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»Guido Brunetti leistet mir beste Gesellschaft.«
Ein Interview mit Donna Leon

Zum Erscheinen von Flüchtiges Begehren, dem dreißigsten Band der weltweit erfolgreichen Commissario-Brunetti-Serie, unterhielt sich Donna Leon mit Diogenes Lektorin Christine Stemmermann über Venedig, die Lagune, die Bootsleute sowie über ihren alterslosen Ermittler und seinen ungewöhnlichen Fall. Mit Links zur Buchpremiere und zum interaktiven Venedig-Stadtplan.

Foto: Gaby Gerster © Diogenes Verlag

Herzlichen Glückwunsch, liebe Donna Leon! Mit Flüchtiges Begehren hat Commissario Brunetti höchst erfolgreich dreißig Fälle gelöst. Was möchten Sie Brunetti zu seinem Dienstjubiläum gerne sagen?
Donna Leon: Ich würde ihm gerne dazu gratulieren, dass er nach wie vor ein aufrechter, geduldiger und intelligenter Mensch ist. Er hat sich all das bewahrt, was vor dreißig Jahren meine Sympathie geweckt hat, und so mag ich ihn auch heute noch und bin gerne mit ihm zusammen.

Menschliches Verhalten zu beobachten und über unsere Gesellschaft nachzudenken, das braucht Brunetti wie die Luft zum Atmen. Geht es Ihnen genauso?
Donna Leon: Ich bin immer wieder überrascht, wenn man mir sagt, ich würde meine Nase in Angelegenheiten stecken, die kein Europäer ansprechen würde. Ich würde persönliche Fragen stellen, wolle etwas über die anderen herausbekommen. Vielleicht liegt es daran, dass ich Amerikanerin bin. Oder aber ich bin einfach auf Menschen neugierig und möchte wissen, warum sie so handeln und denken, wie sie es tun.

Die Lagune von Venedig Foto: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag

Obwohl Brunetti so viel Erfahrung hat, verschlägt es ihn in Flüchtiges Begehren in eine unbekannte Welt, die nichts mit dem Postkarten-Venedig und seinen Gondeln gemein hat. Es geht um Transportboote und den verschwiegenen Clan der Bootsleute auf der Giudecca. Wo haben Sie Ihre Informationen her?
Donna Leon: Ein alter Freund von mir wurde auf der Giudecca geboren und hat dort sein ganzes Leben verbracht. Wir haben viel miteinander geredet, und er hat mir erklärt, inwiefern er als Bewohner einer Insel sich als besonders venezianisch empfindet und ein Giudecchino sich gleichzeitig deutlich von den anderen Venezianern unterscheidet – zum Beispiel durch die derbere Sprache.
Mittlerweile werden die Unterschiede kleiner, doch vor vierzig Jahren war es noch mutig, ja tollkühn, sich als Ausländer dort niederzulassen. Damals hatte die Giudecca einen zwielichtigen Ruf, damit ist es vorbei. 
Was ich über Boote, Gezeiten und Schmuggel weiß, habe ich von einem anderen Venezianer (kein Giudecchino), der sein ganzes Leben auf Booten verbracht hat. Er braucht keine Landkarte, keinen Gezeitenkalender mehr, hat alles im Gedächtnis.

Sehr spannende Teile des Buches spielen nachts in der Lagune. Waren Sie schon einmal draußen auf dem Wasser im Stockdunklen?
Donna Leon: Ja, mehrfach, auf der Rückfahrt, wenn ich auf einer der Inseln zu Abend gegessen hatte. Es war beängstigend. Wir sind das Geschenk des Lichts so sehr gewohnt und bewegen uns nur selten in pechschwarzer Nacht. Es ist sehr verwirrend; man weiß nicht länger, was vor einem liegt, was hinter einem, man verliert das Gefühl für Richtung und Distanz. Die Lagune wird größer in der Dunkelheit, so verloren fühlt man sich in ihr.

Claudia Griffoni steht in Flüchtiges Begehren im Vordergrund. Entwickelt sich die Männerwelt der Questura zu einem Ort der Chancengleichheit?
Donna Leon: Ja, Griffoni spielt in diesem Buch eine wichtige Rolle. Da sie ranghöher ist als die Männer, mit denen Brunetti normalerweise zusammenarbeitet, hat sie mehr Handlungsspielraum und kann mehr entscheiden. Es ist schön, dass Brunetti mit einer ebenbürtigen Frau zusammenarbeitet. Und außerdem ist es manchmal hilfreich, wenn sie mit Beteiligten von Frau zu Frau sprechen kann.

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Mit Brunetti durchs Leben

Brevier für nachdenkliche Optimisten

 

Unter dem Titel Mit Brunetti durchs Leben erscheint gleichzeitig mit dem neusten Fall ein Buch mit den besten Gedanken des Commissario aus allen dreißig Fällen, herausgegeben von Ihrer Übersetzerin ins Französische. Warum ist es solch eine Bereicherung, die Welt durch die Augen des Commissario zu sehen?
Donna Leon: Ich glaube, die Leser schätzen an ihm, dass er einen Blick hat für Menschen, ihr Aussehen und ihr Verhalten, und ein Ohr für das, was sie sagen und wie sie es sagen. Ihm entgeht nichts, was an einer Gewohnheit oder Handlung eigenartig ist. Seine Kommentare sind oft ironisch oder humorvoll, kaum je verletzend.

Schreiben Sie schon am nächsten Fall? Und wovon handelt er?
Donna Leon: Im neuen Buch geht es um Geld, wie es verschoben und vor der Steuer versteckt wird, und darum, wozu manche Menschen in der Lage sind, um nichts davon herzugeben.

Flüchtiges Begehren
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Flüchtiges Begehren

Commissario Brunettis dreißigster Fall

 

Auch als eBook, Hörbuch und Hörbuch-Download, gelesen von Joachim Schönfeld.
Leseprobe | Hörprobe

Zur Sonderseite mit Gewinnspiel und Venedigplan mit allen Fällen.

Buchpremiere in Berlin zum Nachsehen

Interview mit Donna Leon von Christine Stemmermann, April 2021 © by Diogenes Verlag AG Zürich. Aus dem Amerikanischen von Christine Stemmermann.