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Der Abgrund im Alltag. Der Regionalkrimi als Genre der Globalisierung

Regionalkrimis liegen im Trend und sind auch außerhalb der Sommerurlaubszeit erfolgreich. Am Eröffnungsabend des diesjahrigen Bücherfestes in Frauenfeld, in dessen Rahmen auch Martin Walker aus seinem neusten Roman Revanche las, hielt die Journalistin Christine Lötscher Ende Mai eine spannende Rede zu diesem äußerst beliebten Subgenre des Kriminalromans. Wir geben ihre Ausführungen in voller Länge wieder.

<p>Foto: © <a href="https://c1.staticflickr.com/5/4490/37406750065_3effd13c47_o.jpg" target="_blank">Felix Russel Saw</a></p><br/>

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

sind Sie fasziniert vom Bösen? Und finden Sie es angenehm, wenn Sie eine Begegnung oder ein Erlebnis völlig verstört zurücklässt?
Wenn Sie jetzt, wie ich vermute, und wie ich selbst es übrigens auch tun würde, mit einem klaren und deutlichen »Nein, natürlich nicht, was ist denn das für eine Frage« antworten, dann muss ich annehmen, dass Sie alle keine Krimi-Leserinnern und keine Krimi-Leser sind.
Denn Krimi-Leserinnen und -Leser genießen es, wenn sich Risse bemerkbar machen im Gefüge der Alltagsrealität und sich dahinter die Fratze einer anderen, bedrohlichen Wirklichkeit zeigt. Das LeserInnenherz jubelt, wenn sich Abgründe auftun, wenn ein Blick in die Tiefkühltruhe der freundlichen Nachbarin von nebenan lauter Leichenteile offenbart – oder wenn der liebevolle Ehemann, der Nacht für Nacht ohne zu murren aufsteht, um sich um den brüllenden Nachwuchs zu kümmern, in der Morgendämmerung von der Polizei abgeholt wird: Verdacht auf Mord. Ja, all das, was uns im alltäglichen Leben bis zum Wahnsinn unerträglich wäre, genießen wir, wenn wir Krimis lesen. Und wenn ich genießen sage, dann meine ich das absolut ernst: Ja, Krimis zu lesen ist ein Genuss, vielleicht einer der größten, den uns die Genreliteratur zu bieten hat.

Man könnte mir jetzt ein pessimistisches Menschenbild unterstellen. Doch das wäre ein Missverständnis: Ich glaube nämlich nicht, dass wir die Gewalt an sich genießen, den Ausbruch des Ur-Animalischen aus unserer überdomestizieren Existenz in den Fesseln der Gemeinschaft. Vielmehr genießen wir es, wenn wir in einem Buch, einem Film, einer Geschichte mit unseren größten Ängsten konfrontiert werden, wenn wir sie gegen jede Wahrscheinlichkeit erleben – und vor allem überleben können: und nach überstandenem Abenteuer feststellen, dass wir immer noch wohlbehalten auf dem Sofa liegen oder im Liegestuhl sitzen.
Diese Ängste sind ganz fundamentaler Art. Sie haben, natürlich, mit der Angst vor den Anderen zu tun, denen wir, das ist die Basis eines jeden Gesellschaftsvertrags, vertrauen müssen, um zusammenleben zu können. Doch es gibt noch eine zweite Schicht der Angst, die im Krimi-Genre berührt wird. Sie betrifft weniger das menschliche Zusammenleben als die Grenzen unseres Denkens und Erkennens. Denn der Krimi ist im Kern eine abstrakte Angelegenheit; was ihn, philosophisch, interessiert, ist die Verfasstheit der Realität an sich.  In seiner Studie mit dem Titel Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft beschreibt sie der französische Soziologe Luc Boltanski wie folgt:

»Das Rätsel ist daher eine Eigentümlichkeit [...], weil es [sie] mit der Art und Weise bricht, wie die Dinge sich unter normalen Bedingungen darstellen würden, so dass es dem Verstand nicht gelingt, diese beunruhigende Merkwürdigkeit in den Bereich der Realität einzuordnen. So verletzt das Rätsel das nahtlose Gewebe der Realität. Und in diesem Sinne kann man sagen, dass das Rätsel das Resultat eines Hereinbrechens der Welt in die Realität ist.«

Diese »Realität« ist aber nicht einfach ein Abbild unserer Alltagswelt, sondern eine ganz und gar fiktional Gemachte, der ein doppelter Boden eingezogen ist. Den bekommen wir zu sehen, sobald das Verbrechen das Gewebe der ersten, vermeintlich ganz in sich geschlossenen, durch und durch sinnhaften Realität aufreißt.

