Eine alte Sage in den Alpen, die zum Leben erwacht: In Seraina Koblers dystopisch-sinnlichem Roman Tal der Schwalben trifft die archaische Welt der Berge auf drängende Zukunftsfragen.
Der junge Wissenschaftler Alesch lebt in der Schweiz der nahen Zukunft und steht kurz vor seinem großen wissenschaftlichen Durchbruch: Seine revolutionäre Forschung könnte die Antwort auf die Energiekrise bergen. Er kehrt in sein Heimatdorf Pradetta zurück, einen abgelegenen Ort im schwindenden Schatten eines Gletschers. Seltsame Wetterphänomene häufen sich am Berg, und schon bald ist Alesch hin- und hergerissen zwischen urwüchsiger Bergwelt und Hoffnung auf Fortschritt.
Im Diogenes Interview spricht Seraina Kobler über den faszinierenden Schauplatz ihres Romans, die realen Hintergründe hinter der revolutionären Technologie in ihrer Geschichte und die zentrale Rolle, die Fiktion in der Auseinandersetzung mit Zukunftsszenarien einnimmt.
Foto: © Franco P. Tettamanti
In Ihrem neuen Roman Tal der Schwalben erzählen Sie von der Zukunft der Schweiz, in der das Mittelland als Metropolitane floriert und die Alpen zur Sperrzone erklärt wurden. Der talentierte Wissenschaftler Alesch kehrt zurück in sein Heimatdorf Pradetta, eine Berggemeinde am Rande eines Gletschers, und macht dort besorgniserregende Entdeckungen. Weshalb haben Sie die Alpen als Schauplatz für den Roman gewählt, was hat Sie daran fasziniert?
Die Schweiz lässt sich schlecht ohne ihre Topografie denken. Sie prägte uns, geschichtlich und kulturell, das wollte ich unbedingt einbinden. Auch zeigen sich in den Bergen die Auswirkungen des Klimawandels überproportional deutlich. Und einen besonderen Platz in meinem Herzen und Denken haben die Gletscher, schwindende Riesen, die uns Vergänglichkeit lehren – aber auch Wandel.
Alesch ist Forschungsleiter an der Technischen Hochschule in Lausanne, er arbeitet mit Reaktoren, beschäftigt sich mit Teilchenbeschleunigung und steht kurz davor, die Energieversorgung zu revolutionieren. Wie haben Sie sich in das komplexe Thema der Energiegewinnung eingearbeitet?
Einerseits habe ich bereits als junge Zeitungsjournalistin das Energie-Dossier betreut. Damals befanden wir uns mitten im Abstimmungskampf um neue Atomkraftwerke, dann geschah die Katastrophe von Fukushima … Auch später haben mich diese Themen nie ganz losgelassen, im Kern dreht sich doch beinahe jeder kriegerische Konflikt entweder um Öl oder Religion. Für den Roman habe ich Strömungen vorweggenommen, die derzeit ja immer klarer sichtbarer werden.
Und sind die revolutionären Ansätze von Aleschs Forschung theoretisch möglich?
Derzeit wird wieder breit hausiert mit Technologien, die wie der heilige Gral der Physik klingen. Es gibt Experimentieranlagen wie etwa Wendelstein 7-X, der nicht umsonst nach einem Gipfel benannt ist. Schon in den 1950er-Jahren, als amerikanische Forschende das Project Matterhorn starteten, war klar, dass die moderne Stellarator-Technologie mindestens so anspruchsvoll sein wird wie die ersten Gipfelbesteigungen.
Doch noch heute fehlt ein weites Stück bis zur Marktreife – oder dem Gipfelkreuz, um beim Bild zu bleiben. Theoretisch wäre fast alles möglich, praktisch hingegen zeigt sich, dass die Anlagen fast unbezahlbar und somit unwirtschaftlich sind. Im Roman jedoch habe ich bewusst eine ganz eigene, fiktionale Technologie gebaut, die verschiedene Elemente von heutigen und früheren Versuchsanlagen enthält, damit die Geschichte von Prognosen frei bleibt.
Tal der Schwalben thematisiert gleich mehrere drängende Herausforderungen unserer Zeit, denen sich die Schweiz stellen muss: die Energiekrise, schwindende Gletscher, das Sterben der Dörfer und die zunehmende Macht von Großkonzernen. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Heimatlandes?
Das lässt sich kaum auf ein paar Zeilen verhandeln. Aber das Schöne an der Zukunftsfiktion ist ja: Man kann einige Parameter einstellen und sie dann in den Details durchspielen. So können Geschichten Versuchsfelder für das eigene Denken und Fühlen werden, sie schaffen Landschaften, Bilder und Emotionen. Die sich dann aber auch wieder verflüchtigen dürfen. Aber es ist gut, sie im Hinterkopf zu behalten.
Tal der Schwalben
Die Schweiz in naher Zukunft: Die Städte sind zusammengewachsen zur alles beherrschenden »Metropolitane«, während die Alpen für die Stromversorgung zur Sperrzone erklärt wurden. Der junge Wissenschaftler Alesch kehrt in sein Heimatdorf Pradetta zurück, einen abgelegenen Ort im schwindenden Schatten eines Gletschers. Seltsame Wetterphänomene häufen sich am Berg, und schon bald ist Alesch hin- und hergerissen zwischen urwüchsiger Bergwelt und Hoffnung auf Fortschritt. Denn seine so revolutionäre wie gefährliche Forschung könnte die Antwort auf die Energiekrise bergen. Und dann ist da noch seine Jugendliebe Annetta …
Seraina Kobler, geboren 1982 in Locarno und aufgewachsen in Basel, arbeitete nach dem Studium der Linguistik und Kulturwissenschaften als Journalistin unter anderem bei der Neuen Zürcher Zeitung, bevor sie sich als Autorin selbstständig machte. 2020 erschien ihr Romandebüt Regenschatten. Ihr erster Zürich-Krimi um die Seepolizistin Rosa Zambrano, Tiefes, dunkles Blau, stand monatelang auf der Schweizer Bestsellerliste. Seraina Kobler lebt und arbeitet mit ihrer Familie in Zürich.










