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»Ich würde behaupten, man kann Gotthelf überall auf der Welt verstehen, er ist ein Weltautor.«
Ein Interview mit Philipp Theisohn

Das Werk des Schweizer Autors Jeremias Gotthelf dürfen wir wiederentdecken, denn seit Oktober 2023 sind die ersten drei Bände der Zürcher Leseausgabe erhältlich. Zum Auftakt der neuen, kommentierten Werkausgabe spricht der Herausgeber Philipp Theisohn, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft in Zürich im Diogenes Interview über das Leben des Schriftstellers und die Zeitlosigkeit seines Werks – und über das, was wir noch heute von Gotthelf lernen können. Das Video zum Gespräch.

In den nächsten Jahren erscheinen die wichtigsten Romane und Erzählungen in 15 Bänden. Bereits erschienen: Die schwarze Spinne und andere Erzählungen, Uli der Knecht und Uli der Pächter.

Warum sollte man heute noch Gotthelf lesen?
Philipp Theisohn: Da muss man zunächst mal dem Vorurteil gegenübertreten, dass Gotthelf eigentlich nur einen interessanten Text geschrieben hat, nämlich Die schwarze Spinne. Häufig wird dieses Vorurteil von der Vorstellung begleitet, dass diese Erzählung aus einer provinziellen Moralität emporsteigt – und dann kann man Gotthelf entweder für einen Prediger oder eben für einen Volksliteraten halten. Tatsächlich gibt es keinen Erzähler gleichen Ranges, der die Psychologie der Alltagsmenschen so gründlich durchleuchtet und das Zusammenspiel der Boshaftigkeiten und Kränkungen einzelner Figuren so schonungslos analysiert wie Gotthelf. Und wenn man verstehen will, was die geheimen Triebfedern des Populismus sind oder wo die Verwerfungen des Kapitalismus beginnen, dann muss man damals wie heute Gotthelf lesen.

Können Sie uns den Menschen, den Pfarrer und den Autor Gotthelf vor Augen führen?
Philipp Theisohn: Albert Bitzius, wie Gotthelf im echten Leben hieß – 1797 in Murten geboren als Pfarrerssohn –, hat rein äußerlich ein sehr unscheinbares Leben geführt. Bis auf ein Jahr in Göttingen waren seine Stationen Murten, Bern, Utzenstorf, Herzogenbuchsee, was alles nah beieinander liegt, und natürlich Lützelflüh, wo er 1854 gestorben ist und noch heute begraben liegt. Er war Pfarrer, also ausgebildeter Theologe, und – was man leicht beiseite wischt – auch ein Intellektueller und literarisch gebildet. Er hat Schiller, Schleiermacher, Herder gelesen, das kannte er alles. Gleichzeitig war Gotthelf auch jemand, der sich nie als «Geistlicher Gelehrter» verstanden hat, sondern tatsächlich als Volkserzieher. Und was passiert, wenn man Intellektuelle auf ein Feld schickt, auf dem sie das Volk erziehen wollen? Sie gehen allen total auf die Nerven, was er auch getan hat. Er hat sich mit allen möglichen Behörden angelegt, ist aus den Schulkommissionen, denen er zum Teil vorstand, rausgeflogen, hat dann im Berner Volksfreund nicht nur angefangen zu schreiben, sondern auch zu agitieren. Irgendwann ist aus diesem ganzen Aktionismus heraus der große Autor Jeremias Gotthelf getreten, nämlich 1837, da war er schon 40 Jahre alt. Und er hat ein Werk geschaffen, in dem er dieses Emmentaler Bauernleben sehr präzise beobachtet. Der Rest ist Geschichte: Julius Springer entdeckt ihn, und über Deutschland macht Gotthelf dann Karriere. So ist aus diesem Emmentaler Querulanten der Autor geworden, den Thomas Mann und Gottfried Keller so verehrt haben.

