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Nadja Niemeyer: ›Gegenangriff‹ – Ratten auf Vormarsch in New York

Was, wenn die Tiere anfangen, sich gegen den Menschen, den Homo Sapiens, zu wehren?

Im neu Pamphlet Gegenangriff von Nadja Niemeyer geschieht genau das: Eines Tages blasen süße Kätzchen, gutmütige Rinder und scheue Eichhörnchen zum Gegenangriff. Die Ereignisse überschlagen sich – und am Ende ist einfach Schluss. Schluss mit lustig, Schluss mit dem alltäglichen Wahnsinn, Schluss mit dem Menschen.

 Hier ein Kapitel des abgründigen, bösen und witzigen Pamphlets als Leseprobe:

Hausratte – Rattus rattus

(Auszug Seite 77 bis 83)

»Der erste Angriff des großen Krieges wurde von Ratten durchgeführt.
   Sie orientierten sich an den Uhren, die sich überall fanden und ohne die die Menschen anscheinend nicht sein konnten, und so begann die Attacke in allen Vierteln der Stadt exakt um 15 Uhr.
   In New York lebten damals rund zwei Millionen Ratten. Von den Menschen waren sie schon immer als Feinde betrachtet und mit allen Mitteln bekämpft worden. Es war also – auch wenn diese Überlegung in der tierischen Denkweise keinen Platz hatte – ein Akt poetischer Gerechtigkeit, wenn sie jetzt ihrerseits zum Angriff übergingen.
   Der Schlachtplan, für den sich die gemeinsame tierische Intelligenz entschieden hatte, war einfach: Jedes erreichbare Kabel, ob es nur zu einer Stehleuchte führte oder, unter der Erde verlegt, einen ganzen Häuserblock versorgte, sollte angenagt und damit außer Betrieb gesetzt werden. Die zahlreichen Opfer durch Stromschläge, die sich dabei nicht vermeiden ließen, wurden in Kauf genommen. Ratten, die sich in der Nähe von Menschen angesiedelt hatten, waren es gewohnt, gefährlich zu leben.
   Der Erfolg dieser Strategie zeigte sich schnell. Millionen von Rattenzähnen verursachten so viele Kurzschlüsse, dass die Stromversorgung in New York City in kürzester Zeit zusammenbrach. Eine nützliche, das Chaos steigernde Nebenwirkung war eine ganze Reihe von kleineren und gröeren Bränden. An 725 5th Avenue ging sogar ein ganzer Wolkenkratzer in Flammen auf, weil dort an den Sicherheitseinrichtungen gespart worden war.
   Wegen des hohen Vernetzungsgrads des Stromsystems waren auch zahlreiche umliegende Städte von den Ausfällen betroffen, darunter ironischerweise die Stadt White Plains, wo die für die Stromversorgung des gesamten Gebiets zuständige New York Power Authority (NYPA) ihren Sitz hatte. Darüber hinaus traten durch den plötzlichen Spannungsabfall im gesamten nordamerikanischen Stromnetz und zum Teil sogar über die kanadische Grenze hinaus länger andauernde Störungen auf, konnten allerdings an den meisten Orten wieder behoben werden – zumindest vorübergehend.
   Natürlich ging die Meldung von der Strompanne in der Metropole am Hudson um die Welt. In weiten Teilen Amerikas, wo die als überheblich empfundenen Bewohner New Yorks nicht beliebt waren, wurden sie mit einer gewissen Genugtuung aufgenommen.

