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Jason Starr im Interview

Wir haben uns mit Jason Starr getroffen und ihn einerseits zu seinem neuen Thriller, Seitensprung, aber auch zu seiner Person befragt. 

Haben Sie (literarische) Vorbilder? Was reizt Sie am Genre "Thriller"? 
 

Starrs Antworten zu all diesen Fragen findet ihr hier im Interview.

Foto: Regine Mosimann / © Diogenes Verlag

1. Worum geht es in Seitensprung?
Jason Starr: Der Roman handelt von einer gescheiterten Ehe und dem Erkunden »anderer Optionen« und dessen Folgen. Der Held ist Jack Harper, ein Immobilienmakler, der seit langem mit seiner Frau Maria verheiratet ist, aber die beiden haben sich auseinandergelebt. Sie haben einen kleinen Sohn, und die Lebenshaltungskosten in Manhatten sind hoch, eine Scheidung kommt daher nicht in Frage. Jack erstellt ein Online-Dating-Profil, und, nun ja, von da an wird alles nur noch schlimmer.

2. Wie finden Sie Ihre Themen?
Jason Starr: Ich schreibe gerne über echte Menschen und echte Situationen. Normalerweise nehme ich eine reale Situation, mit der sich hoffentlich viele Menschen identifizieren können, und frage mich dann: »Was wäre, wenn?« Es dreht sich alles um das »Was-wäre-wenn«.

3. Wann kam Ihnen die Idee zu diesem Thriller?
Jason Starr: Angefangen habe ich mit diesem Roman bereits, als ich noch an Stalking und Panik schrieb. Ich wusste, dass ich irgendwann wieder darauf zurückkommen wollte. Seit Twisted City hatte ich keinen Thriller mehr in Ich-Form geschrieben, deshalb war es für mich aufregend, wieder aus dieser Perspektive zu schreiben, auch wenn diese  für einen Autor in mancherlei Hinsicht einschränkend ist, da er keine unterschiedlichen Sichtweisen einnehmen kann. Aber das ist die Stimmung, die ich für diese Geschichte wollte. Es war mir wichtig, dass sich der Leser Jack und den Entscheidungen, die er trifft, sehr nahe fühlt. Der Leser soll das Gefühl haben, im ersten Wagen einer Achterbahn angeschnallt zu sein und dass es keinen Ausweg gibt.

4. Seitensprung hält einige überraschende Wendungen bereit. Hatten Sie den Lauf der Erzählung und ihren Ausgang von Anfang an im Kopf?
Jason Starr: Ich habe immer mehrere Enden vor Augen. Zu Beginn habe ich immer einen ungefähren Plan, damit ich ein allgemeines Gefühl dafür bekomme, wohin die Dinge sich entwickeln sollen, also wie der Ausgang am Ende eines Labyrinths. In diesem Fall haben mich jedoch einige Ereignisse selbst überrascht, als ich das Buch schrieb, sodass ich den Plan viele Male ändern musste.

5. Haben Sie (literarische) Vorbilder?
Jason Starr: Oh ja, sehr viele. Elmore Leonard, Patricia Highsmith, Bret Easton Ellis, Ernest Hemingway, Albert Camus und Ian McEwan fallen mir ein. Komplexe Charaktere und klares, sauberes Schreiben.

6. Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Jason Starr: Das ist eine gute Frage, und ich glaube nicht, dass sie mir schon einmal gestellt wurde. Ich hoffe, ich habe einen klaren Stil – das ist für mich das Wichtigste. Ich möchte nicht, dass Worte einer Geschichte in die Quere kommen. Das ist immer mein Ziel, damit im Idealfall die Worte verschwinden und die Leser das Gefühl haben, in ihrem Kopf einen Film zu sehen. Für mich ist das der wichtigste Teil des Lesens, nämlich die Möglichkeit zu haben, zu entkommen und sich für eine Weile in einem Buch zu verlieren. Es ist wie ein Urlaub zum Preis eines Taschenbuchs.

7. Was reizt Sie am Genre »Thriller«?
Jason Starr: Wieder eine gute Frage. Als ich mit dem Schreiben begann, mit etwa 18 Jahren , war ich nicht sehr gut im Plotten. Ich liebte es, Charaktere zu kreieren und Dialoge zu schreiben, aber meine ersten Geschichten waren ausschweifend und handlungslos. Ich schrieb auch Theaterstücke, die eher einer erweiterten Charakterstudie glichen. Als ich anfing, viele Krimis zu lesen und dann selbst Krimis zu  verfassen, öffnete das mein Schreiben und ermutigte mich, mehr Risiken einzugehen. Es gibt nichts, was eine Geschichte so vorantreibt wie ein oder zwei Leichen. Über die Möglichkeiten der Handlung hinaus liebe ich es jedoch, Spannung zu erzeugen, vor allem psychologische Spannung, bei der die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischt werden. Aber der Hauptgrund, warum ich Krimis schreibe, ist, dass ich glaube, man muss das schreiben, was man selbst gerne liest. Und für mich ist das Lesen eines spannungsgeladenen Page-Turners die beste Realitätsflucht und bringt mir unglaubliche Freude.

8. Sie verfassen unter anderem auch Theaterstücke, Comics, Drehbücher. Inwiefern unterscheiden sich diese Formen des Schreibens von der Arbeit an einem Roman?
Jason Starr: Sie sind alle sehr unterschiedlich. In Comics erzähle ich Geschichten mit Bildern, das ist eine ganz andere Art zu denken. Drehbücher zu schreiben bedeutet ebenfalls, Geschichten in Bildern zu erzählen, aber auch, immer an die Kamera zu denken und die Handlung mit Dialogen voranzutreiben. Romane zu schreiben ist eine viel freiere Form des Schreibens, weil der Autor die totale Kontrolle hat. Es gibt keinen Künstler oder Regisseur, auf den man Rücksicht nehmen müsste. Es geht nur um die Worte auf dem Papier.

9. Auf Deutsch erschien zuletzt Ihr Roman Phantasien. Auch darin geht es um eine unglückliche Ehe, um Eifersucht und Seitensprünge. Sehen Sie Parallelen zwischen beiden Romanen?
Jason Starr: Nun, wie bereits erwähnt, habe ich mit Seitensprung begonnen, bevor ich Phantasien geschrieben habe, aber Ehe und Beziehungen im Allgemeinen sind für mich oft ein großer Schwerpunkt. In engen, intimen Beziehungen findet man immer grossartige Gelegenheiten Dramatik entstehen zu lassen, also ist es ein Thema, zu dem ich gerne zurückkehre. Versierte, aufmerksame Leser werden feststellen, dass es in Seitensprung tatsächlich einen Bezug auf die Ereignisse in Phantasien gibt, und dass eine Szene in derselben Stadt spielt. Das hat mir Spaß gemacht, aber ich möchte auch, dass die Leser sich der Verbindung zwischen den beiden Büchern bewusst sind. Das Buch, das ich kürzlich fertiggestellt habe, spielt zum Teil auch an diesem Ort, also ist es für mich vielleicht eine Art Trilogie.


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Jason Starr, geboren 1966, wuchs im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf und begann in seinen College-Jahren zu schreiben, zunächst Kurzgeschichten, später auch Theaterstücke, Texte für Comics und Romane. Seine Bücher sind in mehr als einem Dutzend Sprachen erschienen. Jason Starr lebt in New York.