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Benedict Wells: Gestern ›Das Franchise‹ ... und morgen ›Yesterday‹?

Der Horrormoment eines jeden Künstlers: Jemand anders hatte genau die gleiche Idee! Monatelang zu einem Stoff recherchiert, diesen zu einem Plot gesponnen und sorgfältig wie mühevoll zu Papier gebracht. Und dann, kurz vor Erscheinen: ein anderes Buch, ein anderer Film zum exakt gleichen Thema, mit identischem Konflikt oder der gleichen historischen Hauptfigur. Handelt es sich hingegen nur um eine gewisse Ähnlichkeit, kann dies durchaus erheiternd sein. So erging es kürzlich Benedict Wells.

Foto: © Roger Eberhard

Von Benedict Wells

Heute haben mir gleich mehrere Menschen geschrieben, die den Trailer zu Danny Boyles neuem Film Yesterday gesehen haben. Tenor: »Bin ich verrückt, oder erinnert es mich an die Kurzgeschichte Das Franchise?« 

Ich habe mir den Trailer natürlich sofort angeschaut und musste grinsen. Weil mir die Idee wahnsinnig gut gefiel und weil man vielleicht tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit zu Das Franchise erkennen kann. Wobei die Macher von Yesterday mit Sicherheit nie von meiner Geschichte gehört haben und der Drehbuchautor Richard Curtis im Gegenteil jemand ist, der schon viele großartige Ideen hatte, zuletzt bei Alles eine Frage der Zeit.

 

 

(Die Story von Das Franchise in kurz: Ein erfolgloser Drehbuchautor und Film-Nerd der Gegenwart landet auf absurde Weise im Jahr 1973 – wo noch niemand Star Wars kennt. Er hat nun vier Jahre Zeit, die Idee von George Lucas zu klauen, und trickst sich dabei durch Hollywood … Die Kurzgeschichte findet sich in der Anthologie Die Wahrheit über das Lügen.)

 

 

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Zehn Geschichten

 

Für mich ist es eher mal wieder der schöne Fall, bei dem mehrere Menschen einen ähnlichen Gedanken hatten. Yesterday ist hier wie das Negativ von Das Franchise. Einmal vergisst offenbar die Welt etwas, und nur einer kann sich erinnern. Im anderen Fall hat die Welt etwas noch gar nicht entdeckt und jemand sein Wissen aus der Zukunft mitgebracht. Gemein ist beiden Geschichten jedoch die Frage: Was wäre, wenn man als einziger Mensch dieses geheime Wissen um den weltweiten Erfolg einer Sache hätte – und eine fremde Schöpfung als seine eigene ausgibt? 

Als mir die Idee zu Das Franchise kam, war sie direkt mit der Entstehung von Star Wars verknüpft. Ich las damals in einem Buch, wie zufällig dieses größte Film-Franchise der Welt entstanden war, wie viele Sprünge die Phantasie von George Lucas dabei machte. 1973 schien er der finalen Geschichte schon sehr nahe gekommen zu sein, Ende 1974 waren seine Entwürfe dann wieder meilenweit entfernt davon. Ich dachte mir: Wie gemein wäre es, wenn da jemand gekommen wäre, der den fertigen Film schon gesehen hätte: Niemand würde Lucas glauben, solange sein Han Solo noch ein grünes Alien und die Handlung derart konfus wäre, während mein Dieb bereits mit der überlegenen, fertigen Geschichte ankäme. Aber könnte man als Fremder diesen Erfolg überhaupt wiederholen? 

Auch das Setting der Siebziger Jahre und des New Hollywood reizten mich: Kubrick, Coppola, Scorsese, Lucas, Spielberg – alle jung und wild entschlossen, das Kino für immer zu verändern … 

Irgendwann hielt ich inne und überlegte, ob es gut sei, mich so an Star Wars zu ketten. Schließlich wären die Möglichkeiten des Zeitreisenden unbegrenzt, ich ließ meine Figur Adrian Brooks z.B. darüber philosophieren, wie es wäre, früh Apple-Aktien oder Kunst zu kaufen. Einmal sagt er: »Der eine hätte vielleicht Michael Jackson beklaut und Melodien von Hits selbst verwendet …« 

Womit ich dann wirklich haarscharf an Yesterday vorbeigeschrammt wäre. Aber ich blieb bei Star Wars und bin glücklich damit, weil ich die Geschichte so unkonventioneller erzählen konnte. Statt um Liebe geht es hier ausschließlich um das kreative Duell zwischen dem wahren Schöpfer einer Idee und einem Dieb, der sie ihm ohne Skrupel wegnehmen möchte. Und was für Konsequenzen das für die Filmwelt hätte. 

Das Ganze hat mich übrigens an mein einundzwanzigjähriges Ich erinnert, das eines Nachts nichtsahnend Druckfrisch ansah, wo ein Interview mit Cornelia Funke angekündigt wurde – von der ich zwar gehört hatte, aber nichts Genaueres wusste. Ich schrieb damals an einer Trilogie, von der meine ProbeleserInnen sagten: »Vergiss das Buch mit dem Lehrer, dieses Becks letzter Irgendwas – DAS HIER musst du schreiben.« Dann kam das Interview mit Funke, in dem sie über ihre Tintenwelt-Bücher sprach – und ich war erledigt. 

Es war nahezu die gleiche Idee, ich gab meine noch in der Nacht auf. Erst jetzt spiele ich langsam wieder mit dem Gedanken, mich vielleicht doch noch mal an diese Trilogie zu setzen. 

Aber nun freue ich mich erst mal auf Yesterday!

 

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Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Nach dem Abitur zog er nach Berlin und widmete sich dem Schreiben, seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman Vom Ende der Einsamkeit stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste, er wurde u.a. mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) 2016 ausgezeichnet und bislang in 27 Sprachen übersetzt. Wells lebt in Berlin und Bayern.

Zuletzt erschienen, am 29.8.2018, ist der Geschichtenband Die Wahrheit über das Lügen.

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