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»Butterhörnchen statt Croissants«: Eine Erzählung aus Ingrid Nolls neuem Buch »In Liebe Dein Karl«

»In Liebe Dein Karl« deckt die ganze Palette der Ingrid Noll in Kurzgeschichten ab: ihren kriminellen Witz, ihre warmherzige Lebenserfahrung, ihre bodenständige Beobachtungsgabe. Die Geschichten handeln unter anderem davon, wie sie sich in ihr Enkelkind verliebte, von ihrer Kindheit in China und wie sie sich ihre letzten 24 Stunden wünschen würde.

In »Butterhörnchen statt Croissants« geht es um das Älterwerden – und was Ingrid Noll daran nervt.

Foto: © Diogenes Verlag

Wenn die Waschmaschine ihren Geist aufgibt, ist es eine mittlere Katastrophe. Man muss nämlich damit rechnen, dass demnächst auch Staubsauger und Fernseher oder Spülmaschine und Drucker ausfallen. Jeder kennt es: Wenn es einmal losgeht, ist kein Halten mehr.

Ähnlich progressiv verläuft der menschliche Abbau. Bei mir fing es schon Ende vierzig mit einer Lesebrille an, was mich damals aufs Tiefste beleidigte. Doch in diesem Fall konnte ich es nicht lange verdrängen: Die Nullen der Kontonummern verschwammen, ich brachte Hundefutter statt Thunfisch nach Hause und konnte unterwegs den Stadt-plan nicht mehr lesen. Beim Gehör ist die Sachlage weniger eindeutig, aber es ist schon ärgerlich, wenn Unterhaltungen im Restaurant nur noch mit dem direkten Nachbarn möglich sind. Mit Sicherheit geht es mit Geschmacks- und Geruchssinn ebenfalls bergab, doch das kann man noch eine Weile überspielen. Warum aber tun die Füße weh, warum läuft die Nase, sobald man ins warme Zimmer tritt, warum wird man nachts von Wadenkrämpfen hochgejagt und schläft nicht wieder ein?

Das sind doch bloß Lappalien, sagen Altersgenossen, die bereits Staroperationen hinter sich haben, Hörgeräte und Zahnprothesen tragen, ein oder zwei Hüftgelenke aus Titan besitzen und demnächst zum achten Mal unters Messer müssen. Warte nur, sagt auch mein fünf Jahre älterer Mann drohend, wenn du erst mal mein Alter erreicht hast, dann wird dir das Lachen vergehen!

»Vergrößerungsspiegel nur benützen, wenn einen gar nichts mehr erschüttern kann.«

Meine Mutter wurde hundertsechs Jahre alt und ist hier bei uns im eigenen Bett ganz gemütlich gestorben. Fragte ich sie gelegentlich, ob sie gut geschlafen habe, kam die Antwort: »Es ist kein besonders interessantes Thema, wenn eine alte Frau stundenlang wach liegt.« Dieser Ausspruch sollte mir zwar als Vorbild dienen, aber leider bin ich anders gestrickt. Jeden Morgen sprechen mein Mann und ich eine Weile darüber, wie schlecht wir wieder einmal geschlafen haben und ob gar der Partner an der senilen Bettflucht schuld ist.

Bei Bahnreisen finde ich auch erfreuliche Aspekte des Altwerdens: Man hievt mir das Gepäck nach oben, man reicht mir beim Aussteigen die Hand oder will gar meinen Koffer tragen. Das allerdings macht mich bereits misstrauisch, denn einer Freundin erging es wenig ermutigend: Der Trolley wurde ihr in der Unterführung zwar hilfsbereit abgenommen, verschwand aber blitzschnell mit dem höflichen jungen Mann um die nächste Ecke. Als sie hinterherspurtete (nun gut – es wenigstens versuchte), wurde sie von seinem Komplizen angerempelt, fiel auf die Nase, und im Endeffekt fehlte auch noch die Handtasche.

