häftlingsnummer habe ich mir schon kurz nach dem Krieg entfernen lassen. Und zum ersten Mal habe ich dreißig Jahre später darüber gesprochen, in den Siebzigern.

Und wie ist es heute?

Jerry Rosenstein: Wenn mich heute irgendjemand auf meine Zeit in Auschwitz anspricht, sage ich meistens: »Ich hab´s überlebt, Punkt.« Weißt du, es gibt so viele  Menschen, denen es schlecht geht - denk nur mal an die vielen Obdachlosen! Mir dagegen geht es sehr gut. Da kann ich doch nicht sagen: Aber ich war damals in Auschwitz.

Bei aller Verdrängung bist du trotzdem schon Ende der 1950er Jahre wieder nach Deutschland gereist.

Jerry Rosenstein: Da haben die Leute hier, in den USA, zu mir gesagt: Du fährst als Jude nach Deutschland? Bist du verrückt? Das kannst du doch nicht machen!

Wie war das erste Wiedersehen mit den Deutschen?

Jerry Rosenstein: Wenn es ging, habe ich den Kontakt zu den Leuten aus der Kriegsgeneration vermieden. Da hörte man oft den Satz: »Ich war übrigens nicht dabei«. Darauf habe ich immer geantwortet: »Erstens habe ich nicht gefragt, und zweitens glaube ich es nicht.«

Gab es auch andere Erlebnisse?

Jerry Rosenstein: Oh ja. Einmal fuhr ich mit dem Zug am Rhein entlang, und in meinem Abteil saß eine Frau. Als ich aus dem Speisewagen zurückkam, ertappte ich sie, wie sie das Namensschild auf meinem Koffer musterte. Sie hat kombiniert: Rosenstein, Amerikaner, spricht fließend Deutsch – muss wohl ein Jude sein. Wir kamen ins Gespräch, und da sagte sie plötzlich: »Ich muss gestehen, ich war eine begeisterte Nationalsozialistin. Heute weiß ich, dass es falsch war. Es tut mir unendlich leid.« Das hat mich sehr berührt. Die Frau war der erste Mensch in Deutschland, der mir gegenüber etwas zugegeben hat.

Wie ist es heute, wenn du in Deutschland bist?

Jerry Rosenstein: Das ist heute natürlich eine völlig andere Situation. Die Nazis von damals sind alle weg, aber ich bin noch da. Mit der jungen Generation von Deutschen komme ich sehr gut zurecht. Ich habe viele deutsche Freunde und habe oft mit Schülern gesprochen. Die fragen ganz offen: Wie war das damals? Und ich antworte ganz offen. Das ist wichtig und für mich auch kein Problem. Die jungen Menschen wollen wirklich wissen, was damals passiert ist, und ich finde, dass man gerade die jungen Menschen daran erinnern muss, dass es Auschwitz und die Nazizeit gab und wohin das geführt hat. Es gibt ja nur noch ganz wenige, die das erlebt haben, und bald gibt es gar keine mehr.

Was ist das Wichtigste, was junge Menschen heute lernen sollten?

Jerry Rosenstein: Dass sie immer offen und tolerant gegenüber anderen Menschen sind, egal welche Religion, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung sie haben. So geht es allen zusammen besser.

<p>© Foto: MarvinZilm</p><br/>

Hättest du dir vorstellen können, jemals wieder dauerhaft in Deutschland zu leben?

Jerry Rosenstein: Ich sage immer: San Francisco und die kalifornische Sonne haben mich geheilt. Hier will ich auch begraben werden.

Wann kommst du das nächste Mal zu Besuch nach Deutschland?

Jerry Rosenstein: Ich mache keine großen Pläne. Ich bin 87 Jahre alt, in diesem Alter kauft man ja auch keine grünen Bananen mehr.

Du hast viele Orte Deiner Kindheit und Jugendzeit wieder aufgesucht, aber in Auschwitz bist du nie wieder gewesen.

Jerry Rosenstein: Nein. Einmal hat mir gereicht.

 

Im Sommer 2013 reiste Jerry Rosenstein mit Friedrich Dönhoff auf den Spuren seiner Vergangenheit im Auto quer durch Europa. Einen Beitrag dazu gibt es hier.

Ein gutes Leben ist die beste Antwort ist am 27.8.2014 als Diogenes Hardcover in Leinen mit einem Bildteil erschienen. Auch als E-Book.

Eine Leseprobe zum Herunterladen gibt es hier.

Ein gutes Leben ist die beste Antwort