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Adieu, Tomi!

Tomi Ungerer, Zeichner, Maler, Illustrator und Autor von Kinder- und Erwachsenenbüchern, ist am Wochenende im Alter von 87 Jahren im irischen Cork verstorben. Wir trauern um unseren dienstältesten Autor. Die Bücher von Tomi Ungerer erscheinen seit 1960 im Diogenes Verlag, darunter die Bilderbücher, die längst Klassiker der Kinderliteratur sind. Ungerers Werk verkaufte sich weltweit über 17 Millionen Mal. Suchen wir Trost in einem Blick zurück.

<p>Foto: © Gaëtan Bally/KEYSTONE</p><br/>

Diogenes Verleger, Künstler und Autor Philipp Keel
zum Tod von Tomi Ungerer

Ein Wanderer wie kein anderer

Tomi Ungerer hatte so viel Talent, dass es ihm manchmal selbst zu viel wurde. Er hat sich die Freiheit genommen, und die Freiheit hat sich ihn genommen. Er war ungeduldig, kindisch, wild und neugierig. Dieser laute und geniale Beobachter ließ sich aber nie von seinem Weg abbringen. Er war das Gegenteil von moderner Kunst, er machte nicht mit. Ungerer machte lieber, was er konnte. Was ihm geschah, was er träumte, kam aufs Papier. In seiner Arbeit steckt eine Sensibilität, an der jeder wachsen kann.

Als ich Tomi Ungerer das erste Mal bewusst begegnete, hatte ich schon in vielen seiner Kinderbücher stundenlang geblättert. In all seinen Büchern, egal wie einmalig die Geschichte, wie raffiniert die Moral, ist immer irgendwo eine Ratte, ein abgeschnittener Finger oder eine tropfende Nase zu entdecken. Ich sah also diesen großen Mann mit seinen Frye Boots und einem Mantel, den nur er oder ein Rinderzüchter aus Montana tragen konnte. Sein Haar war lang, hinter ihm stand eine Frau wie aus einem Märchen, er umarmte meinen Vater und lachte laut dazu. In der einen Hand hielt er ein gerupftes Huhn aus Plastik, in der anderen einen roten Werkzeugkasten. Dann blickte er zu mir herunter und meinte, damit würde ich ein Mann werden, der weiß, wie man einen Nagel in die Wand haut. Ich war vielleicht vier und bleich und das Geschenk so schwer, dass ich es nicht tragen konnte. Ein Symbol für meine Freundschaft zu Tomi.

Eigentlich ist es läppisch, etwas über Tomi Ungerer zu sagen, dafür bewundere ich ihn zu sehr. Vergleichbar einem Kaleidoskop, das einen nie langweilt, brachte er seine Verrücktheit selbst am besten zum Ausdruck. Trotzdem ist Tomi Zeit seines Lebens stets ein Freund des ganz Normalen geblieben. Seit ich als Künstler, später auch als Verleger, denken kann, habe ich mir für Tomi Ungerer Ausstellungen in den besten Museen der Welt gewünscht. Dass ich ihn dabei in den letzten Jahren intensiv begleiten durfte und es dazu gekommen war, freut mich ganz besonders. Wo auch immer er jetzt ist, soll er weiter grinsen und machen. Wie früher, als er noch in New York wohnte, das Rauchen erlaubt und die lauten Tage lang waren. Und er soll sich verdammt noch mal freuen, dass er ein Kind geblieben ist.

Hommage teilweise schon erschienen im DU-Magazin ›Tomi Ungerer‹, Dezember 2010, und im Kunstband ›Incognito‹ (Diogenes, 2015).

»Meine Wurzeln sind im Elsass, meine Baumkrone ist in Irland.«

Die Hälfte des Jahres lebte Tomi Ungerer zuletzt auf einer großen Farm in einer zeitlosen Landschaft in Südirland. Seine Heimatstadt Straßburg, das Zentrum jener »Zwischenkultur« aus Deutschland und Frankreich, war sein zweiter Wohnort. Dort wurde ihm als ersten lebenden Künstlers Frankreichs ein eigenes Museum gewidmet, das »Musée Tomi Ungerer – Centre international de l'Illustration«.

1956 landete Tomi Ungerer aber erst einmal mit sechzig Dollar in der Tasche in New York, den Kopf voll Steinberg, Thurber und Addams und den Koffer voller Zeichnungen. Er wurde über Nacht zum Star: als Karikaturist, Illustrator, Kinderbuchautor, Werbegrafiker und enfant terrible der New Yorker Society.

In der New York Times fällt Daniel Keel, dem Gründer des Diogenes Verlags, eine Anzeige auf, in der ein Buch von Tomi Ungerer beworben wird. Er schreibt dem Künstler einen begeisterten Brief. Tomi Ungerer schickt daraufhin Zeichnungen nach Zürich und muss erst einmal lange auf eine Antwort warten. »Ist Herr Diokeeles gestorben, krank?«, fragt Tomi Ungerer in einem Brief vom Januar 1957 ungeduldig. Nichts dergleichen – der Ein-Mann-Verlag ist schlicht überlastet.

