Filter

  • Neuste Beiträge
  • Archiv
  • Monat
  • Foto/ Video/ Audio

›A Prayer for John Irving‹ von Benedict Wells

Im Mai 2019 saß ich in einer Hotellobby in Toronto und wartete. Das Treffen war auf fünf Uhr angesetzt, aber aus Nervosität war ich viel zu früh erschienen. Ich starrte auf die Frau an der Rezeption, deren Haare kunstvoll geflochten waren, und spielte mit dem Handy. John Irving, dachte ich immer wieder aufgeregt. Und: Wie groß sind die Chancen, dass man in seinem Leben einen seiner Helden leibhaftig trifft?

Foto: Janet Irving

Ich habe oft erzählt, wie ich mit fünfzehn Jahren Das Hotel New Hampshire entdeckte und danach den Wunsch hatte, selbst zu schreiben. Wie dieses witzige, kluge und herzzerreißende Buch mich umhaute und seine Figuren Franny, John und Frank die besten Freunde wurden, die ich nie hatte. Schon damals staunte ich, wie John Irving einem offenbar alles verkaufen konnte. Ob Motorrad-fahrende Bären, ein Wiener Hotel voller Anarchisten und Prostituierten, Freud, Geschwisterliebe, Mord, unsterbliche ausgestopfte Hunde: In seinen magischen literarischen Welten schien nichts unmöglich, und je mehr ich von ihm las, desto mehr bewunderte ich Irvings erzählerischen Mut, mit seinen Büchern wie im Casino All-in zu gehen. Tausend Seiten auf Rot gesetzt – und er verzog gefühlt nicht mal eine Miene. Der Gewinn waren herrliche Lesestunden. Denn niemand, der Owen Meany gelesen hat, dürfte das Ende je wieder vergessen. Ebenso wenig so manche eindrückliche Szene aus Garp und wie er die Welt sah. Oder den allabendlichen Spruch von Dr. Larch in Gottes Werk & Teufels Beitrag: »Gute Nacht, ihr Prinzen von Maine. Ihr Könige von Neuengland!«

Jedes dieser Werke ging in die Literaturgeschichte ein, aber erst in den vergangenen Jahren wurde mir bewusst, dass sie noch eine weitere Qualität haben. Eine, die heute umso stärker auffällt, da nun auch das Spotlight des Zeitgeists darauf fällt: Sie waren oft unglaublich progressiv. John Irving war ein Autor, der – nicht zuletzt inspiriert von seiner feministischen, alleinerziehenden Mutter – bereits vor fünf Jahrzehnten über das Recht auf Abtreibung schrieb, der damals schon starke Transfiguren hatte oder sich vehement gegen den Krieg und für Feminismus einsetzte. Der stets politisch dachte und liberal war, und dem die rückwärtsgewandte, konservative amerikanische Gesetzgebung der letzten Jahre deshalb umso mehr zusetzte.

Seine Romane waren für mich aber mehr als nur großartige, wichtige Literatur. Sie wiesen mir den Weg, als ich mit fünfzehn nicht wusste, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, und die Figur des Homer aus Gottes Werk & Teufels Beitrag wurde mir darüber hinaus sogar ein Taufpate. Seit meiner Jugend tauchte ich immer wieder aufs Neue in seine Geschichten ein. Ob als junger unveröffentlichter Autor oder später als Verlagskollege bei Diogenes; auch seinetwegen immer mein Lieblingsverlag. Getroffen hatte ich Irving dagegen nur einmal: 2010 nach einer Lesung in Zürich, ein kurzes Hallo, bei dem er mir eine Widmung in meine zerfledderte alte Ausgabe von Das Hotel New Hampshire schrieb – stolz und glücklich ging ich nach Hause.

Damals arbeitete ich schon an Vom Ende der Einsamkeit, war aber längst noch nicht fertig. Noch immer musste ich in diese Geschichte hineinwachsen und versuchte mich an Autor*innen wie Kazuo Ishiguro und Carson McCullers zu schulen, deren Werke mir sehr halfen. Aber wenn ich später auf den Roman blickte, erkannte ich, wie sehr mich auch hier John Irving inspiriert hatte; ob bei der Dynamik der drei Geschwister, bei der Erzählmanie im Schweizer Chalet oder einem Ausspruch wie „stark im Ei“, der zwar nicht von ihm war, aber gefühlt von seinen Figuren hätte stammen können (etwa von Garp und seiner Mutter, die den Schriftsteller Franz Grillparzer beide etwas süßlich fanden und einander beim Frühstück deshalb gern fragten, ob sie das Ei lieber normal oder gegrillparzert hätten). Wie Obelix in den Zaubertrank schien ich als Jugendlicher in Irvings Bücher gefallen zu sein, und selbst wenn ich mal nicht bewusst an sie dachte, steckte seine Art des Erzählens so tief in mir, dass sie immer da war.

2016 erschien Vom Ende der Einsamkeit, im Jahr darauf auch in England. Ich hätte es niemals gewagt, John Irving um irgendetwas zu bitten, aber seine Lektorin Anna von Planta schickte ihm den frisch übersetzten Roman. Irgendwann mailte sie mir, dass er die Geschichte tatsächlich gelesen habe und möge, er würde sogar ein Zitat für den Buchumschlag machen, falls ich das wolle. Ich hatte diese Nachricht kaum verdaut, da schrieb er mir kurz darauf schon selbst. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich zitternd in meinem Plattenbauzimmer in Berlin saß und seine Zeilen über das Buch sicher fünfmal las. Wir mailten damals hin und her, am Ende meinte er, ich solle mich melden, falls ich je in Kanada sein würde, wo er inzwischen lebe. Ich freute mich wahnsinnig darüber, ging aber wegen meiner Flugangst nicht davon aus, dass ich es so bald dorthin schaffen würde.

