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»Diogenes ist mein Lieblingsverlag.« Die 15 Lieblingsbücher von Benedict Wells

Für die Diogenes-Facebookgruppe #backlistlesen und zum Anlass des Erscheinens seines neuen Buchs Die Wahrheit über das Lügen hat Benedict Wells eine Liste seiner persönlichen Diogenes-Favoriten erstellt. Von John Irving über Carson McCullers bis Martin Suter – so vielseitig wie sein eigenes Werk ist auch der Geschmack des Autors!

»Diogenes ist mein Lieblingsverlag, und der Grund sind nicht zuletzt die vielen tollen Titel der Backlist. Sie brachten mir nicht nur den Verlag nahe, sondern vor allem die Literatur selbst«, sagt Benedict Wells – und liefert die Liste seiner Top-Titel gleich mit:

 

1. Das Hotel New Hampshire – John Irving (1981)

Der erste von vier Irving-Titeln auf dieser Liste, und mein erstes Diogenes-Buch überhaupt. Wie ich in seinen Besitz gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur: Ich war fünfzehn, als ich es las, und danach wollte ich nur noch eines: schreiben. Es begeisterte mich für die Literatur und inspiriert mich bis heute.

 

2. Das Herz ist ein einsamer Jäger – Carson McCullers (1940)

Als dieses Jahrhundertwerk erschien (ursprünglich sollte es Der Stumme heißen), war Carson McCullers dreiundzwanzig. Dreiundzwanzig! Sie schildert ihre fünf Helden auf so eindrückliche Weise, dass sie einem noch tagelang im Kopf umherwandern. Überhaupt schwingt etwas ganz Besonderes in dieser Geschichte mit, eine fast unerhörte Empathie und Zuneigung gegenüber den Menschen, trotz all ihrer Schwächen.

Durch die Hintertür schlich sich dieses Buch dann auch in Vom Ende der Einsamkeit ein, bis es dort eine immer größere Rolle spielte. Selten hat mich etwas als Autor so glücklich gemacht, wie als einige Leser mir sagten, sie hätten sich daraufhin McCullers Buch geholt.

 

3. Zärtlich ist die Nacht – F. Scott Fitzgerald (1934)

In diesen Roman legte Fitzgerald alles, was er hatte: seine zerrüttete Ehe mit Zelda und ihre Krankheit, seine Alkoholprobleme, seine Zweifel und Sehnsüchte, vor allem aber sein ganzes, unermesslich großes Talent. Er schrieb neun Jahre daran. Die Kritik dankte es ihm damals mit Verrissen, die Leser mit Nichtbeachtung. Heute wissen wir: Es ist sein Meisterwerk.

 

4. Abbitte – Ian McEwan (2001)

Ein großartiges Buch, das wuchtige und zugleich bittersüße Ende hat mich schier verrückt gemacht. Wer es gelesen hat, weiß, was ich meine. Wer es nicht gelesen hat: unbedingt nachholen.

 

5. Garp und wie er die Welt sah – John Irving (1976)

Ähnliche Zutaten wie bei Das Hotel New Hampshire lassen auch diesen Roman zu einem Lieblingsbuch werden: Tolle Figuren, ein ganzer Haufen von unvergesslichen Szenen, Humor, Tragik, ein mitreißender Erzähler. Was will man mehr?

 

6. Adams Erbe – Astrid Rosenfeld (2011)

Gelesen habe ich das Buch damals als Debüt, meistens am Strand in Barcelona. Ein Wunderwerk. Die erste Hälfte ist schon sehr gut, die zweite dann unvergesslich und groß. Ich hatte beim Lesen Tränen in den Augen und denke noch immer häufig daran.

 

7. Vincent – Joey Goebel (2004)

Das erste Diogenes-Hardcover, das ich mir selbst gekauft hatte. Ich war damals pleite und wartete eigentlich immer auf die Taschenbuchausgabe, hatte aber einen derart überzeugenden Artikel im Spiegel über das Buch gelesen, dass ich nicht mehr warten konnte. In dieser Geschichte steckt nicht weniger als die vielleicht originellste Romanidee der letzten zwanzig Jahre. Dazu zwei wunderbare Hauptfiguren. Nennen müsste man hier aber auch Joey Goebels bitterböse, funkelnde Highschool-Satire Ich gegen Osborne. Wieso das noch keine sechsteilige Netflix-Serie ist, und wieso Vincent bisher nicht verfilmt wurde, werde ich nie verstehen.

 

<p>Foto: © Bogenberger / autorenfotos</p><br/>

 

8. Zwei von zwei - Andrea De Carlo (1989)

Ich las dieses Buch – für mich ungewöhnlich – ohne Pause und am Stück, auf einer einzigen, langen Zugfahrt. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören, so sehr fesselte mich die Geschichte einer ungleichen Freundschaft, angefangen im Italien der späten sechziger Jahre. Das Buch haute mich um, und es haute auch jeden anderen um, dem ich es seither empfahl.

 

9. Owen Meany – John Irving (1989)

Es wird mal wieder Zeit für einen Irving. Eine sagenhafte Geschichte und eine ebenso sagenhafte Hauptfigur; eine Art amerikanischer Oskar Matzerath mit Fistelstimme, ein Messias in den Wirren des Vietnamkriegs. Ich las das Buch zweimal, dennoch bin ich mir bis heute nicht sicher: Ist dieses fulminante, irre, in jeder Hinsicht unvergessliche Ende nun wirklich so passiert, oder hab ich mir diesen Wahnsinn nur eingebildet? Doch, ich glaube, es ist wirklich so passiert. WAS. FÜR. EIN. SCHLUSS.