<p>Tomi Ungerer mit seinem Plakat für eine Ausstellung in New York, 1959. Foto: Archiv Diogenes Verlag.</p><br/>

Zur ersten Begegnung kommt es im selben Jahr in München im Bayerischen Hof, danach reist Tomi Ungerer mit einer großen Zeichenmappe nach Zürich, wo er – neben Daniel Keel – Walter Herdeg, den Herausgeber der Zeitschrift Graphis, trifft. In Graphis erscheint ein großer Artikel über Ungerer und bei Diogenes Der schönste Tag, ein Geschenkbuch mit Zeichnungen zum Thema Hochzeit. Nicht nur im Buch wird geheiratet – nach seinem ersten Besuch in Zürich schreibt Ungerer: »Ich behalte unseren Kontakt in perfekter Erinnerung und hoffe, dass es der Beginn einer langen Freundschaft und Zusammenarbeit ist.« Eine Freundschaft, die über 60 Jahre währte – bis zum Tod Daniel Keels im Jahr 2011 –, und was für eine Zusammenarbeit! Während für Tomi Ungerer in New York ein Werbeauftrag dem anderen folgt, liefert er nebenbei ein Buch nach dem anderen ab. 1958 erscheint sein erstes großformatiges Buch mit Collagen: Tomi Ungerers Weltschmerz. Ungerer illustriert Bände der Reihe Tabu und der Diogenes Erzähler Bibliothek. Und seit der Verlag ein eigenes Kinderbuchprogramm hat, erscheinen Kinderbücher von Tomi Ungerer in rascher Folge.

Die Zusammenarbeit wird 1970 noch enger, nachdem Ungerer New York den Rücken kehrt und ›aussteigt‹: Mit seiner Frau Yvonne wird er in Kanada nebenbei zum Farmer. »Wir hatten das Stadtleben plötzlich satt: Auf dem Highway dahinjagend, war unserem Leben der Treibstoff ausgegangen; wir hatten uns festgefahren, und so schlugen wir zu Fuß den erstbesten Seitenweg ein und erwarteten nicht einmal das Unerwartete.« In einem Brief von 1981, in dem Tomi Ungerer, an seinem 50. Geburtstag, Rückschau hält, schreibt er: »Als ich 1970 die USA verließ, habe ich mich vollständig und exklusiv dem Verlag anvertraut. Für mich ist Diogenes ein Heimathafen geworden, ein Zentrum für kulturellen Austausch, ein Raum kreativer Zusammenarbeit«.

<p>Tomi Ungerer und Daniel Keel, 1972. Foto: Archv Diogenes Verlag.</p><br/>

Dicke Ordner Korrespondenz zeugen von den gemeinsamen Projekten – unzählige Arbeitslisten mit Terminplänen werden zwischen Zürich und Tomi Ungerers Refugium in Nova Scotia hin- und hergeschickt. »L’aventure, c’est du boulot, du boulot, du boulot«, zitiert Daniel Keel den Schriftsteller Blaise Cendrars in einem Brief. Die Liste der veröffentlichten Bücher wird länger, die Liste der nie realisierten Projekte auch: Der ekelhafte Weihnachtsmann, The Beach Book, Die 32 Todsünden, Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen und Das große Buch der Fabeln sind nur einige der Bücher, die nie erscheinen. Bald gibt es Fünfjahrespläne mit Projekten, die ausufern. »Zu viel, zu viel. So viel Zeit haben wir beide gar nicht mehr. Let’s concentrate aufs Wesentliche«, mahnt Daniel Keel im Oktober 1981, doch Ungerer bleibt produktiv wie immer.

Von keinem Autor – Georges Simenon ausgenommen – sind so viele Titel bei Diogenes erschienen wie von Tomi Ungerer: über achtzig Bücher, von Luxusausgaben in nummerierten Auflagen von nur zwanzig Exemplaren wie zum Beispiel 1979 Babylon (signiert, mit Goldprägung und Originalzeichnung) bis zum Riesenerfolg Das große Liederbuch mit fast einer Million verkauften Exemplaren. Die Palette reicht von satirischen, politischen und erotischen Arbeiten hin zu Illustrationen für Heidis Lehr- und Wanderjahre von Johanna Spyri. Der Zeichner selbst ist eigentlich kein Fan von Heidi – wie kommt es, dass er das Buch illustriert? Während eines Besuchs von Daniel Keel bei Ungerer in Straßburg verbringen Verleger und Zeichner eine schlaflose Nacht. Ungerer, weil er gerade eine Operation hinter sich hat und unter Schmerzen leidet, und Keel, weil er das Zimmer mit Ungerers kleiner Tochter teilen muss. »Triefäugig, aschfahl und mit belegter Zunge sitzen wir morgens beisammen«, erinnert sich Ungerer, »und rachsüchtig maliziös sagt Keel: ›Warum illustrierst du nicht Heidi?‹ – ›Ich? Heidi? Niemals!‹ Als kleiner Junge hatte ich das Buch verabscheut. Aber die Saat war gelegt und ging in mir auf. Mich reizte der ketzerische Gedanke, gute Illustrationen zu einem Buch zu machen, das ich nicht mochte, denn mit Wut im Bauch habe ich schon immer am besten arbeiten können.«