Im Gegensatz zur phantastischen Literatur darf der Krimi die Welt aber nicht ganz ins Unheimliche, Rätselhafte kippen lassen, wenn er seinen Detektivinnen und Kommissaren eine Chance auf Aufklärung des Verbrechens geben will. Doch wie so oft findet der Krimi immer wieder Mittel und Wege, die Genreregeln zu überschreiten und dabei immer noch ganz Krimi zu bleiben: In Der Totenmacher, seinem neuen Roman, erfindet der schottische Autor Stuart MacBride eine Stadt namens Oldcastle, in der sich die beiden Realitäten ganz durchdringen. Doch es ist nicht das Phantastische, das die Welt verdreht, sondern die grausame soziale Wirklichkeit selbst, die sich in ein Monster verwandelt: Die Armut ist so erdrückend, dass sie die Menschen zwingt, die Spielsachen ihrer Kinder zu verpfänden. Wenn DC Callum MacGregor seine Stadt betrachtet, sieht er Folgendes:

»Vor ihm lag Oldcastle unter einer schweren grauen Wolkendecke ausgebreitet wie ein Krebsgeschwür unter der Haut. [...] Kirchtürme und Minarette stachen auf der anderen Flussseite zwischen den Schieferdächern hervor, als ob eine riesige Bestie unter der Oberfläche eingeschlossen wäre, die sich mit Zähnen und Klauen zu befreien suchte.«

Doch wie machen das Krimis nur – dass sie uns dazu bringen, uns nicht nur freiwillig mit den finstersten Machenschaften, den wüstesten Perversionen der Menschheit zu beschäftigen, sondern dabei auch noch Spaß zu haben?
Krimis realisieren für einen Moment das, was wir am meisten fürchten: Sie lassen die moralische Ordnung der Gesellschaft und damit den Glauben an eine vernünftig und berechenbar organisierte Wirklichkeit zusammenbrechen. 

Eine der eingängigsten Chiffren dafür ist der überdimensionale Schnurrbart des Hercule Poirot in Kenneth Branaghs Filmadaption von Agatha Christies Mord im Orientexpress. Dieser Schnurrbart ist in seiner Form und Expressivität so absurd künstlich, dass kein Mensch auf die Idee kommen könnte, er sei ein Werk der Natur. In seiner Pflege steckt ein Element von magischem Denken: Solange es Poirot gelingt, dieses Ungetüm in Form zu halten, liegt auch die klare Trennung von Gut und Böse im Bereich des Möglichen. In dieser Hinsicht steht er in der Tradition von Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv Sherlock Holmes, dessen kriminalistische Findigkeit nicht nur seinem messerscharfen Verstand, sondern vor allem seiner Intuition zu verdanken ist. Und diese wiederum verdankt sich einer chemischen Reaktion zwischen dem Leiden an der Unvollkommenheit der Welt und einem gehörigen Maß Paranoia.

Ganz anders geht Bruno Courrèges, Chef de police der französischen Kleinstadt Saint-Denis, mit dem Chaos der Realität um. Wir kennen den Helden aus Martin Walkers nunmehr zehnbändiger Krimi-Serie als begnadeten Koch und leicht melancholischen Zeitgenossen. Seine kriminalistische Superkraft, wenn man so will, besteht gerade nicht darin, dass er überdurchschnittlich intelligent ist und als wandelndes Lexikon überall Zusammenhänge sieht. Wenn er an der Welt leidet, dann nicht, weil sie sich weigert, einer mathematischen Formel zu entsprechen, sondern weil er mitleidet – mit Mensch, Umwelt und Kreatur. Er versteht sich darauf, die richtigen Fragen zu stellen, weil er sich wirklich für die Leute aus seinem Umfeld interessiert, und er weiß in aller Bescheidenheit um die heillose Verstrickung der Menschen in ihre Lebensverhältnisse und Beziehungen.