Photo by Mert Guller on Unsplash

   Exakt vierundzwanzig Stunden später wurden weitere Städte nach demselben Prinzip angegriffen. Chicago, Los Angeles, San Francisco und Detroit kamen als Erste an die Reihe, denn auch hier lebten große Rattenpopulationen. Die Strategie erwies sich überall als wirksam.
   Natürlich wurden vonseiten der Menschen alle möglichen Anstrengungen unternommen, um das System wie der betriebsfähig zu machen. Doch da die Ratten ihre Angriffe konsequent weiterführten, entstanden neue Schäden schneller, als die alten behoben werden konnten. Die elektrisch betriebene Uhr über dem Eingang zum Grand Central Terminal zeigte noch viele Jahre später – bis sie endgültig von Pflanzen überwuchert wurde – den genauen Zeitpunkt, nach dem es in New York City nie wieder Strom gab: 15:02 Uhr. Vom Überraschungsangriff bis zum Sieg in der ersten Schlacht hatte es gerade mal zwei Minuten gedauert.
   In New York brach sehr schnell das Chaos aus. Bis daraus die angestrebte Panik entstand, dauerte es noch etwas länger, genau so, wie die Tiere es erwartet hatten. Obwohl sie die ihrer Meinung nach unlogische Denkweise von Homo sapiens nicht wirklich nachvollziehen konnten, waren sie doch mit ihr vertraut und hatten deshalb auch einen Aspekt mitbedacht, der gerade für New York Gültigkeit hatte: Die Bevölkerung war an Stromausfälle gewöhnt. Zwar hatte bisher noch keiner die ganze Metropole betroffen, aber der Zustand der chronisch unterfinanzierten städtischen Infrastruktur war schon immer erbärmlich gewesen, wofür sich der Bürgermeister und der Gouverneur, die verschiedenen Parteien angehörten, in jedem Wahlkampf gegenseitig verantwortlich machten. (Nach dem Stromausfall wollten sich beide mit einer aufmunternden Ansprache an die Bevölkerung richten, mussten aber feststellen, dass das technisch nicht mehr möglich war.)
   Die ersten kleineren Ausbrüche von Panik beschränkten sich auf einzelne Bereiche. Besonders schnell entstanden sie in den Notfallstationen der Krankenhäuser, wo schon 80 sehr bald die ersten Todesfälle zu verzeichnen waren, ohne dass Ärzte und Pflegepersonal etwas dagegen unternehmen konnten. Sämtliche lebenserhaltenden Maschinen, wie etwa Beatmungsgeräte, stellten mangels Stromzufuhr von einer Sekunde auf die andere ihren Dienst ein. Zwar sprangen die Notgeneratoren, die man im Hinblick auf genau solche Pannen installiert hatte, automatisch an, sie blieben aber wirkungslos, da der von ihnen erzeugte Strom die intensive care units nicht erreichte. Ihre Verbindungen zum Netz waren von den angreifenden Truppen selbstverständlich ebenfalls gekappt worden. Wo das nicht auf Anhieb gelungen war, wurde es bald nachgeholt.
   Ebenfalls sehr schnell gerieten jene Menschen in Panik, die nach dem allgemeinen Stromausfall in Aufzügen feststeckten. Von diesen mehr als hunderttausend Personen – in New York waren rund siebzigtausend Aufzüge in Betrieb – konnten die wenigsten jemals wieder befreit werden. Die meisten starben an Hunger und Durst, obwohl auch etliche Herzinfarkte zu verzeichnen waren. Von den in Aufzugskabinen eingesperrten Menschen überlebte die puertoricanische Haushölterin Alondra Maria Salvadora Duarte am längsten. Sie war auf dem Heimweg vom wöchentlichen Einkauf, und die Bestellliste ihrer Arbeitgeberin war diesmal besonders lang gewesen. Vom Inhalt der beiden Kartons voller Lebensmittel und Getränke ernährte sich Frau Duarte mehr als drei Wochen lang.
   Viele Leute, die in den Hochhäusern Manhattans arbeiteten, empfanden den Stromausfall zun.chst nicht als Katastrophe. Für sie war es einfach einer der unangenehmen Zwischenfälle, die immer im störendsten Moment auftraten und einem den ganzen Tagesplan durcheinanderbrachten. Man ärgerte sich darüber, ohne die Panne als wirkliche Bedrohung zu empfinden. Wenn die Telefone vorübergehend nicht funktionierten, dachte man, könne so eine erzwungene Pause auch einmal ganz angenehm sein. Dank ihrer Akkus liefen die Computer ja erst mal weiter. Und bis siebzehn Uhr würden die Aufzüge wohl wieder funktionieren, sodass man rechtzeitig würde Feierabend machen können.
