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Liebe

Andrea De Carlo denkt nach über: wunde Punkte, ewiges Kind, T-Shirts mit dummen Sprüchen.

<p>Foto: Dukas/Contrasto/Tania</p><br/>

Bei den Präsentationen meiner Bücher ist das Verhältnis zwischen Frauen und Männern etwa acht zu zwei. Das kommt daher, dass Romane im Allgemeinen mehr Leserinnen als Leser finden, besonders wenn die Romane wie meine von Beziehungen und von der Liebe in ihren verschiedenen Formen handeln.

Unbestreitbar neigen Männer dazu, das Thema Liebe in literarischen Darstellungen peinlich zu finden, außer bei einem klassischen Werk, bei dem die Zeit den nötigen Abstand schafft. Ein Mann kann »Anna Karenina« oder »Madame Bovary« lesen, doch sobald er sich an Seiten wagt, die von Gefühlen in unserer Welt erzählen, wächst das Unbehagen, zusammen mit der Angst, zu empfindsam und zimperlich zu wirken. Natürlich gibt es Ausnahmen, vor allem bei jungen und sensiblen Männern, die beschlossen haben, eine andere Haltung einzunehmen. Doch zweifellos haben Männer und Frauen ein ganz unterschiedliches Verhältnis zur Liebe. Auch deshalb habe ich mich entschieden, in meinen jüngsten Romanen abwechselnd aus der Sicht weiblicher und männlicher Personen zu schreiben: um den Wahrnehmungsunterschied und die Gründe für bestimmte Verhaltensweisen zu erkunden.

 

»Es widerstrebt den Männern nicht nur, über die Liebe zu lesen. Es fällt ihnen auch äußerst schwer, darüber zu sprechen.«

 

Es widerstrebt den Männern nicht nur, über die Liebe zu lesen. Es fällt ihnen auch äußerst schwer, darüber zu sprechen. Nur mit Mühe kann ich mir ein Gespräch zwischen zwei Männern oder gar in einer Gruppe von Männern vorstellen, bei dem offen Beziehungsfragen erörtert und Eindrücke und Ratschläge ausgetauscht werden, wie es unter Frauen normal ist. Von Hierarchie- und Konkurrenzdenken besessen oder aus Angst, schwach oder naiv zu wirken, offenbaren Männer fast nie die Regungen ihres Herzens, sondern verstecken sie, indem sie mit Eroberungen prahlen oder Distanz und Gleichgültigkeit vortäuschen. Um ihre wunden Punkte ja nicht einzugestehen, greifen sie auf Ironie und Zynismus, chauvinistische Bemerkungen und sexuelle Stereotype zurück, um bei den Freunden konditionierte Reflexe auszulösen. Außer sie haben, nachdem sie verlassen wurden, einen psychischen Zusammenbruch erlitten: Dann schlüpfen sie rückhaltlos in die Opferrolle, mischen Gejammer mit Beschuldigungen, die plötzlich bis zu den Ursprüngen der beendeten Beziehung zurückreichen, auf die vorherigen Beziehungen übergreifen und in einer pauschalen Verurteilung alles Weiblichen gipfeln.

Die unterschiedlichen Rollen entsprechen einem komplexen Geflecht von Instinkten, kulturellen Prägungen und gesellschaftlichen Regeln. Im Gegensatz zu Frauen, die ständig über ihre Gefühle nachdenken und sprechen, achten die Männer darauf, sie unter Kontrolle zu halten und zu verbergen. Die Gründe sind gewiss kulturell und gesellschaftlich, zum guten Teil aber auch biologisch. Es gibt diesbezüglich eine Menge Klischees, zusammengefasst in Sätzen wie »Männer wollen Liebe, um Sex zu bekommen, Frauen wollen Sex, um Liebe zu bekommen«. Widerwärtige Allgemeinplätze, die aber, wie so oft, zumindest ein Körnchen Wahrheit enthalten. 

