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»Was mich bei Dürrenmatt von Anfang an faszinierte, waren die Gegensätze« Fragen an Anna von Planta, Lektorin im Diogenes Verlag

Friedrich Dürrenmatt wäre am 5. Januar 2021 100 Jahre alt geworden. Lesen Sie hier ein Interview mit der langjährigen Dürrenmatt-Lektorin Anna von Planta aus dem Diogenes Verlag von der großen Lesekreis-Plattform mein-literaturkreis.de.

Foto: © Pixabay

Sie haben Friedrich Dürrenmatt 1983 kennengelernt und waren bis zu seinem Tod 1990 seine Lektorin. Was genau war Ihre Tätigkeit; was macht eine Lektorin? Wie war die Zusammenarbeit mit Dürrenmatt?

In der Regel ist man als LektorIn der/die erste außerfamiliäre LeserIn eines Autors, der/die ihm kritische Rückmeldungen gibt: etwa zu Aufbau, (chronologische oder logische) Stimmigkeit, Figuren(-führung), Sprache.
Meine Zusammenarbeit mit Dürrenmatt sah so aus, dass er mir schon ziemlich ausgearbeitete Manuskripte schickte, über die wir nach meiner Lektüre bei ihm zu Hause in Neuchâtel sprachen – über meine Anmerkungen und Einwände und seine Ergänzungen und Änderungen.

 

Was hat Sie am meisten an dem Autor Friedrich Dürrenmatt fasziniert, was an dem Menschen?

Was mich bei Dürrenmatt von Anfang an faszinierte, waren die Gegensätze: Einerseits das kleine Dorf im Emmental, aus dem er kam, andererseits seine Begeisterung für den großen Kosmos und sein Interesse für die griechischen Mythen (die ihm sein Vater, ein protestantischer Pfarrer, erzählte), für Astronomie, Quantenphysik, Evolutionsbiologie und Kernforschung. Viele seiner Texte spielen in kleinen Welten, auf dem Dorf, aber sie behandeln die großen Themen der Welt: Freiheit, Schuld, Gerechtigkeit und Recht, Demokratie, Zufall und Schicksal, Moral, Toleranz. Er liebte deftiges Schweizer Essen ebenso wie erlesene Bordeaux-Weine, Fußball und den Jodelchor aus seinem Geburtsort Konolfingen ebenso wie die Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach. 

 

In der Einleitung zur Dürrenmatt-Biographie schreibt Ulrich Weber: „Aber auch die Bilder und Vorstellungen werden einbezogen, die sich die Öffentlichkeit von „ihrem“ Autor und Künstler macht. Die Klischees sind Bestandteil der Marke „Dürrenmatt“… „ (Seite 25) Mit welchen Dürrenmatt-Klischees werden Sie oft konfrontiert? Welche davon sind (Ihrer Meinung nach) wahr?

Ja, es gibt einige fixe Ideen, die ihn betreffen und die von ihm haftengeblieben sind:

• Dürrenmatt, der Unpolitische: weil er in keiner Partei war und weil er weniger auf tagespolitische Ereignisse reagierte als etwa sein Kollege Max Frisch. Dafür beschäftigte er sich mit übergeordneten gesellschaftlichen und politischen Fragen und erwies sich dabei oft als recht visionär. So schrieb er schon Ende der 1950er Jahre in Gedichtform über die Elektronischen Hirne, die bald unser Handeln bestimmen würden, beobachtete mit Sorge den aufkommenden religiösen Fundamentalismus und war 1989 trotz aller Erleichterung über den Mauerfall alles andere als euphorisch. Der Satz aus den PHYSIKERN, »je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen« ist heute aktueller denn je.  

• Dürrenmatt, der Clown: weil er witzig war (Witz kommt von Wissen!) und mit Humor unsere tragische Welt in Komödien einfing, nach seinem eigenen Bonmot: »Wer verzweifelt, verliert den Kopf, wer Komödien schreibt, braucht ihn.«

 

Dürrenmatts Werke, insbesondere seine Dramen ‚Der Besuch der alten Dame‘ und ‚Die Physiker‘ sind häufig Schullektüre in den deutschsprachigen Ländern. Ist es eine gute Idee, Dürrenmatt bereits in der Schule zu lesen? Mit welchen seiner Werke kann man neue, junge LeserInnen gewinnen?

Vermutlich hat das ganze letzte Jahr, beherrscht von der Corona-Pandemie, die Menschen wieder zum Lesen angeregt.  Romane von Autoren, die sich schon vor Jahrzehnten mit ähnlichen Thematiken auseinandergesetzt haben, waren plötzlich wieder gefragt. So haben wir nicht nur Albert Camus’ DIE PEST wiedergelesen, sondern auch Dürrenmatts VIRUSEPIDEMIE IN SÜDAFRIKA. Viel aktueller als diese 1994 postum erschienene Geschichte, in der Dürrenmatt Rassismus mit einer sich global ausbreitenden Pandemie verbindet, kann Literatur nicht werden. Vielleicht ist genau diese „neue Aktualität“ der perfekte Einstieg für junge LeserInnen. Oder auch DER BESUCH DER ALTEN DAME, ein Stück, deren Heldin die MeeToo-Bewegung vorwegnimmt und sich auf höchst effektive Weise wehrt.