   Aber um siebzehn Uhr funktionierten die Aufzüge immer noch nicht. In den meisten Büros ließen sich die Fenster nicht öffnen, sodass es wegen des Ausfalls der Klimaanlagen bald unangenehm hei. wurde. Trotzdem harrten viele Angestellte noch Stunden an ihrem Arbeitsplatz aus, vor allem jene, die in den oberen Stockwerken beschäftigt waren. Einerseits wollten sie sich den endlosen Abstieg über die Treppen ersparen, andererseits gaben sie die Hoffnung nicht auf, die technische Panne werde doch irgendwann behoben. Natürlich hätten sie ihre Familien gern über die zu erwartende Verspätung und die dadurch notwendig gewordene Änderung gemeinsamer Pläne informiert, was aber nicht möglich war, weil nicht nur das Telefonnetz zusammengebrochen war, sondern auch das Internet nicht mehr funktionierte.
   Aus menschlicher Sicht schien der anfängliche Optimismus sogar durchaus gerechtfertigt. Bisher war es der NYPA noch jedes Mal gelungen, die gar nicht so selten auftretenden Blackouts innerhalb mehr oder weniger nützlicher Frist wieder zu beheben. Man konnte also davon ausgehen, dass das auch diesmal wieder der Fall sein würde. Natürlich – in New York konnte das gar nicht anders sein – wurde überall gegrummelt und geflucht, trotzdem blieb die Mehrheit der Bevölkerung zunächst friedlich.
   Irgendwann gaben auch die unsportlichsten Büroangestellten die Hoffnung auf und machten sich zu Fuß auf den Weg. Nach einer abenteuerlichen, scheinbar endlosen Wanderung durch das dunkle Treppenhaus kamen sie erschöpft und verschwitzt im Erdgeschoss an, nur um festzustellen, dass die elektrisch betriebenen Eingangstüren verschlossen blieben. Aber auch wenn sie den mechanisch zu öffnenden Notausgang fanden, so konnten sie sich doch nicht auf den Heimweg machen, denn natürlich fuhren auch die U-Bahnen nicht mehr. Außerdem war es, weil die Ampeln nicht mehr funktionierten, im ganzen Stadtgebiet zu einem gewaltigen Verkehrsstau gekommen. Der Heimweg in die Vorstädte, wo die meisten von ihnen wohnten, konnte also Stunden dauern, selbst für die wenigen, die das Glück hatten, ein Taxi zu ergattern. Sie mussten allerdings bereit sein, für die Fahrt einen Wucherpreis zu bezahlen. Angesichts des Notstands hatten die New Yorker Taxifahrer die behördlich verordneten Tarife auf eigene Faust verdoppelt oder sogar verdreifacht. Das war umso leichter möglich gewesen, als die auf ein funktionierendes Telefonnetz angewiesene Konkurrenz durch Uber oder Lyft weggefallen war.
   Zahlreiche Menschen gaben den Versuch, nach Hause zu kommen, irgendwann ganz auf, suchten sich ein Hotel oder verbrachten die Nacht unter freiem Himmel, was gar nicht so unangenehm war. Die hohen Temperaturen waren dort leichter zu ertragen als in den Gebäuden ohne Klimaanlagen.
   Diese »Obdachlosen« waren immer noch bedeutend besser dran als die Tausenden von Pendlern, die mit der U-Bahn in einem der vielen Tunnels stecken geblieben waren. Nachdem sich die Züge auch nach stundenlangem Warten nicht wieder in Bewegung setzten und auch keine Durchsage über die Ursache der Panne und deren mögliche Behebung informierte, versuchten viele Passagiere, zu Fuß zur nächsten Station zu gelangen. Sie mussten dabei die Erfahrung machen, dass ihre Mobiltelefone zwar über eine Taschenlampen-Funktion verfügten, dass aber die Akkulaufzeit für diese ungewohnte Beanspruchung nicht ausreichte. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich in der Dunkelheit den Tunnelwänden entlangzutasten, was zu ersten Panikausbrüchen führte.
   Wer es trotz aller Schwierigkeiten bis nach Hause schaffte, musste bald feststellen, dass die Probleme damit nicht gelöst waren. Wie sollte man zu seinen baked beans kommen, wenn der elektrische Dosenöffner nicht funktionierte? Und wenn man es doch schaffte, wie sollte man den Inhalt aufwärmen? Wie in einer Küche ohne Licht einen Löffel finden? Dazu kam, dass im Tiefkühler die teuren Lebensmittel aufzutauen begannen, und – für manche Leute war das fast am ärgerlichsten – dass man ohne Fernseher auskommen musste.
   Kein Mensch wusste, wie lang der allgemeine Stillstand noch andauern würde. Da auch am nächsten Tag kein Strom durch die Steckdose kam, war man von allen Informationen abgeschnitten. Aus Unsicherheit wurde Nervosität, aus Nervosität Aufregung. Bis zur allgemeinen Panik war es nicht mehr weit.«

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Ein Pamphlet

Nadja Niemeyer heißt in Wirklichkeit anders. Sie hat sich für ein Pseudonym entschieden, um nicht an Debatten teilnehmen zu müssen. Es ist ihr ernst mit ihrem Anliegen, und sie hat diesem Buch nichts hinzuzufügen.

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