<p>Martin Walker. Foto: Klaus Einwanger / © Diogenes Verlag</p><br/>

Während die kriminalistischen Genies wie alle ehrgeizigen Zeitgenossen ihre Basis in den vom Verbrechen geplagten Metropolen dieser Welt haben, sind die Kommissare und Detektivinnen im Regionalkrimi Menschen wie Sie und ich. Sie leben in einem Netz aus Beziehungen, sie kaufen ein, kochen, essen und verbringen gemütliche Abende mit Freundinnen und Freunden. Sie sind Teil eines Netzwerks. Bruno weiß ganz genau, wie man dieses Netz pflegt und was es braucht, um sich Respekt zu verschaffen – nämlich eine ganze Reihe von Aktivitäten, die viel Freizeit in Anspruch nehmen:

»Wer in Paris wohnte, würde nie verstehen, dass es für einen Polizisten vom Lande kaum möglich wäre, Respekt einzufordern, wenn er seinen Garten nicht gebührend pflegte oder auf der Jagd und als Angler versagte.«

Das mag nun gemütlich klingen, allzu gemütlich vielleicht – als sei auf dem Lande, wo es jede Menge Funklöcher und Internet im Schneckentempo gibt, wo Menschen über vierzig Facebook nur vom Hörensagen, das Kalb, das auf den Teller kommt, dafür persönlich kennen, als sei die Welt abseits der urbanen Moloche noch in Ordnung. Doch das täuscht.
Denn die Kriminalfälle, die einen Riss ins Gewebe der Realität im beschaulichen Périgord reißen, sind wie ein Faden, der aus einem Wollpullover herausragt: Zieht man daran, löst sich die ganze Strickarbeit auf. Denn alles hängt mit allem zusammen, wie Bruno in Revanche klagt:

»Zurzeit war es diese schwierige Gemengelage von Themen – von Tempelrittern über Kreuzfahrer, der Geschichte Jerusalems und dem Verhältnis zwischen Arabern und Israelis –, die nun irgendwie in der Person einer toten Friedensaktivistin und in einer mittelalterlichen Burganlage konvergierten, die ihn umtreiben. Die Einzelteile passten nicht zusammen, jedenfalls nicht so, dass sie ein für ihn stimmiges Bild ergaben.«

Bruno könnte noch mehr aufzählen, wenn er wollte: das Zusammenleben in einer von Migration geprägten Gesellschaft, die ökonomische Weltlage, die Angst vor dem islamistischen Terror – all das wirkt sich ebenso auf das Leben in Saint-Denis aus wie die Digitalisierung und das Phänomen der Fake News; ganz nebenbei revolutioniert die Omnipräsenz von Überwachungskameras, die Foto- und Videoflut im Netz, das Geplauder und Gezwitscher der Social Media die Ermittlungsarbeiten im 21. Jahrhundert, auch wenn Bruno nicht viel mit Computern und Smartphones am Hut hat. Wenn wir Bruno durch seinen Alltag folgen, wird uns bald klar, wie sehr das Périgord – und das gilt für jede Region, die in einem Krimi in den Fokus rückt – Teil der Welt ist. Beim Lesen von Regionalkrimis könnte man fast behaupten, dass sie ein Paradox realisieren: nämlich, dass die Teile größer sind als das Ganze. Am Beispiel provinzieller Regionen lassen sich nämlich die Auswirkungen der Globalisierung in ihrer ganzen Vielschichtigkeit und Komplexität erzählen. Vergangenheit und Gegenwart stehen in einem überschaubaren Raum auf unüberschaubare Weise nebeneinander. Auf Schritt und Tritt ist in Saint-Denis und Umgebung nicht nur die digitale Gegenwart präsent, sondern vielerlei Monumente zeugen von historischer Größe; von den prähistorischen Höhlenmalereien in Lascaux über die Burgen der Tempelritter aus dem Mittelalter hat jede Epoche ihre Spuren hinterlassen, nicht zuletzt auch die Kolonialgeschichte Frankreichs und die beiden Weltkriege. Wie gesagt: Man zieht an einem Faden und hat ein ganzes wirres Wollknäuel in der Hand.

