Eines Morgens beginnt Tilda Finch buchstäblich zu verschwinden: Erst fehlt ihr kleiner Finger, dann ein Stück vom Ohr, schließlich die Nase. Keine Schmerzen, kein Blut – aber definitiv nicht mehr zu sehen. Die Diagnose ihrer Ärztin lautet: Unsichtbarkeit. Nach dem ersten Schock stemmt sich Tilda mit Witz und Mut gegen ihr langsames Verblassen, denn sie hat eine Menge, wofür es sich lohnt, sichtbar zu bleiben.
Was Jane Tara in ihrem neuen Roman Mit anderen Augen beschreibt, ist ein Phänomen, das viele Frauen ab einem bestimmten Alter erwartet: Sie verschwinden aus der öffentlichen Wahrnehmung. Mit Mut, Humor und Lebensklugheit rüttelt die australische Autorin sanft auf und zeigt, welche Kraft unserem Sehen und dem Blick auf uns selbst innewohnt.
Im Diogenes Interview erzählt Jane Tara von ihrem Zugang zu Selbstwahrnehmung, welche Frauen ihre Vorbilder sind und wie wir uns dem Unsichtbarwerden entgegenstellen können.
Foto: © Dominika Ferenz
Der Beginn Ihres Romans ist ein wenig surreal: Der kleine Finger ihrer Hauptfigur Tilda Finch wird unsichtbar. Wie kam Ihnen diese Idee, warum wollten Sie über die Unsichtbarkeit von Frauen schreiben?
Vor zehn Jahren wurde bei mir fälschlicherweise eine degenerative Augenerkrankung diagnostiziert. Ich würde erblinden, hat man mir gesagt. Nachdem ich einige Tage lang völlig außer mir war, begann ich mich zu fragen, was es eigentlich bedeutet, zu sehen. Parallel dazu hatte auch ich das Gefühl, das so viele Frauen in ihren Vierzigern kennen: Sie fühlen sich unsichtbar. Ich bemängelte die Zeichen des Alterns in meinem Gesicht und war dabei sehr streng mit mir. Aber plötzlich, nach der Diagnose, liebte ich jede Linie, jede Falte. Mir wurde klar, dass ich mir unbedingt beim Altern zusehen wollte. Und wenn ich das wollte, warum sollte ich es dann kritisieren? Sehen ist etwas Subjektives, und ich war eigentlich jahrelang blind gewesen. Ich entdeckte die Verbindung zwischen Unsichtbarkeit und Wahrnehmung, und damit war die Idee für Tilda geboren.
Im Roman geht es um die Unsichtbarkeit von Frauen in der Gesellschaft ab einem bestimmten Alter. Was trägt dazu bei, dass Frauen »unsichtbar werden«? Und wie können sie wieder sichtbar werden?
Frauen in ihren Vierzigern müssen viel zu viele Aufgaben unter einen Hut bringen. Sie stellen die Bedürfnisse aller anderen über die eigenen. Es ist eine fordernde Mischung aus familiären, beruflichen und sozialen Verpflichtungen, die mit der Perimenopause zusammenfällt. Heute sprechen wir offener über die Perimenopause, eine Zeit, in der unbewältigte Traumata wieder an die Oberfläche kommen können, aber als ich sie vor zehn Jahren durchlebte, war ich mir sicher, etwas stimmt nicht mit mir. Ich war erschöpft und bat um Hilfe, aber niemand verstand mich. Ich fühlte mich unsichtbar. Dieser Abschnitt in unserem Leben hält wertvolle Lektionen bereit, aber es kann emotional schwierig sein. Um wieder sichtbar zu werden, müssen Frauen sich die Zeit nehmen, sich selbst zu erkennen. Mit sanfteren Augen.
Was sind für Sie Beispiele für sichtbare Frauen?
Es ist ermutigend, dass ältere Frauen in den Medien immer präsenter werden, aber meine wahren Vorbilder sind meine Mutter und ihre Freundinnen. Sie sind bemerkenswerte Frauen, die ein sinnvolles, interessantes Leben führen und sich gegenseitig mit Liebe und Humor unterstützen.
Viele Figuren in Ihrem Roman zeichnen sich durch Sinn für Humor aus. Was bedeutet Humor für Sie?
Selbst in unseren dunkelsten, schwierigsten Momenten ist Humor eines der Dinge, die uns Menschen ausmacht. Ich habe kürzlich eine Reihe von Verlusten erlebt, und inmitten der Trauer waren die Scherze und das gemeinsame Lachen eine wunderbare Erinnerung daran, dass wir durchhalten und mit der Zeit sogar wieder aufblühen können. Auch beim Schreiben ist mir Humor wichtig, denn eine Botschaft vermittelt man am besten, wenn sie auch erheitert.
Simone de Beauvoir schrieb, dass die Erfahrung, die Frauen mit ihrem Körper machen, in erster Linie durch den Blick anderer geprägt ist. Wie wichtig ist unsere Befreiung von diesem Blick anderer für unser persönliches Glück?
Frauen werden mit zunehmendem Alter ganz natürlich vom Blick anderer befreit, aber oft ist das gar nicht so befreiend, wie es klingt. Echte Befreiung entsteht, wenn wir uns selbst mit Klarheit und Wohlwollen betrachten und uns von dem Bedürfnis lösen, uns darüber zu definieren, wie andere uns sehen.
Mit anderen Augen
Tilda Finch glaubt, sie sieht nicht richtig: Mit einem Mal ist ihr kleiner Finger verschwunden. Es folgen die Nase und das Ohr. Sie wird unsichtbar werden, sagt ihre Ärztin, doch das will Tilda auf keinen Fall zulassen. Schließlich hat sie eine Menge, wofür es sich lohnt, sichtbar zu bleiben: ihre wunderbaren Töchter, ein erfolgreiches Business und fantastische Freundinnen. Tilda nimmt all ihren Mut zusammen und beginnt, sich selbst mit anderen Augen zu sehen.
Jane Tara, aufgewachsen in Byron Bay, Australien, hat über 100 Kinderbücher veröffentlicht sowie Jugendbücher, Drehbücher und Romane. Sie ist Mutter zweier Söhne und war dreizehn Jahre in der Welt unterwegs, bevor sie sich als freie Autorin in Sydney niedergelassen hat. Mit anderen Augen ist ihr erster Roman im Diogenes Verlag.










