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Was macht den Kriminalroman so populär? Martin Walker über ein altes und internationales Genre.

Von Martin Walker

Kein literarisches Genre hat so viele Subgenres wie der Kriminalroman. Da wäre der Detektivroman, der wiederum seine eigenen Spielarten hat, etwa in Gestalt des einsamen, aber brillanten Bürgers Sherlock Holmes oder des kriegsversehrten Aristokraten Lord Peter Wimsey oder des ehrenhaften, wenn auch harten Kerls Philip Marlowe. Es gibt Schauergeschichten wie Edgar Allen Poes Der Doppelmord in der Rue Morgue, das Gerichtsdrama oder den Polizeikrimi, neuerdings auch mit der Genreerweiterung im Bereich der Pathologie. Es gibt die Mordgeschichten im Landhaus, in Zügen, auf Schiffen, in Flugzeugen, Morde mit dem Messer, mit Gift, mit Feuerwaffen oder Sprengstoffen, aber auch Geschichten über Raub und Betrug, über Winkeladvokaten und gefälschte Testamente, Verbrechen aus Leidenschaft oder aus Rache, langsam und planvoll ausgeführt.

Das Genre ist sehr alt. Die erste unvollständige Sammlung der Geschichten aus tausendundeiner Nacht geht auf das 9. Jahrhundert zurück, darin enthaltenen Die drei Äpfel, der schaurige Fall eines in Stücke geschnittenen Frauenleichnams, der in einer Kiste aus dem Tigris gefischt wird. Scheherezade erzählte uns auch mit Die Geschichte vom buckligen Zwerg das erste Gerichtsdrama, in der sich zwölf Personen vor Gericht verantworten müssen, angeklagt wegen des Mordes an des Königs liebstem Hofnarren.

Das Genre ist auch international. Neben den persisch-arabischen Geschichten der Scheherezade haben wir die lange chinesische Tradition der Gong'an-Literatur, Gerichtsreportagen, deren erste auf das 14. Jahrhundert der Yuan-Dynastie zurückdatieren und die sich fortsetzen im Bao Gong'an während der Ming-Dynastie sowie in den beliebten Richter-Di-Geschichten des 18. Jahrhunderts, die manche Ableger im Westen hervorgebracht haben.

Krimis sind vor allem populär. Laut einer Studie des US-amerikanischen Marktforschers Mediaworks fallen elf Prozent aller 2,6 Milliarden in englischer Sprache herausgegebenen Bücher in die Rubrik Kriminalromane. Das populärste Genre ist mit 39% Kinderliteratur, gefolgt von Romanliteratur mit 29% (wovon rund die Hälfte aus Klassikern besteht) und Fantasy/Science-Fiction mit 19%. Offenbar wurde eine großzügige Definition von Romanliteratur zugrunde gelegt. Nach einem Bericht von Simba Information wurden auf dem US-amerikanischen Buchmarkt (2014) 80 Millionen Dollar für Horrorliteratur, 590 Millionen für Fantasy/Science-Fiction und 720 Millionen für religiöse Erbauungsliteratur ausgegeben, getoppt nur von Krimis, die 728,2 Millionen Dollar Umsatz erzielten, und dem Marktführer, dem (trivialen) Liebesroman mit einem Umsatz von 1,44 Millionen Dollar. (Fragt sich, ob Mediaworks in ihrer Studie dieses Subgenre der Romanliteratur zugerechnet hat.)

Die Popularität kann kaum verwundern. Krimis haben zahlreiche »eingebaute« Vorteile: Sie beschreiben eine logische, kohärente Abfolge von Ereignissen und entsprechen somit einer erfolgreichen Fahndung. Da wird ein Verbrechen begangen, jemand ermittelt und der Täter wird überführt. Solche Geschichten folgen der klassischen Forderung nach der Einheit von Zeit und Raum. Sie enden, wenn nicht glücklich, so doch zumindest auf zufriedenstellende Weise, insofern, dass die Wahrheit ans Licht kommt und der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Für gewöhnlich enthalten sie Elemente eines Rätsels, das der Leser bzw. die Leserin wie die ermittelnde Person zu lösen versucht. Es gilt, Indizien, Täterprofile und mögliche Motive zu analysieren und den mutmaßlichen Tathergang zu rekonstruieren.