 

10. Der große Gatsby – F. Scott Fitzgerald (1925)

Auch wenn mir Zärtlich ist die Nacht noch einen Tick besser gefiel: Der große Gatsby ist ein Werk, das jeder gelesen haben sollte. Jede Seite ist nahezu perfekt. Beim Schreiben von Vom Ende der Einsamkeit war ich sehr von Fitzgerald inspiriert, von seinem unerschütterlichen Mut zur Schönheit. Seine Klasse ist bis heute unerreicht.

 

11. Regen – W. Somerset Maugham (2007)

Bei der Arbeit an Die Wahrheit über das Lügen war es Zeit, meine Bildungslücken in Sachen Kurzgeschichten zu schließen. Wie besessen las ich mich quer durch die Jahrhunderte und Stilrichtungen, und hier zeigte sich die ganze Stärke der Diogenes-Backlist: Ob William Faulkner, Herman Melville, Mark Twain, Leo Tolstoi, Anton Čechov, Katherine Mansfield, O. Henry, H. G. Wells, Patrick Süskind, Miranda July, Edgar Allan Poe, Banana Yoshimoto oder Guy de Maupassant: Fast jeder dritte Griff führte zum Verlag mit den weißen Covern. In all diesen Erzählbänden steckten starke Geschichten, und lange hatte ich überlegt, was ich nun hier auf diese Liste setze. Ich dachte erst an Idioten. Fünf Märchen von Jakob Arjouni, ein großer Lesespaß. Oder an Drei Stunden zwischen zwei Flügen, eine gelungene Zusammenstellung von Fitzgerald-Stories, doch er ist ja schon zweimal hier vertreten. Und so fiel die Wahl schließlich auf Maughams Regen. Alle Geschichten in diesem Band sind mindestens sehr gut, eine oder zwei sogar außergewöhnlich.

 

12. Wunderkind / Frankie – Carson McCullers (2011 / 1946)

Erwähnt sei aber auch noch Wunderkind, eine hervorragende Sammlung von McCullers-Erzählungen. Bei der Titelgeschichte war sie sechzehn, doch man sieht bereits ihr immenses Talent. Später folgen unvergessliche Stories, ob nun oder Wer hat den Wind gesehen? oder Der verfolgte Junge.

Die Figuren sind für mich die große Stärke dieser Autorin, und die Titelfigur aus dem Roman Frankie ist ihre vielleicht schillerndste. Dieses Mädchen ist sogar lebendiger als viele reale Menschen, die ich kenne. Ein tolles, bewegendes Buch. McCullers ist einfach die Beste. Punkt.

 

13. Die dunkle Seite des Mondes – Martin Suter (2000)

Vorneweg drei kleine Fakten: Martin Suter und ich haben beide am gleichen unwahrscheinlichen, nur alle vier Jahre stattfindenden Tag Geburtstag. Wir haben die gleiche Lektorin. Und vor allem: Neben Michael Chabon, Nick Hornby und eben John Irving ist er der Autor, von dem ich vielleicht am meisten Bücher gelesen habe, mindestens zehn. Dieses hier ist neben Small World und Der letzte Weynfeldt mein Lieblingsroman von ihm. Ein in jeder Hinsicht spannender, abseitiger Trip.

 

14. Superhero – Anthony McCarten (2007)

Ja, ich hab geweint beim Lesen. Gegenfrage: Wer nicht? Toll geschrieben, viele gute Ideen, witzig und sehr berührend. Ein richtig starkes Buch!

(Es setzte sich knapp gegen Der Vorleser von Bernhard Schlink aus dem Jahr 1995 und das superbe Parfüm von Patrick Süskind aus dem Jahr 1985 durch, hauptsächlich, weil ich die Letztgenannten in der Schule gelesen hatte. Unvergessen ist auch Hoffmans Hunger von Leon de Winter. Und eigentlich müsste auch noch Huckleberry Finns Abenteuer von Mark Twain genannt werden, erschienen 1884 und ebenfalls in der Diogenes-Backlist. Doch ich muss gestehen, dass ich es in einer anderen Verlagsausgabe gelesen habe.)

 

15. Gottes Werk und Teufels Beitrag – John Irving (1985)

Der Abschluss gehört wieder John Irving. Dieses Buch war sehr wichtig für mich als Heim- und Internatskind. Als Autor. Als Mensch. Als Leser. Und auch als Filmfan, denn die Verfilmung ist eine der gelungensten, die ich kenne. Für das Drehbuch gewann Irving dann auch völlig zu Recht einen Oscar. Und wer immer sich damals bei der Übersetzung den deutschen Titel (im Original The Cider House Rules) ausgedacht hat, ist ein Genie.

 

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Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Nach dem Abitur zog er nach Berlin und widmete sich dem Schreiben, seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vierter Roman Vom Ende der Einsamkeit stand mehr als anderthalb Jahre auf der Bestsellerliste, er wurde u.a. mit dem European Union Prize for Literature (EUPL) 2016 ausgezeichnet und bislang in 27 Sprachen übersetzt. Wells lebt in Berlin und Bayern.

Die Wahrheit über das Lügen ist am 29.8.2018 erschienen, auch als Hörbuch, ungekürzt gelesen von Robert Stadlober.

 

Die Wahrheit über das Lügen

Die Wahrheit über das Lügen

Zehn Geschichten
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