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»Wie viel sind wir bereit zu opfern, um die zu beschützen, die wir lieben?«
Ein Gespräch mit Lina Nordquist

Der Debütroman der schwedischen Autorin Lina Nordquist wurde in ihrem Heimatland als Buch des Jahres 2022 ausgezeichnet. Einer der Hauptschauplätze sind die Wälder in der schwedischen Provinz Hälsingland. Während eines Besuchs in diesem Waldgebiet richtet sich Lina Nordquist mit einer Videobotschaft an ihre deutschsprachigen Leser:innen und spricht über ihre Lieblingsorte.

Im Diogenes Interview gewährt uns Lina Nordquist weitere Einblicke in ihr neues Leben, das sie nicht nur als außerordentliche Professorin für Physiologie, als Diabetesforscherin, Politikerin und Mutter, sondern nun auch als Autorin bestreitet.





In drei bis fünf Sätzen: Worum geht es in Ihrem Roman?
Lina Nordquist: Im Jahr 1897 flieht ein junges Paar zu Fuß über die norwegischen Berge in den Norden Schwedens nach Hälsingland. In einer verlassenen Hütte zwischen Zivilisation und Wildnis versuchen Unni und ihre kleine Familie, sich ein neues Leben aufzubauen. Die Liebe wächst, aber bald klopfen auch Trauer und Sorgen an. Wechselweise geht es in der Geschichte um Unni und um das Schicksal einer anderen Frau, die viel später zu einer Zeit lebt, in der Unnis Sohn Roar ein hohes Alter erreicht hat und stirbt. Während Roars Witwe gemeinsam mit seiner Schwiegertochter die Beerdigung plant, kommen entsetzliche Geheimnisse aus Unnis Leben ans Tageslicht.

Woher kam die Inspiration für die Geschichte?
Lina Nordquist: Die Geburt meiner Kinder hat mich und meine Sicht auf die Welt verändert. Ich habe die Schönheit der Welt entdeckt und zugleich zu spüren bekommen, dass ich sterblich bin. Mir wurde schmerzhaft bewusst, wie radikal und wie schnell sich die Dinge verändern können. Lange Zeit war mir gar nicht klar, warum ich auf Quittungen und an die Ränder von Papierkram kritzelte. Erst als ich schon mitten in der Geschichte steckte, begriff ich, dass ich einen Roman schrieb und dass die treibende Kraft dahinter meine größten Ängste waren.

Die Frauen in Ihrem Roman sind beide auf das Sicherheitsnetz der Gesellschaft angewiesen, bekommen aber aus verschiedenen Gründen nicht die Hilfe, die sie brauchen. Gibt es in Ihren Augen Anknüpfungspunkte an unsere Zeit?
Lina Nordquist: Unnis Schwierigkeiten fühlen sich heutzutage vielleicht weit weg und fast unwirklich an, aber in manchen Teilen der Welt ist der Alltag noch immer geprägt von allgegenwärtiger Gefahr. In Kåras Leben kommt die Gefahr aus ihrem Inneren. Sie schafft es nicht wirklich, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es sich wünscht. Psychische Krankheiten wird es immer geben, deshalb müssen wir uns als Gesellschaft auch künftig fragen, wie wir damit umgehen. 

Die Leserschaft liest abwechslungsweise Unnis und Kåras Geschichte. Weshalb haben Sie sich für diese Erzählperspektive (der zwei unterschiedlichen Zeitebenen) entschieden?
Lina Nordquist: Ein Teil der Antwort liegt darin, dass es mich fasziniert, wie grundlegend verschieden Menschen dasselbe Ereignis wahrnehmen können und wie unterschiedlich sie mit zwei sich ähnelnden Situationen umgehen. Die einfachere Antwort wäre, dass es mir wirklich Spaß gemacht hat, die Rätsel und die zugehörigen Auflösungen Stück für Stück zu erarbeiten.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Lina Nordquist: Unni hat mich am längsten begleitet und mit ihr die unvermeidliche Frage: Wie viel sind wir bereit zu opfern, um die zu beschützen, die wir lieben?