Die meisten meiner Altersgenossinnen klagen über ihre Haut. Ein Tipp für uns Silver Ager: Vergrößerungsspiegel nur benützen, wenn einen gar nichts mehr erschüttern kann. Meine Dermatologin behauptet, dass selbst die teuersten Cremes keine Wunder bewirken und ein solides Produkt vom Supermarkt es genauso tut. Aber wer könnte widerstehen, wenn uns in der Parfümerie ein edles Produkt im rosa Döschen suggeriert, dass Zerknittern und Verwelken aufzuhalten, ja rückgängig zu machen sind? Viele über Siebzigjährige machen es wie ich – lehnen Spritze und Skalpell rigoros ab und kaufen stattdessen diese sinnlosen, teuren, entzückenden Cremedosen, denn irgendetwas Gutes will man sich auf die alten Tage doch noch tun. Das fettige Kopfkissen wird tapfer in Kauf genommen.

Da stehe ich also beim Bäcker und möchte Croissants kaufen und verlange nach einer demütigenden Pause: Butterhörnchen.

Beim Hals habe ich mich längst für Modell Doppelkinn und nicht für Truthahn entschieden. Doch da gibt es ja noch das Problem mit der Kleidergröße. Mit jedem runden Geburtstag rücke ich eine weiter; da ich in jungen Jahren bei Größe 36 angefangen habe, kann jeder leicht errechnen, wohin das mit achtzig Jahren führen wird – ich will die entsetzliche Zahl gar nicht erst aussprechen. Oh, wie ich meine schlanken, sportlichen Freundinnen beneide, denn sie brauchen weder arrogante Verkäuferinnen zu scheuen, noch müssen sie beim Versandhandel bestellen.

Schlimmer als alle Äußerlichkeiten ist allerdings die Vergesslichkeit. Da trifft man Leute, die man früher gut gekannt hat, und windet sich wie ein Aal. Oder man sieht einen Fernsehfilm aus der Jugendzeit. »Das ist doch der ...«, sagt mein Mann. – »Ja, genau, der spielte doch mal mit dieser Blonden ...« Nur gut, dass mich keiner hören kann, wenn ich um drei Uhr nachts laut sage: »Jean Gabin.« Aber direkt doof ist man ja eigentlich nicht, deswegen helfen vielleicht noch Pillen wie etwa Ginkgopräparate. Und Sudokus oder schwere Kreuzworträtsel. Es tröstet wenig, wenn weitaus jüngere Menschen behaupten, es ginge ihnen gelegentlich genauso. Gelegentlich, das wäre ja wunderbar! Da stehe ich also beim Bäcker und möchte Croissants kaufen und verlange nach einer demütigenden Pause: Butterhörnchen.

Bei Klassentreffen – etwa ab dem 50. Jahr nach dem Abitur – habe ich stets den Eindruck, mich verlaufen zu haben. Was habe ich unter diesen alten Tanten verloren, und wie mögen sie nur alle heißen? Nach einer kurzen Schreckminute bemerke ich aber, dass man mich genauso fassungslos oder gar mitleidig mustert. In dieser Situation gibt es einen Trost: Nach etwa zehn Minuten taucht inmitten tiefer Lebenslinien, Gräben oder gar Gletscherspalten ein vertrautes Mädchengesicht auf, das noch strahlen und lachen kann wie ein Teenager.

Das Beste an meinen fünfundsiebzig Jahren ist jedoch mein Status als Großmutter. Als Oma darf man müde sein, nein sagen und mit gutem Gewissen die anstrengenden Enkelkinder wieder abliefern.

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Foto: Renate Barth / © Diogenes Verlag

 

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Ingrid Noll, geboren 1935 in Shanghai, studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Sie ist Mutter dreier erwachsener Kinder und vierfache Großmutter. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt zu Bestsellern wurden. 2005 erhielt sie den Friedrich-Glauser-Ehrenpreis der Autoren für ihr Gesamtwerk.