<p>Landschaft im Périgord. Foto: Klaus Einwanger / © Diogenes Verlag</p><br/>

Genreliteratur verfügt über die Möglichkeit, alles in sich aufzusaugen, was uns unter den Nägeln brennt; auch ganz aktuelle Entwicklungen – deren historische Wurzeln meist im Zuge der Investigation freigelegt werden. Das liegt daran, dass Genres mit bekannten und bewährten Erzählmustern, Figurenkonstellationen und affektiven Modalitäten – im Krimi mit Spannung, Suspense, aber auch mit Horror und Verstörung – operieren, die in allen denkbaren sozialen Biotopen und Schauplätzen funktionieren können. Der klare Rahmen, der durch die Erzählung eines Verbrechens und seiner Aufklärung gesetzt ist, scheint die Phantasie der Krimiautorinnen und -autoren geradezu anzustacheln: Der Krimi lebt vom seriellen Prinzip der Wiederholung und Variation. Diese Struktur trägt ihren Teil zum Lesegenuss bei. Wir können, wie es scheint, kaum genug bekommen von Krimiserien, sei es in der Literatur, sei es im Fernsehen, die uns dieselbe Geschichte immer wieder neu erzählen. Denn der Riss im Gefüge der Realität lässt sich nicht schließen. Ohne Krimi können wir ihn nicht einmal sehen, denn die abstrakte Idee muss erst Gestalt annehmen in Form von konkreten Figuren, ihren Lebensumständen und ihren Handlungen.

Der Regionalkrimi kann das besonders gut. Denn um den Riss im Gewebe der Realität immer wieder neu und lebendig erfahrbar zu machen, muss ein Roman uns zunächst einmal das Gefühl einer Realität vermitteln; je lebendiger und sinnlicher wir eine literarische Welt erfahren, umso intensiver die Verstörung, wenn ein Verbrechen sie aufrüttelt. Dazu muss zunächst einmal eine Welt gebaut werden. Worldbuilding nennt man das in der Fantasy und in der Science Fiction, wenn von erfundenen, spekulativen Welten die Rede ist. Ein Ort wie Saint-Denis, eine Region wie das Périgord, lässt sich aber auch nicht einfach abbilden, sondern muss im Text von Grund auf geschaffen werden. Natürlich stützt sich Martin Walker auf Recherchen und sein profundes Wissen über die Region – doch um eine Atmosphäre zu schaffen, muss alles, was er gelesen und gesehen, erlebt, angefasst und gekostet hat, verwandelt werden. Das klingt dann so:

»Nun stellte Bruno eine Flasche Bergerac Rosé vom Château Haut Garrigue und einen Weißen von Pierre Desmartis in den Kühlschrank und öffnete eine Flasche Clos Montalbanie, einen leichten Rotwein vom Château Tiregand, der, wie er glaubte, gut zum Kalbsragout passte. Als das Fleisch im Topf vernehmlich zu köcheln anfing, drehte er die Flamme herunter, schöpfte den Schaum von der Oberfläche und gab eine gewürfelte Möhre, einen kleingeschnittenen Stengel Staudensellerie, die mit Nelken gewürzte Zwiebel und eins der bouquets garnis hinzu, die er wenige Tage zuvor gebunden hatte. Die Hitze stellte er so ein, dass das Fleisch nur noch ganz leicht köchelte. Noch einmal schöpfte er Schaum vom Sud ab. Denn deckte er den Tisch, holte Champagnerflöten aus dem Schrank und machte Feuer im Holzofen.«

<p>Foto: Klaus Einwanger / © Diogenes Verlag</p><br/>

Da läuft einem doch das Wasser im Mund zusammen – und man möchte sich doch gleich mit einer perlenden Champagnerflûte in der Hand dazusetzen. Die Koch- und Ess-Szenen beschwören bei den Leserinnen und Lesern Düfte, Geschmäcker und Konsistenzen herauf und wecken so eine Sinnlichkeit, die auf die gesamte Welt der Romane übergreift. Wenn kurz darauf ein Mann aufs Grausamste gefoltert wird, rebelliert der Magen der Leserin, die vielleicht gerade in ein Buttercroissant beißen wollte. Und nicht nur der Magen: Wie kann es nur sein, fragt sie sich, dass die Welt gleichzeitig so schön und so grausam sein kann? Das ist einer dieser Momente, wo sich der Abgrund im Alltag auftut.