Foto: © Nathan Dumlao | Unsplash

Roar ist eins der verbindenden Elemente der Geschichte, Unni erzählt ihm ihre Geschichte, und für Kåra ist er eine Art Fixstern, dabei ist er eigentlich eine Leerstelle. Warum nicht aus seiner Perspektive erzählen?
Lina Nordquist: Es ist einfach nicht dazu gekommen. Die Figur der entschlossenen, fürsorglichen Unni formte sich in meinem Kopf, noch bevor es überhaupt eine Geschichte gab, in die sie hineingehörte. Dann kam Kåra, eifersüchtig auf Unni und voller Angst vor dem Leben selbst. Roar war für mich als Autorin nie die Hauptfigur, aber für sein Umfeld ist er der Mittelpunkt des Geschehens.

Sie beschreiben eindrucksvoll das beschwerliche Leben um 1900. Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen, um den Zeitgeist einzufangen?
Lina Nordquist: Als Kind habe ich so viele Geschichten gehört. Die Nachbarn meiner Großmutter sprachen im Flüsterton über die Vergangenheit, wenn sie zum Kaffee kamen. Auch meine Grundschullehrerin war eine fantastische Geschichtenerzählerin. Ich hingegen war schon immer eine diebische Elster. Wenn ich eine Geschichte erzähle, verwebe ich einfach die Fragmente von Geschichten, die ich einmal gehört habe, und versetze sie mit zeitlosen Gefühlen der Sorge, Angst und Liebe. Was die praktische Recherche angeht, gehe ich sie genauso an wie das Schneeschippen: Wenn ich auf eine Wissenslücke stoße, kremple ich die Ärmel hoch und eigne mir das Wissen an, das ich brauche.

Welchen Bezug haben Sie zu den Roman-Schauplätzen?
Lina Nordquist: Ich bin mit den Hälsingewäldern aufgewachsen und betrachte sie quasi als eigenständige Romanfigur. Meine Heimat ist wunderschön, aber auch unbarmherzig und gnadenlos. Unni und ihre Familie unterliegen sowohl den Launen des Försters als auch denen der Natur.

Sie sind auch Politikerin, Professorin und Diabetesforscherin. Wie haben Sie überhaupt Zeit zum Schreiben gefunden?
Lina Nordquist: Normalerweise schreibe ich nicht, weil ich Zeit habe, sondern weil ich zu Atem kommen muss. Eine meiner Freundinnen joggt mit Musik im Ohr durch den Wald, um neue Kraft zu tanken, eine andere verwandelt ihren Garten in ein Paradies, wieder eine andere bearbeitet ihre alten Möbel so, dass sie fast aussehen wie Kunstwerke. Für mich ist das Geschichtenerzählen das langsame Ausatmen, das ich nach einer hektischen Woche brauche.


Mein Herz ist eine Krähe
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Mein Herz ist eine Krähe

Norrland um 1900: Unni, Armod und der kleine Roar mussten überhastet aus Norwegen fliehen. Inmitten der blauen Berge und dunkelgrünen Wälder Hälsinglands finden sie ein neues Zuhause. Doch die brutalen Launen der Natur und des Landbesitzers lassen die kleine Familie kaum Frieden finden. Mehr als 70 Jahre später plant Kåra die Beerdigung ihres Schwiegervaters Roar. Was ist damals wirklich passiert? Und welche Geheimnisse verbinden Kåra und Unni über die Jahrzehnte hinweg?


Foto: © Ola Hedin | Diogenes Verlag

Lina Nordquist, geboren 1977 in Norrala, ist Schriftstellerin, außerordentliche Professorin für Physiologie, Diabetesforscherin und Politikerin. Seit 2018 ist sie Mitglied des schwedischen Parlaments. Sie wuchs in Hälsingland auf und lebt derzeit mit ihrer Familie in Uppsala. Ihr Debütroman Mein Herz ist eine Krähe wurde als Buch des Jahres in Schweden ausgezeichnet.


Ein Gespräch mit Lina Nordquist von Vanessa Lages Alves, August 2023
© by Diogenes Verlag AG Zürich