Foto: Benedict Wells

Und dann gab es unerwartet doch noch eine amerikanische Veröffentlichung – und ich saß 2019 in der Hotellobby in Toronto und wartete tatsächlich darauf, dass John Irving mich abholte. Wie. Verrückt. In meiner Nervosität dachte ich daran, wie viele Hürden der 15jährige, der seine Bücher zum ersten Mal las, bis zu diesem surrealen Moment hatte nehmen müssen: von jahrelangen erfolglosen Schreibversuchen bis zu einer Veröffentlichung, von mehreren nicht ins Englische übersetzten Romanen bis zu dem einen, bei dem es endlich klappte, und von einer Schiffsreise nach New York bis zu einem Road Trip nach Kanada. Eine Reise von zwanzig Jahren und um die halbe Welt.

Und dann dachte ich an eine Reise, die noch viel unwahrscheinlicher war: Nämlich die des Jungen aus Exeter, New Hampshire, der Legastheniker war, aber gern Dickens und Grass las, der früh familiäre Schwierigkeiten zu überwinden hatte und noch als Teenager beschloss, zwei Dinge in seinem Leben mit Leidenschaft zu verfolgen: das Ringen und das Schreiben. Der fortan mit der gleichen Hand Gegner packte und auf die Ringmatte presste, mit der er auch seine oft Tausend-Seiten-Romane verfasste, alle mit Stift auf Papier. Der mit unglaublicher Disziplin und unbändiger Phantasie seinen Weg ging, ob als Autor, als Vater, als Sportler, als Dozent oder als wichtige politische Stimme in einem gespaltenen Land. Der alle möglichen Preise gewann, vom National Book bis zum Academy Award, und dessen Bücher weltweit und in unzähligen Sprachen Menschen berührten, Herzen brachen oder zusammenflickten und dabei auf mal wilde und mal zärtliche Weise Tragik mit Humor verknüpften ...

An all das dachte ich, als ich in der Lobby saß – und dann sah ich durch die Scheibe, wie jemand um Punkt fünf Uhr auf das Hotel zukam.

Ich könnte jetzt viel über das Treffen selbst schreiben. Darüber, wie John Irving auch mit siebenundsiebzig Jahren bei gelben Ampeln topfit über die Straße sprintete und ich kaum hinterherkam. Oder wie er sich liebenswürdig um mich kümmerte und wir in der U-Bahn zu erraten versuchten, welches Buch der Typ uns schräg gegenüber las. Wie er mich bei der Veröffentlichung in Amerika und Kanada rührend unterstützte und sogar ein Interview mit mir machte. Wie ich in seinem Büro den Oscar entdeckte, mich aber nicht traute, ihn anzufassen, oder das wie immer handgeschriebene Manuskript des neuen Romans, das in mehreren Stapeln schon verführerisch auslag. Und natürlich über das gemeinsame Abendessen mit ihm und seiner wunderbaren Frau Janet, bei dem wir uns über alles Mögliche unterhielten, aber einmal auch über den irren Schluss von Owen Meany. Wie John Irving meinte, er habe durchaus auch andere Enden im Kopf gehabt, falls dieser waghalsige literarische Stunt nicht geklappt hätte, und seine Frau und ich nicht anders konnten, als sofort erschrocken dazwischenzurufen: „Nein, nein, nein, dieses Ende war absolut PERFEKT!“

Über all das könnte ich schreiben, aber es würde nur von der Tatsache ablenken, dass das einer der schönsten, erfüllendsten Abende meines Lebens war. So viele Kreise hatten sich geschlossen, so viele unrealistische Träume erfüllt. Es war damals eine schwierige Zeit in meinem Leben, aber nach dem Treffen war ich so glücklich, dass ich nicht mal heulen konnte, nicht mal mehr reflektierte, dass ich glücklich war. Wäre ich ein Kind, das seine fünf allerliebsten Gegenstände auf der Welt wie Schätze unter seinem Bett sammelt, dann wäre dieser Abend mit allem, was an ihm hing, einer davon.

Am 2. März wurde John Irving achtzig Jahre alt. Ich möchte ihm nicht nur von Herzen gratulieren, sondern ich möchte vor allem danke sagen, als einer von unzähligen Menschen, die von seinen Geschichten berührt und inspiriert wurden.

Thank you, John, for everything.

Foto: © Basso Cannarsa/Opale/Leemage/laif

John Irving, geboren am 2.3.1942 in Exeter, New Hampshire, lebt in Toronto. Seine bisher 14 Romane wurden alle Weltbestseller, vier davon verfilmt. 2000 erhielt er einen Oscar für die beste Drehbuchadaption für die Verfilmung seines Romans Gottes Werk und Teufels Beitrag.

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren, zog nach dem Abitur nach Berlin und entschied sich gegen ein Studium, um zu schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman, Vom Ende der Einsamkeit, stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste, er wurde u.a. mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) 2016 ausgezeichnet und ist bislang in 38 Sprachen erschienen. Nach Jahren in Barcelona lebt Benedict Wells in Zürich.