Revanche

Revanche

Der zehnte Fall für Bruno, Chef de police
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Ich komme zum Schluss.
Der Krimi, heißt es, sei das Genre, das ungebrochen an die Aufklärung, an die Vernunft und an den unbedingten Erfolg wissenschaftlicher Methoden glaube. Wenn das jemals zugetroffen haben sollte, was ich bezweifle, so gilt es sicher nicht mehr für den Krimi im 21. Jahrhundert. Auch wenn Verbrechen aufklärt und die Schuldigen hinter Gitter gebracht werden können – die großen Konflikte bleiben bestehen, ebenso wie der Riss im Gewebe der Realität. Und doch versinkt nicht alles in Nihilismus und Verzweiflung, im Gegenteil – zumindest in den meisten Regionalkrimis, die ich kenne. Gerade weil Polizisten wie Bruno nicht an große Männer und große Würfe glauben, sondern an die fachmännisch ausgeführten Handgriffe des Alltags mit seinen Hundespaziergängen und seinen Kochabenden mit Freunden, sind sie Teil eines zutiefst menschlichen Weltentwurfs.

Im Grunde geht es in aktuellen Krimis weniger um den Fall und seine Aufklärung selbst, sondern um die Zusammenarbeit in einem Team aus eigenwilligen Charakteren mit den unterschiedlichsten Interessen und Hintergründen, das sich gegen jede Wahrscheinlichkeit zusammenrauft, um gemeinsam etwas zu erreichen. Das heißt aber ganz und gar nicht, dass es dabei besonders harmonisch zugeht – im Gegenteil; literarische Polizistinnen, Kommissarinnen und Detektive sind aus gutem Grund für ihr vulgäres Mundwerk und ihre Schlagfertigkeit bekannt. Ein Glück, sonst würden wir vor Langeweile einschlafen.
Zur Sinnlichkeit der literarischen Welten, in die uns Krimis hineinlocken, gehören neben den Düften, Geschmäckern und Dingen auch der Sound der oft regional gefärbten Sprache, Rhythmus und Tempo der Dialoge – all das vermittelt uns im Flow des existentiellen Lesegenusses nicht zuletzt auch eine politische Haltung: Worauf es ankommt, ist das Gemeinsam-Sein, das kooperative Arbeiten an der gemeinschaftlich geteilten Welt, in das die Leserinnen und Leser ebenso eingebunden sind wie die Figuren in den Krimis selbst. Oder, um es mit dem französischen Philosophen Jean-Luc Nancy zu sagen: »Eine Welt ist immer so viele Welten wie nötig, um eine Welt zu bilden.«
Wenn wir Krimis lesen, bauen wir mit an der Wirklichkeit, die durch das Verbrechen zum Einsturz kommt – wir denken bei den Recherchen mit und fühlen, riechen, schmecken mit den Figuren, wenn sie, wie Bruno im aktuellen Roman, an die verlorene Geliebte denken oder im Garten frischen Rucola schneiden. Wir genießen Regionalkrimis auch, weil sie uns erlauben, lesend mitzuarbeiten an der Verteidigung dieser literarischen Welten gegen alles, was ihre Sinnhaftigkeit und Schönheit bedroht.

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Neben den Romanen von Martin Walker, die im Périgord spielen, erscheinen im Diogenes Verlag u.a. die Romane von Donna Leon mit Schauplatz Venedig, die Fälle von Maresciallo Salvatore Guarnaccia bei den Carabinieri in Florenz von Magdalen Nabb sowie die in Kopenhagen spielende Thriller-Reihe der Dänin Katrine Engberg.

Lesetipp: audible.de hat eine Auswertung der beliebtesten Regionalkrimis erstellt.