Da mutet es seltsam an, dass die Männer – während die Frauen im Lauf der Jahrhunderte und Jahrtausende stets in engem Kontakt mit ihren Gefühlen lebten – währenddessen in ihrer Unfähigkeit, Gefühle offen auszudrücken, zahllose Versuche unternahmen, sie in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen zu klassifizieren und jeder erkennbaren Nuance einen Namen zu geben. Die romantische Liebe, die leidenschaftliche Liebe, die idealisierte Liebe, die Liebe, die aus Mangel entsteht, die Liebe aus Gewohnheit. In der Antike unterschieden die Griechen vier Grundformen: Storge, die Eltern- und Familienliebe; Philia, die Freundschaftsliebe; Eros, die erotisch-romantische Liebe; und Agape, die eher geistige Liebe. In jüngerer Zeit haben die Psychologie und die Anthropologie die Liebe als eine Zweierbeziehung definiert, die auf emotionalem Austausch zwischen dem physiologischen Bedürfnis nach sexueller Befriedigung und der Notwendigkeit gegenseitiger Zuwendung beruht. Als ein Mittel, um zwischenmenschliche Beziehungen zu erleichtern, um zwei Menschen gegen die Bedrohungen von außen zusammenzuschweißen und die Fortpflanzung zu ermöglichen. Mir scheint, jede Klassifizierung eines so tiefen, komplexen und wandelbaren Gefühls hat nur den Zweck, die Angst zu bannen, es könne die Grenzen sprengen und sich unserer Kontrolle entziehen. Wer wie ich Romane schreibt, hat eine Forschungsfreiheit, die sich daraus herleitet, dass er keinen Anspruch auf Objektivität erhebt und instinktiv seinen Beobachtungen folgen und dem subjektiven Eindruck breiten Raum lassen kann.

 

»Die romantische Liebe scheint es gar nicht mehr zu geben.«

 

Unter diesem Gesichtspunkt scheint mir, dass die einzige Form von Liebe, die dem Durchschnittsmann von heute kein Unbehagen einflößt, die Liebe zu sich selbst ist. Narzissmus und Egozentrik haben auf beeindruckende Weise um sich gegriffen: Um das festzustellen, braucht man nur einen Blick auf die Kanäle der Selbstdarstellung und Vervielfältigung des Ichs wie Facebook, Twitter oder Instagram zu werfen. Es genügt, die zahllosen Selfies anzusehen, die Selbstbespiegelungen zu lesen, oft nah am Autismus. 

Die romantische Liebe scheint es gar nicht mehr zu geben; stattdessen dominieren Formen obsessiver Fixierung auf anatomische Maßstäbe. Die bedingungslose, altruistische und mitfühlende Liebe, die Hingabe, Verzicht, Schwung, Opfer, Warten und das Bemühen um Verbesserung erfordert, ist von der Bildfläche verschwunden. Der Durchschnittsmann regrediert von einem Stadium der Adoleszenz unaufhaltsam Richtung ewiges Kind, das sich nur auf sich selbst konzentriert, nach unmittelbarer Befriedigung sucht, sich weigert, Verantwortung zu übernehmen, und zu Zerstreuung und Unzuverlässigkeit neigt. Dieses Phänomen zeigt sich immer deutlicher: Es genügt, einen beliebigen Dreißig-, Vierzig-, Fünfzigjährigen zu beobachten, der an einem Sonntag mit seiner Freundin oder Frau spazieren geht wie ein großes Kind, mit Baseballcap, T-Shirt mit einem dummen Spruch darauf, in einer Haltung betont selbstzufriedener Unreife. 

Die durch das schier unbegrenzte Angebot kommerzieller Produkte geschürte Vorstellung, alles sei austauschbar, hat unvermeidlich auch den Bereich der Beziehungen und die Idee der Liebe selbst erfasst. Beim Mann überwiegt die Überzeugung, jedes Gefühl sei von sehr begrenzter Dauer, und jede Freundin oder Frau könne ohne große Verluste oder Trauer durch eine andere ersetzt werden. Das ist ein faszinierendes, in stetem Wandel begriffenes Thema, das ich in meinen nächsten Romanen vertiefen möchte.

 

Aus dem Italienischen von Maja Plug. Erstmals erschienen in DAS MAGAZIN 3 9/2015.

 

Andrea De Carlo, geboren 1952 in Mailand, lebte nach einem Literaturstudium längere Zeit in den USA und in Australien. Er war Fotograf, Maler und Rockmusiker, bevor ihm 1981 mit seinem ersten Roman, Creamtrain, der Durchbruch gelang – sein Mentor damals: Italo Calvino. Acht Jahre später legte er den Roman Zwei von zwei vor, der zum Kultbuch einer ganzen Generation wurde. Andrea De Carlo lebt in Mailand und in Ligurien. Am 26.8.15 ist sein Roman Villa Metaphora auf Deutsch erschienen.