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»Eine Meditation über die Vergangenheit und ihre Präsenz in unserem Leben.«

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, einen der schlimmsten Momente Ihres Lebens rückgängig zu machen, würden Sie es tun? Und zu welchem Preis?
    Scott Alexander Howard hat ein berührendes Debüt geschrieben, das lange nachhallt. Das andere Tal ist ein literarisches Gedankenexperiment: In einer Welt existiert ein Ort in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft simultan nebeneinander. Eine Zeitreise bedeutet dort, von einem Tal ins andere zu gehen.
    Im Diogenes Interview spricht der Autor darüber, wie ihm die Idee für die Geschichte gekommen ist, ob er lieber in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen würde und ob er eine Lieblingsfigur hat.

Foto: © Veronica Bonderud

Das andere Tal ist Ihr Debütroman. Sie haben zuvor in Philosophie promoviert und in Harvard gearbeitet und geforscht. Inwiefern hat das Ihr Schreiben beeinflusst?

Scott Alexander Howard: Die akademische Welt, insbesondere die Philosophie, hat mich Disziplin und Geduld gelehrt. Es erfordert so viel Beharrlichkeit, auch nur das kleinste bisschen philosophischen Wissens niederzuschreiben, dass ich nie ungeduldig wurde, wenn es darum ging, den Roman zu überarbeiten oder umzuschreiben. In der Philosophie werden hohe Maßstäbe an Logik und Klarheit angelegt, und obwohl dieser Roman an sich kein philosophisches Werk ist, habe ich diese Maßstäbe auch bei der Entwicklung der »Regeln« und Konsequenzen von Zeitreisen angewandt.

Wie kam Ihnen die Idee zu der Geschichte?

Scott Alexander Howard: Das war in einem Jahr, in dem zwei gute Freundinnen in ihren frühen Dreißigern starben. Nach dem Tod der ersten Freundin hatte meine Frau einen Traum, in dem sie ihr noch einmal begegnete, und als sie aufwachte, war sie sehr glücklich: Sie hatte das Gefühl, ihr wurden neue Erinnerungen geschenkt. Ich denke, das hat den Grundstein für die Geschichte gelegt. Die zweite Freundin kam mit Krebs in ein Hospiz und starb, bevor ich mich endgültig von ihr verabschieden konnte. Da hatte ich plötzlich die Idee für diese Welt. Die Hinterbliebenen haben die Möglichkeit, ihre Lieben noch einmal an einem Ort zu treffen, an dem sie noch am Leben sind.

Wohin würden Sie gehen, wenn Zeitreisen möglich wären, in die Zukunft oder die Vergangenheit, nach Osten oder Westen?

Scott Alexander Howard: Ich fühle mich viel mehr von der Vergangenheit angezogen. Selbst das Gefühl des ersten Satzes im Buch – die unverblümte Vergangenheitsform von »Damals stand ich allein draußen vor dem Garderobenraum« – ist eine private Hommage an den Anfang von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Die Hauptfigur ist Odile, ein sechzehnjähriges Mädchen, später eine erwachsene Frau. Wie war es für Sie, sich in diese Figur hineinzuversetzen?

Scott Alexander Howard: Viele von Odiles Charaktereigenschaften teile ich: ihre Schüchternheit, ihr intellektuelles Temperament, ihre Ambivalenz gegenüber Ehrgeiz. Daher fühle ich mich Odile näher als meinen männlichen Figuren. Tatsächlich habe ich die Frauen, die die Manuskriptentwürfe gelesen haben, um geschlechtsspezifisches Feedback gebeten. Ich war erleichtert, dass ich nicht allzu viel falsch gemacht hatte, und bin ihnen dankbar für das Hervorheben bestimmter Details, die ich übersehen hatte.

Es entwickelt sich eine zarte Beziehung zwischen Odile und Edme, meinen Sie, es gibt ein Happyend für die beiden?

Scott Alexander Howard: Das Ende ist von trügerischer Schlichtheit, und die Komplexität unter der Oberfläche ist bewusst offen für Interpretationen. Ansonsten kann ich nur sagen, dass es sehr erfüllend war zu beobachten, wie das Ende von den ersten Lesenden angenommen wurde, auch weil sie sehr unterschiedliche Lesarten haben.

Haben Sie eine Lieblingsfigur im Roman?

Scott Alexander Howard: So treu ich Odile und Edme auch bin, sie ähneln mir so sehr, dass es eitel wäre, sie zu nennen. Es hat besonders viel Spaß gemacht, Alain und Jo zu schreiben, als Jugendliche wie auch als Erwachsene, weil ihre Respektlosigkeit den Szenen eine andere Energie verlieh.

Foto von Holly Mandarich auf Unsplash

Sie sind Kanadier, haben aber eine Zeitlang in Berlin gewohnt. Was verbinden Sie mit Deutschland? Sind Sie manchmal dort zu Besuch?

Scott Alexander Howard: Meine Großeltern waren Deutschbalten, die nach Kanada eingewandert sind. Nach und nach entdeckte ich, dass die meisten Dinge, die ich als Kind mit Deutschland assoziierte – vor allem Lebensmittel und Gerichte –, den Deutschen fremd sind. Ich bin ziemlich oft in Deutschland, meistens in Berlin. Was den Einfluss auf Das andere Tal angeht, so wurden die Grenzwachtürme von denen der DDR inspiriert.

Welche Bücher lesen Sie selbst privat gern?

Scott Alexander Howard: Ich bin ein großer Fan von Kazuo Ishiguro. Mein kanadischer Lieblingsautor der letzten Jahre ist wahrscheinlich Esi Edugyan. In der deutschen Literatur bewundere ich Jenny Erpenbeck sehr. Die sachliche Art und Weise, wie sie das Gedankenexperiment in Aller Tage Abend gehandhabt hat, hat Das andere Tal beeinflusst, und während ich an meinem neuen Roman schreibe, komme ich immer wieder auf Gehen, ging, gegangen zurück.

Wir dürfen wir uns also auf einen neuen Roman von Ihnen freuen?

Scott Alexander Howard: Ich schreibe derzeit an meinem zweiten Roman. Während Das andere Tal in erster Linie eine Meditation über die Vergangenheit und ihre Präsenz in unserem Leben ist, ist dieses Buch eine Meditation über die Idee der Zukunft und darüber, wie sehr unsere Gegenwart auf der Erwartung beruht, dass der Lauf der Welt so weitergehen wird wie bisher. Da wir dieser Erwartung beraubt werden – aufgrund der globalen Erwärmung und der damit zusammenhängenden Krisen des Kapitalismus –, wird die Frage, wie wir weiterleben können, sowohl praktisch als auch philosophisch dringlich. Daher ist eine der Hauptfiguren natürlich ein Philosoph ...

Das andere Tal
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Das andere Tal

Aus dem kanadischen Englisch von Anke Caroline Burger
Dieses Tal ist ein besonderer Ort. Geht man nach Osten oder Westen, stößt man auf die gleichen Häuser, Hügel, Straßen – doch alles ist zwanzig Jahre zeitversetzt. Nur in Trauerfällen dürfen die Grenzen passiert werden. Als die junge Odile in Besuchern aus der Zukunft die Eltern ihres Freundes Edme erkennt, weiß sie, dass er bald sterben wird. Was wäre, wenn Odile das ihr auferlegte Schweigen bricht? Ein bewegendes und außergewöhnliches Debüt über Freiheit und die Macht des Schicksals.

Hardcover Leinen
464 Seiten
erschienen am 20. März 2024

978-3-257-07282-2
€ (D) 25.00 / sFr 34.00* / € (A) 25.70
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