Kriminalromane eignen sich außerdem vorzüglich als Vehikel für gesellschaftliche Beobachtungen und Kommentare, zur Darstellung unterschiedlicher Lebensweisen und Örtlichkeiten, sozialer Schichten und ethnischer Gruppen. Ein guter Krimi vermittelt für gewöhnlich einen deutlichen Eindruck vom Ort des Geschehens; so evozieren beispielsweise Raymond Chandler das Los Angeles der 1930er Jahre, Arthur Conan Doyle das viktorianische London, Martin Cruz Smith in seinen Arkadi-Renko-Romanen das sowjetische Moskau oder Ian Rankin das Edinburgh unserer Tage. Kriminalgeschichten passen auch gut in ein historisches Setting. Lindsay Davis lässt ihren ausgekochten Privatdetektiv Falco in Rom zur Zeit des Kaisers Vespasian ermitteln. C. J. Sansoms buckliger Anwalt Matthew Shardlake führt uns das London von König Heinrich VIII. vor Augen.

Vor allem ist da der Ermittler, der Detektiv, derjenige, der die Wahrheit aufdeckt. Krimiautoren haben außergewöhnlich große Freiheiten im Entwurf ihrer Kriminalisten. Diese können Helden sein, Antihelden oder Schurken, männlich oder weiblich, sehr alt oder sehr jung, bevollmächtigt als Polizeibeamte oder zivile Hobbyermittler wie Miss Marple, Journalisten wie Stieg Larssons Mikael Blomkvist oder einsame Wölfe wie seine Lisbeth Salander. Es können auch Mönche sein wie Chestertons Pater Brown, Alkoholiker und wie Jo Nesbøs Harry Hole oder glücklich Verheiratete wie Donna Leons Brunetti, Exzentriker wie Agatha Christies Hercule Poirot, Körperbehinderte die Perry Mason oder sogar solche, die im Krankenhaus liegen wie Josefine Teys Detective bei Scotland Yard, der sich daran macht herauszufinden, ob Richard III. wirklich so böse war wie von Shakespeare geschrieben und tatsächlich die beiden Prinzen im Tower ermordete. Sie können auch Gourmet-Köche sein wie mein Bruno Courrèges oder sich wie Inspector Morse fast ausschließlich von Bier und Fertig-Sandwiches ernähren.

Ein guter Krimi bringt es fertig, dass wir uns überall wie zu Hause fühlen und macht uns glauben, an fremden Orten, unter dem Eindruck monströser Verbrechen und in Gesellschaft sympathischer oder unangenehmer Detektive Altvertrautes wiederzuerkennen. Darin liegt der Reiz vieler solcher Geschichten: in den unendlichen Variationen von Verbrechen, von Tatorten und den ermittelnden Persönlichkeiten. Der größte Reiz aber liegt in uns selbst, den Lesern, die instinktiv verstehen, dass es in jedem Krimi letztlich um uns selbst geht: um unsere Leidenschaften und Schwächen, um unsere Versuchungen und Täuschungen, um unsere Werte und Normen und unseren Sinn für Gerechtigkeit. Alles menschliche Leben steckt darin – unter anderem der Tod, der uns alle früher oder später ereilen wird.

Verfasst von Martin Walker anlässlich seiner Teilnahme an den 39. Innsbrucker Wochenendgesprächen. Aus dem Englischen übersetzt von Michael Windgassen.

 

Martin Walker, geboren 1947 in Schottland, ist Schriftsteller, Historiker und politischer Journalist. Er lebt in Washington und im Périgord und war 25 Jahre lang Journalist bei der britischen Tageszeitung The Guardian. Er ist im Vorstand eines Think Tanks für Topmanager in Washington, den er sieben Jahre präsidierte, und ist außerdem Senior Scholar am Woodrow Wilson Center in Washington DC. Seine ›Bruno‹-Romane erscheinen in fünfzehn Sprachen. 

Der aktuelle achte Fall für Bruno, Chef de police, Eskapaden, ist seit dem 27.4.2016 in der Übersetzung von Michael Windgassen erhältlich. Auch als ebook und als Hörbuch, gelesen von Johannes Steck.