Welche Werke sagen Ihnen besonders zu und weshalb?
Philipp Theisohn: Das ist eine ganz schwierige Frage, weil Gotthelfs Werk einen faszinierenden Gesamtkosmos darstellt – und ganz egal, wo man reingreift, fängt es sofort immer an zu schimmern. Aber ich würde mich entscheiden zum einen für eine kleinere Form, also Die Wassernot im Emmental (1837), eine ganz tolle Erzählung, in der das Erzählen nicht nur einen Pakt mit der Natur eingeht und mit der Emme das Emmental überschwemmt, sondern aus diesen Fluten auch immer wieder einzelne Episoden und Erzählungen kurz auftauchen und wieder versinken. Das ist eine Erzählung, bei der das Gotthelf‘sche Werk schon in der Programmatik ganz klar aufscheint. Man sieht genau, wie dieser Mensch erzählen will, und ahnt bereits, was da noch alles kommt. Zum anderen würde ich Anne Bäbi Jowäger empfehlen – das ist tatsächlich mein Lieblingstext. Ein zweibändiges Romanwerk, das sich – und zwar nicht verächtlich, sondern auch empathisch – mit Aberglauben und mit Kontrollzwang beschäftigt, diese Phänomene bis in ihre psychologischen Untiefen durchleuchtet und gleichzeitig eine burleske Oberfläche hat. Man kann dabei auch ganz viele Emmentaler Schimpfwörter lernen. Und mehr noch: Gerade wenn es um Fragen geht wie: Wem vertraut man? Was ist eine gute Arznei? Gibt es so was wie Experten? – Da lernt man bei Gotthelf sehr viel über uns und unsere Umwelt. 

Die schwarze Spinne
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Die schwarze Spinne

und andere Erzählungen

Ein ländliches, fröhliches Tauffest wird zum Rahmen einer schaurigen Geschichte. Sie erzählt von einem jahrhundertealten Pakt der Bauern mit dem Teufel. Seit damals lauert das Böse überall. Jederzeit können die schwarzen Spinnen wieder hervorbrechen. Auch im Haus des kleinen Täuflings. ›Die schwarze Spinne‹ ist eine der berühmtesten Novellen der Weltliteratur – und doch nur eine von vielen Geschichten, die von Gotthelfs vielfältiger, großartiger Erzählkunst zeugen.


Können Studierende heute noch etwas mit Gotthelf anfangen?
Philipp Theisohn: Unbedingt. Und nicht nur Studierende. Wir leben immerhin in einer Gesellschaft, in der die Wertesysteme zu wanken beginnen, in der nicht mehr ganz klar ist: Was ist eigentlich wahr? Was ist nur halb wahr? Und was ist ganz falsch? Das wird zur Verhandlungssache. Wenn man wissen will, wie solche Gesellschaften entstehen, wo sie hinführen können und wie man mit ihnen lebt, dann muss man Gotthelf lesen. Da werden diese Fragen nämlich gestellt und ausgetragen. Ist das Überreichen eines Fünffrankenstücks schon so viel wert wie ein Heiratsvertrag? Also: Kann man das einklagen? Ist die Tinktur, die der Quacksalber jedem gegen alles verschreibt, nicht vielleicht genauso wirksam oder hilfreich wie der Rat von einem studierten Mediziner? Ist die totale Kapitalisierung der Landwirtschaft – wenn man eine Käserei errichtet – nicht viel mehr wert als der Bau von einem neuen Schulhaus? Da sagen die einen so und die anderen so, und in diesem Durcheinander bewegen sich Gotthelfs Texte und versuchen zu klären, wie man wieder so etwas wie Wahrheitswerte schaffen kann, wie man mit den Leuten spricht, auch in der Sprache der Leute und mit ihren Zeichen spricht, ohne sie verächtlich zu machen und ohne zugleich ihrer Logik zu verfallen. Das kann man alles bei Gotthelf lernen, und das gilt für Studierende und für Nicht-Studierende. 

Kann man Gotthelf ohne Schweizerdeutsch-Kenntnisse überhaupt verstehen?
Philipp Theisohn: Das ist so ein Klischee, darüber hätte das 19. Jahrhundert wahrscheinlich gelacht, weil Gotthelf seine Karriere ja über Deutschland gemacht hat. Diese Vorstellung, dass Gotthelf ein Autor ist, der nur in der Schweiz verstanden werden kann, das ist natürlich auch ein Erzeugnis der geistigen Landesverteidigung. Ich würde behaupten, man kann Gotthelf überall auf der Welt verstehen, er ist ein Weltautor. Und für alle Begriffe, die jenseits des Emmentals nicht verständlich sind, ist jeder Band dieser Ausgabe hinten mit einem Glossar versehen, da kann man nachschauen. Und wenn man das mal draufhat, kann man Gotthelf überall lesen – und verstehen.