 

Im Februar 2021 diskutieren wir in einem Online-Leseclub Dürrenmatts Roman ‚Justiz‘. Bei einer Abstimmung haben sich die Leseclub-Mitglieder für dieses Buch entschieden, weil es für viele unbekannt ist und sie es nicht bereits aus der Schulzeit kannten. Es erschien 1985 und war damit eines der ersten seiner Werke, die Sie lektoriert haben. An welche Diskussionen mit dem Autor erinnern Sie sich noch? Welche Diskussionsthemen hätte er, welche würden Sie für eine Diskussion in einer Lesegruppe vorschlagen?

Ja, JUSTIZ war das zweite Manuskript, das ich von und mit ihm lektorieren durfte. Dürrenmatt hatte vorgehabt, ein bereits aus den späten 1950er Jahren bestehendes Fragment in zwei Wochen zu beenden. Es wurden dann doch drei Monate, in denen er weiterschrieb, während das Magazin STERN den Roman bereits in wöchentlichen Abständen vorabdruckte. So viele Bälle in der Luft, ­ so viele Checklisten, so viele verschiedene Textfassungen, notgedrungen immer wieder verworfene Chronologien der Ereignisse, die tunlichst mit den im Buch so existentiellen Abläufen und Fristen im Strafverfahren übereinstimmen mussten, hatte ich seither in meiner über 30jährigen Tätigkeit als Lektorin selten. Nota bene vor GOOGLE, sogar vor Textverarbeitungssystemen.

Wir haben natürlich auch über den Unterschied von Gerechtigkeit und Recht und Justiz gesprochen, darüber, dass Dürrenmatt gewisse Regeln der Zürcher Strafverfahren aus dramaturgischen Gründen außer Acht lassen wollte, über seine bewussten Helvetismen und andere für ihn typischen sprachlichen Eigenheiten, über seine kritische Liebe zur Schweiz, über seine „Autobiographie“, die STOFFE, von der der Roman JUSTIZ ursprünglich ein Teil war. Und über ein möglicherweise noch nachkommendes anderes Krimi-Fragment, DER PENSIONIERTE, das er aber dann nicht zu Ende schrieb. In einem Essay VOM GESETZ DER GROSSEN ZAHL hatte er Gerechtigkeit und Freiheit als die Pole beschrieben, die immer wieder ins Gleichgewicht gebracht werden müssen, und vorausgesagt, dass aufgrund der explodierenden Erdbevölkerung dereinst Gerechtigkeit das Primat vor der Freiheit haben müsse.

 

Mit welchen Argumenten würden Sie versuchen Lesekreise davon zu überzeugen, ein Buch von Friedrich Dürrenmatt zu lesen und zu diskutieren? Welches oder welche seiner Werke würden Sie dafür besonders empfehlen? Warum?

Das kommt ganz auf mein Gegenüber an: 

- Als sommerliche Liebesgeschichte würde ich die Prosakomödie GRIECHE SUCHT GRIECHIN empfehlen: Der schüchterne Buchhalter Arnolph A. gibt eine kurze Heiratsannonce auf: ›Grieche sucht Griechin‹. Das Wunder geschieht: Er lernt die reizendste Frau kennen, die man sich erträumen kann. Auch beruflich geht es steil aufwärts, und wenn Arnolph mit Chloé Saloniki am Arm durch Zürich geht, wird er plötzlich von allen gegrüßt. An diesem Punkt wäre es an der Zeit, von einem winzigen Detail in Chloés Leben zu sprechen zu kommen …

- Als buchstäbliches erstes, kurzes Eintauchen ins Dürrenmatt-Universum würde ich die Erzählung DER TUNNEL empfehlen, in der ein Student im Zug nach Hause unterwegs ist, und der Zug fährt in einen Tunnel … und nie wieder hinaus.

- Als Lektüre für Krimifans würde ich DAS VERSPRECHEN empfehlen und anschließend die in den USA angesiedelte Verfilmung von Sean Penn mit Jack Nicolson in der Hauptrolle. 

- Und für alle, die Friederich Dürrenmatt so nahe kommen wollen, wie es irgend geht: den ersten Band seiner „Autobiographie", LABYRINTH. Und anschließend Ulrich Webers hervorragende Biographie.

- Mein persönliches Lieblingsbuch ist die Ballade MINOTAURUS, die Dürrenmatt (der lange nicht wusste, soll er Maler werden oder Schriftsteller) selbst illustriert hat und in der es u.a. um unsere Vereinzelung als Menschen und unsere Sehnsucht nach Gemeinschaft geht.

Anna von Planta, 1957 in Basel geboren, studierte an der Universität Genf englische, deutsche und französische Literaturgeschichte. Nach Volontariaten beim S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main und in der Joan Daves Literary Agency in New York kam sie 1984 als Lektorin zum Diogenes Verlag. Dort betreut sie das Gesamtwerk von Friedrich Dürrenmatt und Patricia Highsmith und seit deren Tod – zum Teil als (Mit-)Herausgeberin – deren Nachlass; außerdem unter anderen die Werke von Patrick Süskind, John Irving, Joey Goebel, Anthony McCarten, Martin Walker und Kenneth Bonert.

Zum Jubiläum erscheinen bei Diogenes die neue Biographie von Ulrich Weber, das Gesamtwerk in Neuausstattung sowie, am 26. Mai 2021, das ›Stoffe-Projekt‹ – sein großes Spätwerk. 

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