<p>Halten Ausschau nach Gästen – Tomi Ungerer und sein Galerist bei einer Vernissage in der Galerie Daniel Keel, 1974.</p><br/>

Ob Plakate, Illustrationen, Cartoons, Kinderzeichnungen, Collagen – Ungerer beherrscht die verschiedensten Techniken und Genres, sein Repertoire umfasst die unterschiedlichsten Themen: das Elsass (Das große Liederbuch), die New Yorker Society (The Party), den Zauberberg (Warteraum), die Hamburger Dominas (Schutzengel der Hölle) oder die eigene Biographie (Heute hier, morgen fort oder Die Gedanken sind frei) – um nur einige zu nennen.

Der Zeichner war früher oft zu Gast in Zürich: »Eine Zeitlang kam er immer mit der Frühmaschine aus Kanada und hat gleich alles ausgepackt, uns vorgelesen und uns gezwungen, seinen kanadischen Bärenschinken zu probieren oder Selbstgeschlachtetes von seiner Farm«, erinnerte sich Daniel Keel.

Keel seinerseits reiste mehrmals nach Lockeport in Kanada. Zwei Besuche des Verlegers hat Ungerer in seinem Buch Heute hier, morgen fort festgehalten: »Auf unserer kleinen Insel gab es früher ein Wasserloch, das einmal für kurze Zeit meinen Verleger beherbergte: Das war im tiefsten Winter. Monsieur Keel kam gerade richtig, um Fotos von uns zu machen, wie wir Heuballen zu den Schafen trugen. Da die Distanz nicht stimmte, trat er ein paar Schritte zurück, ohne zu wissen, dass unter der Schneeschicht das Wasserloch lauerte. Er verschwand in dem Moment, als er sein Foto schoss. Wir drängten ihn, so schnell wie möglich ins Haus zu laufen, bevor er sich in einen Kristallleuchter mit Lungenentzündung verwandeln würde.« Eine spätere Visite ist nicht weniger gefährlich: »Mein Verleger war gerade zu Besuch«, heißt es im Buch, »als ein paar Burschen mit einem kleinen Boot anlegten, um auf unsere Enten zu schießen. Es gab nur eine Möglichkeit, die Sache zu regeln. Gewehre können sprechen. Die Remington, die mir Yvonne zum Geburtstag schenkte, ist überzeugend redegewandt.« Auch den Schusswechsel überlebte Daniel Keel.

<p>Keel zu Besuch auf Ungerers Farm in Nova Scotia, fotografiert von Ungerer, 1973.</p><br/>

Vielleicht sind diese Erfahrungen der Grund, warum er Tausende von Zeichnungen von Ungerer per Luftfracht in die sichere Schweiz transportieren ließ, über neunzig Kilogramm. Mehr als 12 000 Originale gab es zu katalogisieren, wobei in der Schweiz auch viele Zeichnungen vernichtet wurden. Denn Tomi Ungerer gab Daniel Keel die schriftliche Erlaubnis, mittelmäßige Zeichnungen zu zerstören. Was von den Originalen übriggeblieben ist, schenkte Tomi Ungerer 1975 und dann 1991 seiner Heimatstadt Straßburg, zusammen mit einer großen Spielzeugsammlung. Am 2. November 2007 wurde in der Villa Greiner in Straßburg unter großem Andrang das Tomi-Ungerer-Museum (Musée Tomi Ungerer) eingeweiht. Auf 700 m2 sind 11 000 Zeichnungen, Plakate, Grafiken sowie Skulpturen Ungerers zu sehen.

 

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Tomi Ungerer, geboren am 28. November 1931 in Straßburg, verpatzte die Reifeprüfung, trampte dafür durch ganz Europa und veröffentlichte erste Zeichnungen im ›Simplicissimus‹. In New York begann sein unaufhaltsamer Aufstieg als Illustrator, Kinderbuchautor, Zeichner und Maler. Seine Bilderbücher, etwa Die drei Räuber oder Der Mondmann, sind moderne Klassiker. Tomi Ungerer starb am 9. Februar 2019 in Cork, Irland.

In Strasbourg findet am Freitag, 15. Februar 2019 eine öffentliche Trauerfeier für Tomi Ungerer statt, um 10.00 Uhr in der Kathedrale.

Am 24.4.2019 erscheint Tomi Ungerers neues Bilderbuch Non Stop. Eine Geschichte über Freundschaft, Vertrauen und Menschlichkeit in dunklen Zeiten, für Erwachsene und Kinder. Für den 22.5.2019 eingeplant ist der Band America mit 300 Bildern aus Tomi Ungerers Zeiten in den USA.