Was ist das Besondere an der neuen Zürcher Ausgabe?
Philipp Theisohn: Die Zürcher Ausgabe ist eine sehr umfassende Leseausgabe. Es ist eine Ausgabe, die sich neu am Erstdruck orientiert und diesen Erstdruck sehr schonend an die Standardrechtschreibung anpasst. Man ist also sehr nah am Urtext. Dazu gibt es auch in jedem Band eine sehr ausführliche editorische Notiz mit ein paar Lektürehinweisen und Deutungsansätzen und dazu noch das Nachwort einer passionierten Gotthelf-Leserin oder eines passionierten Gotthelf-Lesers, sodass man gleich merkt, dass man, wenn man Gotthelf liest, nicht allein ist, sondern Teil eines großen Publikums.

Uli der Knecht
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Uli der Knecht

Eine Gabe für Dienstboten und Meisterleute

Uli trinkt zu viel und prügelt sich mit anderen jungen Männern im Dorf. Er glaubt, als Knecht zu einem Leben in Armut verdammt zu sein. Sein Meister spricht ihm Mut zu, und bald wird aus Uli ein anderer Mann. Von den Frauen wird er umschwärmt, von den Männern zu Geschäften gedrängt. Bis Vreneli in sein Leben tritt. Aber erst muss er lernen, den eigenen Weg zu erkennen – und zu gehen.


Worum geht es in Uli der Knecht und Uli der Pächter?
Philipp Theisohn: Die beiden Uli-Romane stellen so etwas wie den großen Entwicklungsroman des Gotthelf‘schen Werks dar. Man kann in ihnen beobachten, wie zwei Menschen, nämlich Uli und Vreneli, von ganz unten kommend und gegen viele Anfechtungen, sich auf den Weg machen, eine Pächterfamilie zu werden. Sie werden aus diesem Dasein nicht erlöst, sie bleiben bis zum Schluss Pächter.

Und was ist das Besondere an Die schwarze Spinne?
Philipp Theisohn: Der Weltruhm der Schwarzen Spinne rührt natürlich von der Spinne her. Weil die Spinne eben ein Zweifaches ist. Zum einen etwas ganz Konkretes: ein Tier, eine äußere, tödliche Bedrohung. Zum anderen ist diese Bedrohung etwas, das ganz offensichtlich mit unserer Seele verbunden ist, von innen kommt. Sie ist immer dort, wo jemand sich unbeobachtet fühlt. Immer und überall dort, wo man sie nicht mehr im Sinn hat, lebt die Spinne. Da hat jemand schon sehr früh sehr gut verstanden, wie Horror funktioniert, denn Horror braucht immer diese Ahnung, dass wir uns selber das Grauen schaffen. Das ist die Leistung von Gotthelf in der Schwarzen Spinne gewesen, und auf dieser Doppelung des Horrors beruht auch der Ruhm dieser Novelle.

Uli der Pächter
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Uli der Pächter

Uli ist kein Knecht mehr, sondern Pächter. Und Vreneli ist seine Frau. Trotzdem will er nicht richtig froh werden. Zu viel lastet auf ihm. Wie soll er seinen Hof halten können, wenn alles so schwierig und teuer ist? Verzagtheit und Missmut packen ihn, er gerät in die Fänge von Geschäftemachern, und auch dem Wein spricht er wieder zu. Vreneli hält zu ihm, trotz allem. Uli muss als Pächter von Neuem lernen, das Leben zu meistern.


Foto: © Ayse Yavas

Philipp Theisohn, geboren 1974 in Bad Dürkheim, ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Direktor des Zentrums für literarische Gegenwart an der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem die Literaturen der Schweiz.


Jeremias Gotthelf, geboren 1797 in Murten als Albert Bitzius, war Theologe und lebte als Pfarrer in Lützelflüh im Emmental. Seinem Engagement als Liberaler wurde mit der neuen Verfassung ein Ende gesetzt: Geistlichen wurde politische Betätigung verboten. Erst mit 40 Jahren begann er zu schreiben. Es entstanden 13 Romane sowie 75 Geschichten, die alle von den Menschen und vom Leben im Emmental erzählen und eine ländliche Comédie humaine bilden. Gotthelf starb 1854 in Lützelflüh.


Transkription eines Videointerviews, Sommer 2023
© by Diogenes Verlag AG Zürich